Die Erwachsenen haben die Welt ramponiert. Kriege, Klimakrise, Desinformation, Rechtsruck – und die nächste Generation soll damit klarkommen. Was macht das mit jungen Menschen? „Zu laut zum Schweigen“, die zweite Produktion des jungen Ensembles BERG:KOSMOS, erzählt eine spannende Geschichte von Heldinnen, die eine patriarchale Welt entlarven.

Zehn Jahre nach einem großen Krieg ist von der alten Welt nicht viel übrig. Die Menschen leben in sterilen weißen Räumen, tragen Strichcodes am Handgelenk und müssen sich ständig kontrollieren lassen. Hand hinhalten. Piep. Weitergehen.

Über allem thront ein Präsident, der weiß, wie man sich Macht verschafft: mit Angst, Feindbildern und einer eigenen Version der Wahrheit. Frauen sind schuld. An ziemlich allem. Also werden ihre Rechte beschnitten.

Willkommen in der Zukunft von BERG:KOSMOS.

Theresa Weber, Mila Thomas, Madeline Charlott Schröder-Banf, Lucie Wilms, Lina Hoppe. Foto: Philipp J. Bösel

Vom „Wer bin ich?“ zum „Wie wollen wir leben?“

„Zu laut zum Schweigen“ heißt die zweite Produktion des jungen THEAS-Ensembles. Schon das erste Stück „So wie ich bin“ stellte grundlegende Fragen: Wer bin ich? Und wer bestimmt eigentlich, wer ich sein soll?

Ein Jahr später ist der Blick größer geworden. Aus der Frage nach der eigenen Identität wird die Frage: „In welcher Gesellschaft will ich leben?“

Zur Sache: Das junge Ensemble BERG:KOSMOS

Der Name „BERG:KOSMOS²⁵ ist Programm. Berg ist doppeldeutig: Bergisch Gladbach als Heimat, lokale Verwurzlung aber auch Aufstieg, Überwinden von Hindernissen. Kosmos steht für globale Horizonte, kulturelle Werte.

Auch die Typographie zeigt ein bewusstes Branding: Der Doppelpunkt suggeriert: Das ist kein abgeschlossenes Wort, sondern ein Ausgangspunkt, eine Öffnung. „:“ wird daher beim Gendern benutzt. Er lädt zur Erweiterung ein (Kosmos nach dem Berg).

Die hochgestellte 25 funktioniert wie ein mathematisches Symbol: Potenzierung, Zukunft, Jahrgangsmarkierung. Es bringt einen wissenschaftlich-coolen Touch, ein bisschen Techno-Ästhetik, die üblich in Jugendkulturen (Gaming, Science-Fiction, Social-Media-Handles) ist.

Diesmal spielen neun junge Frauen zwischen 13 und 18 Jahren. Sie haben sich mit politischen Programmen und Realitäten beschäftigt und darüber diskutiert, was Einschränkungen von Frauenrechten für ihr eigenes Leben bedeuten könnten.

Eine von ihnen bringt ihr Gefühl auf eine ziemlich kurze Formel: „Ich bin angepisst.“ Eine andere beschreibt es als Mischung aus Wut und Angst.

Es spielen (v.l.n.r.): Lucie Wilms, Valerie Weber, Theresa Weber, Mila Thomas, Noémi Sordyl, Madeline Charlott Schröder-Banf, Luise Rückamp, Leen Kasper, Lina Hoppe.

Ensembleleitung: Mandy Kieroth

Und sie haben etwas daraus gemacht. Sie haben das Stück geschrieben und die Rollen entwickelt.

„Manche Männer wissen gar nicht, wie Frauen sich fühlen“, sagt eine der Jugendlichen. „Da muss man sich anhören: Du hast wohl deine Tage.“

Eine andere erzählt, dass sie sich manchmal überlegt, welche Rolle wohl ihre Klassenkamerad:innen in einer solchen Dystopie spielen würden: Wer wären die Bewacher:innen? Wer würde für die Wahrheit kämpfen? Und wer wären diejenigen, die lieber wegschauen?

Wenn die Wahrheit gemacht wird

Genau hier wird „Zu laut zum Schweigen“ interessant. Denn der Präsident herrscht nicht nur mit Verboten und Wachpersonal. Er braucht eine Geschichte, die seine Macht rechtfertigt. Er bestimmt, wer schuld ist, was über den Krieg erzählt wird und wem man glauben darf.

Propaganda, Desinformation und Frauenfeindlichkeit stehen deshalb nicht einfach als drei Themen nebeneinander. Sie hängen zusammen. Wer ein Feindbild schafft, kann Ängste schüren. Wer Informationen kontrolliert, kann dieses Feindbild am Leben halten. Und wer einer Gruppe die Schuld gibt, kann ihre Rechte leichter beschneiden.

Die Jugendlichen packen diese Mechanismen in eine erfundene Zukunft. Doch vieles daran kommt einem verdächtig bekannt vor.

„Wir wollen zeigen, was hinter den hohlen Versprechen einer rechten Partei steht“, sagt eine der jungen Frauen. Im Stück beginnt die Fassade des Tyrannen irgendwann zu bröckeln. Die Frauen entlarven seine Herrschaft – und brauchen dafür keine Gewalt.

Mila Thomas, Madeline Charlott Schröder-Banf, Lucie Wilms. Foto: Philipp J. Bösel

Ein bisschen Panem – und ziemlich viel Gegenwart

Die Geschichte erinnert an Suzanne Collins’ „Die Tribute von Panem“. Das ist kein Zufall. Das Ensemble verweist selbst auf die Romanreihe.

Auch dort finden junge Menschen eine Welt vor, die andere für sie eingerichtet haben. Eine autoritäre Ordnung kontrolliert Informationen und Menschen.

Irgendwann beginnen die Jugendlichen zu fragen: Warum sollen wir eigentlich glauben, was man uns erzählt? Und warum sollen wir Regeln akzeptieren, nur weil andere sie gemacht haben?

Macht sitzt breitbeinig

Die Mächtigen sitzen breitbeinig da, schnauzen herum und beleidigen. Ein angebotener teurer Wein wird einfach ausgeschüttet. Warum? Sinngemäß: Weil ich es kann.

Mehr muss man über diesen Mann eigentlich nicht wissen.

Die Jugendlichen haben die Posen der Macht genau beobachtet: Wer nimmt selbstverständlich Raum ein? Wer darf andere unterbrechen? Wer entscheidet? Und wer muss sich rechtfertigen?

Die Bühne als Gegenwelt

Für die jungen Frauen ist Theater aber auch ein Raum für Gemeinschaft. „Hier haben wir Spaß. Wenn wir dem gespielten Diktator und seinen lächerlichen Posen zuschauen, lachen wir uns kaputt“, erzählt eine von ihnen.

Und da steckt vielleicht noch eine andere Kraft des Theaters: Man kann für einen Abend jemand völlig anderes sein. Ein junges Mädchen kann einen alten mächtigen Mann spielen. Eine andere wird zur Widerstandskämpferin. Man kann eine erschreckende Zukunft erfinden, sie durchspielen – und danach gemeinsam hinter dem Vorhang stehen und lachen.

„Wir können nicht viel machen“, meint eine von ihnen. Theater gibt ihnen zumindest die Möglichkeit, ihre Gedanken sichtbar zu machen.

Madeline Charlott Schröder-Banf und Mila Thomas. Foto: Philipp J. Bösel

Vielleicht liegt die Stärke von „Zu laut zum Schweigen“ deshalb gar nicht darin, Antworten auf die große Frage nach einer gerechten Gesellschaft zu liefern.

Die jungen Frauen trauen sich etwas anderes:

Sie stellen die Welt der Erwachsenen infrage.

Und sie tun das laut.

Denn, wie eine von ihnen sagt:

„Wenn nicht wir – wer dann?“

Tickets und Termine

„Zu laut zum Schweigen“ (ab 12 Jahren)

Premiere: Freitag, 2. Oktober 2026, 19 Uhr
Samstag, 3. Oktober 2026, 19 Uhr
Freitag, 9. Oktober 2026, 19 Uhr

Eintritt: 16 Euro / ermäßigt 10 Euro

Kartenverkauf online. Reservierungen per Mail theater@theas.de oder telefonisch 02202 / 92765015  

THEAS Theaterschule und Theater e.V.  
Jakobstraße 103 
51465 Bergisch Gladbach  
www.theas.de 

ist Photograph (DGPh) und Grafikdesigner. Er entwickelt Konzepte für seine Photographien, die er weltweit ausstellt. Er lebt in Bensberg. Website: enigmart.de

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