Nachdem der Autor zwei Jahre lang nicht in Beit Jala war, fielen ihm auf der diesjährigen Reise des Partnerschaftsvereins einige Neuerungen auf. Die Reise führte die Gruppe auch ins Westjordanland und nach Isreal, im Mittelpunkt standen Begegnungen mit Menschen.

Der Städtepartnerschaftsverein reist jedes Jahr mit ca. 20 Interessierten im Herbst in die Partnerstadt, wenn dort das Klima schon wieder erträglicher geworden ist (im Sommer soll es bis zu 45° C gehabt haben…). Ich selbst war nun zwei Jahre nicht dort, und ich muss sagen, es hat sich doch deutlich Einiges geändert.

Der Tourismus in der Region entwickelt sich zusehends. In der Altstadt von Beit Jala ist der sogenannte Old City Trail/ St. Nicholas Trail ausgearbeitet worden; professionell ansprechende Führung inklusive. Viele weitere touristische Aktivitäten sind zur Zeit im konkreten Planungszustand. Das im nächsten Jahr in der Bethlehem-Region stattfindende Programm „Cultural Capital of the Arab World“ führt hier offenkundig zu Synergieeffekten.

Beit Jala liegt darüber hinaus in unmittelbarer Nähe zum ausgebauten Wanderweg des Abraham‘s Trail von Nazareth bis Hebron.

Die Altstadt scheint sauberer geworden zu sein. Offenkundig hat man das leidige Müllthema inzwischen besser in den Griff bekommen. Gleichwohl wäre es sehr zu begrüßen, wenn der geplante Transfer einer ausgemusterten Kehrmaschine der Entsorgungsdienste Bergisch Gladbach nach Beit Jala um die Jahreswende tatsächlich realisiert werden könnte.

Wenn man durchs Land fährt, fallen deutlich mehr israelische Siedlungen auf den Bergkuppen in den Blick als noch vor zwei Jahren. Die Siedlungstätigkeit hat offenkundig – obwohl immer noch (!) illegal nach internationalem Recht – weiter zugenommen.

Die Mauer in Beit Jala ist ein so schnell nicht mehr umstößlicher Fakt und verhindert weiterhin den freien Zugang der Bauern zu ihren Feldern. Dabei ist Beit Jala noch von allen Himmelsrichtungen her zu erreichen – ganz anders etwa als das benachbarte Dorf Nahhaleen, das nur noch eine statt früher vier Zufahrtsstraßen zählt und ringsherum eingekreist ist von israelischen Siedlungen.

Es gibt auch angesichts der angespannten Lage durchaus skurrile Neuerungen: So empfängt den Passanten des Bethlehem-Checkpoints zwischen Israel und dem Westjordanland unerwartet unterhaltsame Musik aus dem Lautsprecher, wenn er die massiven, an Rindergatterzäune erinnernden Mäandergänge durchläuft, die allmorgendlich von Hunderten palästinensischer Pendler absolviert werden müssen.

Doch auf die Wachhabenden – die man inzwischen hinter ihren Glaskäfigen sogar sehen und nicht nur über Lautsprecher Befehle erteilend hören kann – hat der Partysound offensichtlich keine euphorisierende Auswirkung; sie verrichten ihren Job mit erkennbarer Langeweile und Lustlosigkeit.

Ein Impuls aus der Konferenz der deutsch-palästinensischen Städtepartnerschaften im September in Brühl ist in Beit Jala umgehend umgesetzt worden: Issa Juha, Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Beit Jala, treibt die Etablierung einer zivilgesellschaftlichen „Partnership Association“ mit Nachdruck voran. Hier gewinnt unser Städtepartnerschaftsverein gerade ein Pendant in der Bürgerschaft der Partnerstadt. Wir sind guten Mutes und hoffen auf fruchtbare Zusammenarbeit.

Die Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach – Beit Jala wird 2021 ihr 10-jähriges Bestehen feiern können. Vor diesem Hintergrund habe ich jetzt schon mit Kulturvertretern und Künstlern in Beit Jala Ideen angedacht, wie wir das Jubiläum dort wie hier gebührend feiern können. Schöne Visionen!

Kunst reflektiert Lebensbedingungen

Uns besuchte die Installationskünstlerin Faten Nasts Mitwasi – dem geneigten Bergisch Gladbacher Publikum von ihrer Ausstellung im Kulturhaus Zanders während der Deutsch-Palästinensischen Kulturtage im Herbst 2018 möglicherweise noch in guter Erinnerung – gemeinsam mit einem ihrer Studenten und referierte über ihr künstlerisches Schaffen. Wir erlebten zwei gestandene, kreativ-innovative Kulturschaffende, deren Kunst die besonderen Lebensbedingungen unter Besatzung reflektiert und eine starke eigene Sprache gefunden hat.

Das Programm unserer Reise bot wie gewohnt eine Fülle an Begegnungen mit Menschen und Besuchen besonderer Einrichtungen und Institutionen diesseits und jenseits der Green Line, palästinensischen wie israelischen. Dazu gehörten u.a. so unterschiedliche Einrichtungen wie eine Brauerei und eine Zirkusschule.

Wir besuchten kulturelle und Bildungseinrichtungen, waren zu Gast bei der Heinrich Böll-Stiftung in Tel Aviv und in Ramallah, bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und luden Friedenskämpfer (Combattants for Peace) zu uns ein. Selbstverständlich gehörte auch der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu unserem Programm.

Immer dann, wenn wir Menschen begegneten, die unmittelbar und persönlich von der besonderen Situation in ihrem Land betroffen waren, waren die Begegnungen am eindrücklichsten. Hier zeigte sich der Wert unserer Begegnungsreisen am nachhaltigsten: Menschen unserer Stadt die besondere Lebenssituation, den Alltag, die Herausforderungen der Menschen in der Partnerstadt und dem sie umgebenden Land näher zu bringen und authentisch miterlebbar zu machen.

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Heinz D. Haun

ist Theatermacher und Theaterpädagoge.

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4 Kommentare

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  1. Der Besuch dieser klimatisch einzigartigen Gegend ist in der Tat ein emotionelles Ereignis. Auch mein Besuch in Israel ist noch keinen Monat her und bliebt mir gerade mit Eindrücken mit Gesprächen mit Einheimischen in Erinnerung.

    Das Westjordanland ist eine herausfordernder Landstrich, sowohl kulurell als auch agrartechnisch, dennoch ist er für die meisten Menschen dort ein großer Segen geworden.

    Erst wenn man dieses Land bereist hat und erlebt hat, kann man sich eine Meinung zu diesem wunderbaren Land mit ihren wunderbaren Menschen bilden.

  2. Der Name des Verfassers steht sowohl über als auch unter dem Text: hdhaun. Zur besseren Lesbarkeit haben wir Satzzeichen hinzugefügt.

  3. Ich wünsche den Menschen in Beit Jala, dass die Mauer abgebaut wird, dass sie in friedlicher Coexistens mit den Menschen in den Siedlungen leben dürfen, wie es bereits an vielen Stellen in Judäa und Samaria der Fall ist. Ja ich wünsche ihnen sogar, dass die Stadt ein Teil des demokratischen und pluralistischen Israel ist, dann brauchen sie nicht mehr unter der Misswirtschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde leiden.

  4. Aus irgend einem Grund hat der Verfasser vermieden, seinen Namen unter das polarisierende Werk zu setzen.
    Ich ahne warum.