Der „Kinderbus” einer Tagespflegeeinrichtung. Sie ergänzen die Kitas mit 240 Plätzen

So sehr die Stadt auch strampelt, sie schafft es nicht, rasch genug neue Kindergärten zu bauen. Einige Projekte sind in der Pipeline, aber der Bedarf wächst schneller. Rechnerisch werden zum neuen Kindergartenjahr am 1. August bereits für 295 Kinder die Plätze fehlen. Das sind schon 130 mehr als vor einem Jahr. 

Diese Zahlen gehen aus Vorlagen hervor, die die Verwaltung für die Sitzung des Jugendhilfeausschusses am Donnerstag vorbereitet hat (Dokumentation siehe unten).  Außerdem beantwortete sie Fragen des Bürgerportals zu den weiteren Ausbauplänen. 

Zwar sind neue Kindergärten geplant, aber es fehlen Grundstücke und der Entscheidungsprozess zieht sich: die nächsten Einweihungen sind erst für 2019/2020. Immerhin: In Bensberg ist die Verwaltung auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück im eigenen Portfolio fündig geworden.

Realität schlägt alle Prognosen – in fast allen Stadtteilen

Der neuen Babyboom macht sich in fast allen Stadtteilen bemerkbar – die Realität schlägt alle Prognosen. Zum Stichtag 30.6.2017 lebten in der Stadt nicht (wie prognostiziert) rund 5500 Kinder im Alter zwischen vier Monaten und sechs Jahren, in der Realität waren es bereits mehr als 5700.

Hinzu kommt, dass die Kitas Flüchtlingskinder aufgenommen haben und mehr Mütter früher in den Beruf zurückkehren, womit mehr Kinder eines Jahrgangs in die Betreuung drängen. 

Das Ende der Fahnenstange ist damit nicht erreicht. In den Planungsunterlagen heißt es:

„Seit einigen Monaten ist nun erkennbar, dass die tatsächlichen Bevölkerungszahlen erstmals über den Prognosewerten liegen und der Zuzug – auch im Hinblick auf neue Wohnbebauung, die der neue Flächennutzungsplan evtl. möglich machen wird, weiter steigt. Der im März (2017) vom Jugendhilfeausschuss beschlossene Neubau von zwei Kindertagestätten wird nicht auskömmlich sein und die Verwaltung ist darum bemüht, den Weg für mehrere neue Projekte frei zu machen.”

Ein Hase-und-Igel-Rennen, dass die Stadt im Moment immer wieder verliert. Kaum werden neue Kitas (wie zuletzt in Refrath an der Taufe, 58 Plätze) in Betrieb genommen oder erweitert (wie bei der Caritas in Katterbach, 23 Plätze), schon reichen die neuen Plätze nicht mehr, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Zudem fehlt oft das Personal, um die Kinder in den neuen Einrichtungen zu betreuen. 

Insgesamt fehlen bereits jetzt 419 Plätze

Schaut man sich die Zahl der Kinder an und legt die angestrebten Versorgungsquoten an, dann fehlen zum nächsten Kindergartenjahr im August bereits 295 Plätze.

Rechnet man die 124 Plätze hinzu, die in den Einrichtungen zum Teil seit Jahren in Form einer Überbelegung gefahren werden, dann hat die Stadt Bergisch Gladbach sogar 419 Plätze zu wenig.

Im Vergleich mit anderen Städten liegt Bergisch Gladbach im U3-Bereich noch relativ gut, aber gerade hier ist das rechnerische Defizit mit 198 Plätzen besonders hoch. Und genau hier ist eine gute Versorgung wichtig, wenn Frauen früh wieder berufstätig werden wollen.

Besonders viele Plätze fehlen demnach in Hand (146) sowie im Bereich Lückerath, Bensberg, Bockenberg, Kaule (173), in Katterbach und Frankenforst mangelt es an jeweils gut 30 Plätze. In Nussbaum/Paffrath dagegen gibt es momentan eine deutliche Überversorgung (+ 70 Plätze).

Detaillierte Angaben zur Lage in den einzelnen Stadtteilen finden sich in der Anlage 1 ab Seite 12, siehe unten.

Gesamtübersicht der Plätze ab dem 1.8.2018 und Versorgungsquoten auf der Basis der IST Bevölkerung vom 30.06.2017: 

Insgesamt gab es am 30.6.2017 laut Beschlussvorlage in Bergisch Gladbach 5754 Kinder im Alter zwischen vier Monaten und sechs Jahren. Dem stehen am 1.8. 2018 exakt 3805 Plätze in den Kitas zur Verfügung.

Hinzu kommen 240 in der Tagespflege und noch einmal 80 in Spielgruppen. Rechnet man die alle mit ein, kommt die Stadt auf eine pauschale Versorgungsquote von 66,1 Prozent. 

Erst im Oktober 2017 hatte der Stadtrat neue Versorgungsquoten für die verschiedenen Altersgruppen verabschiedet, die den Bedarf (abhängig vom Alter) realistisch widerspiegeln sollen: Für Babys liegt die Quote bei zwei Prozent, bei älteren Kindern dagegen bei 100 Prozent.

Diese Quoten werden aber nur zum Teil erreicht. Eine klare Aussage ist allerdings nicht einfach, weil die Stadt die tatsächlich zur Verfügung stehenden Plätze mit anderen Altersstufen angibt:

Klar ist, dass vor allem bei den Krippenkindern das Ziel deutlich verfehlt wird, bei den unter Zweijährigen bereits um 111 Plätze. Bei den Zweijährigen kommen noch ein minus von 87 hinzu. 

Bei den Kindern über drei fehlen „nur” 97 Plätze. Es wird zwar ein Versorgungsgrad von 96,8 Prozent erreicht – aber hier sind 100 Prozent das Ziel, früher waren knapp 99 Prozent der Standard. 

Die Frage, ob die Quoten den tatsächlichen Bedarf widerspiegeln, kann die Stadtverwaltung nicht belegen. Denn sie weiß gar nicht, wieviele Kinder zum Start des laufenden Kindergartenjahrs nach der Verteilung der Plätze noch unversorgt auf den Wartelisten standen. Der Grund dafür ist, dass die katholischen Träger nicht am elektronischen Verteilsystem „Little Bird” teilnehmen und die Wartelisten nicht offen legen.

In Refrath und Katterbach neue Plätze in Betrieb genommen

Bereits seit Jahren stehen die Alarmzeichen auf rot, immer wieder wurden die fehlenden Plätze im Jugendhilfeausschuss beklagt. In der nächsten Sitzung am Donnerstag wird sich das wiederholen, denn die Beschlussvorlage verspricht nur wenig greifbare Abhilfe.

Beschlossen werden soll zunächst nur, dass die Kita Arche Noah in Refrath um sechs (!) auf  81 Plätze erweitert wird. Und weiter: „Die Verwaltung wird beauftragt, die Verwirklichung von weiteren Kindertagesstätten voranzutreiben und entsprechende Haushaltsmittel bereitzustellen.”

In den Erläuterungen wird es etwas konkreter. Aber erst für das Kitajahr 2019/2020:

  • Im Herrmann-Löns-Viertel soll das  Stadtteilhaus mit einer Kindertagesstätte in Trägerschaft der Katholischen Jugendagentur entstehen, mit 14 U3-Plätzen und 44 Ü3-Plätzen. 
  • In Frankenforst (Im Schlangenhöfchen) ist eine viergruppigen Einrichtung mit insgesamt 73 Plätzen geplant. Die Entscheidung über die Bau- und Betriebsträgerschaft soll in diesen Tagen fallen. 

Taskforce sucht, prüft – und wird in Bensberg fündig

Darüber hinaus sucht und prüft die Verwaltung laufend neue Flächen für den Bau von Kitas. Seit Herbst 2017 gebe es eine Taskforce unter Leitung von Bürgermeister Lutz Urbach, „um die Prozesse zu beschleunigen”, berichtet die Stadtverwaltung. Kritik, in Sachen Kita untätig zu sein, weist sie zurück.

Geld für den Kita-Neubau kommt u.a. von der Landesregierung, aber es fehlt (auch hier) an verfügbaren Flächen. Zudem stellen sich viele Grundstücke als ungeeignet heraus. Weil sie zu klein waren oder die Eigentümer nicht verkaufen wollen. Einige Projekte würden derzeit geprüft; über Ergebnisse könne man noch nichts sagen. 

Mit einer Ausnahme: Ganz gut sieht es offenbar mit einem Grundstück aus, das der Stadt selbst gehört. In Bensberg an der Kreuzung der Straßen Am Reiser / Mondsröttchen. Hier hat die Stadt das Baurecht geprüft, jetzt stimmen sich die Verwaltungsabteilungen intern ab, ob ein Neubau sinnvoll ist. Das vorläufige Ergebnis, berichtet die Pressestelle der Stadt auf Anfrage: „Bisher sieht das positiv aus.”

Dokumentation: Die Vorlagen für den Jugendhilfeausschuss

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Ich weiß, dass mein Thema nicht so ganz hierher gehört, aber es wird spätestens zum zentralen Thema, wenn die heutigen Kindergartenkinder in die Schule gehen. Dann nämlich wird es darum Gehen, dass es keine bzw. zu wenige Plätze für die Betreuung am Nachmittag geben wird. Und das Problem zieht sich weiter in die Zeit, wenn das Kind auf eine weiterführende Schule gehen muss: auch hier ist die Anzahl der verfügbaren Plätze viel zu gering für die Anzahl der Schüler, die die jeweiligen Schulen besuchen möchten. Ich rede hier von Gesamtschulen und Gymnasien in Bergisch Gladbach und Umgebung. Wird dieses Thema weiter auf die lange Bank geschoben, weil es hier keinen Rechtsanspruch gibt wie für die Plätze im Kindergarten? Eins steht jedenfalls fest: attraktiver macht sich Bergisch Gladbach für Zuzugwillige damit nicht. Dabei wäre die ausreichende Platzanzahl auf der Wuschschule ein eindeutiges Herausstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Städten, aber das scheint in Zeiten von Wohnungsnot und explodierenden Grundstücks-/Wohnungspreisen ja allen Entscheidungsträgern völlig egal zu sein. Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn sich dieser Zustand einmal umkehrt und gute Argumente gefunden werden müssen,um neue Bürger zu gewinnen, die nach Bergisch Gladbach kommen sollen. Schade, dass so wenig Familienfreundlichkeit und so wenig Weitsicht vorhanden sind…

  2. Wer endlos Plätze in Flüchtlingsunterkünften bereit stellen kann, vor allem mehr als Berlin fordert, der hat auch für den Steuerzahler Kitas zur Verfügung zu stellen und zwar ohne wenn und aber.
    Wir schaffen das !!! Grüss Gott.