Anita Rick-Blunck ist Kandidatin der FDP für den Landtag und hat sich den Vortrag von AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen im Bergischen Löwen angehört – und zieht im folgenden Gastbeitrag ihre eigenen Schlüsse.

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Anita Rick-Blunck

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen kam gestern nach Bergisch Gladbach – ich war da. So, wie ich es angekündigt hatte – mit vorsorglicher Begründung: Dass ich mir selber einen Eindruck verschaffen wolle – von dem vermeintlich Gemäßigten innerhalb dieser Partei; von dem, was er in Worte fasst … und was er zwischen den Zeilen sagt. Und von denen, die im Saal sind … und die womöglich DIE wählen und nicht uns oder eine der anderen „etablierten“ Parteien.

Herr Meuthen hat viele Sätze gesagt, die die Reaktion auslösen: Da hat er einfach Recht! – Aber er hat mehr getan: Er hat daraus eine Geschichte gebraut, die er seinen Zuhörern erzählte, der sachliche Herr Professor. – Eines seiner Leitmotive war der sportliche Vergleich: Die AfD ist SCHNELLER als die Grünen auf politische Touren gekommen, hat sich ERFOLGREICHER als jede andere Nachkriegspartei auf dem politischen Parkett etabliert. So seine Aufzählung, mit der er suggeriert: WIR sind die Sieger, IHR steht nicht auf der Verliererseite. Jede genannte Wegmarke wird eifrig beklatscht: Wir wollen noch mehr … Der sportliche Ehrgeiz ist geweckt.

Wir sind die Guten – eine weitere Botschaft, die durchdekliniert wird; wer hört sie nicht gerne! – Der „Kanzlerdarstellerin“ und all den anderen mit ihrer „Wünsch-Dir-was-Politik“ unterstellt er als Ziel nichts Geringeres als die „Abschaffung Deutschlands“; dass sie ihrem Versprechen nicht gerecht würden, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden“.

Dagegen anzukämpfen ist doch buchstäblich Ehrensache … für die „einzige freiheitliche Kraft AfD“. Die Politik in Deutschland müsse auf den „Weg des gesunden Menschenverstands zurück“ – durch die Partei, die den Menschen wieder eine „Heimat, eine neue politische Heimat“ gibt. „Die Menschen haben auf eine neue Kraft sehnlichst gewartet.“ Die AfD als der Messias unter den Parteien – das ist die Botschaft.

Meuthens Gretchenfrage: Und wie stehst Du zur AfD?

Beim Thema Flüchtlinge wird der Saal munter. „Wir machen uns weltweit lächerlich“ zielt er wieder auf das Selbstbewusstsein. Aber nicht nur: „Massive Leistungseinschränkungen für die deutsche Bevölkerung“, „ungeheure Sozialkostensteigerungen“ und „horrende Steuererhöhungen“ – so seine Folge-Szenario der bisherigen Flüchtlingspolitik. Und – mit Bezug auf die Kölner Silvesternacht: „Wir werden diesen Preis nicht nur mit Geld bezahlen.“ „Unser vertrautes Deutschland ist in Gefahr“. „Es droht selbstverständlich eine Gefahr der Islamisierung in Deutschland“, bei der man sich fragen muss „ob das eigentlich noch Deutschland ist“. Wenn DAS der GEMÄSSIGTE Ton der AfD ist …

„Konservativ, freiheitlich, patriotisch“ – so der „Dreiklang“, für den die AfD steht. Meuthen betont die „innige Verbindung zum Vaterland“ derer, die „wissen, was sie dem Vaterland zu verdanken haben“. AfD – das steht nun für „Aufklärung für Deutschland – die AfD als DIE neue freiheitliche Partei. Das spricht der Definition von „Aufklärung“ Hohn: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Sah Kant als Wahlspruch der Aufklärung.

Was hier jedoch vorgeführt wird ist eine Simplifizierung, die alles andere ist als aufklärerisch. Diese drastische Reduktion der Komplexität unserer komplexen Welt bietet keinerlei Lösungen – sie saugt jede Unzufriedenheit auch aus den Reihen des Publikums auf und verrührt sie zu einem großen Einheitsbrei von einer schlechten Welt: „Es wäre noch so viel zu sagen, was alles schiefläuft in diesem Land! Nehmen Sie …“ … und wieder beginnt die endlose Aufzählung. „Deutschland verspielt gerade alles, was es aufgebaut hat.“ „Die Menschen verstehen es zu weiten Teilen noch nicht“ … so z.B. neulich einige „Jung-FDPler“. Aber die „Partei des gesunden Menschenverstandes“ wird Deutschland „so erhalten, wie wir es gewohnt sind.“

Anhänger und Gegner der AfD – eine Fotoreportage

Das buchstäblich verantwortungslose Schüren von Staatsverdrossenheit, von (Zukunfts)Angst als Erfolgsrezept – und das in einer Zeit, wo unsere Wirtschaft gegen jeden Trend boomt, wo die Arbeitslosigkeit auf einem historischen Tiefstand angelangt ist und wo die Kauflaune (als Zeichen des Optimismus) im Schlapptau steigender Löhne blüht. Das hat nur ein Ziel: Die Menschen kleiner zu machen, weil erst die Angst dazu führt, nach einfachen Lösungen zu suchen und nach den starken Männern zu rufen.

Eine liberale freiheitliche Partei traut den Menschen etwas zu, will sie stärken und größer machen. Sie appelliert an ihre Kreativität, an ihre Leistungsfähigkeit und an ihren Mut. Sie hat positive Botschaften, statt nur immer wieder ein negatives Bild von der Welt zu zeichnen. Sie geht davon aus, dass die Menschen selber am besten wissen, was gut für sie ist, statt den „gesunden Menschenverstand“ für sich zu reklamieren. Sie HAT Lösungen, nicht immer nur eingängig leichte. (Auf Lösungen wartet man bei Meuthen vergeblich, selbst bei der ursprünglichen Kernfrage des Euro-Ausstiegs bleibt er auf Nachfrage den konkreten Ansatz schuldig.)

Freiheitlichkeit zeigt sich besonders im Umgang mit Minderheiten, mit der Meinung derer, deren Meinung man nicht teilt. – Exemplarisch dazu: Da werden die (friedlichen) Demonstranten vor der Tür des Bergischen Löwen als die „Krakeeler da draußen“ bezeichnet. Einem Zwischenrufer im Saal schlägt eine Welle der Aggression entgegen, als er fragt, wie Meuthen denn mit den „Nazis im Osten“ umgehen wolle. „Welche Nazis?“ ist der empörte Schrei aus dem Saal. Bis zum Ende wurden mit keinem Wort „die Nazis im Osten“ oder die Vorfälle am Vortag in Dresden erwähnt. Beklagt hat Meuthen jedoch ausdrücklich die Verrohung der Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft, die sich in aggressivem Verhalten seiner Partei gegenüber ausdrücke (WIR sind die Verfolgten …).

Gerade die unterschiedlichen Bilder von Dresden zeigen, was eine wahrhaft liberale Partei von dieser hier unterschiedet: Bunte Luftballons vor der Frauenkirche als einem Symbol des Glaubens an die positiven Kräfte im Menschen – gegen die Aufmärsche roher Gewalt und destruktiver Parolen, von der sich die AfD nicht distanziert.

DAS ist unser Dresden

Christian Lindner sagte kürzlich, man müsse die Anhänger der AfD ernstnehmen, denn sie meinten es ernst. Man kann sie in der Tat nicht ernst genug nehmen, gerade dann, wenn sie sich als Wolf im Schafspelz präsentieren und uns mit besagtem „gesunden Menschenverstand“ und Heimat-Feeling kommen. In all den Punkten, wo die AfD „eigentlich recht“ hat, müssen wir erklären, warum das nur „eigentlich“ so ist und wie wir diese Probleme wirklich lösen wollen und besser lösen können. Und wir müssen unsere Kollegen in den anderen Parteien überzeugen, das auch zu tun, ob mit oder ohne uns.

Politik ist der Ort, wo wir uns darauf verständigen, wie wir mit einander leben wollen – das ist ein mühsamer Weg, den wir gemeinsam gehen müssen und für den es keine einfachen Abkürzungen gibt. Aber wir leben nicht in einer Zeit der Märchen, wo das Wünschen noch geholfen hat.

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Anita Rick-Blunck

FDP Vorsitzende Bergisch Gladbach

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3 Kommentare

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  1. Hallo Herr Murat,

    Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich in der Rolle als fragender Gast (dazu nach der obligatorischen Vorstellung geoutet als FDP-Vorsitzende) die Möglichkeit gehabt hätte, auf Augenhöhe eine Debatte über kritische Sachpunkte zu führen! Das konnte man doch schon bei der Frage des Herrn mit SPD-Background beobachten. – Meine – auch so erklärte – Absicht für diesen Besuch war es, mir ein eigenes Bild zu machen. Und wenn ich von nötigen Auseinandersetzungen spreche, dann meine solche, wo man die Chance hat, Dinge auch auszudiskutieren. Nicht jedoch: Als Stichwortgeber für eine hämische Retourkutsche ohne jegliche Möglichkeit zur Replik.

    Anita Rick-Blunck

  2. Liebe Frau Rick-Blunck, als Landtagskandidatin der FDP müssten Sie doch die Qualifikation besitzen der AfD bei einer solchen Gelegenheit Paroli zu bieten. Sie möchten die politischen Anliegen von Bürger und Bürgerinnen vertreten, erklären öffentlich und wortstark die Teilnahme an der Veranstaltung und haben dann nicht den Mut Herrn Meuthen konkrete Fragen z.B. zur Wirtschafts/Steuer/Rentenpolitik zu stellen? An jeder Ecke hört man den Ruf, dass sich die “etablierten” Parteien inhaltlich mit der angeblichen Unfähigkeit der AfD auseinandersetzen sollen. Sie “entlarven” sollen. Und welche “etablierten” Politiker machen das? Sie veröffentlichen lediglich eine Zusammenfassung der Veranstaltung mit ihren persönlichen Eindrücken. Mit Verlaub, aber das ist nicht die politische Auseinandersetzung, die sich Wähler und Wählerinnen in diesen Zeiten mit Recht wünschen.