„Die Zeit fällt ihr unerbittliches Urteil über Ähnlichkeiten mit lebenden Personen.“

Der Auftrag

„Liebe Frau Vollprecht, ab heute werden Sie das Amt der Sicherheitsbeauftragten in unserer Abteilung übernehmen. Ich bin sicher, dass Sie es zu meiner und vor allem des Bürgermeisters vollen Zufriedenheit ausfüllen werden.“

Der Bürovorsteher, dessen athletischer Gestalt man erst auf den zweiten Blick ansah, dass ihr nichts, aber auch gar nichts in seinem Inneren entsprach, der aber berühmt dafür war, dass er delegieren konnte, also Aufgaben, die ihn nicht im Geringsten interessierten, an einen Untergebenen weitergab und damit ein für alle Mal seine Pflicht als erledigt ansah, gab Rosemarie seine fleischige Hand, die sie stets ein wenig zusammenzucken ließ, wenn sie sie berühren musste.

„Aber warum gerade mir, Herr Odenthal?“

Rosemarie Vollprecht schaute in die ausdruckslosen Augen ihres Chefs und auf seine unverdient vollen Haare, die eine Vitalität vorgaben, die weder in seinem Kopf noch irgendwo darunter je vorhanden gewesen waren.

„Ach, Sie wissen doch. Ihr Mann.“

„Mein Exmann, meinen Sie“, betonte Rosemarie mit ärgerlicher Energie. „Aber was hat der mit mir und mit meiner Arbeit zu tun?“

„Bitte, Frau Vollprecht, regen Sie sich nicht auf. Aber wir kennen doch alle den früheren und auch den heutigen Beruf Ihres Mannes, äh Exmannes. Und Sie wollen doch nicht abstreiten, dass Sie dadurch in die Materie eingeweiht sind.“

Diese Geschichte ist lang. Hier finden Sie eine Version für ungestörten Lesegenuss.

Weil Rosemarie wusste, dass es ja doch keinen Sinn hatte, sich zu sträuben und ihre Erfahrung sie gelehrt hatte, dass vieles, gegen das man eigentlich empört sein musste, sich schließlich in Wohlgefallen auflöste, gab sie innerlich schon klein bei.

„Sie werden sehen, dass es für Sie ein Leichtes sein wird, die Aufgabe zu bewältigen. Und oben kommt es sicher auch gut an.“

Dabei lachte er ein kleines dümmliches Lachen.

„Mit dem Bürgermeister ist alles abgesprochen. Und er kennt Sie ja und weiß Sie zu schätzen.“

Die Niederlage

In den ersten Monaten des Jahres 2025 hatte der Bürgermeister eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Nicht dass er selber hinter dieser Idee gestanden hätte. Aber seine Parteifreunde und Teile der Verwaltung machten ihn darauf aufmerksam, dass sie dringend geboten erschienen, die Überwachungsanlagen auf dem Marktplatz. Nachdem wieder einmal ein Überfall an seinem Rand geschehen sei. Dabei hatten sich fast alle Überfälle in der Nacht ereignet, und es war sehr fraglich, ob die Kameras in der Lage sein würden, taugliche Nachtaufnahmen herzustellen. Außerdem ließ die Polizeit verlautbaren, dass die Menge der Überfälle rückläufig sei.

Und verhindern, da waren sich alle Experten einig, konnten die Kameras sowieso keine Tat. Sie würden allenfalls die anschließende Aufklärung erleichtern. Wenn denn ausreichend Personal zur Verfügung stände, die Aufnahmen sorgfältig auszuwerten. Und das war bei der seit langem knappen Personalsituation eher unwahrscheinlich.Trotzdem erhoffte man eine Wirkung bei den nächsten Wahlen, eine Wirkung vor allem bei dem zunehmend älteren Bevölkerungsanteil, der traditionell sein Kreuzchen bei der Partei des Bürgermeisters machte.

Die Opposition war zu dem Schluss gekommen, es sei für sie besser, die Videoanlage abzulehnen. Sie hatte gemerkt, dass solche Überfälle hauptsächlich die Journalisten der örtllichen Presse interessierten, weniger die ältere Bevölkerung, obwohl es stimmte, dass diese noch mehr als andere im abendlichen Fernsehen Krimis konsumierten, was bei vielen von ihnen ein zunehmendes Gefühl der Bedrohtheit erzeugte.

Das Stadtwappen

Doch hatten Meinungsforscher vor kurzem herausgefunden, dass sie sich in der jüngsten Zeit weniger für Krimis begeisterten, als für Familien- und Heimatserien. Vor allem, weil schon in den Nachrichten immer häufiger Gewalttaten gezeigt wurden, die immer weniger zu ertragen waren. Die ablehnende Haltung der Opposition war natürlich in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sie sich profilieren musste, egal wie, weil sie sonst keine eigenen Ideen aufzuweisen hatte. Schließlich würde sowieso das fehlende Geld den Ausschlag geben.

Das Thema selber spielte also nach kurzer Zeit keine Rolle mehr. Doch hatte es sich auf einmal im Kopf des Bürgermeisters selbstständig gemacht. In irrationaler Weise sah er zunehmend die Notwendigkeit, alles um sich herum durch Kontrolle und Beobachtung im Griff zu behalten oder in den Griff zu bekommen.

Es wurde aber gemunkelt, das sei dadurch zu erklären, dass seine Ehe zu kriseln begonnen hatte. Sein Verdacht verstärkte sich aufgrund verschiedener Ereignisse und Symptome immer mehr, dass sich seine Frau insgeheim und intensiv mit einem Menschen beschäftigte, von dem er nichts wusste. Dieser Mentalitätswandel im Gehirn an der Spitze der Stadt hatte auch zu der Einrichtung der Sicherheitsbeauftragten in allen Abteilungen der Verwaltung geführt.  Bild 2 Das Stadtwappen

Die Anweisung

Rosemarie telefonierte gerade mit der örtlichen Presse, um einen Termin für den Bürgermeister auszumachen, als Odenthal in der Tür stand. Wenn ihr Chef sie sprechen wollte, ließ er sie normalerweise telefonisch in sein Büro bestellen. Nun stand er wieder vor ihr wie beim letzten Mal, als er ihr das Amt der Sicherheitsbeauftragten aufs Auge drückte. Er deutete sogar mit seiner schwammigen Hand an, sie solle sich nicht stören lassen und setzte sich auf einen der zwei Stühle, die vor ihrem Schreibtisch standen, Stühle für Besucher, als sei er ein Bittsteller, wie sich die Bürger häufig vorkamen, wenn sie eine Amtsstube betraten.

Sie notierte den Termin in ihrem Tischkalender, legte den Hörer auf und schaute dann auf die ausdruckslosen Augen in der unverdient athletischen Gestalt vor ihr auf dem Stuhl.

„Eine Bitte des Bürgermeisters, Frau Vollprecht.“

Erwartete er, dass sie daraufhin salutierte? Sie quälte ihn bewusst mit der künstlichen Kälte ihrer Augen und ihrem abwartenden Schweigen.

„Wie soll ich sagen ….“

Wie sollte sie das wissen, was er sagen sollte? Sollte er sich endlich einmal Mühe geben!

„Wie soll ich sagen, Frau Vollprecht, der Bürgermeister fühlt sich beunruhigt.“

Aha. Sollte sie sich vielleicht eine Pistole zulegen, um die Sicherheit der Herren zu erhöhen?

„Es ist so, dass seit drei Tagen immer ein Unbekannter das Rathaus betritt.“

„Aber betreten nicht dauernd Unbekannte das Rathaus?“ konnte sie sich nun nicht enthalten zu erwidern.

„Schon. Aber er kommt angeblich immer während der Mittagspause. Wenn alle zu Tisch sind.“

Tatsächlich spuckte das Rathaus Punkt zwölf wie auf Knopfdruck einen Pulk von städtischen Beamten aus, die dann in den umliegenden Restaurants verschwanden, um sie Punkt zwei wieder aufzusaugen.

„Und da er selber seit einiger Zeit das Rathaus Mittags nicht mehr verlässt, ….Sie wissen schon warum …“

Rosemarie wusste, dass das Wort Depressionen umlief. Aber was hatte das mit ihr zu tun? Sollte sie den Therapeuten für ihn mimen?

Durch die athletische Gestalt auf dem Stuhl vor ihr ging ein ungewohnter Ruck. Er stand auf und schüttelte sich, als versuche er, eine große Last abzuwerfen.

„Also kurz gesagt: Werfen Sie mal ein Auge auf diesen Mann. Ich verlasse mich auf Sie.“

Als er aus ihrem Zimmer verschwunden war, ärgerte sich Rosemarie zuerst, weil sie wusste, dass der Auftrag für sie den Verlust des gemeinsamen Mittagstischs mit ihren Kollegen bedeutete. Gleichzeitig dachte sie daran, dass sie schon mehrmals erlebt hatte, wie der Bürgermeister in seinem Zimmer aus dem Fenster schaute, wenn sie einmal zu ihm musste, um ihm einen Termin oder ein Papier zu bringen. Von dort konnte er den Marktplatz überblicken und den Zugang zum Rathaus. Aber meistens schien er bei solchen Gelegenheiten zwar zu schauen, aber dabei nichts zu sehen. Den Eindruck hatte sie zumindest, wenn er sich auf ihren Gruß hin umdrehte und sie mit einem abwesenden Gesichtsausdruck anblickte. Er schien mit seinen Gedanken in weiter Ferne zu sein. Fast empfand sie dann so etwas wie Mitleid mit ihm.

Erste Begegnung

Das musste der Mann sein. Er stand unter Rosemarie im Treppenhaus und betrachtete das breite Bild gegenüber, welches zwei Gruppen von Menschen in seltsamen Trachten darstellte, Frauen in langen weiten Röcken und mit weißen Hauben, Männer mit Kniebundhosen und hohen Zylindern auf dem Kopf.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ sprach Rosemarie ihn mit der Frage an, die man neuerdings stellte, wenn man so etwas ausdrücken wollte wie „Sie haben hier doch eigentlich nichts zu suchen. Machen Sie gefälligst, dass Sie Land gewinnen.“

Als er seinen Kopf drehte, erschrak sie fast. Diese Augen! Als wenn er gerade vom Bergsteigen zurückgekommen sei. Oder von einsamen Fahrten mit dem Fahrrad durch den Wald. Diese Gedanken beherrschten einen Augenblick lang ihr Gehirn.

„Nein, danke. Ich habe im Moment alles, was ich brauche.“

Dabei nahm sein Gesicht mit dem Schnurrbart und dem Bartkamm an seinem Kinn einen verschmitzten Ausdruck an. Er wurde noch verstärkt durch den ungeordneten Haarschopf, der frech in die Mitte seiner Stirn ragte. Und dann redete er weiter, als sei sie eigens zu ihm gekommen, um sich von ihm das Bild erklären zu lassen, an dem sie tagtäglich vorbeiging, und das sie eigentlich nie richtig beachtet hatte.

„Sechzehn Augen, das muss man sich mal vorstellen.“

„Wie meinen Sie das, sechzehn Augen?“ stammelte sie verwirrt.

„Sechzehn Augen, die zusammen die Qualität prüfen.“

Na und? dachte sie. Was soll das? Ach ja, es muss ein Verrückter sein. Der in seine eigene Gedankenwelt versponnen ist, die für andere nicht zugänglich ist. Aber gut, bei solchen wüsste man nie. Unberechenbar, in welche Taten ihr Denken mündete. Vielleicht ein Attentat? Auf ein Bild unter Umständen. Das hatte es doch damals in Amsterdam gegeben. Auf die Nachtwache, wenn sie sich recht erinnerte. Die Nachtwache von Rembrandt. Ein wertvolles, weltberühmtes Gemälde. Mit Messerstichen. Unwillkürlich schaute sie an der Gestalt ihres Gegenübers entlang. Das Einzige, was er in der Hand hielt, war ein Fotoapparat. Aber diese Wülste über den Augen. Nur dann diese Augen selber. Wie sehr sie davon berührt wurde.

„Sehen Sie hier rechts: Sogar die Augen der Großkopferten interessieren sich für die Qualität des gemeinsamen Produkts. So wie sich später Maria Zanders für das gemeinsame Produkt interessierte.“

„Das gemeinsame Produkt? Was meinen Sie damit?“

„Ja, das ist ja das Interessante: Für sie war das gemeinsame Produkt nicht nur das, was sie im engeren Sinne herstellte, also das Papier der Firma Zanders, sondern auch die Gesamtheit der Stadt, wie die Menschen lebten und die gemeinsame Kultur. Heute kaum denkbar.“

Ist er doch kein Verrückter? Aber was er da redet! So hätte Herbert, ihr Exmann, nie geredet. Wen meinte er denn mit den Großkopferten? Ach ja, da waren auch Leute in besserer Kleidung abgebildet, ein Mann mit einem Degen an der Seite, zwei Frauen in Samt und Seide. Sie hielten ein Blatt Papier in der Hand, über dessen Qualität sie sich unterhielten.

„Die entgleiste Macht sucht den kritischen Augen der Beherrschten das starre Auge der Videoüberwachung entgegenzusetzen.“

Rosemarie schaute auf das Gesicht, welches sich bei diesem Satz in eigenartiger Weise zusammenzog, fast wie eine Zitrone, die ausgedrückt wurde, damit aus ihr der kostbare Saft tropfen konnte. Sie wusste nicht, warum er das sagte. Sie suchte und fand aber das verschmitzte Lächeln, welches alles begleitete und welches sie beruhigte. Trotzdem entfuhr ihr nun ein „Ich muss weiter“, was nicht der Wirklichkeit entsprach, und was die Verschmitzheit in seiner Miene verstärkte. Sie drängte an ihm vorbei und verschwand auf der Toilette im Erdgeschoss, die sie sonst nie benutzte.

„Bis zum nächsten Mal!“ hörte sie ihn noch hinter ihr herrufen. Im Vorraum der Toilette stand sie lange vor dem Spiegel und betrachtete diese Person in der hellbraunen Lederjacke, die ihr eine Festigkeit verleihen sollte, die sie nicht hatte. Ihre Augen hatten ein Stück von der Verschlossenheit verloren, die sie wie Jalousien herunterließ, ihre Wangen waren ein wenig gerötet, wie sie sie oft als Kind gehabt hatte, wenn sie von einem atemlosen Lauf zurückkehrte. Als Kind hatte sie nichts lieber getan als laufen. Und ihr fiel auf, wie tief die Kuhlen über ihrem Schlüsselbein waren. Sie fasste mit der Hand daran, als müsse sie sie beschützen, empfand aber gleichzeitig so etwas wie Beglückung bei ihrer Entdeckung, als sei sie plötzlich jünger geworden.

Speaker’s Corner

Das Lästermaul

Als Rosemarie nach Dienstende aus der Rathaustür trat, empfingen sie die sonoren Klänge eines Männerchors. Eine späte Sonne glänzte auf der Ochsenblutfarbe des Bergischen Löwen, die eine frühlingshafte Aufmunterung durch die rosa Blüten von Blutpflaumen und Japanischen Kirschen erhielt. Eine Menschengruppe von etwa 30 Leuten stand vor dem steinernen Podium an der Villa. Neugierig näherte sich Rosemarie und stellte sich dazu.

Das Podium war vor ein paar Jahren vergrößert worden, nachdem die Bronzefigur des Papierschöpfers wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückgebracht worden war, an die Strunde, deren Wasser den Betrieb der zahlreichen Mühlen in der Stadt ermöglicht hatte. Nun diente das Podium als Speaker’ s Corner der Stadt.

„Ich habe ja eigentlich etwas gegen Männerchöre“, hörte Rosemarie eine Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehte, sah sie ihre Kollegin Waltraud mit ihrem frechen Lächeln.

„Aber bei so einem schönen Wetter kann ich sogar die ertragen. Und das Bergische Heimatlied, naja!“

Rosemarie hatte die Melodie immer gefallen, obwohl sie immer gedacht hatte, dass der Text einmal modernisiert werden könnte.

Wo die Wälder noch rauschen….Es stimmte ja. Um die Stadt herum gab es noch immer viele schöne Wälder, in denen sie manchmal mit Waltraud und einer weiteren Kollegin am Wochenende wanderte. Alle drei einte nicht nur die Liebe zur Natur, sondern auch gewisse Vorbehalte Männern gegenüber.

Besonders Waltraud konnte so richtig vom Leder ziehen, nachdem sie sich vor kurzem von ihrem dritten Mann getrennt hatte. Dabei strahlte sie mit ihren weißen vorstehenden Zähnen einen unbeugsamen Optimismus aus. Den wünschte sich Rosemarie manchmal, konnte ihn aber eigentlich nicht richtig verstehen. Woher nahm sie diese Kraft trotz der Nackenschläge, die ihr das Leben schon verliehen hatte? Oder war es einfach die Tatsache, dass sie fünfzehn Jahre jünger war als Rosemarie?

Nun traten die Sänger zur Seite und ein etwa sechzehnjähriges Mädchen trat auf das runde Podium. Sie strich sich mit der Rechten ihr langes dunkelblondes Haar hinter die Schulter, räusperte sich und sprach mit nicht lauter, aber gut verstehbarer Stimme:

„Frühlingsmorgen“

Ihr Gesicht war ernst, auch während der langen Pause, die nun folgte. Dann redete sie langsam und eindringlich weiter:

„Wenn Antwortlosigkeit der Politik
und Drohnen in Afghanistan
und Technikteppiche dir
alles überdecken,
die Luft des Taubenflugs
mit Gift und Gülle füllen,
dann lässt der Bittersaft
von Trotz und Wut
dir neben deiner Hängematte
blaue Blüten wachsen von
zarter Wieseniris und-“

Hier folgte eine fast unerträglich lange Pause

„dem Todesschlaf
des Eisenhuts.“

Kurze Verbeugung, dann trat sie zu der kleinen Gruppe direkt vor der Natursteinmauer, die den Garten der Villa vom Marktplatz trennte.

Das Klatschen der Zuhörer war noch nicht ganz verstummt, als ein blonder junger Mann mit mehreren Piercings in den Lippen sich mit einem großen Foto neben das Podium stellte, ein Foto, auf dem zwei städtische Arbeiter dargestellt waren, die nebeneinander auf der Pritsche eines Dienstfahreugs in Arbeitsorange saßen, der eine lässig an die Seitenwand gelehnt, der andere im Schneidersitz eine Zigarette rauchend, seinen Kollegen anblickend.

„Krisensitzung“ deklamierte nun ein anderer junger Mann, der das Podium betreten hatte, und wies auf das Foto. Er hatte einen sanften Blick, während seine Haare in einem provozierenden rostorange Ton von einem hellgrünen Band gehalten wurden. Dann folgte der Vortrag eines Gedichts mit einer eindrücklichen warmen Stimme:

„Wenn Raster, Normen
Aussetzer gestehen
und Produktivität als
Hermelinbesatz an
Kaisers neuen Kleidern
wir erkannt,
dann wenden unsere
Gesichter sich
einander zu und
sehn im anderen
den Bruder, der wie
wir selber
eigentlich nur
leben wollte,
nichts als leben.“

„Ich kann nur staunen über diese jungen Leute“, meinte Rosemarie und wandte sich zu Waltraud.

„Aber ist doch toll, oder?“

„Wo kommen die eigentlich her?“

„Ich habe in der Onlinezeitung gelesen, dass sie zu Wort und Kunst gehören.“

„Wort und Kunst?“

„Ja, die Gladbacher Schriftstellervereinigung, die sich angeblich in der letzten Zeit sehr verjüngt hat. Und wie man sieht, ist das auch so. Pass auf, es geht weiter!“

Der Blonde mit den Piercings hatte nun das Foto gegen ein anderes vertauscht, auf dem das Porträt eines Soldaten abgebildet war. Rosemarie fiel sofort der Gegensatz zwischen der strengen Militäruniform und dem verträumten Blick des jungen Menschen ins Auge.

Nun trat ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen in schwarzer Lederkleidung auf die runde Stadtbühne, schaute zuerst verschmitzt in die Runde, so dass zwei gönnerhafte Grübchen neben ihrem Mund sichtbar wurden, schüttelte ihre dunkelrot gefärbte Mähne und wies dann ernst auf das Foto mit dem Uniformierten. Mit warmer Stimme rezitierte sie dann langsam:

„Suchanzeige
Wo ist die Fee,
die deiner Augen
Traurigkeit
und Härte wieder
deinen Lippen nähert
und dir selber einen
Glauben schenkt
an dich,
der auch zu Liebe
und zu Mitleid steht?“

Und dann mit liebevollem Nachdruck:

„Wie sehr
ich sie
dir wünsche!“

 In diesem Moment näherte sich Rosemarie eine Gestalt in hellblauem Uniformhemd von der Seite, mit der amtlichen Dienstmütze des Polizisten auf dem Kopf.

Während die Zuhörer klatschten, legte er Rosemarie eine Hand auf den Arm.

„Hallo, Rosemarie! Schade, dass wir uns nun nicht mehr sehen!“

Jürgen, der sich immer um sie bemüht hatte, auf allen Veranstaltungen der Polizei, bei der sie dabeigewesen war. Und sie war immer dabeigewesen, bis sie sich von Herbert getrennt hatte. Wenn sie seine fleischigen Lippen sah und seine etwas glupschigen Augen, stieg ihr immer ein glucksendes Lachen in die Kehle. Für das sie sich anschließend schämte. Denn ihr war klar: Er meinte es ernst. Hatte es immer ernst gemeint. Aber dafür konnte sie doch nicht verantwortlich gemacht werden.

Und doch war sie froh, dass er heute wegen des unerwartet warmen Frühlingswetters im Hemd erschien. So sah man nicht die dunkelblaue, fast schwarze Uniformjacke, die sie abgestoßen hatte, seitdem sie eingeführt worden war. Ein weiterer Schritt in die zunehmende Aufrüstung, die die Polizei betrieb. Jürgen stellte ja eigentlich eine rühmliche Ausnahme dar. Er war noch der Polizist von nebenan, dein Freund und Helfer. Ihm hätte die vertraute grüne Uniform viel besser gestanden. Er hätte auch gar nicht die allzeit bereite Pistole am Gürtel gebraucht, auch nicht die Drohung der Handschellen. Seine bloße Anwesenheit und der Ernst in der Tiefe seiner Augen genügte, seinen Zweck zu erfüllen: Den Bürgern ein Gefühl von Sicherheit zu geben.

Und ein gelegentliches Aufblitzen seiner menschenfreundlichen Lache reichte für lange Zeit aus, die Sicherheit, die die Staatsmacht garantierte, als von den Bürgern an die Exekutive geborgte zu verstehen und nicht als Anmaßung und Betrug, wie sie von Herbert rechthaberisch missbraucht wurde. Der hatte zwar noch die bürgerfreundlichere grüne Uniform getragen, als er entlassen wurde, beziehungsweise als ihm sein Ausscheiden aus dem Dienst nahegelegt wurde.

Doch hätte zu ihm besser die heutige dunkle Tracht gepasst. Er hätte sie sicher gut gefunden. Hatte er doch ein ganz anderes Ideal von einem guten Polizisten. Heute schämte sie sich fast, dass sie damals auf dieses Image hereingefallen war. Ein ganzer Mann, selbstbewusst, zielsicher, kräftig. Dem keiner was vormachen konnte.

„Hallo, Jürgen.“

Sein weiblicher Mund und seine tiefen Augen waren aber gerade das, was ihn als Mann für sie unattraktiv machte. Sie wand sich innerlich schon vor der Frage, die nun kommen musste, und die er schon mehrmals geäußert hatte:

„Willst du nicht trotzdem zu unseren Festen kommen? Ich könnte dir die Einladungen zukommen lassen.“

„Mein lieber Jürgen, lass sie doch endlich in Ruhe! Ihr Männer meint immer, wir könnten nicht ohne euch auskommen.“

Es war Waltraud, die sich nun energisch zu Wort meldete. Sie sprach lauter, da die Gedichtvorträge offensichtlich beendet waren und der Männerchor zu einem Schlusslied angesetzt hatte.

„Ja, war doch nur eine Erinnerung. Falls du Lust hast.“

Fast wie eine Entschuldigung für eine Ungehörigkeit klang es aus dem Mund des Polizisten, während er sich anschickte, seinen Rundgang fortzusetzen.

„Also, ich muss dann mal weiter.“

Die erste Begegnung im Ratssaal

Pflichtbewusst machte Rosemarie am nächsten Tag wieder ihren Rundgang in der Mittagszeit, nachdem das Rathaus ihre Kollegen in die umliegenden Restaurants zu Tisch geschickt hatte. Sie entdeckte aber zu ihrer Verwunderung noch etwas anderes in sich als bloßes Pflichtgefühl und die kleine Wut über dieses Amt, das sie nicht angestrebt hatte.

Da war etwas, was an ihr zog, sie neugierig machte und über ihrem Magen eine Unruhe verbreitete, die sie nicht als unangenehm empfand. Im Treppenhaus mit seinem weißgetünchten Fächergewölbe kam sie eine kleine Enttäuschung an. Er stand nicht wie gestern vor dem breiten Gemälde mit den Papierschöpfern. Sie erblickte nicht seinen kecken Haarschopf auf der Stirn und sah nicht seine Augen, die von langer Fahrradtour durch Wälder oder von einer Gebirgswanderung zurückgekehrt waren. Auch aus der dramatischen Gebirgslandschaft, die auf der gegenüberliegenden Seite hing, sah man keinen einsamen Wanderer heruntersteigen. Bild 5 Das Bild im Treppenhaus

Bild im Treppenhaus

Rosemarie schaute sich auf dem unteren Flur um. Außer dem Reiterrelief des bergischen Helden Ommerborn war aber keine menschliche Gestalt zu sehen, und als sie die schweren Holztüren zum Marktplatz hin öffnete, breitete sich vor ihr nichts als mittägliche Ruhe aus. Die Sonne lag auf dem warmen Porphypflaster des Marktplatzes, der seine Schönheit wie kaum ein anderer Platz in der Region aus seiner Größe, Unregelmäßigkeit und Geschlossenheit erhielt. Nur ein aufgeregter Täuberich trippelte abwechselnd hinter einer und dann der anderen schlanken Taubendame her.

Der einzige Mensch, der im Moment die Weitläufigkeit des Platzes belebte, war die Stadtstreicherin Maria. Sie saß auf der Drahtbank vor der Kirche und zog ab und zu eine Flasche aus dem Plastikbeutel hervor, um sich einen Schluck daraus zu genehmigen. Dabei schaute sie mit hochrotem Gesicht zu den Bussen an der Haltestelle und grummelte einen Protest in diese Richtung, als fühle sie sich von ihnen in ihrer Meditation gestört.

Rosemarie kehrte ins Innere des Rathauses zurück, stieg die Treppe hinauf und wollte sich wieder in ihr Büro zurückziehen. Als sie an der Tür zum Ratssaal vorbeikam, stutzte sie. Es schien ihr, als habe sie von drinnen ein Geräusch gehört, wie wenn jemand nach einem Sprung auf dem Boden gelandet sei. Sie öffnete die Tür und sah ihn, wie er in der Mitte des Saals stand und seine kleine Kamera auf die Rückseite des Raums gerichtet hatte.

Nach dem leisen Klick der Aufnahme drehte er sich zu ihr um und sprach mit ihr, als hätte es zwischen dem gestrigen Gespräch im Treppenhaus und heute keine Unterbrechung gegeben:

„Diese Reliefs sind ja keine künstlerischen Meisterwerke. Aber sehen Sie die Darstellung der Justitia. Müsste das Bewusstsein ihrer Anwesenheit nicht jeden Abgeordneten in seinen Entscheidungen beeinflussen? Interessant ist, was hier nicht dargestellt ist: keine Waage, keine Binde vor den Augen, wie man es auf vielen Darstellungen der Gerechtigkeit findet. Die Gerechtigkeit erfüllt sich also nicht in der absoluten Gleichheit für alle und ist auch nicht blind gegenüber Besonderheiten.

Stattdessen hat sie hier ein Buch in der Hand, vielleicht ein Hinweis, dass Gerechtigkeit vom geschriebenen Gesetz zu erwarten ist. Und das Schwert ruht auf einer Girlande, welche von Putten gehalten wird, die vielleicht als das Volk zu verstehen sind. Die Umrandung könnte eine Glücksymbolik andeuten. Die Gerechtigkeit muss sich also dem Glück der Bevölkerung unterordnen.“

Fast atemlos hatte der Fremde Rosemarie diesen Vortrag gehalten. Nun schaute er ihr wieder in ihre grünen Augen und fuhr fort:

„Aber der große Schatz dieses Raums sind die Gemälde, die in die Täfelung eingelassen sind. Oder wie sehen Sie das?“

Rosemarie wusste zwar von der Existenz dieser Gemälde, hatte auch schon davon gehört, dass sie seltsamerweise aus der Hand von Maria Zanders stammten, der Besitzerin der größten Papierfabrik der Stadt im 19. Jahrhundert, die sich gleichzeitig einen Namen als Mäzenin für Kunst, Musik und Stadtgestaltung einen Namen gemacht hatte, hatte aber keine detaillierte Vorstellung von den dargestellten Inhalten.

Fragend schaute sie auf seine Bergsteigeraugen und seinen Mund, der ihr eine ungewohnte Freundlichkeit entgegenzubringen schien. Andererseits war sie verwirrt und ein wenig ablehnend, weil er mit dieser Selbstverständlichkeit, und ohne dass sie es gemerkt hatte, ins Rathaus eingedrungen war. Doch was hieß eingedrungen? Schließlich stand es jedermann offen. Aber an ihrer Beamtenehre kratzte es doch, dass da jemand ins Allerheiligste des administrativen und politischen Zentrums der Stadt gehuscht war, mit unbekanntem Ziel, ein unbekannter Mensch mit merkwürdigen Ansichten. Was würde er jetzt über die Gemälde von sich geben?

„Schauen Sie sich hier den alttestamentarischen Krimi an: Kain ermordet seinen Bruder Abel. Sie kennen die Geschichte, oder?“

„Ich kann mich schwach erinnern“, mumelte sie.

Wieder wurde er eifrig:

„Ja, sehen Sie nur die zwei Feuer, links das Feuer, das schön nach oben brennt, sein lichter Qualm geht über in ein Licht aus dem Himmel. Man ahnt gleich, dass es ein göttliches Licht ist. Die rechte Seite des Bilds ist dunkel, der Qualm niedrig daherzündelnden Feuers wird von der Dunkelheit erstickt. Links das Opfer des Abel, das von Gott angenommen wird, rechts das Opfer Kains mit den Feldfrüchten, das von Gott verschmäht wird.“

Nun trat Rosemaries Widerstand wieder zum Vorschein, vielleicht auch, weil sie sich zu sehr belehrt fühlte:

„Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich nicht so fürchterlich religiös bin.“

„Ich doch auch nicht“, lachte er.

„Aber seit einiger Zeit entdecke ich religiöse Inhalte neu, weil sie ein Teil unserer Kultur sind. Und ich sehe meine Aufgabe darin, unsere religiöse Kunst neu zu interpretieren und ihren Wert dadurch zu erhalten und weiterzugeben.“

„Und was wollen uns Kain und Abel heute sagen?“ Sie verzog skeptisch ihre Mundwinkel.

„Schauen sie sich das an: Hier ist zunächst ein unglaublicher Widerspruch. Der sanfte Abel wird von einem wilden Kain getötet, obwohl er ihn noch umarmt mit der Bitte um Erbarmen. Bilder haben eine eigenartige Kraft des Überdauerns. Man muss sie nur genau betrachten, dann entwickeln sie Botschaften, die sich an die jeweilige Zeit anpassen. Sie blicken sozusagen zurück. So wie Maria Zanders aus ihrem Porträt in der Villa Zanders dem Betrachter zu folgen scheint, egal, ob er sich oben auf der Treppe befindet oder unten auf einem Stuhl während eines Konzerts.“

Die Villa Zanders kennt er also auch schon. Hatte er nicht einen schwäbischen Akzent in seiner Stimme? Bestimmt war er nicht von hier. Aber was sollte das? Sie war doch nicht fremdenfeindlich.

„So brauchen wir auch nur dieses Bild von Kain und Abel anzuschauen,“ fuhr er unbeirrt fort, „um durch die Merkwürdigkeiten, die auf ihm dargestellt sind, eine Botschaft für uns heute zu entdecken. Wenn die Mitglieder des Rats, der hier tagt, sich der Bedeutungen mancher Bilder bewusst wäre, würde er anders entscheiden, als er es häufig tut, besonnener, mehr in die Zukunft gerichtet, mehr am wirklichen Wohl aller orientiert.“

Ach, über Ratsentscheidungen in unserer Stadt ist er informiert. Vielleicht doch kein Fremder?

„Aber was hat das jetzt mit Kain und Abel zu tun?“ fragte sie fast patzig.

Er schaute ihr aus seinen wulstigen Brauen in das Grün ihrer Augen. Sie merkte, wie sie langsam aber sicher in den Sog seiner Begeisterung gezogen wurde, fragte sich aber weiter, welche Absichten er eigentlich verfolge.

„Ein bisschen überlegen muss man schon. Das gebe ich zu. Nicht alles springt vom Dargestellten allein in die Augen. Sehen Sie, Gott verurteilt die Tat des Kain, obwohl der der Sesshafte ist, dessen Nachkommen wir sind, obwohl er als Opfergabe Früchte darbringt und keine lebendigen Tiere wie Abel. Das kann nur bedeuten, dass er uns irgendwie den Abel ans Herz legen will. Wir sollen nicht einfach in unserer Sesshaftigkeit schmoren und uns besser fühlen, sondern daran denken, wie sehr der Nomade, gemeint ist der geistige Nomade, uns fehlt. Wer sind denn die Nomaden von heute?“

Hier schaute er beinahe provozierend in ihre grünen Augen, stutzte dabei ein wenig, als habe er plötzlich die kleinen goldenen Flecken darin entdeckt, fuhr trotzdem fort:

„Das sind die Nichtsesshaften, die Beweglichen, die Obdachlosen, die Außenseiter der Gesellschaft. Das ist es, an was ein Rat gelegentlich denken sollte.“

Aus den rosa Lippen, die für ihn eine aufregende Form hatten, die er nicht beschreiben konnte, hörte er:

„Und so wollen Sie auf allen Bildern in diesem Ratssaal Botschaften herauslesen?“

Nun rückte er einen Stuhl an einen der breiten Tische heran, die an die Seiten des Ratssaals standen.

„Steigen Sie mal über den Stuhl auf den Tisch!“

Dabei hielt er ihre Hand, und zu ihrem eigenen Erstaunen kletterte sie auf den Tisch, an der Stelle, wo über ihnen ein Gemälde mit einem Regenbogen in frischen Farben hing. Er stieg hinterher und umfasste ihre Hüften mit der Rechten, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt.

Seine Linke wies auf das Bild.

„Das hier zeigt Noah mit den Seinen nach der Sintflut.“

„In diesen kleinen Figuren da oben auf dem Plateau wollen Sie Noah erkennen?“

„Nicht persönlich natürlich. Da haben Sie Recht. Aber schauen Sie nach oben. Da sehen Sie die Arche. Unverkennbar. Aber mal der Reihe nach:

Im Vordergrund versperrt eine Ansammlung von Knüppeln und Stämmen den Durchgang, eine Folge der abgeebbten Katastrophe, vor der sich Noah mit seinen Leuten gerettet hatte. Hoch auf dem Berg liegt die gestrandete Arche. Darunter haben sich Noah und die anderen Überlebenden auf einem bewohnbaren Plateau versammelt und planen ihre Zukunft. Die Ebene liegt hoch über den grünen Wassern des Meers. Durch den Höhenabstand zwischen ihm und der schrägliegenden Arche kann man ermessen, wie hoch die Fluten gestiegen waren. Der weißglänzende Berg im Hintergrund und der zarte Regenbogen künden aber von Hoffnung und Neubeginn, ebenso der blaue Himmel dahinter.

Mit der Sintflut könnte die Klimakatastrophe gemeint sein oder näher an unserer Zeit der kleinere Zusammenbruch, den wir gerade erleben, den Zusammenbruch des Autoverkehrs, vor allem auf den Autobahnen, aber auch hier bei uns geht ja nicht mehr viel.“

„Erste Konsequenzen wurden aber schon gezogen. Nun wird wirklich angefangen, den Radverkehr zu fördern.“

„Ja, ich weiß. Das ist aber alles längst nicht genug.“

Sie wunderte sich über sich selbst. Sie hatte vergessen, dass Sie Sicherheitsbeauftragte war, dass sie diesen fremden Menschen beobachten sollte, dass sie städtische Beamtin im Bürgermeisteramt war, dass ihr gerade noch das Besteigen des Stuhlpolsters und dann der Tische als unverschämt erschienen war. Zeugte das nicht von totaler Respektlosigkeit? Und dann hielt er sie auch noch um ihre Hüfte gefasst. Normalerweise hätte sie das als Anmache oder Schlimmeres abgelehnt, hätte ihm auf die Finger gehauen. Nun war es für sie die höfliche Hilfe beim ungewohnten Stehen auf einem Tisch, beim Betrachten und Verstehen von Bildern, von Bildern, die sie kannte und doch nicht kannte. Was war mit ihr geschehen?

Plötzlich versicherte sie hastig, sie müsse nun zurück in ihr Büro. Sie habe noch nicht zu Mittag gegessen und müsse damit fertig sein, wenn die Mittagspause zu Ende sei. Ein wenig Ironie spielte um seine Augen, als er ihr wieder die Hand hielt, damit sie über den gepolsterten Stuhl hinuntersteigen konnte. Dann griff seine Rechte in die Tasche seiner kurzen Jacke, zog einen rotwangigen Apfel heraus und bot ihn ihr als Nachtisch an. Als sie ihn entgegennahm, fiel ihr Blick auf ein anderes Gemälde in der Täfelung. Hier war Eva zu sehen, wie sie Adam den Apfel überreichte, während der Baum mit der Schlange zwischen ihnen stand. Statt ihm zu danken, sagte sie nur:

„Sie haben die Polster der Ratsstühle mit Füßen getreten.“

„Sie auch“, antwortete er, zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, wischte damit über das Polster und schaute ihr dabei so in die Augen, dass sie noch mehr meinte, sich nun zurückziehen zu müssen.

Abraham und Issak. Bild im Ratssaal

Vollprechts Vortrag am Speaker’s Corner

Das solide Mauerwerk schützt das Rathaus Stimmungen und Meinungen und vor dem Klima der Außenwelt. Deshalb ist Rosemarie überrascht, welche Schwüle ihr entgegenschlägt, als sie nach Dienstschluss auf die Treppe tritt, die zum Markplatz führt. Eine für die Jahreszeit ungewohnte Wärme und Feuchtigkeit umhüllt sie wie ein Tuch und macht sie leicht benommen. Wie aus einem Traum heraus hört sie drüben hinter der riesigen Kastanie eine Stimme aus dem Lautsprecher. Von Speaker’s Corner her, wo doch eigentlich nie Lautsprecher und Mikrofone benutzt werden. Wie von einer Welle wird sie gegen ihren Willen zu den Menschen geschwemmt, die dort der Lautsprecherstimme zuhören. Sie will diese Stimme nicht mehr hören. Gleichzeitig muss sie erfahren, was diese Stimme von sich gibt.

„Kosten für Sachbeschädigungen und Vandalismus um mehrere Zehn- bis Hundertausende von Euro gesenkt…… weniger Straftaten begangen… Akzeptanz in der Bevölkerung in der letzten Zeit sehr gestiegen“

Sie will diese Stimme nicht mehr hören. Und doch muss sie sich dazustellen, wie in einem Zwang. Aber hinter den anderen versteckt, so dass er sie nicht sehen kann. Das hofft sie zumindest. Aus seinem Mund, der wie immer halb von dem kurzgeschnittenen Bart verdeckt ist, hört sie die Stimme, gegen die sie sich wehrt:

„Der Videoüberwachung wird nicht nur eine präventive Wirkung zugeschrieben. Es steigt auch die Aufklärungsrate von Straftaten, vorausgesetzt, das aufgezeichnete Bildmaterial ist von guter Qualität. Studien zufolge bietet sie einen tatsächlichen Nutzen für die Polizei. Die Polizei kann dank Bilddaten einfacher und schneller reagieren. Die Aufklärungsrate von Verbrechen hat sich nachweislich verbessert.“

Sein kräftiges Haar, sein männlicher Bart und seine glatte Stirn lassen alles sehr plausibel erscheinen, was er da von sich gibt. Nur der Schweiß auf dieser glatten Stirn verrät dem Eingeweihten, dass die sympathische Harmlosigkeit nur vorgetäuscht ist, dass sein ebenmäßiges Gesicht etwas verbirgt, dass seine Augen und die gerade Nase andere Ziele verfolgen, von denen er aber selber absolut überzeugt ist. Die anderen sehen nicht die Bereitschaft zum Biss, der vom Bart verdeckt wird. Er verkörperte das Gesetz, für sich selber grenzenlos. Deshalb durfte er sich auch darüber hinwegsetzen.

Die Verbindung zu seinen eigenen Interessen konnte er nicht sehen, anscheinend auch heute noch nicht, da fehlt in seinem Gehirn eine Verbindung, das lässt ihn so gesund aussehen, wie bei Leuten, die sehr religiös sind. Ihr ist nun klar, dass er wie immer, trotz widriger Umstände, keinen Deut von seinen Zielen abweicht. Die herrschende Schwüle badet sie in Gefühlen von Ekel und Abscheu. Wie lange hatte sie das alles nicht begriffen, bis zu der schrecklichen Ballonfahrt.

„Willst du dir das wirklich antun?“ hört sie eine vor Energie und Fröhlichkeit berstende Stimme hinter sich. Als sie sich umdreht, sieht sie wieder Waltraud.

„Du weißt doch sowieso, was der von sich geben wird. Komm, wir genehmigen uns einen Cappuccino im Oriente.“

Und als Rosemarie immer noch zögert, packt sie ihren Arm und zieht sie hinter sich her, an der Laurentiuskirche vorbei, durch den Buchmühlenpark Richtung Odenthaler Straße, die sie auf dem breiten Überweg für Radfahrer und Fußgänger überqueren, geradeaus zum Cafe Oriente an der Strunde.

Im Cafe Oriente

Es war das erste Mal, dass Rosemarie den neuen Gebäudekomplex im Osten der Innenstadt betrat. Sie staunte über die phantasievolle Kombination von Fachwerk, Glas und lichtgelben Wänden, die die Fassaden des alten Waatsacks und des traditionellen Kinos an der Hauptstraße aufgriffen und zu einer luftigen Flucht von Räumen an und über der Strunde vereinten. Gruppen von Radfahrern hatten ihre Räder an Stangen im Innenhof auf der Nordseite abgestellt, während fesch gekleidete Kellner im Cafe und im anschließenden Restaurant eifrig umhereilten, um die diversen Bestellungen aufzunehmen oder Tassen und Teller auf die Tische der Gäste zu stellen.

„Das ist ja wirklich schön hier“, meinte sie zu Waltraud, als sie sich an einem Zweiertisch im hinteren Teil niedergelassen hatten. Die Tische direkt am Ufer des Flüsschens, teils überdacht, teils im Schatten der noch jungen Bäume, waren schon alle besetzt.

„Ja, dieser Serafiniak hat hier seine alte Idee verwirklicht, die er schon vor Jahren versucht hatte, den Planern nahezulegen.“

„Serafiniak?“

„Na, dieser pensionierte Architekt, der seit Jahren der Stadt immer wieder den Spiegel vor Augen hielt, um zu zeigen, wie man leichtfertig mit den gewachsenen Strukturen der Stadt umging. Hier hat er sich endlich einmal durchgesetzt.“

„Gut, dass du mich da weggeholt hast“, meinte sie nun versonnen zu ihrer Freundin.

„Was? Wo? Ach, du meinst vom Speaker’s Corner. Ich verstehe nicht, wie du noch seine Nähe suchen kannst.“

„Ich bin schon ans entgegengesetzte Ende der Stadt gezogen.“

„Schüttelt es dich denn nicht, wenn du dich immer noch mit seinem Namen vorstellst?“

„Vorige Woche habe ich die Namensänderung beantragt.“

„Gratuliere. Dann firmierst du nicht mehr unter diesem Macho. Was gab eigentlich den Ausschlag zu eurer Scheidung? Das hast du mir noch nie erzählt.“

Rosemarie schwieg einen Moment, als müsse sie das auswählen, was man am ehesten erzählen konnte, auch einer Freundin gegenüber.

„Er hat ein Protokoll gefälscht.“

„Wie bitte? Was für ein Protokoll?“

„Ein Unfallprotokoll. Zugunsten eines Geschäftsfreundes, der in den Unfall verwickelt war.“

„Verstehe. Das ist wohl typisch für ihn. Auf jeden Fall nicht einer von den Männern, denen es immer nur um das Eine geht, haha. Aber das war wirklich der ausschlaggebende Grund für eure Trennung?“

„Es kam noch etwas anderes hinzu. Darüber möchte ich aber noch nicht sprechen.“

„Ist schon OK. Du bist schließlich nicht mit mir verheiratet.“

Sie lachte wieder ihr fröhliches, unbekümmertes Lachen.

Ein Kellner mit einer langen schwarzen Schürze stellte ihnen den bestellten Cappuccino in zwei riesigen Tassen auf den Tisch. Sie nahmen jede einen ersten Schluck. Beinahe hätten sie sich zugeprostet.

„Da ist er übrigens“, rief Waltraud, „da, hinter den Holzbalken dort drüben.“

„Wer?“

„Na, dieser Serafiniak, der Architekt, der das alles hier geplant hat.

Angeblich hat er jetzt ein neues Projekt vor, in der Fußgängerzone. Auch so etwas mit viel Glas. Treffpunkte nennt er das.“

„Treffpunkte?“

„Ja, so eine Art kleine Glashallen oder überdachte Bänke.“

„Und wozu?“

„Keine Ahnung. Musst du ihn selber fragen. Geh doch mal zu ihm!“

„Bist du verrückt?“

„Er scheint in dieser Nische verschwunden zu sein, die ich von meinem Platz nicht einsehen kann. Du müsstest ihn von deinem Platz aus eigentlich noch sehen, oder?“

Als Rosemarie in die angegebene Richtung schaute, erstarrte sie. Nicht nur, weil sie ihn dort erblickte, den Fremden in seiner kurzen grünlichen Jacke und neben ihm einen alten Mann mit einer hellen Mütze, den sie irgendwo schon einmal gesehen hatte. Sondern mehr noch darüber, wie sich die beiden Männer begrüßten. Zuerst die herzliche Umarmung in der Öffentlichkeit. Und das? War das nicht ein Kuss auf den Mund? Was bedeutete das? Und warum war ihr das unangenehm, fragte sie sich.

Zuerst hatte sie das Klima hier als angenehm frisch empfunden. Nun meinte sie vom Fluss her einen kühlen Hauch zu spüren, der sie erschauern ließ, so dass sie die Jacke, die sie über den Stuhl gehängt hatte, wieder anzog. Ihr Blick musste ebenfalls auf einmal anders geworden sein, denn Waltraud schaute sie besorgt an und fragte in ihrer direkten Art:

„Was ist los mit dir? Entweder bist du verliebt oder dich quält ein anderer Kummer.“

Die zweite Begegnung im Ratssaal

Kurz nach zwölf drückt Rosemarie am nächsten Tag wie selbstverständlich die Klinke zum Großen Ratssaal. Gleichzeitig hat sie ein bedrückendes Gefühl im Magen. Niemand ist zu sehen, als sie die Tür öffnet. Sie kann es nicht glauben, drückt die Klinke zum Kleinen Ratssaal nebenan. Das Licht fällt breit durch das große bemalte Fenster mit dem Rankenmuster. Da ist er! Warum klopft ihr Herz so sehr, als sie seine grünliche Jacke mit dem Wollkragen sieht und seinen dunklen Haarschopf über der Stirn? Sie ist doch keine Teenagerin mehr. Sie schämt sich. Er sitzt da auf einem der gepolsterten Stühle und hat ein Büchlein auf dem Schoß, in dem er blättert. Als sie nähertritt, zeigt er ihr den Titel, als sei nichts gewesen:

„Nicht der Weisheit letzter Schluss“, sagt er, „Aphorismen von einem Freund, der schreibt.“

Wieder, als hätten sie sich nie getrennt.

Sie kommt sich fast verschlagen vor, als sie fragt:

„Haben Sie viele Freunde?“

Er schaut sie an, ein wenig erstaunt.

„Wie kommen Sie darauf?“

Sie gibt sich einen Ruck, als sie meint:

„Gestern haben Sie auch einen Freund getroffen.“

Erstaunt zieht er seine dunklen Augenbrauen hoch.

„Ach, spionieren Sie mir nach?“

Sie versucht nun abzulenken:

„Hat der Freund von gestern diese Aphorismen geschrieben?“

„Nein, nein! Hören Sie sich das einmal an!“

„Unsere Gesellschaft in Deutschland kann man einteilen in 3% Strippenzieher, 17% Bedarfsdecker, 70% Schnäppchenjäger und 10% Traumtänzer. Eine Erneuerung kann nur von den Traumtänzern ausgehen. Wenn es ihnen gelingt, die Schnäppchenjäger für ihre Ideen zu gewinnen und dann den Strippenziehern Zügel anzulegen. Den Bedarfsdeckern müssen sie helfen oder sie davon überzeugen, dass ihr Bedarf längst gedeckt ist.“

„Na, was sagen Sie dazu?“

„Ich müsste länger darüber nachdenken.“

„Der Freund von gestern hat das zwar nicht geschrieben, aber es trifft voll und ganz seine Überzeugung. Deshalb verstehen wir uns auch so gut.“

„Das sah man.“

Nun schaute er ihr zum ersten Mal an diesem Tag voll ins Gesicht. Seine Miene begann sich zu verändern. Als habe er plötzlich völlig auf privat umgeschaltet. Als beginne er in ihren Augen zu lesen. Als wenn er es gelernt hätte. Eifersucht und ein banges Fragen las er da. Sie hatte ihn im Oriente beobachtet. Wie er Serafiniak begrüßte. Den er seit vielen Jahren kannte und schätzte.

Er nahm ihre Hand und ließ sie wieder über einen Stuhl auf einen Tisch steigen, stieg hinterher, führte sie zu einem Gemälde mit dem Titel „Paradiesmorgen“.

„Keine Sorge! Wir können so weitermachen wie bisher. Am besten setzen wir uns vor dieses Bild. Dann können wir in Ruhe in seine Atmosphäre eintauchen.“

So weitermachen wie bisher. Was sollte das heißen? In was geriet sie da hinein?

Nun saßen sie beide wie selbstverständlich im Schneidersitz vor einem Gemälde, das von einem ganz besonderen Licht erfüllt war.

„Sehen Sie,“ führte er seine Führung für Rosemarie fort, „hier ist das Licht am schönsten. Ein paar helle Wolken gehören zum Blau des Himmels. Und das unschuldige Licht leuchtet auch in den Wipfeln der Bäume. In den Palmen so, als sei es dort immer gewesen. Die beiden nackten Gestalten sitzen und schauen, unterhalten sich vielleicht. Das Dunkel unter den Bäumen und im Vordergrund dient nur dazu, den Glanz der Helligkeit noch größer werden zu lassen. Es herrscht eine absolute Stille. Friedvolle Stille.“

Nun blättert er kurz wieder in dem Büchlein mit den Aphorismen, dann reicht er es ihr und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle.

„Hier! Lesen Sie das einmal! Ist das nicht ein schöner Satz?“

Sie liest:

„Im Blick entsteht die Sehnsucht nach der Haut des anderen, im Hautkontakt die Suche nach der Tiefe seines Auges.“

Warum zeigt er ihr diesen Satz? Sie schauen sich an.

„Kann ich Sie bitten, diesen Satz laut zu lesen?“

Sie schüttelt den Kopf. Was denkt er sich eigentlich?

„Darf ich Ihnen denn den Satz laut vorlesen?“

„Wenn Sie unbedingt wollen.“

Während die Worte langsam wie eine eindringliche Bitte aus seinem nie einen ironischen Hauch verlierenden Mund klangen, war es ihr, als fühle sie seinen Schnurrbart auf der Haut ihrer Schlüsselbeinknochen. Das rief ein seltsames Frösteln hervor. Sie meinte, sich an seiner Lederjacke wämen zu müssen, widerstand aber diesem Gedanken.

„Da sitzen die beiden in diesem ungewöhnlichen Licht. Über was unterhalten sie sich wohl?“ meinte er und sah sie von der Seite an. Sie sah noch immer die Erinnerung an Bergwanderungen in seinen braunen Augen. Das Schelmische aber war etwas anderem gewichen, was mit ihr zu tun haben musste.

„Sie reden überhaupt nicht“, sagte sie schnell, um die entstehende Stille zu überbrücken.

„Du hast Recht. Sie schauen sich nur an.“

Er hatte sie geduzt. Unverschämtheit! Wunderbar!

„Auf der Suche nach der Tiefe des Auges.“

„Was auch immer das heißt.“ Sie versuchte ihrer Stimme eine Kessheit zu geben, die sie nicht hatte.

„Du weißt genau, was das heißt.“

„Woher willst du das wissen?“

Nun hatte sie ihn auch geduzt. Unglaublich!

Die Wanderung

Die Kirche in Herkenrath

Marlies war die Dritte im Bunde. Sie arbeitete ein paar Zimmer weiter, im Standesamt. Sie kannte das Bergische Land wie ihre Westentasche, war die Organisatorin für ihre gemeinsamen Wanderungen. Heute starteten sie auf dem Parkplatz neben dem weißgetünchten romanischen Turm der Kirche in Herkenrath, wo Marlies auch wohnte.

„Wie schön ist dieser Blick zurück zur Kirche mit dem eigenartigen Fachwerkbau daneben. Was ist das eigentlich?“ fragte Waltraud, als sie auf dem Wiesenweg neben der riesigen Eiche standen und sich umdrehten.

„Es ist die offene Kapelle für eine barocke Kreuzigungsgruppe. Wollen wir nicht ein Foto von uns dreien machen lassen?“ antwortete Marlies. Sie sprach ein älteres Ehepaar an, welches auf der Bank unter der noch unbelaubten Esche saß, und sie posierten alle drei auf dem Weg mit den zwei Fahrspuren, die von den landwirtschaftlichen Fahrzeugen stammten, und mit dem Grasstreifen in der Mitte.

Da standen sie nun nebeneinander, drei ungleiche Freundinnen. Die grazile Rosemarie mit den wirren Locken, die ihr ein Aussehen gaben, als sei sie auf einem Weg, der ihr selber nicht klar war, die kleine Waltraud in ihrer schwarzen Kleidung und dem kernigen gebräunten Gesicht, das sie ein wenig wie eine Südamerikanerin aussehen ließ, und die große Gestalt von Marlies, der man ansah, dass sie intensiv Sport betrieb, regelmäßig, in einem örtlichen Verein.

Nach der Durchquerung des ersten Waldstücks setzten sie sich auf einen Baumstamm auf der großen Wiese dahinter, um den Blick auf das Rheintal mit den Domtürmen zu genießen und den Wald weiter vorne mit den romantischen Dächern von Schloss Lerbach.

„Was auch immer für ein Ekel dein Ex ist, eine Ballonfahrt von dort unten möchte ich ja schon einmal mit ihm unternehmen.“

Marlies reichte Rosemarie den Deckel der Thermoskanne, der ihnen zugleich als Tasse diente, und den sie mit heißem Tee gefüllt hatte.

Innerlich schrak Rosemarie zusammen. Sie versuchte, ihrer Stimme einen beiläufigen Ton zu geben, als sie erwiderte:

„Wie kommst du jetzt darauf?“

„Naja, die Frau des Bürgermeisters hat mir gerade davon vorgeschwärmt.“

„Willst du Karriere machen und verkehrst nun mit Bürgermeisters?“

Waltrauds Frage wurde durch das Blitzen ihrer weißen Zähne ihrer Schärfe entkleidet.

„Quatsch!“ meinte Marlies „Habe ich euch denn noch nicht erzählt, dass wir zusammen im Turnverein sind? Und nach dem Turnen gehen wir öfters zu dem Biergarten an der Kirche. Von dort hat man diesen wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang. Und dabei und einem frischen Bier lösen sich die Zungen.“

„Und sie hat also eine Ballonfahrt mit Rosemaries Ex unternommen? Was sagst du dazu, Rosi?“

„Ja, und stellt euch vor. Da hat sich sogar noch mehr getan. Es scheint regelrecht zwischen ihnen gefunkt zu haben. Die Ehe mit dem Bürgermeister war ja sowieso schon im Eimer. Das war ja bekannt. Am tollsten finde ich aber, dass sie demnächst sogar kandidieren will, als eigene Bürgermeisterkandidatin, stellt euch das mal vor!“

„Ja, Vollprecht und seine Ballonfahrten! Er wusste schon immer die luftigen Höhen auszunutzen.“

Als sie im Schlosspark die Wiese betrachteten, von wo die Fahrten zu starten pflegten, entschlüpfte Rosemarie diese Bemerkung, woraufhin ihre Freundinnen sie ratlos anschauten.

Auf dem Rückweg stiegen sie durch den merkwürdigen Hohlweg mit seinen üppig blühenden riesigen Kirschbäumen bergan.

„Hier kann man sich den Überfall auf den Erzbischof Engelbert gut vorstellen. Ihr kennt die Geschichte. In einem Hohlweg bei Gevelsberg, heißt es ja. Ein bisschen unheimlich, so zwischen zwei steilen Wänden, findet ihr nicht?“

Rosemarie fühlte sich bedrückt, nicht wegen des Wegs, sondern weil sie immer noch an die Ballonfahrt denken musste, und vor allem an diese andere Ballonfahrt, die eine Wende in ihrem Leben ausgelöst hatte.

Die Rochuskapelle

Bald gelangten sie zu den frisch getünchten weißen Quadraten und den glänzend schwarz gestrichenen Holzbalken der Rochuskapelle mit ihren grünen Fensterläden und der eisenbeschlagenen roten Tür. Auf der Bank unter den mächtigen Linden waren sie in eine andere Zeit versetzt, obwohl wenige Schritte weiter über die Straße nach Herkenrath unablässig der Verkehr rauschte.

Ihre Blicke ruhten wieder auf dem Dunst der Rheinebene, während sie in die mitgebrachten Butterbrote bissen und der Deckel der Thermoskanne seine Runde machte.

„Das Schloss sieht man von hier aus nicht. Aber vielleicht sehen wir ja einen Ballon steigen. Heute ist das richtige Wetter dafür“, meinte Marlies.

Da war es wieder. Das Wort Ballon.

„Ich glaube, ich kann nie wieder eine Ballonfahrt unternehmen.“

Die beiden Freundinnen schauten Rosemarie fragend an, als diese stockend zu erzählen begann, von dem Tag, an dem Vollprecht den Bürgermeister und seine Frau zu einer Fahrt eingeladen hatte. Was sie ein wenig erstaunte, aber noch nicht misstrauisch werden ließ. Dann die fehlende Frau des Bürgermeisters. Vollprecht hatte offensichtlich den Bürgermeister angerufen, dass sie nicht mitkommen könne. Es seien dann zu viele Personen im Korb. Er hatte es mit der besonderen technischen Situation des Ballons erklärt, dem zu großen Gewicht der Fahrgäste. Sie erfuhr aber all dies erst jetzt, als sie im Park den Flug vorbereiteten. Viel Arbeit für nur drei Personen. Doch schließlich nahmen sie in dem Korb Platz.

Vollprecht wies ihr den Platz neben dem Stadtoberhaupt zu. Er selber habe ja mit der Technik zu tun. Wie immer die Technik. Mittlerweile war sie schon auf das bloße Wort eifersüchtig. Obwohl es natürlich einen geben musste, der sich darum kümmerte. Von der Logik her einwandfrei. Und wer sollte es anders sein als er? Aber warum musste er, als er die Plätze anwies, auf die Schönheit seiner eigenen Frau anspielen? Sie sah wieder sein Gesicht vor sich, männlich, zielbewusst, das kraftvolle Haar, aber diesen verdächtigen Glanz auf der Stirn, einen Schweißfilm, der nicht durch die Anstrengung der Vorbereitungen zustande gekommen sein konnte. Dafür war er die Arbeit viel zu sehr gewohnt, sein Körper viel zu durchtrainiert.

Als sie während des Fluges an die Reling des Korbs traten, um das Zentrum der Stadt mit Rathaus und Marktplatz genauer in Augenschein zu nehmen, trat er hinter sie und umarmte sie beide, als fasse er sie zusammen. Und als sie sich umdrehten, hatte er seinen Fotoapparat in der Hand, wollte sie und tat es dann auch, als Paar ablichten, als gehöre er gar nicht dazu. Ihr kam eine ähnliche unangenehme Szene in den Sinn, während eines Polizeifestes, bei dem auch der Bürgermeister anwesend war. Damals hatte sie auch schon einmal das Gefühl, er wolle sie verschachern. Und das deutliche Stutzen des Bürgermeisters, als ihr Mann, mein Ex, nein Vollprecht, ich kann ihn nur noch so nennen, von dem Galaessen in Schloss Lerbach sprach.

Er bot dem Bürgermeister ein Essen mit seiner eigenen Frau an, mit ihr, mit Rosemarie Vollprecht! In diesem Nobelrestaurant mit Sternekoch, das sich nicht einmal das Stadtoberhaupt so ohne Weiteres leisten konnte. Ein Essen, welches ihm angeblich ein Geschäftspartner geschenkt hatte, bei dem er aber selber leider verhindert sei. Ein wichtiger anderer Termin. Erst das Erstaunen in der Miene des Bürgermeisters, dann ein Funken von aufblinkendem Misstrauen ließen ihn zurückrudern, das Angebot vom Tisch wischen, als unverbindlichen Gedanken darstellen.

„Mehrere Seitensprünge, wahrscheinliche und auch offensichtliche, damit konnte ich gerade noch leben. Aber das hier. Das war das Ende. So, nun wisst ihr es.“

Rosemarie atmetete tief und heftig. Ihre Freundinnen trauten sich nicht, ihr den Arm um die Schulter zu legen.

„Die Seitensprünge, das war es bei mir. Aber so weit wie das….“ Marlies schüttelte den Kopf. „Ekelhaft!“

Dritte Begegnung im Ratssaal

Am Montag nach dem Wochenende, an dem Rosemarie mit ihren Freudinnen die Wanderung unternommen hatten, klagten etliche ihrer Kollegen in der Verwaltung über eine unerträgliche Schwüle. Es war aber nur einer dieser Tage im Mai, an denen die Wärme und der Dunst ein angenehmes Gleichgewicht formen, das zu einer Gelassenheit führt, die nicht als Trägheit gelten muss. Diese Haltung war geeignet, die Menschen einander näher zu bringen, die Akten, die oft zwischen ihnen lagen, in den Hintergrund treten zu lassen, ihnen einen Teil ihrer Wichtigkeitspose zu nehmen.

Am Bock

Rosemarie teilte das Unwohlsein einiger besonders eifriger Arbeitskollegen nicht. Sie erledigte ihre Arbeiten an diesem Morgen mit Lust und Energie, die von Vorfreude auf die Mittagspause gespeist wurden, ohne dass ihr das selber bewusst gewesen wäre. Um zwölf Uhr schienen die anderen noch pünktlicher als sonst die Treppenstufen des Rathauses hinunterzusteigen, um in den umliegenden Restaurants ihre Arbeit eine Zeitlang zu vergessen.

Kaum herrschte die allgemeine mittägliche Ruhe um Rosemarie herum, als sie wie selbstverständlich den Flur, der zum Ratssaal führte, betrat und dann den Ratssaal selber, wo sie die Klinke nach nebenan, zur Intimität des Kleinen Ratssaals, drückte, dessen Tür zum Flur verschlossen war, so dass man ihn nur über den Großen Ratssaal erreichen konnte.

Warmes Licht fiel durch das große Fenster mit der romantischen Schmuckbandrahmung auf die dunkle Wandttäfelung, und die Spiegelung des großen glatten Tischs beleuchtete fast feierlich sein Gesicht im Halbdunkel vor den simulierten Kerzen an dem Deckenleuchter. Die ledergepolsterten Stühle standen davor, als warteten sie auf ein besonderes Ereignis. Seine Stirn leuchtete. Nein, das war nicht der Schweißfilm, den sie so verabscheute. Nicht die Geschäftigkeit, die alles andere in Zweifel zieht, um die eigenen Interessen zu verdecken. Trotzdem entdeckte sie auch in diesen Augen Zielbewusstheit und Kraft.

Einen kurzen Moment lang stieg ein Gefühl des Misstrauens in ihr auf. Woher konnte sie die Sicherheit nehmen, dass nicht alles ein Betrug war? Hatten ihr nicht Vollprechts helle Augen auch lange Zeit Klarheit und Ehrlichkeit vorgetäuscht? Wie er sie beim Klettern an der Wand geführt hatte, die Sicherheit seiner Bewegungen und seine feste Hand. An die Stelle des Kletterns war später das Ballonfahren getreten. Und noch später erst hatte sie verstanden, dass das alles nur Teil des Geschäfts und Mittel zum Zweck war. Damals hatte sie nur überlebt, weil sie in ihrer Freizeit vom Ballett zum Freien Tanz gewechselt war. Aber wer garantierte ihr, dass es dieses Mal, bei diesem Mann, anders war? Die Augen allein konnten ihr keine Sicherheit geben. Aber was sonst? Worte? Diese Worte?

„Ich habe diese Nacht von dir geträumt.“

Kam dieser Satz nicht in tausend Filmen vor, in tausend kitschigen Romanen? Und doch: zusammen mit diesen braunen Augen fand sie ihn unwiderstehlich.

„Du wirst es kaum glauben. Aber der Traum hatte mit diesem Bild zu tun.“

Er deutete auf ein Bild mit hohen Bäumen und zwei Menschengruppen, eine im Licht, eine im Schatten. Wieder stieg sie wie selbstverständlich auf das Polster eines Stuhls, als er darauf zeigte, half ihr auf den Tisch hinauf und stieg hinterher, so dass sie nun nebeneinader in Augenhöhe des Gemäldes standen.

„Es heißt ‚Rebekka am Brunnen’. Rebekka gibt nicht nur den Fremden zu trinken, sondern auch den Kamelen, die sie mitführen. Das ist für Elieser, den Knecht Abrahams, der in dessen alter Heimat auf Brautschau für Isaak geht, das Zeichen. Das hatte er mit Gott als Erkennungszeichen vereinbart. Wenn sie auch den Kamelen zu trinken gibt, ist es die Richtige, die für Isaak bestimmt ist.“

„Und was hast du nun geträumt?“

„Dass du Rebekka bist.“

Er machte eine Pause, als habe er sich vergaloppiert. Fand zurück zu dem Bild:

„Das Bild bewahrt also den schönen Mythos von der Vorherbestimmtheit, ob es sie nun gibt oder auch nicht.“

„Und wer soll da der Bestimmer sein?“

„Gute Frage, wie man heute sagt. Früher war es Gott. Schicksal? Fügung. Ist nicht die Hauptsache, dass wir einfach das Gefühl haben?“

„Hast du es denn?“

„Du etwa nicht?“

Sie streichelt ihm über die Stoppeln auf seiner Wange.

„Du hast mir etwas weggenommen. Das wird mir immer deutlicher.“

„Weggenommen?“

„Etwas, was mir mein Exmann gegeben hat. Leider.“

Er schaut sie fragend an.

„Er gab mir den Verlust der Fähigkeit, den Augen eines anderen zu trauen.“

„Du redest sehr kompliziert.“

„Bin ich aber eigentlich nicht.“

„Ich weiß.“

Nun stehen sie voreinander und schauen sich lange Zeit forschend in die Augen. Sie hört sich erstaunt den –eigentlich unnötigen- Satz sagen.

„Sollten wir nicht dem Reden langsam eine Absage erteilen?“

„Du hast Recht. Aber es sind ja auch nur Rückzugsgefechte.“

„Das hatte ich mir gedacht.“

„Irgendwer hat freundlicherweise diese Decke auf dem Tisch liegengelassen.“

Während sie durchs Fenster hindurch wahrnehmen, wie sich die vorherhige Schwüle zu einem aufziehenden Gewitter ballt, schieben sie –als hätten sie es verabredet- einen der großen Tische gegen die Zwischentür zum Großen Ratssaal.

Aus dem Rausch, in den sie nun eintauchen, werden später in Rosemaries Erinnerung nur Sätze auftauchen wie

„Die zunehmende Sexualisierung unserer Gesellschaft geht einher mit dem Bemühen, sich nicht mehr in die Augen zu sehen.“

oder

„Sexualität ist solange gut, bis sie zu sehr vom Glanz der Augen entfernt ist.“

oder

„Haut und Geruchssinn können das Sehen teilweise ersetzen, solange sie nicht durch Routine und Technik bestimmt werden.“

und dass er noch lachend meint:

„Ein bisschen Technik muss aber sein“ und sie zu sich auf die Decke zieht.

Ihre Hände tauschen nun Signale aus. Ihre grazilen, die im freien Tanz als Vögel im Flug ihre Seele ausdrücken, seine feste, die am Seil den anderen, den Gefährten, führt. Wie Lichtzeichen von Insekten in der Dunkelheit des Regenwalds. Sie folgen einer Dramaturgie, einem versierten Regisseur, dessen Namen sie nicht kennen. Der aber schon seit ewigen Zeiten seinen Dienst versieht. Das Weiche und das Harte. Nein: weich und hart, ja, ja! Weich und Hart. Gerundet, rund und Wechsel, wechsel. Rundum nichts mehr existent. Passen, passen,schweben, schweben, schweben, sinken, sinken tief, tief.

Später, viel später gemeinsam sanfte Grabesruhe, ferner Gruß.

Die ganze, nicht messbare Zeit, hatte eine angenehme Schwüle geherrscht. Die Steine des Rathauses hielten den Atem an. Es hielt die Angestellten in den Restaurants noch fern, in Ehrfurcht und Verwunderung. Später löste sich die Spannung in einem vollen Platzregen. Danach strömten die Angestellten übereilt zurück. Da aber saß Rosemarie längst an ihrem Platz und bereitete eine Pressemitteilung vor, aus dem Diktaphon des Bürgermeisters, nachdem sie seine E-mails gesichtet hatte.

Beim Bürgermeister

Am nächsten Morgen wird Rosemarie zum Bürgermeister zitiert. Früher als sonst ruft er sie an. Sie betritt sein helles Zimmer mit den großen Fenstern zum Marktplatz. Er sitzt nicht wie meistens an seinem Schreibtisch, sondern an dem breiten Tisch aus heiterem Birkenholz, der für Gespräche mit Besuchern vorgesehen ist. Als er ihr den Platz sich selber gegenüber anweist, hat sie sein Gesicht in Augenhöhe vor sich. Das hat er doch noch nie gemacht! Sie fühlt deutlich ihr Herz klopfen.

Wieder fällt ihr die Verschiedenartigkeit seiner Augen auf. Während das linke eine Verkörperung von Leutseligkeit und Wohlwollen ist, drückt die Kälte des rechten Zielstrebigkeit und den unbeugsamen Willen zur Durchsetzung der eigenen Pläne aus, fast wie die Augen von Vollprecht. Nur fehlte dem das linke ganz.

„Sie fragen sich sicher, Frau Vollprecht, ..“

„Selbach, Frau Selbach“, unterbricht sie ihn.

Irritiert hebt er seinen Kopf.

„Wieso….?“

„Ich habe meinen Namen ändern lassen. Ab heute heiße ich wieder Selbach, nicht mehr Vollprecht.“

„Aber wieso…? Na, egal, das geht mich ja eigentlich nichts an. Auf jeden Fall waren Sie ja unsere Sicherheitsbeauftragte.“

Waren? Bei Rosemarie blinken alle Warnlampen auf.

Der Bürgermeister greift nun in eine kleine Schublade unter dem ovalen Tisch und zieht mit spitzen Fingern ein unordentliches Stück Papier heraus. Als sei er vorher darin eingewickelt gewesen, liegt darauf ein farbloser Luftballon. Als Rosemarie ihn sieht, stockt ihr der Atem.

In diesem Augenblick ertönt ein Klopfen an der Tür. Rosemarie schaut sich um und erblickt die hohe, hohle Gestalt im Rahmen.

Als diese ansetzt zum Reden, wird sie vom rechten Arm des Bürgermeisters zurückgescheucht:

„Später, Odenthal! In einer halben Stunde!“

Dabei versucht er mit der Linken den Gegenstand auf dem Tisch zu verdecken.

Odenthal verschwindet lautlos.

Nun nimmt der Bürgermeister ostentativ seine Hand von dem Arrangement auf dem Tisch, das ein wenig an ein Objekt von Beuys erinnert.

„Das hat mir die Putzfrau gegeben. Ihre Miene war vorwurfsvoll und von Ekel verzerrt. Sie fand es im Papierkorb im Kleinen Ratssaal, Frau äh, Frau Selbach

Zuerst schauen die Augen des Bürgermeisters streng, dienstlich, dann beginnt er zu lächeln.

„So war das mit der Sicherheitsbeauftragten aber nicht gemeint, Frau Voll…, äh, Frau Selbach.“

Die Röte, die sich nun schnell auf ihrem Gesicht ausbreitet, scheint ihn vollends zu versöhnen, so dass er das ungewöhnliche Kunstwerk gleich wieder in der Schublade verschwinden lässt und nun laut über seinen eigenen Witz lacht. Erleichtert stimmt Rosemarie in das Lachen ein. Dann fährt er fort:

“Trotzdem möchte ich Ihnen danken für Ihre Arbeit als Sicherheitsbeauftragte. Sie haben den Fremden sicher optimal betreut.“

Rosemarie ist sich nicht sicher, ob das nun pure Ironie ist. In seiner Miene ist davon auf jeden Fall nichts mehr zu erkennen. Und sein Tonfall zeugt nur von Ernst und so etwas wie Erleichterung, als er weiterredet:

„Ich habe gestern im Cafe Oriente ein sehr interessantes Gespräch mit diesem Serafiniak gehabt. Ich muss sagen, er hat mich von vielen Dingen überzeugt. Von vielen Dingen, die zum Wohle der Stadt dienen.“

Meist hieß das, zu seinem Wohle und zum Festzurren seines Amtssessels, wusste Rosemarie mittlerweile.

„Serafiniak zeigte mir den Entwurf einer Broschüre mit unseren schönen Bildern im Ratssaal. Wir müssen ja unsere vorhandenen Schätze bewahren, pflegen und propagieren.“

Jetzt tut er so, als seien das seine eigene Ideen, denkt Rosemarie. So ist es ja immer. Aber egal, die Haupsache, es sind die richtigen.

„Und er hat mich darin bestärkt, dass wir die Stadtmitte bürgernäher gestalten müssen. Dann löst sich das Problem der Sicherheit sozusagen von selbst. Wenn sich nämlich die ganz normalen Bürger dort heimisch fühlen und auch dort aufhalten, nicht nur irgendwelche merkwürdigen Elemente. Und ich bin sicher, dass diese Gedanken und die entsprechenden Maßnahmen auch bei den Bürgern gut ankommen werden.“

Aha, er denkt schon an die nächsten Wahlen, hat nun das Thema Bürgernähe in der Innenstadt als Wahlkampfthema entdeckt.

„Dazu gehören Bänke auf dem Markplatz, mit Lehne selbstverständlich, da unsere Einwohner ja immer älter werden. Dazu gehören überdachte Treffpunkte, die man auch bei Regen benutzen kann. Und unsere Stadt wird vielleicht einmal das Modell einer neuen Konzeption von Innenstadt werden. Serafiniak hat übrigens einen ganzen Kreis, der diese Gedanken unterstützt. Bisher war ich diesem Kreis gegenüber sehr skeptisch. Aber die, die ich kennengelernt habe, machten einen recht sympathischen Eindruck. Einer war übrigens nicht dabei. Von ihm wurde aber gesprochen. Ein Fremder, der den merkwürdigen Namen Rafael trägt. Das ist wohl sein Nachname, nehme ich an. Von ihm war die Rede als von einem, der ständig neue kreative Ideen von sich gibt. Er muss ein alter Freund von Serafiniak sein, obwohl er wesentlich jünger als dieser ist. Und er ist wohl auch der Mensch, der in der letzten Zeit immer um das Rathaus, beziehungsweise im Rathaus herumschlich. Aber das wissen Sie ja wohl besser, Frau … Selbach.“

Wieder gewahrte Rosemarie ein kleines Lächeln im Gesicht ihres Vorgesetzten, das sie als anzüglich empfand. Doch war es ihr mittlerweile egal

„Ich würde mich freuen, wenn Sie bereit wären, in Zukunft meine Kontaktperson, um nicht zu sagen, Beraterin, wären, in Bezug auf diesen Rafael und Serafiniak sowie seinen ganzen Kreis. Das dürfte ja auch ganz in Ihrem Sinne sein, oder?“

Er ist ja wie umgewandelt, mein Chef, kämpferisch, zukunftsgewandt. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass er sich von seiner Frau getrennt hat, geht es Rosemarie durch den Kopf. Als er sich mit Handschlag von ihr verabschiedet (Das ist auch neu!), meint sie ein ungewohntes Gleichgewicht der beiden Augen in seinem Gesicht zu bemerken.

Auf dem Weg zu ihrem Büro kommt ihr Odenthal entgegen. Ein Mann in seinem Gefolge, der ihr das Blut in den Adern erstarren lässt: Vollprecht.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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1 Kommentar

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  1. Man sieht die Personen vor sich, so treffend sind sie beschrieben. Und die Geschichte
    selbst beschreibt, wie oft und zu welchem Zweck/Selbstzweck gehandelt und ver-
    waltet wird, wenn die Amtsträger einmal im Amt sind.
    Hoffnungsträger sind die trotzdem im Hintergrund agierenden wie Serafiniak mit
    Rafael, wenn sie dann den Amtsträgern ins Konzept passen,