Sonja Limbach. Fotos: Lena Reiner

Mit dem Projekt „Not for Sale“ macht die Fotografin Lena Reiner bundesweit auf Menschenhandel und Zwangsprostitution aufmerksam. Die Idee stammt aus Bergisch Gladbach, und auch einige der jungen Gesichter der Kampagne. Dahinter stehen die Bono Direkthilfe – und die Bono Kids. Wir waren bei einem Projekttag am Albertus-Magnus-Gymnasium dabei.

Das Mädchen blickt den Betrachter direkt an. Es lächelt nicht. Zwei Strähnen umrahmen das Gesicht, die Haare verschwinden fast vor dem schwarzen Hintergrund. Auf der Stirn prangt ein handgeschriebener Schriftzug: „not for sale“ – nicht zu verkaufen.

Das Mädchen ist Sonja Limbach aus Bergisch Gladbach. Das Bild stammt von Lena Reiner, Menschenfotografin aus Friedrichshafen. „Not for Sale“ heißt das Projekt, an dem sie seit Ende 2016 arbeitet. Zuerst in Süddeutschland, dann im Rheinland; jetzt ist das prägnante Bild der Gladbacher Schülerin mit einigen anderen aus der Reihe auf Großflächenplakaten in Hamburg zu sehen.

Doch bleiben wir erst einmal in Bergisch Gladbach. Projekttag 1 am Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) in Bensberg. Eine ganze Klasse der Stufe 9 ist dabei. Lena Reiner hat Unterstützung von den Bono Kids, einer Gruppe von zehn Jugendlichen, die sich aus der Bono Direkthilfe e.V. gebildet haben. Eine von ihnen ist Sonja Limbach. Sie geben den SchülerInnen eine erste Einführung ins Thema:

  • Menschenhandel und Zwangsprostitution sind ein weltweites Problem.
  • Meist betroffen sind Jugendliche, vor allem Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren.
  • Nicht nur in Indien oder Nepal, sondern auch in Deutschland werden Kinder zu Opfern.
  • Und hier, in Deutschland, kann man eben auch konkret etwas dagegen tun.

Zum Beispiel mit der Fotokampagne. Lena Reiner möchte damit vor allem Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. „Aufklärung ist der Schlüssel im Kampf gegen Menschenhandel“, sagt sie. Aufmerksamkeit erhöhe die Chance, dass potenzielle Opfer und TäterInnen gar nicht erst zu solchen werden.

So sehen die Plakate in Hamburg aus. Foto: Niklas Golitschek

Hintergrund: Bono und „Not for Sale“

Tatsächlich war es Bono-Gründer Gereon Wagener, der Lena Reiner zu dem Projekt inspirierte. Kennengelernt hatte sie ihn und die Organisation 2016, wegen einer Indienreise. Sie solle sich doch mal überlegen, eine fotografische Kampagne zum Thema Menschenhandel zu machen, trug er ihr auf. Überrascht stellte sie fest, dass es tatsächlich nichts Vergleichbares gab, und entwickelte die Idee zu „Not for Sale“.

Die ersten Modelle – Mädchen im Alter von 12 bis 16, also genau die Gruppe der Meistbetroffenen – waren Friedrichshafener Schülerinnen; Bergisch Gladbach ist der zweite Ort, an dem Reiner das Projekt umsetzen kann. Am AMG und einen Tag später an der Integrierten Gesamtschule Paffrath.

Der Projekttag in Bensberg

Am AMG geht es nach der ersten Einführung in Kleingruppen weiter zu verschiedenen Stationen. Jede wird von einem „Bono Kid“ betreut. In der einen Ecke des Klassenzimmers sprechen sie über Prostitution in Deutschland, in der anderen über „Loverboys“, junge Zuhälter, die oft selbst noch minderjährig sind und Mädchen erst umgarnen, dann in die Prostitution zwingen.

In einem anderen Raum liest die Gruppe verschiedene Texte, zum Beispiel über den kürzlich aufgedeckten Fall, bei dem über 10 Jahre hinweg auf einem Campingplatz in Lügde mehr als 30 Kinder missbraucht wurden.

Dann können sich die SchülerInnen von Lena Reiner fotografieren lassen. Viele sind zunächst unsicher, viele machen schließlich doch mit. Zum Beispiel Linda*, 15. Sie sagt:

„Erst wollte ich kein Foto machen, aber dann habe ich mich umentschieden. Je mehr ich mich damit befasst habe, desto wichtiger wurde mir das Thema. Ich bin geschockt, wie weit verbreitet das ist. Es macht mir ein bisschen Angst. Das könnte mir auch passieren. Die MeToo-Debatte habe ich erst nicht so richtig verstanden. Aber dann wurden es immer mehr, und ich habe gesehen: Wenn eine anfängt, ziehen viele mit. Das fand ich toll. Ich habe gelernt: Als Gruppe ist man stark.“

Mareike*, 15:

„Ich bin beeindruckt und schockiert, dass es das so viel gibt, auch in Deutschland. In der Schule reden wir sonst nicht viel über das Thema. Ich finde es gut, dass wir uns hier einsetzen können.“

Thomas*, 14, möchte sich lieber nicht fotografieren lassen, weil er in Bergisch Gladbach viele Leute kennt. Den Workshop fand er trotzdem gut:

„Ich dachte immer, das sei nur in anderen Ländern Thema. Dass es auch hier direkt um die Ecke organisierte Kriminalität gibt, ist schockierend. Am meisten beeindruckt hat mich, dass auf dem Campingplatz über 15 Terabyte kinderpornographische Inhalte entstanden sind, und dass das über 10 Jahre keiner gemerkt hat. Es ist gut, über sowas Bescheid zu wissen, damit man guckt, was andere Leute machen. Gerade bei Jungen ist das Thema nicht so präsent.“

Die Bono Kids, die den Workshop mit Lena Reiner zusammen halten, lassen sich am Ende auch von ihr ablichten. Die meisten sind, wie Sonja Limbach, um die 17 Jahre alt und gehen selbst noch zur Schule.

Sonjas Bild ist jetzt eins von sieben, das im Großformat in Hamburg zu sehen ist. Lena Reiner hat dafür per Crowdfunding Geld gesammelt und tut das auch weiterhin, um die Kampagne noch weiter zu verbreiten.

Wer dazu beitragen möchte, kann hier spenden: Kampagne „Not for Sale“

Weitere Infos zur Kampagne gibt es außerdem auf dieser Webseite.

* Namen von der Redaktion geändert

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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