Die Schnabelsmühle 1834. Hier wohnte die Familie Zanders, bevor an gleicher Stelle die Villa Zanders gebaut wurde. Foto: Stiftung Zanders

In der zweiten Folge der Serie zum 100. Todestag von Max Bruch geht es um Begegnungen, Freundschaften und Liebe – die Bergisch Gladbachs kulturelles Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Gang brachten. Neben dem Komponisten spielten dabei eine wilde Hummel, ein verwunschener Prinz und der Gründer des Liederkranz wichtige Rollen.

Text: Siegfried R. Schenke Illustrationen: Uwe Hintz

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Der Igeler Hof hatte Max Bruch nach Bergisch Gladbach geführt und ihn ebenso wie das Wohnhaus an der Schnabelsmühle und dann ab 1874 die Villa Zanders nicht mehr losgelassen.

Schon in seiner jugendlichen Phase als junger Künstler begann die lebenslange Bindung an die Familie Zanders. In zahlreichen Briefen wurde in Phasen der räumlichen Trennung, wie nach Bruchs endgültiger Übersiedlung 1878 nach Berlin, der Kontakt aufrechterhalten.

In ihnen sind alle die musikbezogenen Empfindungen, beruflichen Erfahrungen, alltäglichen Ereignisse und Vertraulichkeiten festgehalten. Der lebendige Briefwechsel mit Maria Zanders und die regelmäßigen Besuche in der Villa verbanden Max Bruch mehr als 60 Jahre lang mit Bergisch Gladbach.

Die Villa Zanders von Nordost um 1880, die Papierfabrik im Hintergrund. Quelle: Stiftung Zanders

In einem Brief vom 24. April 1865, als Maria sich in Leutesdorf am Rhein erholte, schrieb Max Bruch vom Igeler Hof aus:

„Mein lieber Freund Richard und ich führen unterdessen ein relativ ganz behagliches Junggesellenleben… Eigentlich, liebe Maria, liegt eine große Zudringlichkeit darin, dass ich jetzt trotz Ihrer Abwesenheit nicht gewichen bin.

Aber Sie verstehen, was mich hier festhielt, nicht wahr, Sie verstehen, was mich jetzt hier festhält? Für unsereins, für mich gibt es garnichts Wichtigeres in der Welt, als gute und immer bessere Werke zu schaffen. Und niemals bin ich mehr in der rechten Stimmung gewesen, als jetzt.“   

 (Aus: Krey, Herbert: Max Bruch und Bergisch Gladbach. o.J.)

Aus Bruchs Aufzeichnungen für seine Lebenserinnerungen, 1914:

„Überall in den Bergen kleine weiße Kirchen und Kapellchen (Herkenrath, Sand). Blick in die reiche Rheinebene, auf Köln und den Dom. In den umgebenden Wäldern schöne Wege. – Vor 60 Jahren noch schlechte Communikation. Ich daher als Knabe oft zu Fuß. Nichts glich meiner Freude, wenn ich mich den grünen Höhen näherte.

Idealer Aufenthalt. Gute Geister schützten dort auf den Bergen meine Jugend und behüteten mich vor jeder Berührung mit dem Schlechten. Es ist daher lebenslang eine geradezu leidenschaftliche Liebe zur Natur und die Tendenz zur Einsamkeit geblieben. Die Pläne mit Sachen nie in der Arbeitsstube gedacht – wenn irgend möglich, im Freien gedacht, am liebsten auf Höhen.

Liebes wurde mir auf den Bergen zu Theil, Liebes im Tal, in B. Gladbach, wo 1853 die Freundschaft der Familie Z. entsprang, die mir eine Quelle etc.“

(Schmitz, Dr. Ferdinand. 1935. Max Bruch und sein Verhältnis zu Bergisch Gladbach und Umgebung. Berg. Gladbach. Heidersche Zeitung)

Max Bruch und Maria Zanders, geborene Johanny, Heimatdenkmal an der Trotzenburg

Rückblende: Maria Johanny

Bevor wir einen Blick auf seinen Aufbruch in die „Welt“ werfen, muss die ungewöhnliche Verkettung von günstigen persönlichen Begegnungen erzählt werden: In einem Düsseldorfer Pensionat und in einer Musikerfamilie in Darmstadt wurde aus dem Hückeswagener Kind Maria Johanny eine musisch hoch begabte, kontaktfreudige und wissbegierige junge Frau.

Sie, die früher von ihren Freundinnen „wilde Hummel“ genannt worden war, erfuhr im Haus des Darmstädter Kapellmeisters und Direktors des Hoftheaters Wilhelm Mangold eine intensive musikalische Ausbildung.

„Das Temperament macht Sprünge, und der Lerneifer wird grenzenlos. Die Musikstunden versetzen sie oft in einen Rausch des Entzückens.“

(Caspary, Anna. 1929. Maria Zanders – Das Leben einer bergischen Frau. Jena. Eugen Diederichs. S.12)

Damit begann in Darmstadt die fast märchenhafte Geschichte der „Musikalisierung” des Strundetals.

Denn außer durch Mangold wurde Maria auch von dessen Schwiegersohn unterrichtet, einem Herrn Mann, Regierungskommissar bei der Darmstädter Bank. Von ihm wurde sie in die nordische Sagenwelt eingeführt.

Eine besondere Rolle spielte Herr Mann, der sich Maria gegenüber als „Dein Dich verehrender Lehrer und Freund“ bezeichnete und der mit Richard Zanders befreundet war.

Carl Richard Zanders. Foto: Wikipedia

Richard, nach einer Woche voller trauriger Gedanken über seine berufliche und familiäre Situation, hörte eines Tages im März 1857 von seinem Freund Herrn Mann, dass er noch am selben Nachmittag Maria mit Freundin aus Hückeswagen sehen und sprechen könne.

Richard kannte sie schon lange durch Manns „enthusiastische Schilderung. Er wusste „sogar durch den Freund von deren unendlicher Scheu vor allem FremCden und ging mit doppeltem Vergnügen auf Manns Scherz“ ein, in dem auch er eine Rolle zu spielen hatte, um dem jungen Mädchen über den Eintritt in sein Haus hinwegzuhelfen.“ 

Denn den Mädchen wurde gesagt, sie müssten leider im „Hotel” Schnabelsmühle absteigen, weil die Postwirtin, Besitzerin des einzigen Gasthauses Gladbachs, gestorben sei. Die Notlüge gelang und das Komplott nahm seinen Lauf.

Der verwunschene Prinz

Die Mutter Richards war in Bonn, über der Tür des Hauses Schnabelsmühle hing ein Schild mit der Aufschrift „Zum verwunschenen Prinzen“ und im Gartenzimmer wartete bereits „der Kellner“ (Richard) am gedeckten Tisch auf die Gäste.

Amors Pfeil traf Maria (18) und Richard (31), als sie sich zum ersten Mal sahen. 

„Sie empfinden auf den ersten Blick Liebe zueinander. Maria vergisst alle Scheu in der wundersam belebten Unterhaltung. Der junge Hausherr ist hübsch und so freundlich! … Hinter scharfen Brillengläsern leuchten warm und lebendig seine dunklen Augen. Am Nachmittag kutschiert Richard in seinem hohen Wagen die Gesellschaft nach Bensberg, Maria sitzt neben ihm auf dem Bock. Am Abend erlebt sie etwas, was sie ganz unbeschreiblich entzückt:

Ein Chor von Arbeitern singt im Zanderschen Garten. Im hellerleuchteten Gartenzimmer sitzt der Hausherr am Klavier und spielt: „Nun danket alle Gott“.

„Die Verlobung findet statt – dem Vater bricht fast das Herz, daß er die Tochter verlieren soll.“

Anna Caspary, Ib., S.23f.

Wie wir schon wissen: Die Hochzeit fand drei Monate nach dem ersten Kennenlernen statt, eine Liebesheirat, wie sie nicht alltäglich war. Mehr über die Traumhochzeit finden Sie in der Folge 1.

Um den musikalischen roten Faden zu verknoten und weiter zu verfolgen, muss Folgendes gesagt werden: Richard spielte Klavier, hatte eine gute Stimme, er war Mitglied im 1845 von Vinzenz Jacob von Zuccalmaglio (1806-1876) gegründeten Männerchor „Liederkranz“ (s.a. Inschrift am „Haus Liederkranz“ in der Laurentiusstr.).  

Zuccalmaglio war ein aus Schlebusch stammender Notar, ein Freund von Marias Eltern, der nebenberuflich unter dem Pseudonym „Montanus“ als Lieder-Dichter und Lieder-Sammler, Geschichtsforscher und Schriftsteller wirkte. Von 1831-1848 arbeitete er in Bensberg als Notariats-Kandidat und wohnte mit seiner Frau Gertrude in Haus Blegge in Paffrath.

Und jetzt haben wir die glückliche Verkettung der Personen und die daraus sich entwickelnde Erfolgsgeschichte: Vinzenz – Richard – Max – Maria.  

Alle vier waren in unterschiedlicher Weise mit Musik verbunden und konnten sich dadurch bestens ergänzen. Sie ließen sich anregen von künstlerischen, sozialen und politischen Ideen. 

Vinzenz und Richard waren mit dem „Liederkranz“ ausgelastet, Maria motivierte die stimmlich geeigneten Arbeiterinnen zu singen und gründete im Jahre 1885 den ersten Gladbacher Frauenchor, der noch im gleichen Jahr ein gemeinsames öffentliches Konzert mit dem Männerchor „Liederkranz“ wagte. 

Max schrieb Chorwerke für Frauen- und Männer- und gemischte Chöre und dirigierte sie dann auch manchmal.  

„Die dauerhafte Bildung eines gemischten Chores erfolgte 1892, dem sich daraufhin die meisten Mitglieder des Liederkranzes anschlossen und der dann die endgültige Bezeichnung Cäcilienchor erhielt.“

(Neuhauser, Hildegard. 2004. Musikpflege in Bergisch Gladbach im 19. Jahrhundert – die Unternehmerin Maria Zanders und der Komponist Max Bruch. Fernwald. Musikverlag Burkhard Muth, S.95)

Für Vinzenz Zuccalmaglio (Erster Vorsitzender) war mit der Gründung des „Liederkranz“-Chores nicht nur ein „gemütliches Beisammensein“ verbunden, sondern auch ein gesellschaftlich vorbildliches Verhalten:

„Denn wie in unserem Chore der demokratische Bass, die aristokratischen Leitstimmen und die zahlreichen Mittelstimmen stets im vorgeschriebenen Verhältnisse bleiben mussten, wie das Hervortreten der einen oder anderen Stimme das Gelingen des Ganzen gestört hätte, so stört in der Gesellschaft jede Anmaßung, und wie ein unrichtiges Taktieren alles umwirft, davon haben wir ja in der Gesellschaft leidige Beispiele.“

(Jensen, Helmut. 1995. „Liederkranz“ Bergisch Gladbach. 150 Jahre Chor- und Stadtgeschichte. Bergisch GladbachHeider Druck. S. 24)

„Triebfeder für die Gründung des ersten Frauenchores in Gladbach war für Maria Zanders vermutlich einerseits die sozial gefärbte Absicht, ihren Mitarbeitern kulturelle und damit moralische Werte zu vermitteln, andererseits der Wunsch, mit einem eigenen Chor die Aufführung zumindest einige der von ihr so sehr geliebten Chorwerke Bruchs selbst gestalten zu können, um damit zugleich einen eigenen künstlerischen Beitrag zu der breiten öffentlichen Anerkennung des so geschätzten Komponisten und Freundes zu leisten.“

(Neuhauser, Ib., S. 93)

 Max Bruch kommentierte 1889 (unveröffentlicht) den neuen Volkschor:

„Zum ersten Mal wurden hier auch diejenigen, die vom Leben nicht auf den grünen Zweig gesetzt waren, von einem Strahl der höheren Kunst getroffen.“

Als der „Liederkranz“ 1935 sein 90-jähriges Bestehen feierte, ließ er mit Hilfe der Stadt auf der Margaretenhöhe einen Gedenkstein für den Komponisten errichten. Auf ihm sind folgende Zitate zu lesen:

„Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat“

„Es ist so schön, wenn vom fernen Lande die Segel kehren zum Heimatstrande“

(Odysseus, op. 41)

Was wiederum Odysseus mit Max Bruch und wiederum mit Bergisch Gladbach verbindet, das erfahren Sie in der dritten Folge.

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Siegfried Schenke, Uwe Hintz

Siegfried R. Schenke ist Studienrat im Hochschuldienst für Deutsch als Fremdsprache i.R., Dozent für Musikseminare am Kath. Bildungswerk und Hobby-Pianist. Schon 2005 führte er Studenten der Kölner Musikhochschule auf den Spuren von Max Bruch durch Bergisch Gladbach. Uwe Hintz war beim Rheinisch-Bergischen...

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