Das Kanonenrohr war genau auf die bleigefassten Fenster des Ratssaals gerichtet. Die kleinen Jungen kletterten mit blanken Äuglein und Mut im Gesicht auf den tarnfarbenen massiven Blechen herum, bis zum Gefechtsturm, wo sie von den leutseligen Gesichtern ihrer kaum erwachsenen Vorbilder empfangen wurden, die genau wie sie die martialische technische Faszination der Panzer anbeteten.

Friedhelm drehte sich der Magen um, weil er an die mahlenden Kettengeräusche in der sonst absoluten Stille dachte, als die russischen Panzer einrückten in das Dorf, in dem er mit seiner kriegsversehrten Familie evakuiert war, und ihm kam auch wieder das unausstehliche Geheul der Sirenen in Erinnerung, die ihn nachts mit seiner Mutter in den Luftschutzkeller trieben. Und eine vage, eher verdrängte Erinnerung an seinen Vater, wie er nach fünf Jahren Krieg und zwei Jahren russischer Gefangenschaft, an Leib und Seele ein Wrack, zum ersten Mal befremdet seinen siebenjährigen Sohn begrüßte.

Dass es nach der Grundgesetzänderung vor vielen Jahren nun wieder Militär gab, damit hatte er sich mehr oder weniger abgefunden, dass aber dafür aktiv Werbung auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt betrieben wurde, dafür hatte er kein Verständnis. Welche Mühe hatte er sich als Lehrer immer gegeben, eine engagierte Friedenserziehung an seine Schüler heranzubringen, und wie freute er sich über jeden Schüler, der sich später für den Zivildienst statt für den Militärdienst entschied!

Einmal hatte er, vor etlichen Jahren schon, als Sandwich-Mann mit der Aufschrift „Lehrer gegen Panzerwerbung“ auf der Ausstellung „Unser Heer“ in der Nachbarstadt demonstriert. Er war fotografiert worden, und sein Foto hing jahrelang in dem alternativen Cafe Samowar an der Wand.

Das Cafe befand sich in einem der wenigen Häuser mit intakter farbiger Jugendstilfassade in der Fußgängerzone. Es musste vor ein paar Jahren dem Bau der neuen RheinBerg-Galerie weichen. Einen Ersatz dafür gab es nicht. So war auch sein Foto, auf dem ihn viele Bekannte erkannt hatten, verschwunden.

Ein paar Tage nach dem Schock wegen des Panzerkanonenrohrs auf dem Marktplatz stockte ihm wieder der Atem, als er die Fußgängerzone vor dem länglichen Quader RheinBerg-Galerie durchschritt, die seit ein paar Jahren das Zentrum der Stadt dominierte.

Mehrere halbwüchsige Jungen nahmen mit Begeisterung ein schwarzes Schnellfeuergewehr in die Hand, zielten kurz auf ihren Nachbarn oder auf einen vorübergehenden Passanten und legten die Waffe wieder ehrfürchtig auf den Tisch, neben ebenso schwarze Pistolen und silbern glänzende Handschellen.

Mitten auf der gemütlichen Pflasterung aus rötlichen Porphyrziegeln stand breit und arrogant ein amerikanisches Polizeiauto, offensichtlich der ganze Stolz der jungen Männer in den schwarzen Uniformen, die hinter dem waffenstarrenden Tisch standen und ihre Begeisterung vor den Jungen hinter einer Maske von Geläufigkeit und Know How zu verbergen suchten.

 Schämen Sie sich nicht, Kinder für den Gebrauch von Waffen zu begeistern? Und dann die schwarze Farbe! Das erinnert doch total an das Schwarz der SS!“

Friedhelms Aufregung stieß bei den schwarzgekleideten Männern hinter dem Ausstellungstisch zuerst auf Unverständnis, dann zunehmend auf verärgert aggressive Reaktionen.

Das hat mit SS nichts zu tun. Das sind die Uniformen und die Waffen der LAPT.“

„Was ist LAPT?“

„Kennen Sie nicht LAPT? Los Angeles Police Action Team.“

„Muss ich das kennen?“

„Das ist doch die berühmte amerikanische Spezialpolizei. Wir sind stolz darauf, ein Original-Einsatzfahrzeug von ihnen zu haben. Das können Sie hier neben uns sehen.“

Er wies mit der Hand auf den breiten amerikanischen Schlitten mit dem riesigen Leuchtband auf dem Dach.

Die Jungen, die die schwarzen Waffen wieder auf den Tisch gelegt hatten, standen mit einem schiefen, unsicheren Lächeln neben ihnen, als Friedhelm den Uniformierten erklärte, sie würden ein falsches Bild von der Polizei in der Öffentlichkeit verbreiten.

Das ist unserer Polizei mit Sicherheit nicht recht.“

„Diese Veranstaltung ist im Rahmen der Aktionswoche des Elektrohauses genehmigt worden. Da können Sie den Geschäftsführer fragen.“

„Das werde ich auch“,

meinte Friedhelm wutschnaubend und fuhr mit der Rolltreppe in das Untergeschoss der Mall, wo er sich an die große Verkäuferin mit dem sächsischen Akzent wandte, die immer gut gelaunt aus ihrem blauen Kittel herausstrahlte, sich nur etwas wunderte, dass sie dieses Mal von Friedhelm nicht nach einem Fotobuch gefragt wurde, sondern den Geschäftsführer holen sollte.

Ich schau mal, ob ich ihn finde.“

Unwillig stand der massige Riese vor ihm.

Was kann ich für Sie tun?“

In dem Tonfall, der Friedhelm signalisierte, dass die Zeiten lange vorbei waren, in denen der Kunde noch König war. Und dass stattdessen Dankbarkeit erwartet wurde, wenn man in den noblen oder ausladenden Räumen eines Geschäfts oder Kaufhauses Kunde sein durfte.

Das ist alles legal und von der Stadtverwaltung genehmigt, was wir hier machen“,

war seine Entgegnung, nachdem Friedhelm ihm seine Bedenken mit kaum gezügelter Erregung vorgetragen hatte.

Nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch richtig.“

„Ich bin Geschäftsmann und veranstalte das Ganze, um Werbung für unsere Action-Spiele zu machen.“

„Eben. Sie sollten aber einmal an die Wirkung denken, die diese Dinge auf Jugendliche und Kinder ausübt.“

„Aggressionen sind die natürlichste Sache von der Welt. Und irgendwo brauchen Kinder und Jugendliche ein Ventil, wo sie diese ablassen können. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe noch zu tun. “

Zu Hause erfuhr Friedhelm im Internet, dass diese amerikanische Polizeitruppe tatsächlich auch in den USA umstritten war, weil sie Waffen und Gewalt so sehr in den Vordergrund ihrer Arbeit stellte. Wie konnte also unsere Polizei so eine Veranstaltung genehmigen?

Er stellte fest, dass man mittlerweile sogar online eine Anzeige bei der Polizei aufgeben konnte, schrieb aber in das Formular in höflichen Worten, zu denen er sich zwang, hinein, dass er nicht genau wisse, ob es sich um eine Anzeige handeln könne. Immerhin gebe es in unserem Strafgesetzbuch den Paragrafen 131, der die Verherrlichung und sogar schon die Verharmlosung von Gewalt unter Strafe stelle.

Und die Polizei könne doch kaum an einer Veranstaltung interessiert sein, die ein einseitig martialisches Bild von Polizeiarbeit darstelle.

Er wartete eine Woche. Er wartete einen Monat. Und erhielt keine Antwort. War das wieder eine Sache, bei der man resigniert seine Hände nach einiger Zeit in den Schoß legen musste?

Dann wurde die Bevölkerung durch die Nachrichten über den Amokläufer an der Erfurter Schule aufgeschreckt. Alle Welt regte sich auf, forderte schärfere Waffengesetze. Politiker überschlugen sich in Vorschlägen, wie man solche Taten verhindern könnte.

Eine Woche später erhielt Friedhelm einen ausführlichen Antwortbrief auf seine Anzeige von der örtlichen Polizei. Sie erklärte ihm freundlich ihre Sympathie mit seinem Brief. Dann wies sie auf mehrere Paragrafen hin, nach denen die Veranstaltung von der Stadtverwaltung und auch von der Polizei ganz legal genehmigt worden war. Das alles rechtfertige also keine förmliche Anzeige.

Allerdings, hieß es zum Schluss, würde sie in Zukunft bei ähnlichen Veranstaltungen etwas genauer hinschauen.

17 Todesopfer hatte der Amoklauf in Erfurt gefordert. 17 Todesopfer mit Hilfe einer Pumpgun aus dem väterlichen Waffenschrank.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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3 Kommentare

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  1. Gleichgültigkeit und Ignoranz sind schlechte Ratgeber !
    Polizei und Ordnungsamt ,bitte schaut genauer hin !
    Wenn die Menschenrechtsorganisation “Amnesty International ” einen Marktstand
    gegen Folter ,gegen Todesstrafe oder jetzt am 23.Feb. 2013 gegen Rüstungsexporte
    beantragt , bekommt sie neuerdings vom Ordnungsamt Schwierigkeiten .
    Aber bei einer Präsentation von Waffen in unserer Fußgängerzone scheint alles als
    harmlos und legal erlaubt zu werden ?

  2. Wir haben als Kinder auch Cowboy und Indianer gespielt oder Räuber und Gendarm. Aber wir hatten unsere “Gewalt-Grenzen”. Wenn man heute sieht, wie brutal und ohne Hemmschwelle Gewalt gegen andere angewendet, bis hin zum Tod wird, ist man völlig fassungslos. Niemand darf unsere Kinder und Jugendlichen anfassen, kein Erziehungsberechtigter, sie erfahren also selbst keinerlei “Züchtigung”. Wie kann es dann sein, daß sie selbst so brutal auf andere einschiagen und sie mit bloßen Händen todprügeln? Wissen sie vielleicht nicht mehr, wie sich Schmerz anfühlt? Ich bin beileibe nicht für die Prügelstrafe, aber wenn man schon mit Dreijährigen diskutiert, was Recht und Unrecht ist, ohne ihnen die Grenzen aufzuzeigen, hat man mit Sieben schon kaum noch eine Chance und mit vierzehn lassen sie sich gar nichts mehr sagen. Odere sind es die auf sie einprasselnden täglichen medialen Eindrücke, die sich ja im virtuellen Raum abspielen? Und dann kommt die Wirklichkeit! Leider erkennen viele Kinder daher die Konzequenz ihres Handelns nicht mehr. Woher auch, wenn man sie in Watte einpackt und jeder meint: Meine Kinder sind anders.

  3. Erinnert mich daran, dass ich mal ausgerastet bin, als damals der Irak-Krieg begann. Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad von Schildgen nach Bergisch Gladbach spielten Kinder mit Holzgewehren Krieg. Ich schätze, sie waren so um die 10 Jahre alt. Ich hab sie angeschrien, sie sollten mal nach Hause gehen, den Fernseher anmachen und gucken, wie gerade auf Menschen geschossen würde, die umfallen, aber anschließend nicht mehr aufstehen können, weil sie tot sind. Vermutlich war diese Reaktion gegenüber den Kindern völlig überzogen. Ich werde nie begreifen, warum Eltern ihren Kindern Spielzeugwaffen schenken. Wahrscheinlich, weil es so völlig harmlos ist. Kann ja nix passieren.

    Die Rüstungsindustrie ist bei allen Nationen die, die das meiste Geld verschlingt. Viele technische Errungenschaften rühren daher, dass Menschen daran forschen, wie sie ihre Artgenossen effizient umbringen können. Sooo viele Tausend Jahre Menschheitsgeschichte und diese Spezies hat immer noch nicht kapiert, das Kriege, Gewalt und Waffen zusammengehören und der Menschheit nur Schaden einbringen. In dem Punkt sind wir als Art einfach lernresistent. Ich frage mich oft, warum wir uns eigentlich im Vergleicht mit anderen Lebensformen einbilden, die intelligenteste zu sein.