Die Expertenrunde des Bürgerportals zur freien Kunst in GL im Kulturhaus Zanders hat gezeigt: Es geht um sehr viel mehr als nur um den Verlust von Ausstellungsflächen und Ateliers. Es geht um den Stellenwert von Kunst und Kultur in Bergisch Gladbach.

Diese Frage reicht weit über die Wünsche Einzelner nach einer “Heimstatt”(!) hinaus. Bergisch Gladbach kann mehr. Wir müssen größer denken.

Kunst – gern gesehen. Aber dann?

Bleiben wir erst einmal bei den Bildenden Künsten, obwohl die Defizite in unserer Stadt auch andere Bereiche von Kunst und Kultur betreffen. Die Erfahrung zeigt: In Bergisch Gladbach wird Kunst gern gesehen, aber mehr schlecht als recht gefördert.

Beifang. Dabei geht nicht in erster Linie um finanzielle Förderung. Geld kann helfen, ist aber nicht das Hauptproblem. Es geht vor allem um ideelle, politische und technische Unterstützung.

Die starke Lobby macht’s?

Mit einer starken Lobby könnten die Künstlerinnen und Künstler mehr erreichen, so die Argumentation von Seiten der Verwaltung. Andere – wie der Sport – würden da besser vorgehen. Von den Bildenden Künstlern höre man noch nicht einmal auf Nachfrage etwas. Hier hat natürlich der Arbeitskreis der Künstler (AdK) eine Bringschuld.

Gleichzeitig aber zeigt der Vorwurf entlarvend, dass erst auf Druck reagiert wird. Dabei verlangt die Bedeutung von Kunst und Kultur für eine Stadt eigene Leitgedanken, Konzepte und Handlungen. Mit einem Kultur-Management.

Was leisten Künstlerinnen und Künstler für ein Gemeinwesen?

Gesellschaftliches Engagement

Künstlerinnen und Künstler stoßen gesellschaftlich und politisch relevante Themen an, lenken den Blick auf Kritisches, setzen sich mit gesellschaftlichen Widersprüchen auseinander und beflügeln den Diskurs ähnlich wie die Medien. Kunst bringt eine Gesellschaft sozial und intellektuell voran. Häufig ist sie unbequem, manchmal sperrig, aber immer notwendig.

Mit ihrem Engagement und ihren Visionen* verschafft eine lebendige Kunstszene ihrer Stadt einen Imagegewinn weit über die Stadtgrenzen hinaus. Und bringt Menschen zusammen. Künstlerinnen und Künstler können sogar Bindeglied in einer auseinander driftenden Gesellschaft sein. Und sie machen eine Stadt attraktiv – und davon profitiert auch und gerade die Wirtschaftsförderung.

Finanzielles Engagement

Im Übrigen investieren Künstlerinnen und Künstler neben ihrer Kreativität und Zeit – nach Sparte natürlich unterschiedlich – meistens auch erhebliche materielle Werte. Eine Bildhauerin, die von ihrem Werk eine Bronze herstellen lässt oder ein Bildhauer, der einen wertvollen Stein bearbeitet, haben relativ hohe Kosten. Und auch bescheidene Ausstellungen brauchen ein Budget.

Künstlerinnen und Künstler produzieren und finanzieren Flyer, Plakate, Kataloge, zahlen manchmal auch Miete, damit sie ausstellen können. Es sind die Ausnahmen, bei denen es eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren oder Fördervereine gibt.

„Symbiose II“, Lothar Sütterlin 2009, Brauner Alabaster

Organisatorisches Engagement

Künstlerinnen und Künstler konzipieren und organisieren Ausstellungen, Vernissagen und Finissagen, machen Führungen und Angebote an Schulen, für Senioren und andere Gruppen.

Künstlerinnen und Künstler fordern nicht nur, sie bringen erhebliche Vorleistungen.

Was kann, was sollte die Stadt** für die bildenden KünstlerInnen leisten?

Erwartungen der Künstler an Politik und Verwaltung

Eine Unterstützung ist notwendig. Sie muss als Ganzes gedacht werden. Die verschiedenen Sparten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. So forderte Karsten Panzer, dass zum Beispiel die Stadtspitze die Moderation übernehmen müsste.

Sie muss bei der Suche nach Sponsoren (Rotary, Lions, Unternehmer und Unternehmen, Stiftungen, Privatleute etc.) für Kunst und Kultur als Ganzes aktiv werden – und führen. Wenn Politik und Verwaltung sich stark für Bergisch Gladbach als “Kulturstadt” engagieren und das nach außen tragen, entsteht eine ganz andere Wucht.

Konzepte liegen vor

Es wurde nach Konzepten gefragt: Seit vielen Jahren ist alles schon rauf und runter gedacht worden, sind Ideen und Konzepte entwickelt, diskutiert und niedergeschrieben worden (Kulturelle Mitte, Stadtkulturgarten, Kulturentwicklungsplan): Nur – sie finden keinen Niederschlag in den Handlungen der Politik. Hier müssen die Ratsfraktionen Farbe bekennen und Entscheidungen treffen. Allgemeinplätze des guten Willens und Lippenbekenntnisse helfen nicht weiter.

Kunst geht übrigens überall

In Privathäusern und -gärten, in der Hauptstraße, auf der Schlossstraße, auf Plätzen und in Parks, in Einkaufszentren, Werkstätten, Schulen und Hochschule, öffentlichen Gebäuden. Überall kann Kunst präsentiert werden.

An Ausstellungsmöglichkeiten besteht im Prinzip kein Mangel. Gefordert sind Kreativität und ein wenig mehr Engagement. Auch hier sollte die Stadt Wege ebnen.

Den Leerstand nutzen

Für die Wiederbelebung von FENEX (temporäre Ausstellungen in leerstehenden Ladengeschäften). Von diesen Geschäften haben wir über 50. Es gibt es gute Chancen. Dettlef Rockenberg vom Fachbereich 4 hat seine Bereitschaft zur Unterstützung von Ausstellungen in leerstehenden Ladenlokalen bekundet.

Kunst im halböffentlichen Raum bedeutet für viele Passanten einen Zugang zur Kunst ohne die Hemmschwelle eines Museums. Und ganz nebenbei: Kunst im Schaufenster statt Packpapierbahnen an den Scheiben sind eine deutliche Verbesserung für das Stadtbild. Davon profitieren auch Immobilienmakler und Vermieter.

FENEX ist eine Chance mit einem positiven Ergebnis für alle Beteiligten. Die Ablehnung von FENEX durch einzelne Künstlerinnen ohne sinnvolle Begründung sollte uns nicht aufhalten.

Was müsste die Stadt mit Kunst und Kultur für sich selber leisten?

Bergisch Gladbach braucht eine „Kulturfabrik”

Das könnte wie mehrfach vorgeschlagen eine der ungenutzten Werkhallen auf dem Zanders-Gelände sein. Mitten in der Stadt. So, wie es andere Städte schon seit Jahren verstanden haben, kulturelle Mittelpunkte in früheren Produktionsstätten zu schaffen (Pulheim, Odenthal, Opladen, Schleiden, Düren, Köln sowieso).

Ein kultureller Mittelpunkt, für alle Sparten und Gruppen, Jung und Alt offen. Eben nicht nur für die Bildende Kunst. Bewirtschaftet – so der Vorschlag von Beatrix Rey – durch die Stadt.

Natürlich sollte es Ateliers für bildende Künstler zur Miete geben – aber ebenso einen Konzert- und Theatersaal, Proberäume, flexible Ausstellungsflächen, Bühnen für Lesungen, Tonstudios, zeitgemäße Medien, Treffpunkt auch für kulturelle und soziale Initiativen.

Die Vernetzung bekommen junge Künstlerinnen und Künstler mühelos hin, die Zusammenarbeit und das Treffen mit Künstlern aus unseren Nachbargemeinden gehören dazu.

Diese Kulturfabrik könnte der Anziehungs- und Mittelpunkt eines jährliches Festivals sein, unabhängig vom Stadtfest. Eigenständig. Das Festival würde Menschen aus der ganzen Region anziehen. Ebenfalls ein Gewinn für die ganze Stadt.

Das Zanders-Gelände

Niemand konnte bei der Experten-Diskussion sagen, was künftig mit dem Zanders-Gelände und den leerstehenden Fabrikhallen passieren soll. Immobilienentwickler sind in der Regel an der Vermarktung interessiert, selten nur am Gemeinwohl. Das ist überraschungsfrei.

Bergisch Gladbach aber müsste ein Interesse daran haben, dieses Gelände durch eine möglichst bunte Mischung von kleinen und großen Unternehmen, mit Start-ups, mit Kreativwirtschaft zu beleben. Dazu gehört eben auch die Nutzung durch Künstlerinnen und Künstler.

Petra Oelschlägel: Beide, Kunstszene und Kreativwirtschaft, würden sich gegenseitig beflügeln. Beispiele aus unzähligen Städten belegen dieses Erfolgskonzept. Aber die Politik muss es ernsthaft wollen und in die Verträge einbringen. Die Weichen für eine Kulturfabrik müssen jetzt gestellt werden.

Professionelle Werbung

Eine Kulturstadt und ihre Kulturfabrik brauchen professionelle Werbung. Das sind erst einmal Kosten, aber Kosten, die sich langfristig rechnen. Zum Anschub müssten Sponsoren gesucht werden.

Der KulturTicker, das Bürgerportal, die beiden Tageszeitungen und Radio Berg erreichen zwar den harten Kern der an Kultur Interessierten, aber die öffentliche Präsenz von Botschaften zu Kunst- und Kulturveranstaltungen sprechen weitere Zielgruppen an – weit über Bergisch Gladbach hinaus.

Maximalforderung: Ein Kulturdezernat

Die weitestgehende Forderung der Kunstszene: Kunst und Kultur sollten ein eigenständiges Dezernat haben. Eine Kulturdezernentin oder einen Kulturdezernenten, engagiert für das kulturelle Leben dieser Stadt. Dieses Engagement für Kunst und Kultur ist eine Investition in die Zukunft und damit ein Gewinn für alle Beteiligten.

Fragen an die Kandidaten

Wir werden rechtzeitig vor der Kommunalwahl im September 2020 den Parteien und ihren Kandidatinnen und Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters und des Rates Fragen stellen, wie sie es künftig mit Kunst und Kultur halten wollen. Eine künftige Bürgermeisterin wird sich daran messen lassen müssen. 

Was aktuell passieren muss

Gesucht werden jetzt kompetente Menschen aller Altersgruppen und aus allen Sparten, nicht nur aus der Bildenden Kunst. Menschen, die bereit sind, sich engagiert in eine künftige kreative Stadtgestaltung einzubringen. Gisela Schwarz hat als AdK-Vorsitzende die Organisation einer Arbeitsgruppe angeboten. Auf denn, packen wir’s an.

Ich bin gespannt auf die kreativen Vorschläge von Politik und Verwaltung zur Stadtgestaltung.

Klaus Hansen
Mitglied der Gruppe : ZWEIFELLOS :

*Visionen: Bevor die bekannten Kommentare kommen “… schon Helmut Schmidt hat gesagt …” empfehle ich einen Blick in das ZEITmagazin vom 4. März 2010.

** Die Stadt: Gemeint sind hier Politik und/oder Verwaltung – manchmal jeweils einzeln, manchmal gemeinsam – und natürlich die Stadt als Gemeinwesen, also wir alle.

Weitere Beiträge zum Thema:

Die freie Kunst muss sich selbst helfen

Ein Central Park für Bergisch Gladbach?

Offener Brief: Für ein Café in der Villa Zanders

„Kultur schafft, was keine Parkpalette leisten kann“

.

Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

5 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Korrektur zu FENEX: Die erfolgreiche Aktion lief von 2005 bis 2015 mit 78 Künstlerinnen und Künstlern.

  2. “Undurchsetzbar”? Warum so pessimistisch? Warum so rigoros? FENEX war ein Erfolg. Von 2005 bis 2010 mit 78 (!) Künstlern – zu denen Gisela Schwarz 2010 übrigens auch gehörte – in über 20 Ladengeschäften mit rund 60 Ausstellungen. Unterstützt vom Bürgermeister, dem Fachbereich Kultur natürlich, vier Interessengemeinschaften des Einzelhandels, Handwerksmeistern, Unternehmern, Anwälten undsoweiter. Das sollte mit der Erfahrung dieser zehn Jahre nicht wieder gelingen? Der AdK hätte auch hier eine Bringschuld: Mehr Engagement.

    Man muss es allerdings wollen und nicht “gebetsmühlenartig” ohne eine qualifizierte Begründung gute Ansätze einfach wegbügeln. Die Künstlerinnen und Künstler können ein Forum brauchen. Auf denn, packen’s wir an

  3. Bitte ein Ende der Selbstzerfleischung! Die Maximalforderung nach einem Kulturdezernat in GL bis zur gebetsmühlenartig geforderten Kunst in den Schaufenstern von Klaus Hansen ist undurchsetzbar – aus ebenso gebetsmühlenartig geäußerten Gründen.

    Statt auf andere Künstler, auf Politik und Verwaltung dreinzuschlagen, versucht der AdK Arbeitskreis die Künstler e.V. , neue die Weichen zu stellen für Kunst- und Kultur in GL – in einem konstruktiven Miteinander.

    Akteure wie Roman Salyutov, Ingrid Schaeffer-Rahtgens und auch der AdK und Galerie + Schloss haben in den letzten Jahren bewiesen, wie sich erfolgreiche Kulturarbeit entwickeln kann – mit großem Engagement und mit leider nur partieller Unterstützung von Stadt, Politik und Bürgerschaft.

    Wo kein Bewusstsein ist für ein kulturelles Entwicklungspotiential, besteht allerdings wenig Chance für eine langfristige Veränderung.

  4. Eine sehr gute und schon längst überfällige Debatte, die zur Behandlung einer der chronischen Schwächen der Politik – Probleme aussitzen und allen Entwicklungen hinterher hinken – hoffentlich erfolgreich beitragen wird. Besonders wichtig im Hinblick auf die Kommunalwahl 2020, denn bis dahin werden alle akuten Probleme eher ohne Lösungen einfach eingefroren.

  5. Die Debatte über die Kunst muss geführt werden, sonst bewegt sich nichts. Klaus Hansen liefert einen starken Aufschlag. Wie stehen Sie dazu, als Anbieter oder auch als Nachfrager von Kunst? Brauchen wir Kunst überhaupt?