Birkenau

Schon zum 24. Mal hat Klaus Farber eine Reise „Gegen das Vergessen” organisiert. Mit Mitgliedern des Städtepartnerschaftsvereins Pszczyna war er in Polen unterwegs. Eine Reise, die keiner so schnell vergessen wird. 

Am 16. Mai machte sich eine 18-köpfige Gruppe (darunter 10 Vereinsmitglieder) unter Leitung von Klaus Farber, dem Vorsitzenden des Pszczyna-Vereins, per Flieger auf den Weg nach Krakau. Es war Reise Nr. 24, die Klaus Farber „Gegen das Vergessen“ organisierte.

Kurz nach Mittag sollte bereits der Stadtrundgang durch das jüdische Viertel Kasimierz starten, durch die Altstadt um die Marienkirche herum und hinauf auf die Burg Wawel hoch über der Weichsel. Das immer wieder aufs Neue beeindruckende Krakau präsentierte Zeugnisse früherer Jahrhunderte und quirliges modernes Leben von der schönsten Seite.

Der folgende Freitag bot dann allerdings ein eher bedrückendes Programm: Am späten Vormittag traf die Gruppe in Auschwitz ein, wurde von einem Guide begrüßt und fand sich schon bald im Eingangsbereich des ehemaligen Konzentrationslagers unter dem Spruch „Arbeit macht frei“ wieder.

Dieser Zynismus und die zugrundeliegende Menschenverachtung des nationalsozialistischen Regimes wurden mit jedem Schritt durch die Gebäude präsenter und steigerten sich bis zum grauenhaften Vernichtungslager Birkenau mit seinen Lagergassen, Baracken und den zerstörten Gaskammern.

 Eine Baracke in Birkenau

Auschwitz kann man kaum beschreiben, es gibt keine geeigneten Worte für den industriellen Massenmord von Menschen wie du und ich. Man muss es besuchen, sehen und mit Geschichten von Überlebenden verknüpfen, mit der von Rachel Grünebaum oder Philomena Franz zum Beispiel. Dann kann man das Grauen ein bisschen erahnen.

Viele Menschen waren an diesem sonnigen Freitag unterwegs, zumeist in Gruppen. Eigentlich waren zu viele dort, wurden fast durchgeschleust, wie in einem touristischen Angebot. Das geht auf Kosten der Besinnung. Gleichzeitig sind viel zu wenige Menschen dort, zu wenige sind bereit, dieses Mahnmal zu betreten und auf sich wirken zu lassen. Eine ambivalente Situation! Beschämend ist vor allem, dass die deutschen Besucher immer weniger werden.

In Birkenau, dem Vernichtungslager, durften wir auf den Turm über den Zuggleisen steigen. Dort oben erschließt sich die Größe des Lagers, dessen Erweiterung von den Nazis geplant aber nicht mehr vollzogen wurde.

Nach der Besichtigung einiger Baracken führte der Weg über die „Rampe“, an der zig Viehwaggons mit ihrer menschlichen Ladung eintrafen. Dort wurden die Menschen selektiert und entweder sofort in die Grabkammern geschickt oder in die schmutzigen, überfüllten Baracken.

Weiter ging es zum Mahnmal mit den Gedenksteinen und Inschriften in vielen Sprachen, natürlich auch in Deutsch und Hebräisch. Ein sehr bewegender Moment, bei dem die Erinnerung an die vielen Opfer des Holocausts im Vordergrund stand.

Unser Guide war mit dabei, was, wie Klaus Farber später feststellte, etwas Besonderes war. Überhaupt: Der Guide – er war ein feinfühliger Mensch, der bei allem, was er sagte, auch seine eigenen Gefühlen spüren ließ. Er führte uns nicht einfach, indem er Wissen abspulte, sondern unsere Gedanken sanft lenkte.

Vor uns stand nämlich jemand, für den Auschwitz nicht nur das Gedenken an den Holocaust wachhält, sondern auch zum Erkennen nationalistischer Systeme führen muss. Für ihn – wie für uns – ist Auschwitz eine sehr ernste Warnung vor der politischen Zukunft vieler europäischer Länder.

Unser Guide war besorgt und beunruhigt, denn er führte uns an diesem denkwürdigen Ort vor Augen, wie kurz manche Regierungen vor einem neuen Nationalismus stehen; er lehrte uns, mit offenen Augen durch unsere Zeit zu gehen.

Rathaus und Kirche in Pszczyna

Der Besuch in Auschwitz/Birkenau hing uns allen sehr nach, obwohl uns anschließend ein emotionaler Spagat abverlangt wurde: Es ging zur Partnerstadt Pszczyna. Dort wollten wir eigentlich an einem separaten Tag vorbeifahren.

Da aber an diesem Freitag die „Daisy Days“ eröffnet wurden, wurde aus unserer kleinen Reisegruppe plötzlich eine offizielle Delegation. Lutz Urbach, mit Frau und Tochter dabei und „normales“ Gruppenmitglied, musste für kurze Zeit in die Rolle des Bürgermeisters schlüpfen und auf Bitten seines Amtskollegen Dariusz Skrobol eine Eröffnungsrede halten.

„Daisy Days“ – das klingt ein bisschen nach Phantasiealand, tatsächlich aber feiern die Bürgerinnen und Bürger von Pszczyna die Fürstin Mary Theresa Olivia Cornwallis-West, Spitzname „Daisy“, geboren 1873 in Wales, gestorben 1943 in armen Verhältnissen in Niederschlesien.

Die englische Fürstin Daisy brachte zu ihrer Zeit neuen Schwung in die adelige Gesellschaft ihrer neuen deutschen Heimat, so war sie mit Mächtigen befreundet, wie u.a. dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Ihr zu Ehren werden jährlich die „Daisy Days“ mit einem prachtvollen Blumenmeer auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus veranstaltet, der zu später Stunde wunderbar illuminiert wird.

Bevor unsere Gruppe diese Illumination genießen konnte, stand aber kurz nach der feierlichen Eröffnung durch die Amts- und Würdenträger ein wundervolles Konzert des „Yachad Chamber Orchestra“ unter der Leitung von Dr. Roman Salyutov aus Bergisch Gladbach an.

Roman Salyutov hatte erst im letzten Jahr dieses Orchester mit Musikerinnen und Musikern aus Bergisch Gladbach und Israel gegründet, um die Gemeinsamkeit beider Nationen musikalisch hervorzuheben („yachad“ [hebr.] bedeutet „zusammen“).

Gastmusikerin war in Pszczyna auch eine junge polnische Geigerin, die somit das bilaterale Ensemble in ein trilaterales verwandelte. Ein echtes und tragfähiges Friedensprojekt! Wunderbare Musik von erstklassigen Musikerinnen und Musikern aus Polen, Israel und Deutschland in einer wunderbaren Kirche – das war wie Atemholen für unsere Seelen, nachdem wir Auschwitz-Birkenau besucht hatten.

Unsere Seelen durften noch mehr gute Zukunftsbotschaften tanken: Auch der ehemalige Ministerpräsident Jerzy Buzek hatte sich nämlich in der Kirche eingefunden und sprach lobende Worte über die Gemeinschaft der Länder, insbesondere der europäischen, schließlich war er von 2009 bis 2012 Präsident des Europäischen Parlaments, ein Europäer durch und durch.

Pszczyna war ein wichtiger Höhepunkt für den Bergisch Gladbacher Pszczyna-Verein: Sein Vorsitzender Klaus Farber und seine stellvertretende Vorsitzende Gabi Malek wurden als Ehrengäste begrüßt. Man konnte sehen: Dort waren wertvolle Partnerschafts- und Freundschaftsbande geknüpft worden! Bürgermeister Dariusz Skrobol lud darum die gesamte Delegation zum Abendessen ein. Erst gegen Mitternacht trafen wir voller widersprüchlicher Eindrücke im Hotel ein.

Klaus Farber hatte uns zu Beginn der Reise erklärt, wieviel Prozent unserer Leistungsfähigkeit uns an jedem Tag abverlangt würden, nach einem ersten Tag mit 80 Prozent folgte der zweite Tag mit 95 Prozent (er hatte klugerweise nicht die realistischen 120 Prozent  angekündigt, weil er uns nicht vergraulen wollte).

Jetzt kamen zwei Tage mit 20 Prozent – was aber auch nicht stimmte, denn diese beiden Tage waren mindestens 100-Prozent-Tage, aber auf eine entspannte Art und Weise. Es gab schließlich noch viel zu sehen:

Der Rynek (Platz) an der historischen Marienkirche war bunt und quirlig, ruhiger war es in den schönen Grünanlagen und den Seitengassen. Museen wurden besichtigt, Ausstellungen für Moderne Kunst oder das Schindler Museum, auf den Märkten gab es Leckeres zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu kaufen, diverse Eisdielen wurden verglichen – die Beliebtheit konnte man an den Schlangen davor abmessen.

Gegen den Durst halfen diverse Biersorten – das Wetter war bestens, wie man unschwer erraten kann – und die Polizei war mit voller Montur vor Ort, um einigen potentielle Gefährdungen vorbeugen zu können – politische Demos von Rechten gegen Homosexuelle, von Linken gegen Rechte, von Studenten, die einen Prinzen kürten (ja, …wie im Karneval).

Ach ja, ein Lokal zum Fußballgucken wurde auch gegoogelt und gefunden, und ein Spaziergang im Wald und an der Weichsel fehlte auch nicht. Ein Höhepunkt war auch der Abend mit Klezmermusik und jiddischen Liedern im jüdischen Viertel. Unsere Mitreisenden mit polnischen Wurzeln bereicherten zudem unsere Gruppe mit weiteren polnischen Verwandten und Freunden. So kommt man in Krakau zusammen!

Irgendwie hatten wir am Ende das Gefühl, genug für drei Wochen erlebt zu haben! Danke an Klaus Farber, den Boss, und Gabi Malek, die Chefin, für das Organisieren, Übersetzen und Bemuttern. Danke an eine tolle Gruppe mit besonderen, fröhlichen und offenen Menschen! Es war eine denkwürdige und wohltuende Reise!

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Susanne Schlösser

engagiert sich im Arbeitskreis Ganey Tikva, der die Kontakte mit der Partnerstadt in Israel fördert.

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1 Kommentar

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  1. Für Interessierte: Wieslaw Świderski, der Guide von Auschwitz, hat gemeinsam mit seiner Frau einen Film mit Zeitzeugen über das Auschwitz vor dem Holocaust gedreht, „Oshpitsin. Save from Oblivion“. Der Film ist auf Polnisch mit englischen Untertiteln, die man leider zum Teil schnell lesen muss. Trotzdem ist der Film sehenswert. Fundstelle:
    https://vimeo.com/18701021