In Auschwitz wurden die Menschen aufgefordert, ihren Namen auf ihren Koffer zu schreiben. Im Glauben, dass sie hier nur vorübergehend seien.

In Auschwitz wurden die Menschen aufgefordert, ihren Namen auf ihren Koffer zu schreiben. Im Glauben, dass sie hier nur vorübergehend seien.

Der Arbeitskreis Ganey Tikva unternimmt zur Zeit eine Reise nach Krakau.  Gleich drei Ziele sind mit dieser Reise verbunden.

Erstens wird die alte polnische Stadt Krakau, Krönungsstadt polnischer Könige, besichtigt. Dabei stehen vor allem das Lebensgefühl des modernen Polens, die im Krieg weitgehend unzerstörte Architektur der Innenstadt und die historischen Hintergründe im Mittelpunkt.

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Auschwitz und Birkenau – bedrückender Schwerpunkt dieser Reise

Einen ganzen Tag hat sich die Reisegruppe für die Auseinandersetzung mit Auschwitz und Birkenau Zeit genommen. Dies ist auf dem Hintergrund der Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Ganey Tikva der deutlichste Schwerpunkt der Reise. Auschwitz und Birkenau stehen für den systematischen Genozid am jüdischen Volk in Europa.  In Auschwitz hat die Reisegruppe das gesamte System der Deportation, Selektion und Ermordung jüdischer Familien kennengelernt.

Beispielhaft war ein Aufruf der Kölner Synagogengemeinde von 1940 zu sehen, in dem die jüdischen Familien aufgerufen wurden, sich für eine Neuansiedlung in Osteuropa vorzubereiten. Es wurde keine Entschädigung für das zurückgelassene Eigentum gegeben. Deutsche Familien im Umfeld der Nationalsozialistischen Partei bereicherten sich an Häusern und Geschäften. Den deportierten Juden wurde mit bürokratischer Ordnung vermittelt, es stünde ihnen eine eigenständige jüdische Lebensweise bevor.

Aber bereits die Deportation erfolgte in so bedrängender Enge, dass Kinder und alte Menschen teils auf der Fahrt in Viehwagons starben. Ernährung und Hygiene wurden nicht zur Verfügung gestellt. Keine Nahrung, keine Toiletten, kein Wasser.
In Auschwitz II, Birkenau, wurden die Ankommenden noch auf dem Bahnsteig selektiert. Nur kräftige Männer und Frauen wurden zum Arbeiten am Leben erhalten, alle anderen wurden sofort zu den Gaskammern geführt.

Gesagt wurde, dass man ihnen nun endlich die Möglichkeit geben würde, sich zu duschen und anschließend eine Suppe einzunehmen. Die Koffer sollten mit Namen versehen werden, um spätere Verwechslungen auszuschließen, die Kleiderhaken in den Umkleiden waren nummeriert. Die Soldaten standen rauchend und sich unterhaltend herum, so dass bei den Juden nicht der Verdacht aufkommen konnte, umgebracht zu werden.

Nach dem Ablegen der Kleider wurden zuerst die Schwachen Frauen mit den Kindern in die Duschen geführt. Die Duschen waren unter der Erde, damit die Schreie der Sterbenden nicht weit zu hören waren.  Bis zu 800 Personen wurden gleichzeitig durch Zyklon B, ein Gas, das das Atmen lähmt, ermordet. Rund drei Minuten dauerte der Todeskampf. Zur Sicherheit wurde 20 Minuten gewartet, bis die Todeszellen geöffnet und gelüftet wurden. Das Herausschleppen und Verbrennen der Leichen übernahmen jüdische Gefangene, die für diese Arbeit am Leben bleiben durften. Ab 1942 wurden rund 10.000 Menschen am Tag ermordet und verbrannt. Es waren so viele, dann man Probleme hatte, die Asche der Toten loszuwerden.

Die kräftigen Männer und Frauen wurden zur Feldarbeit, zum Straßenbau und an die Arbeit in der Firma IG Farben tags über aus dem Lager gebracht.  Die Arbeit war so hart und entbehrungsreich, dass kaum jemand länger als 3 Monate überlebte.

Orte des Bösen

Die Reisegruppe sah riesige Berge an Menschenhaar, Schuhe, Kochgeschirr. Vieles von Wert war sofort nach dem Tod der Eigentümer verwertet und der Staatsbank oder einschlägigen Firmen zugestellt worden.  Niemand aus der Reisegruppe könnte sich dem Eindruck des Gesehenen und Gehörten entziehen.

Die Konzentrationslager sind Orte des Bösen. Das Böse ist dort geradezu mit Händen zu greifen. Man muss inneren Widerstand aufbauen. Viele vor allem junge Leute, die uns begegneten, hatten Tränen in den Augen. Auch die Reisegruppe war tief betroffen und sprachlos, obschon alle beachtliche Vorkenntnisse über die Vernichtungslager hatten.

Es wurde deutlich, dass wir als Nation eine Verantwortung für diese Gräueltaten haben. Wir sind für den Schutz Israels als Lebensraum des jüdischen Volkes mitverantwortlich. Unsere Gesellschaft muss heute und in Zukunft eine Gemeinschaft sein, in der Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihrer Religion, ihres Geschlechtes oder sexuellen Orientierung respektiert und nicht benachteiligt werden.

Nach den Pogromen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit und der so erschreckenden Schoa durch den Nationalsozialismus mussten auch die Juden des Orients eine Vertreibung aus Ländern wie Iran, Irak, Jordanien, Ägypten, Lybien und Marokko hinnehmen. Auch dort verloren sie Besitz, nationale und kulturelle Identität und Heimat.  Die jüdischen Bevölkerungsteile waren dort länger Teil der Gesellschaften als die muslimischen Bevölkerungen. Heute bezeichnen sich einige dieser Länder als “judenrein”, ein Begriff, der von den Nazis geprägt wurde.

Auf dem Programm der Reisegruppe steht auch ein Besuch der Fabrik Schindlers. Schindler ist spätestens durch den Kinofilm “Schindlers Liste” bekannt geworden. Die Mutter des ehemaligen Bürgermeisters von Ganey Tikva, Avishai Levin, gehörte zu den glücklichen, die von Oskar Schindler gerettet wurden.  Hier schließt sich der thematische Kreis zu diesem ernsten Schwerpunkt unserer Reise.

Besuch bei den Partnern in Pszczyna

Die Unterkunft der Reisegruppe

Ein weiterer Tag ist der Städtepartnerschaft mit Pszczyna gewidmet, einer der Partnerstädte Bergisch Gladbachs.  Dort wird die Gruppe nicht nur vom Bürgermeister empfangen, sondern alle Teilnehmenden können persönliche Kontakte knüpfen und werden für Stunden in polnischen Familien zu Gast sein. Besonders freue ich mich auf die Begegnung und die Gespräche mit dem evangelischen Pfarrer von Pszczyna und seiner Gemeinde. Der Austausch über unsere Arbeit und die besonderen Herausforderungen in unseren Gemeinden wird sicher für beide Seiten interessant sein. Auch mit einer Behindertenschule und einer Volkshochschule wird Kontakt geknüpft.

Weitere Fotos zur Reise und Aktualisierungen finden sich 
auf der Facebook-Seite der Kirche zum Heilsbrunnen

So ist die Zeit von Samstag bis Donnerstag reich gefüllt, eindrucksvoll, aber auch emotional belastend. Aber das muss auch so sein.  Viele Deutsche müssten diese Reise unternehmen. Es reisen mehr Amerikaner, Franzosen und Briten nach Auschwitz als Deutsche. Für israelischen Oberstufenklassen ist der Besuch in Auschwitz fester Bestandteil ihrer Schulzeit. Der Bergisch Gladbacher Bürger Erich Bethe unterstützt Gladbacher Schulklassen, die nach Auschwitz fahren finanziell.

Klaus Farber aus Bergisch Gladbach hat diese Reise organisiert. Er bietet die Reise im September wieder an. Sie kostet unter 350 Euro für Reise und Programm.

Klaus Färber, Organisator und Reiseleiter

Achim Dehmel

Pfarrer der Kirche zum Heilsbrunnen, 4. Pfarrbezirk der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach.

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2 Kommentare

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  1. „Ab 1942 wurden rund 10.000 Menschen am Tag ermordet und verbrannt. Es waren so viele, das man Probleme hatte, die Asche der Toten loszuwerden.“

    Ich möchte gar nicht geschildert bekommen wie viel tausend Öfen dort errichtet sein müssen um derlei Greul auszuführen?

    Zur Mahnung und Abschreckung gegen Nationalismus überall auf der Welt !
    Das scheint mir mehr die tatsächliche Verantwortung der heutigen Generation in Deutschland.

  2. Lieber Achim,
    Tanja und ich haben diese Reise auch schon mitgemacht. Ich bin Klaus Farber sehr sehr dankbar, dass er immer wieder diese Reisen organisiert.
    Als ich mit Tanja das Lager Birkenau verließ, konnten wir Minuten nicht sprechen. Wir haben uns versprochen, dass wir mit unseren Kindern an diesen Ort reisen werden. Sie MÜSSEN das sehen! Da haben Menschen mit viel Einsatz überlegt, wie man industriell töten kann. Und leider waren diese Mensche, die das überlegt haben, Deutsche.
    Daraus resultiert eine unendlich große Verantwortung für uns, das, was geschehen ist, niemals zu vergessen! Wir haben keine persönliche Verantwortung, aber eine nationale!
    Was Erich Bethe und seine Frau leisten, indem sie es Jugendlichen ermöglichen, diesen Ort zu besuchen, dafür müssen wir alle sehr sehr dankbar sein! Ich bin es von Herzen!
    Herzliche Grüße an Eure Gruppe – und ganz besonders Klaus,
    Lutz