Angela Merkel in Auschwitz, wo von 1940 bis 1945 rund 1,1 Millionen Menschen in den Tod geschickt wurden, die meisten von ihnen Juden. Fotos: J. Sterzenbach

Der Besuch von Angela Merkel in Auschwitz hat große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Sie appellierte in einer einfühlsamen Rede an alle Deutschen, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und keinen Antisemitismus zu dulden.

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Der Bergisch Gladbacher Jürgen Sterzenbach war vor Ort dabei. Mit seinem Bericht möchte er anregen, es der Kanzlerin nachzutun und Auschwitz zu besuchen. Gelegenheit dazu bieten Reisen in Bergisch Gladbachs polnische Partnerstadt Pszczyna, die nur eine halbe Stunde von der Gedenkstätte entfernt gelegen ist.

Die Sonne scheint hell, aber sie wärmt nicht, als Angela Merkel am 6. Dezember 2019 zum ersten Mal Auschwitz besucht, den dunkelsten Ort der Menschheitsgeschichte. Vor ihr waren als Bundeskanzler Helmut Schmidt (1977) und zweimal Helmut Kohl (1989 und 1995) hierher gereist.

Nun war fast ein Vierteljahrhundert lang kein Regierungschef aus Deutschland mehr an diesem ehemaligen Konzentrations- und Massenvernichtungslager, das zu einem Synonym für den Holocaust geworden ist.

10 Jahre Stiftung Auschwitz-Birkenau

Offizieller Anlass für die Reise der Bundeskanzlerin war das zehnjährige Bestehen der internationalen Stiftung Auschwitz-Birkenau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Gebäude, Baracken, Ruinen und Zäune vor dem Verfall zu schützen sowie die vielen Dokumente und Habseligkeiten aus dem Besitz der Häftlinge zu restaurieren und zu konservieren, die auf dem riesigen Areal gefunden wurden und gefunden werden. Bei den Restaurierungsarbeiten kommen immer wieder neue Gegenstände zutage.

Die Stiftung war 2009 auf Initiative des inzwischen verstorbenen polnischen Außenministers Władysław Bartoszewski gegründet worden, der selbst politischer Häftling in Auschwitz war. Sie wird von zahlreichen Ländern untersützt, die in einen Stiftungsfonds einzahlen, aus dem die notwendigen Arbeiten für den Erhalt der Gedenkstätte finanziert wird. Deutschland hat bei der Gründung 60 Millionen Euro dazu beigetragen und stellt nun nochmals den gleichen Beitrag zur Verfügung.

Wie sinnvoll und wertvoll die Arbeit der Stiftung ist, machen der gute Zustand des rund 80 Jahre alten Areals und die hohen, kontinuierlich steigenden Besucherzahlen deutlich. Mehr als zwei Millionen Menschen aus aller Welt besuchen jährlich die Gedenkstätte. Am Ende dieses Jahres werden es knapp 2,3 Millionen Besucher sein, im Durchschnitt täglich rund 6.300, davon viele junge Menschen.

Am Mahnmal in Auschwitz-Birkenau gedachten Angela Merkel und der polnische Ministerpräsident Mateusz Marowiecki gemeinsam mit Zeitzeugen den Opfern.

Bedrückender Rundgang durch das Stammlager Auschwitz I

Auch an diesem bitterkalten Dezembertag bilden sich Schlangen vor dem Eingang zu Auschwitz I, dem ältesten Teil und sogenannten Stammlager. Gruppe um Gruppe zieht durch das Gelände, Führungen in allen Sprachen finden statt, es herrscht ein lebhaftes Treiben.

Dann, am späteren Vormittag, wird es stiller, der Einlass wegen des Staatsgastes vorübergehend geschlossen. Schließlich befinden sich nur noch Sicherheitsmitarbeiter, Journalisten, Fotografen und Kameraleute auf dem Gelände.

Über 100 Journalisten aus aller Welt haben sich akkreditiert und werden über den Besuch berichten. Sie warten hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“, wo die ersten offiziellen Fotos und Filmaufnahmen der Besucherdelegation gemacht werden.

An der Seite Angela Merkels gehen der polnische Ministerpräsident Mateusz Marowiecki und der Direktor der Gedenkstätte und Stiftungspräsident Piotr Cywiński durch das Tor, gefolgt von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralsrats der Juden in Deutschland,

Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung und von Repräsentanten jüdischer Organisationen. Am Eingang passieren sie auch eine Schautafel, die an an das Lagerorchester erinnert, das laut Aussagen von Überlebenden wunderschön gespielt haben soll, wenn die zur Zwangsarbeit bestimmten Häftlinge morgens und abends durch das Tor gingen. Jetzt hört man das mechanische Surren und Klicken Dutzender Kameras, die den Moment festhalten.

Die Bundeskanzlerin besichtigt mehrere Blöcke des Stammlagers, in denen die Daueraustellung untergebracht ist. Die original erhaltenen Einrichtungen sowie die zahlreichen Dokumente und Gegenstände belegen, was hier in den Jahren 1940 bis 1945 geschehen ist.

Hinter Glas aufgetürmt Berge von Brillen, Koffern, Kleidung, Schuhen, Blechgeschirr, Rasierpinseln, Haarbürsten und zwei Tonnen Haare, die ermordeten Frauen abgeschnitten wurden, um sie industriell weiterzuverwerten – allesamt Zeugnisse des unbeschreiblichen Grauens, das hier stattgefunden hat.

Am Ende des Rundgangs durch Auschwitz I findet eine Zeremonie zu Ehren der Opfer statt. Angela Merkel und Mateusz Marowiecki legen an der berüchtigten Schwarzen Wand im Innenhof des Todesblocks, an der Tausende KZ-Häftlinge erschossen wurden, sichtlich bewegt Kränze nieder und verneigen sich vor den Toten.

Schilderung eines Zeitzeugen

Anschließend fährt der Konvoi mit den Besuchern in den drei Kilometer entfernten Lagerkomplex Auschwitz II-Birkenau. Hier haben die Massenvernichtungen stattgefunden, hier wurden die Juden aus den Viehwaggons, in denen sie zusammengepfercht oft Tausende von Kilometern zurückgelegt hatten, selektiert und die meisten von ihnen direkt in die Gaskammern geschickt.

Das riesige Gelände veranschaulicht die ungeheuren Dimensionen des nationalsozialistischen Verbrechens. Insgesamt wurden damals 1,3 Millionen Menschen aus ganz Europa nach Auschwitz deportiert, nur 200.000 haben überlebt. Einige wenige von ihnen sind heute noch am Leben und können als Zeitzeugen von den Nazi-Greueln berichten.

Bogdan Bartnikowski war als Kind in Auschwitz. Die Aufseher sagten ihm damals, zurück in die Freiheit gäbe es nur den Weg durch den Schornstein.

Einer dieser Zeitzeugen ist der 87-jährige Bogdan Bartnikowski, mit dem Angela Merkel an diesem Tag in der sogenannten Sauna zusammentrifft, wo eine Gedenkfeier anlässlich des Stiftungsjubiläums stattfindet. Bartnikowski war 12 Jahre alt, als er mit seiner Mutter im August 1944 von Warschau nach Auschwitz gebracht wurde.

Er war nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands gegen die Deutschen festgenommen worden, weil er als Laufbursche für die Widerstandskämpfer tätig war. In der Sauna wurden damals die angekommenen Häfltinge desinfiziert und registriert. Bartnikowski bekam die Nummer 1192731 auf den Arm tätowiert.

Er berichtet, wie er sich geschämt hat, als er sich vor allen Leuten ausziehen musste, wie er sich im Lager danach sehnte, seine Mutter wiederzusehen, die von ihm getrennt in einer weit entfernten Baracke untergracht worden war, und wie ihm die SS-Aufseher sagten, der einzige Weg aus dem Lager in die Freiheit führe durch den Schornstein.

Seine Schilderungen und seine Anwesenheit bei dieser Feierstunde machen eindringlich bewusst, wie wichtig das Erinnern ist und welche besondere Bedeutung die Gedenkstätte Auschwitz hat. Dies betont der polnische Ministerpräsident in seiner Ansprache, denn „wenn die Erinnerung geht, ist es, als hätten wir zum zweiten Mal die Menschen verletzt, die hier die Hölle erlebt haben“, so Mateusz Morawiecki.

Als dann Angela Merkel spricht, gehen ihre ersten Worte in den Geräuschen der Fotokameras fast unter. „Heute hier zu stehen und als deutsche Bundeskanzlerin zu Ihnen zu sprechen, fällt mir alles andere als leicht,“ beginnt die Bundeskanzlerin ihre Rede, in der sie die richtigen Worte und den richtigen Ton findet, um über etwas zu sprechen, worüber man kaum sprechen kann.

„Wir müssen uns an die Verbrechen erinnern“

„Ich empfinde tiefe Scham angesichts der barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden – Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschreiten. Vor Entsetzen über das, was Frauen, Männern und Kindern an diesem Ort angetan wurde, muss man eigentlich verstummen,“ sagt sie, und dann: Schweigen darf nicht unsere einzige Antwort sein. Dieser Ort verpflichtet uns, die Erinnerung wachzuhalten. Wir müssen uns an die Verbrechen erinnern, die hier begangen wurden, und sie klar bennen.“

Genau dies hat sie getan, auch indem sie klar benennt, dass Auschwitz 1939 als Teil des Deutschen Reichs annektiert worden war: „Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager. Es ist mir wichtig, diese Tatsache zu betonen. Das sind wir Deutschen den Opfern schuldig und uns selbst.“

Merkel bekennt sich klar zur Verantwortung Deutschlands, den Opfern ein würdiges Andenken und erklärt zu bewahren. Und sie richtet den Blick auf heute, spricht von dem „blühenden jüdischen Leben in Deutschland“ und den „vielfältigen und freundschafltichen Beziehungen“ zu Israel, die sie „alles andere als eine Selbstverständlichkeit“, sondern als „ein großes Geschenk“ sieht, das „gar einem Wunder gleicht.“

Die Bundeskanzlerin sieht dies jedoch aktuell bedroht durch „besorgniserregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten“. Sie sorgt sich um „einen gefährlichen Geschichtsrevisionismus“ und „den Antisemitismus, der jüdisches Leben in Deutschland, in Europa und darüber hinaus bedroht.“

Einen Schlussstrich kann es nicht geben

Angela Merkel zitiert den italienischen Autor Primo Levi, der Auschwitz überlebt hat: „Es ist geschehen. Folglich kann es wieder geschehen.“ Und appelliert: „Daher dürfen wir unsere Augen und Ohren nicht verschließen, wenn Menschen angepöbelt, erniedrigt oder ausgegrenzt werden… Wir alle tragen Verantwortung. Und zu dieser Verantwortung gehört auch das Gedenken. Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben – und auch keine Relativierung.“

Nach der Feierstunde besucht die Delegation weitere Stätten des Birkenau-Geländes. Am Mahnmal bei den Ruinen der Krematorien gedenken Angela Merkel und Mateusz Morawiecki gemeinsam mit Bogdan Bartnikowski und zwei weiteren Zeitzeuginnen der Opfer der Massenvernichtung, anschließend gehen sie durch die eisige Kälte bis zur Rampe, an der ein einziger Waggon an die Züge erinnert, in denen die Menschen nach Auschwitz transportiert wurden, zu dem einzigen Zweck, sie zu vernichten.

„Ich verneige mich vor den Opfern der Shoah, Ich verneige mich vor ihren Familien,“ schloss Angela Merkel ihre Rede.

Der Besuch der Bdneskanzlerin war ein würdiges Ereignis, und die Botschaft, die er an alle Deutschen aussenden sollte ist die, Auschwitz zu besuchen, die Erinnerung wach zu halten und für die heute lebenden Jüdinnen und Juden einzutreten, überall auf der Welt.

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Jürgen Sterzenbach

Inhaber der Agentur SINNDESIGN, ist Mitglied im Vorstand der FDP Bergisch Gladbach und in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Düsseldorf.

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