Schulen wie hier die GGS an der Strunde erfüllen immer mehr Aufgaben, die Schulgebäude sind aber nicht unbegrenzt erweiterbar

Die Stadt legt einige kurz- und mittelfristige Maßnahmen auf, um mehr Kita- und OGS-Plätze zu schaffen. Das Thema habe höchste Priorität, alle Beteiligten arbeiteten unter Volldampf, sagt Bürgermeister Lutz Urbach. Und dennoch wird es nicht reichen. 

2004 gab es in Bergisch Gladbach 251 Plätze für die Nachmittagsbetreuung von Grundschülern in den sogenannten Horten. Acht Jahre später waren es schon 2.464 Plätze in den Offenen Ganztagsschulen (OGS). Doch dann flachte das rasante Wachstum ab – der Bedarf stieg aber immer weiter. 

Das Ergebnis: In Bergisch Gladbach fehlten im vergangenen Sommer 160 OGS Plätze, im nächsten Schuljahr werden es voraussichtlich rund 200 sein.

Ähnlich schlecht sieht es bei der Versorgung mit Kita-Plätze aus: hier fehlen (wie berichtet) zum Spätsommer 359 Plätze; auch das ist noch einmal deutlich mehr als im Vorjahr. 

Ein Notstand, der von den betroffenen Eltern seit Jahren laut beklagt, vom Stadtrat kritisiert und auch von der Verwaltung längst erkannt worden ist. Aber noch lange nicht behoben ist.

Geld spielt keine Rolle

„Es ist einfach die Lebensrealität, dass immer mehr Familien Betreuungsbedarf haben – das ist gerade auch in Bergisch Gladbach der Fall”, konstatiert Bürgermeister Lutz Urbach. Diese Aufgabe habe „höchste Priorität”, die gesamte Verwaltung stelle sich ihr mir hohem Engagement. 

Unter der Leitung von Urbach tagt regelmäßig ein „Kinderbetreuungsgipfel”, in dem alle relevanten Fachbereiche vertreten sind. Dieser Taskforce hat in den vergangenen Monaten eine Reihe von kurzfristigen Maßnahmen entwickelt, die Urbach jetzt gemeinsam mit Beate Schlich (Jugend und Soziales), Ko-Dezernent Bernd Martmann (Hochbau und Immobilienbetrieb) und Frank Stein (Finanzen) vorstellte. 

Bürgermeister Lutz Urbach im Gespräch. Foto: Archiv/Motivfilm

Große Hoffnung auf eine schnelle Besserung besteht jedoch nicht.  Fast alles, was kurzfristig möglich ist, wie die Überbelegung von Gruppen oder die Nutzung vorhandener Räume, ist bereits im vergangenen Jahr abgearbeitet worden. Alle weiteren Maßnahmen bestehen aus Bauprojekten – und die benötigen Zeit und Raum.

Geld, das stellte Kämmerer Stein klar, ist kein Problem. Der Mangel an Grundstücken dagegen ein großes. 

Nur für das Protokoll verrät der Kämmerer, wieviel Geld die Stadt für die Kinderbetreuung aus dem eigenen Etat bezahlt: für die Kitas 12,2 Millionen Euro, für die Tagespflege 1,9 Millionen, für die OGS 1,5 Millionen Euro. Alles in allem also 15,6 Millionen Euro. 

Rechnet man dann noch die Elternbeiträge und Landeszuschüsse hinzu, dann kommt man auf einen Gesamtbetrag von 50 Millionen Euro. 

Die Lage bei den Kindergärten

Über 4157 Plätze in 66 Kindergärten wird die Stadt Bergisch Gladbach zum Kita-Jahr 2018/2019 verfügen, davon 981 im u3-Bereich, 230 in der u3-Tagespflege und 2936 in der ü3. Eine Zahl, die seit dem Tiefpunkt 2012 Jahr für Jahr deutlich ausgebaut worden ist.

Der Bedarf ist allerdings deutlich schneller gewachsen; die Quote der Eltern, die ihre Kinder betreuen lassen wollen, wächst kontinuierlich. Viele Familien, so Urbach, könnten sich das Leben im teuren Kölner Ballungsraum – und damit auch in GL – nicht leisten, wenn nicht beide Eltern arbeiten und dafür ihre Kinder in eine frühzeitige und lückenlose Betreuung geben können. 

Neue Plätze entstehen aktuell nur an zwei Orten, die beide zudem im Bezirk 2/3 liegen, der als einziger bereits gut versorgt ist (siehe unten): 

  • In der Evangelischen Kita Quirlsberg werden durch einen Umbau der ehemaligen Spielgruppenräume 20 ü3-Plätze geschaffen, die ab Juni bereit stehen sollen.
  • In der AWO Kita Rheinhöhenweg werden bis August 20 ü3-Plätze durch einen Umbau eingerichtet. 

Diese 40 Plätze bereits eingerechnet fehlen, gemessen an der festgelegten Betreungsquote, aktuell die genannten 377 Kita-Plätze.

Hinzurechnen müsste man eigentlich noch die rund 120 Plätze, die allein durch Überbelegungen in einzelnen Einrichtungen entstanden sind. Damit liegt das strukturelle Defizit aktuell bei 500 OGS-Plätzen, bei steigendem Bedarf. 

Davon sind die Stadtbezirke unterschiedlich betroffen:

  • Im Bezirk 1 (Schildgen, Katterbach, Nussbaum, Paffrath, Hand) fehlen 145 Plätze.
  • In den Bezirken 4 und 5 (Herkenrath, Asselborn, Bärbroich, Lückerath, Bensberg, Bockenberg, Kaule, Moitzfeld) fehlen insgesamt 187 Plätze.
  • Im Bezirk 6 (Refrath, Alt-Refrath, Kippekausen, Lustheide, Frankenforst) fehlen 61 Plätze.

Nur in den Bezirken 2 und 3 (Stadtmitte, Hebborn, Heidkamp, Gronau, Romaney, Herrenstrunden, Sand) wird der Bedarf gedeckt, hier sind es sogar 16 Plätze „zuviel”. 

Neue Maßnahmen bei den Kindergärten

Kurzfristig ist die Eröffnung eines weiteren Waldkindergartens im Rittersteg in Refrath geplant. Bereits in diesem Sommer könnte das 18 neue Plätze bringen. 

Nicht ganz so kurzfristig, aber beschlossen und geplant sind zwei Kita-Neubauten, deren Eröffnung aber erst im August 2019 zu erwarten ist:

  • Im Bezirk 1 das Stadtteilhaus mit Kita  im Hermann-Löns-Viertel mit 14 u3-Plätzen und 44 ü3-Plätzen
  • In Bezirk 6 die Kita Schlangenhöfchen mit 22 u3-Plätzen und 51 ü3-Plätzen. Hier hätten eigentlich Container aufgestellt werden sollten, dieser Plan ist aber an Einwänden des Landschaftsverbandes gescheitert. 

Mittelfristig will die Stadt drei Kindergärten neu bauen, alle drei im Problembezirk 5, die aber alle erst 2020 fertig werden können:

  • In Ortsteil Kaule in der Straße Broichen  ist seit 2014 eine Kita mit 58 Plätzen geplant; dafür muss jedoch das alte Forsthaus gekauft werden, das zudem noch von Mietern bewohnt ist. 
  • Ebenfalls in Kaule an der Kreuzung Reiser / Im Mondsröttchen soll eine Kita mit 73 Plätzen entstehen. Dieses Grundstück gehört zwar der Stadt, doch bislang standen hier Wohnhäuser, die erst jetzt frei wurden. 
  • In Lückerath in der Karl-Philipp-Straße wird eine kleine Kita mit 20 Plätzen eingerichtet. Dafür werden Räume genutzt, die bislang von der OGS belegt sind.

Warum das mit den Kita-Plätzen so langsam voran geht

Für die Versorgung mit einem Kitaplatz haben die Eltern einen Rechtsanspruch. Damit gehört der Ausbau zu den Pflichtaufgaben der Kommune, die Finanzierung ist (auch dank reichlicher Landesmittel) kein Problem. 

Der Engpass liegt bei den Grundstücken. Ein normaler Kindergarten mit drei Gruppen und Außenanlagen benötigt eine Fläche von etwa 2000 Quadratmetern. Davon sind nur sehr wenige in Bergisch Gladbach überhaupt verfügbar. Und die wiederum sind für die Stadt oft nicht bezahlbar; Angebote inklusive Abrisskosten von vier Millionen Euro kann die Stadt aus Gründen der Wirtschaftlichkeit. 

Hinzu kommt, dass viele Eigentümer angesichts niedriger Zinsen ihre Grundstücke nicht verkaufen wollen. Urbach berichtet, dass er in diesen Fällen selbst zum Telefon greift und mit den Besitzern redet. Bislang immer ohne Erfolg. „Die Bereitschaft, Grundstücke für Gemeinschaftszwecke – und nicht für lukrative Wohnungsbauprojekte – abzugeben, ist einfach nicht da”, konstatiert der Bürgermeister. 

Das ist für ihn ein weiterer Grund, für den Flächennutzungsplan zu kämpfen: Ein neuer FNP könne für mehr Spielraum sorgen. Ein großzügig bemessener FNP würde zwar auch zu mehr Kindern führen, aber dem könne man begegnen, erläutert Immobilien-Fachmann Bernd Martmann: Indem man den Bauträgern vorschreibt, Kindergärten zu bauen und indem man insgesamt mehr Gemeinbedarfsflächen einplant – was in den vergangenen Jahrzehnten versäumt wurde. 

Jede OGS ist an eine GGS gekoppelt. Eine große zentrale OGS soll es in Bergisch Gladbach nicht geben

Die Lage bei der Offenen Ganztagsgrundschule (OGS)

Zwar gibt es bei der OGS keinen Rechtsanspruch, dennoch ist die Stadt entschlossen, so viele Plätze zu schaffen, wie von den Eltern nachgefragt werden. Davon ist sie aber weiter entfernt denn je. 

2906 OGS-Plätze kann die Stadt zum neuen Schuljahr anbieten. Bei 4032 Kindern im Grundschulalter wird damit ein Versorgungsgrad von 72 Prozent erreicht. Nicht schlecht, vor allem angesichts einer Quote von 44 Prozent in ganz NRW.

Aber nicht gut angesichts der Wünsche der Eltern. Denn die würden, dass ergab eine Befragung zu 83 Prozent einen OGS-Platz. Weitere neun Prozent hätten gerne eine Übermittagsbetreuung.

Das mag den tatsächlichen Bedarf etwas überzeichnen. Dennoch geht die Stadt davon aus, dass realistischerweise 200 Plätze fehlen. 

Maßnahmen im Bereich der OGS

Bei allen OGS-Ausbauten besteht das zusätzliche Problem, dass eine OGS immer an eine Grundschule gebunden ist. Die Einrichtung einer großen, zentralen OGS, lehnen die Experten in der Verwaltung unisono ab: aus pädagoischen und praktischen Gründen. Eine Verwahranstalt mit Kinderverschickung werde es nicht geben. 

Daher bleibt nur der Um- und Ausbau bestehender Grundschulen. Die aber stehen auf begrenzten Grundstücken – und sind in den letzten Jahren bereits durch Inklusion, Integration und Differenzierung stark in Anspruch genommen worden. Zwar werden mehr und mehr Räume sowohl für den Normalbetrieb der Grundschule und für die OGS genutzt, aber auch das geht nur begrenzt, viele Schuldirektoren haben Vorbehalte. 

Ein weiterer Engpass ist die Essensversorgung: Selbst dort, wo schon Mensen gebaut werden, müssen die Kinder häufig in Schichten essen – und das darf sich nicht zu weit in den Nachmittag verlagern. 

Zudem müssen alle Maßnahmen von den betroffenen Schulen akzeptiert werden; zum Teil befürchten Schulleiter, dass mit dem OGS-Ausbau eine eigentlich notwendige grundlegende Sanierung oder gar ein Neubau noch länger aufgeschoben wird. 

Die Taskforce der Stadt hat unter diesen Voraussetzungen die fünf Schulen untersucht, bei denen die größten Platzdefizite erwartet werden – und beschreiben folgende Situationen: 

GGS Stadtmitte (An der Strunde): Hier könnten die ehemalige Hausmeisterwohnung umgebaut und der Kreativraum in ein Bistro mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten umgewandelt werden. Der Wirtschaftsraum soll  ein Personalraum werden. Der Naturwissenschaftsraum soll künftig gemeinsam genutzt werden. Damit könnten rund 20 OGS-Plätze geschaffen werden.

GGS Heidkamp:  Der Medienraum könnte umgewidmet werden; das trifft in der Schule aber auf Vorbehalte, weil dieser Raum vielfältig genutzt wird. Eine Mensa ist geplant. Auch hier wäre ein rascher OGS-Ausbau um 20 Plätze notwendig. 

GGS Gronau: Der Treffpunktes im Souterrain soll zusätzlich als Essraum genutzt werden. Eine Erhöhung um ca. 15 OGS-Plätze zum Sommer erscheint möglich. 

GGS Wittenbergstraße: Schulleitung und Träger sehen keine Möglichkeit, ohne einen räumlichen Ausbau der Schule weitere Kinder mit OGS-Plätzen zu versorgen. Hier sind kurzfristig keine zusätzlichen Plätze zu erwarten. Die lange angekündigten Container werden übrigens jetzt angeliefert; damit soll in etwas zehn Tagen ein weiterer Klassenraum zur Verfügung stehen. 

GGS Kippekausen: Hier sind weitere Gespräche notwendig, um ca. 15 weitere OGS-Plätze zu schaffen.

Unter dem Strich stehen 70 neue OGS-Plätze auf dem Papier, es werden aber auch viele Probleme und Vorbehalte in den Schulen deutlich. 

Sollten diese Maßnahmen dennoch rasch umgesetzt werden, dann könnte die Versorgungsquote von 72,07 auf 73,86 Prozent erhöht werden. 

Mittelfristige Maßnahmen in der OGS

Eine echte Verbesserung der OGS-Versorgung ist demnach allenfalls mittelfristig möglich. Daher will die Stadtverwaltung jetzt einen neuen integrierten Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplan für den Primarbereich (Grundschule und Offener Ganztag) entwickeln. Der soll aufzeigen, was mittel- und langfristig benötigt  wird (und gebaut werden muss). 

Dieser Plan, so der Plan, so spätestens im Dezember dem Rat vorgelegt werden. Allerdings, so die Einschränkung, seien für diese Aufgabe personelle Ressourcen notwendig.

Dann ist nicht nur die OGS, sondern auch die Grundschule ein Thema. Noch reichen die Grundschulplätze, aber bei einem weiteren Bevölkerungswachstum könnte sich hier rasch die nächste Lücke auftun. „Es wird in einigen Bereichen schon knapp”, sagt die Fachbereichsleiterin Beate Schlich. 

Der Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplan, so der Plan, so spätestens im Dezember dem Rat vorgelegt werden. Allerdings, so die Einschränkung, seien für diese Aufgabe personelle Ressourcen notwendig.

Nur zwei konkrete mittelfristige Maßnahmen sind bislang geplant: 

  • GGS Heidkamp: Errichtung einer Mensa, mit Möglichkeiten zur Mehrfachnutzung
  • GGS Gronau: Errichtung einer Mensa als Einzelbau oder Container innerhalb von 9 Monaten

Das Fazit

Trotz aller Bemühungen bleibt die Stadt bei der Kinderbetreuung zurück. Zwar gelingt es der Stadtverwaltung nach eigenen Angaben, in sehr vielen Einzelfällen doch noch irgendeine Lösung zu finden. Es passiere aber dennoch, dass Eltern weinend die Amtsstuben verlassen – weil es für ihr Kind keine Betreuung gibt und ein Elternteil womöglich seine Arbeit vorübergehend aufgeben muss. 

Wie er damit emotional umgehe, wird Bürgermeister Urbach gefragt: „Wir arbeiten hier alle unter Volldampf. Irgendwann geht dann einfach nicht mehr. Das müssen wir alle akzeptieren.”

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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