Friedesine Strüver im Puppenpavillon in Bensberg

In diesem Herbst darf ich glücklich auf 30 Bühnenjahre als Puppenspieler, Rezitator und Schauspieler zurückblicken. In diesen Jahren habe ich ungezählte Künstlerkollegen kennen gelernt, und viele von ihnen sind mir in herzlicher Erinnerung geblieben. Doch nur an wenige denke ich mit solch einem intensiven Gefühl von Liebe und Dankbarkeit, wie es bei Friedesine Strüver der Fall ist.

+ Anzeige +

Friedesine und ich standen uns über viele Jahre sehr nahe, beruflich wie privat. Den Altersunterschied von über 40 Jahren haben wir nie gemerkt und schon gar nicht als Hemmschuh empfunden – im Gegenteil: Die unterschiedlichen Generationen ergänzten sich ganz wundervoll und befruchteten den Austausch von Gedanken und Ideen auf die allerschönste Weise.

Wöchentlich, manchmal täglich telefonierten wir, oft war sie im Puppenpavillon zu Besuch, meinem kleinen Figuren- und Literaturtheater in Bensberg, wo sie sich pudelwohl fühlte: „Du machst es hier genau richtig!“, hat sie immer wieder gesagt.

Daher kam wohl auch ihr Wunsch, dass ihre in jahrzehntelanger Arbeit entstandenen Theaterfiguren nach ihrem Tod hier in Bensberg eine neue Bleibe bekommen sollten. Eine ganze Reihe von Inszenierungen – unter anderem „Frau Holle“ und „Der gestiefelte Kater“ – hatte sie schon zu Lebzeiten in unseren Fundus gegeben, aber als Friedesine im Herbst 2010 dann für immer die Augen geschlossen hatte, fanden sage und schreibe 200 Kobolde, Zwerge, Feen, Zauberer und Narren und alle nur denkbaren Märchengestalten ihren Weg in den Puppenpavillon.

„Die Puppen sollen bei Dir weiterleben“, lautete Friedesines Wunsch und mein Auftrag.

Diesen Auftrag nehme ich sehr ernst. Denn in den Gesichtern und Kostümen von Friedesines Puppen steckt eine ganze Menge von Friedesine selbst drin, von ihrem wunderbaren, liebevollen Wesen. Die Puppen atmen ihren Geist und strahlen etwas davon auf den Betrachter aus, ähnlich wie ihre Texte und Erzählungen auf den Leser wirken.

Deswegen habe ich inzwischen zwei Stücke – den bereits erwähnten „Gestiefelten Kater“ sowie „Die kluge Bauerntochter – mit Friedesines Puppen auf meine Bühne gebracht, und seit einiger Zeit bereits gibt es im Kursraum meines Theaters eine kleine, aber gut besuchte Ausstellung mit einigen von Friedesines schönsten Figuren, unter ihnen eine grimmige Hexe mit einem Hexenkind auf dem Rücken, einen herrlich anzuschauenden Till Eulenspiegel (recht bekannt geworden durch eine Abbildung in einem Eulenspiegel-Buch der berühmten Hohnsteiner Puppenbühne) und natürlich zwei von ihren so typischen Kasperfiguren.

Und auch die von Bildhauer Jürgen Maaßen geschaffene Portraitfigur von Friedesines längst verstorbenem Mann, dem großen Puppenspieler Erwin Strüver, ist dabei: Friedesine schenke sie mir bei meinem letzten Besuch in ihrem Haus am Herberhäuser Weinberg in Göttingen wenige Wochen vor ihrem Tod.

Die meisten Ausstellungsbesucher sind Kinder. Sie interessiert es wenig, dass sie vor den Figuren einer Künstlerin stehen, die man mit Fug und Recht als historisch bedeutsam bezeichnen darf, war sie doch die letzte Vertreterin der aus der Wandervogelbewegung stammenden Puppenspieler, die maßgeblich zur künstlerischen Entfaltung dieser Theaterform beigetragen haben. Die Kinder kümmern diese Hintergründe nicht – sie wollen lediglich die Puppen sehen.

Weitere Informationen:
26 Fragen an Gerd J. Pohl
Was Sie über den Bensberger Puppenpavillon wissen müssen
Alle Beiträge über den Puppenpavillon

Und diese Puppen – diese Gesichter, diese detailverliebten Kostüme – haben auf die Kinder auch heute noch eine magische Anziehungskraft, und ihre Wirkung ist faszinierend: Regelrecht besinnlich stehen selbst die größten Rabauken vor den Vitrinen und lassen sich von den Märchengestalten in ihren Bann ziehen.

Und fast möchte man meinen, Friedesine selbst stehe daneben und flüstere mit ihrer sanften Stimme: „Und? Haben wir das nicht gut gemacht?“ – Ja, Friedesine: Das hast Du gut gemacht! Und Dein Werk strahlt fort in unseren Erinnerungen an Dich, in Deiner Literatur und Deinen Theaterspielen. Und natürlich in Deinen Puppen, die in Bensberg ein gutes Zuhause haben. Versprochen!

PDFDrucken

Gerd J. Pohl

*21.10.1970. Puppenspieler, Schauspieler, Autor, Regisseur und Rezitator. Seit 2009 Intendant des Theaters im Puppenpavillon in Bergisch Gladbach (Bensberg). Rheinisch-katholisch, Nichtraucher, Kölschtrinker.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. ich war ein kleines mädchen und wohnte in göttingen im margurtitenweg 2.
    die erste frau wohnte ebenfalls dort.
    herr strüver kam aus der gefangenschaft zurüch.
    wir haben die puppen aus zeitungen und kleister zu der zeit selber gemacht.
    es war für mich eine schöne erinnerung,
    .
    dann trenten sich die beiden und herr strüver heiratete fredesine
    gruss aus schleswig holstein

  2. Lieben Dank für die Veröffentlichung meines Artikels! Friedesine war eine wundervolle Künstlerin und einer de liebenswertesten Menschen, die ich je kennenlernen durfte – sie fehlt mir sehr. Sie hat es verdient, dass sie in Erinnerung bleibt.