Der junge Max Bruch und die „Igel". Das Foto vom Igeler Hof ist mit „vor 1916" datiert. Quelle: Stadtarchiv GL

Der 2. Oktober 2020 ist der 100. Todestag von Max Bruch. In der 6-teiligen Serie „Max Bruch – ein Freund Bergisch Gladbachs” zeigen wir, wie der Igeler Hof und die Familie Zanders Leben und Werk des Komponisten geprägt haben. Und welchen Einfluss Max Bruch mit seiner Musik auf Bergisch Gladbach hatte. Die erste Folge beschreibt, was den 12-jährigen Max vor 170 Jahren an die Strunde führte und wie sich das Wunderkind zum Komponisten entwickelte.

Text: Siegfried R. Schenke Illustrationen: Uwe Hintz

Wie kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Musik in das Tal der Strunde, in die ländliche Kommune Gladbach mit zahlreichen Fabriken und nur 5000 Einwohnern? Zuerst durch den zwölfjährigen Max Bruch:

 „Besonders lieb wurde mir schon in meiner Kindheit das benachbarte, von Cöln mit der Postkutsche leicht zu erreichende Bergische Land – das Land der singenden, klingenden Berge mit seinen grünen Matten, seinen herrlichen Wäldern und blumigen Wiesentälern. … Wenn ich durch die Bergischen Wälder  wanderte, war alles in mir erfüllt von Melodien; im Baumgarten zu singen, im Walde zu träumen, machte mich glücklich.“
  Brief an Anna u. Richard Zanders, 1.8.1889

Bergisch Gladbach um das Jahr 1830. Stiftung Zanders

Die Bindung an das Bergische Land, die mehr als 50 Jahre anhielt, begann 1850 auf der Igel, dem idyllisch gelegenen Igeler Hof. Hier ließ sich der zwölfjährige Max Bruch aus Köln acht Jahre lang von der „mütterlichen Freundin“ Therese Neißen verwöhnen. Therese lebte dort mit ihrem Bruder und war eine ehemalige Gesangsschülerin der Mutter von Max.

In ihrer treuen Hut durfte ich als Knabe und als Jügling oft wochen- und monatelang in dem lieben Haus zwischen den alten Nußbäumen wohnen, sinnen und arbeiten.“

Therese Neißen war so beeindruckt von der Begabung des jungen Max, dass sie ihm ein Tafelklavier kaufte, das er kurz nach seinem 13. Geburtstag auf der Igel erhielt.

Mit diesem Instrument entstanden bis zum Tod Fräulein Thereses 1859 zahlreiche Kompositionen, wie z.B. ein Quintett für Klavier und Streichinstrumente, eine Kantate nach einem Text von Goethe, ein Klaviertrio und ein Lied  für Sopran-Solo, Chor und Orchester.

Auch kennt Ihr den meinen Produkten gewöhnlich günstigen Boden der Igel und werdet Euch daher nicht wundern, wenn ihr hört, daß auch diesmal die Muse mir gelächelt und mich veranlaßt hat, meinen Aufenthalt ein wenig länger auszudehnen als anfänglich bestimmt war.“ 
Brief an die Eltern: 11. März 1856

In der Zeit zwischen 1853 und 1857 wurde der junge Max in Köln besonders  von Ferdinand Hiller gefördert, dem Leiter des Cölner Gürzenich-Orchesters und des Konservatoriums der Stadt.

Kurz bevor Gladbach durch König Friedrich Wilhelm IV. am 9. August 1856 die Stadtrechte erhielt, gab es im Mai 1856 auf der Igel eine Privataufführung von Max’ erster Oper. Sie war die Vertonung eines Lustspiels  seines Lieblingsdichters Goethe: Scherz, List und Rache, wozu Hiller die Klavierbegleitung spielte.

Die Igel wurde für einen Abend zum Konzertsaal. In den folgenden Monaten arbeitete Hiller mit seinem jungen Privatschüler an der Instrumentation des Werkes, so dass  das Singspiel 1857 in Leipzig als Opus 1 gedruckt und und am 14. Januar 1858 in Köln aufgeführt werden konnte.

Damit waren seine Studien bei Hiller beendet. Später schrieb Max Bruch dazu:

Meine künstlerische Ausbildung leitete er mit Liebe und Verständnis, setzte jedoch, wie fast alle meine Lehrer, bei mir zu viel voraus, so dass ich später die Notwendigkeit empfand, manches durch Selbststudium nachzuholen.“
Max Bruch: Im Bergischen Lande, 1.8.1889, Brief an Anna u. Richard Zanders

Carl Richard und Maria Zanders. Foto: Stiftung Zanders

1857 deutete sich eine weitere ungewöhnliche Entwicklung an.

Wodurch  und durch wen wurde diese Entwicklung ausgelöst? Durch eine lang ersehnte Hochzeit in Gladbach. Besonders aber durch die Brautleute, den Papierfabrikantensohn Carl Richard Zanders und die Tuchfabrikantentochter Maria Johanny aus dem damals reichen Städtchen Hückeswagen.

Richard und Maria heirateten am 17. Juni 1857 zwar in Leutesdorf am Rhein, feierten aber ganz groß in der Mitte Gladbachs im Garten rund um die Schnabelsmühle.

Die Schnabelsmühle, die Keimzelle der Firma Zanders, um 1830. Foto: Stiftung Zanders

Richard war nicht nur in die musikalisch gebildete Maria verliebt, sondern auch selbst musikalisch und literarisch interessiert. Er hatte in Köln ein Konzert des „Wunderknaben” Max Bruch besucht und sich mit ihm angefreundet. Das war offenbar der erste Kontakt zwischen Bruch und der Familie Zanders.

Nun bat Richard Zanders seinen Freund Max, die Festhymne seines Schwagers, des evangelischen Pastors Schütz, mit Musik zu verbinden:

Lasset hoch das Lied erschallen, heute gibt es einen hehren Sang!
Weithin soll der Jubel hallen, brausend wie ein Donnersang.
Denn des Festes schöne Stunde schüttet ihre Fülle aus,
 wo sich heil´gem Liebesbunde
öffnet das bekränzte Haus.  

Nach der Trauung vertiefte sich die Beziehung zwischen Max und der Familie Zanders. Auch Max’ Schwester Mathilde wurde in diesen Bund einbezogen; sie erteilte Maria regelmäßig Klavierunterricht.

Grußwort Friedrich Herweg, Max-Bruch-Musikschule

2013 fand in Bergisch Gladbach ein großes Festival zum 175. Geburtstag vom Max Bruch statt. Seine wichtigsten Werke wurde von namhaften Interpreten aufgeführt. In vielen Veranstaltungen wurden die Bedeutung Bergisch Gladbachs für Bruch, die Beziehung zur Fabrikantenfamilie Zanders und die Wirkungsstätte Igeler Hof thematisiert. Dieses Festival wirkt mit seiner Strahlkraft bis heute nach. Neue Impulse sind seither gesetzt worden, wie die Einweihung des Max-Bruch-Weges.

Im Schatten diese großen Festivals sind die Veranstaltungen zum Gedenken an das Todesjahr 1920 kleiner dimensioniert. Corona stellt die Durchführbarkeit von Veranstaltungen infrage. Daher haben Uwe Hintz und Siegfried R. Schenke einen zeitgemäßen Weg eingeschlagen, im Bürgerportal das Wirken von Max Bruch in Bergisch Gladbach zu beleuchten.

In sechs Kapiteln werden wichtige Stationen seines Wirkens beschrieben. Es sind Aspekte, die den Blick auf Max Bruch nochmals schärfen und das Gedenken an den Komponisten aufrecht erhalten. Ein Ziel, das sich auch die Städtische-Max-Bruch-Musikschule und der Stadtverband musikausübender Vereine gesetzt haben. Ganz herzlichen Dank für diese Initiative und ein gutes Gelingen!

Max wurde Mentor und Begleiter Marias; er half ihr z.B. bei ihren Aktivitäten als Leiterin eines Chores aus Fabrikarbeiterinnen – Keimzelle des späteren „Cäcilienchores“.

Mit Maria Zanders begann in der Schnabelsmühle die „Musikalisierung” Gladbachs (seit 1863 offiziell „Bergisch Gladbach“) – eine fruchtbare und spannende Phase der Stadtgeschichte, an der im Hintergrund Max Bruch zunehmend seinen Anteil hatte.

Der Tod von Therese Neißen 1859 war ein Grund für Max, die Besuche auf der Igel zunächst einzustellen. Jetzt war es für ihn Zeit, sein Studium weiter zu führen und sich auf kommende berufliche Aufgaben vorzubereiten. 

Aber die Igel sollte ihn nicht loslassen … .

Zu dieser Serie

Zum 100. Todestag von Max-Bruch veröffentlicht das Bürgerportal die sechsteilige Serie „Max Bruch – ein Freund Bergisch Gladbachs” über Bergisch Gladbachs musikalischer Entwicklung zwischen 1850 und 1910. Darin werden die Mitwirkenden an der Musikalisierung der Stadt vorgestellt:  

  • Max Bruch (1838-1920),
  • Maria Zanders (1839-1904),
  • Vinzenz  Jacob von Zuccalmaglio (1806-1876),
  • Richard Zanders (1826-1870).

Ohne sie, das ist sicher, hätten wir heute keinen Maria-Max-Vinzenz-Brunnen, keine Max Bruch-Musikschule, keinen Max-Bruch-Wanderweg und vor allem nicht so viele anspruchsvolle und begeisternde Laienchöre! Wir, die Autoren, versprechen Ihnen für die nächsten Wochen eine anregende und unterhaltsame Lektüre.

Ihr Siegfried R. Schenke (Vorstandsmitglied des Musik- und KulturFestival Gl e.V.) verantwortlich für die Texte, und Uwe Hintz, verantwortlich für die Bilder und Graphiken.

Die zweite Folge erscheint am 10. Juli 2020. Sie handelt von Max Bruchs Leben in und mit der Familie Zanders, zwischen Igeler Hof und Villa Zanders.

Quellen:

  • Caspary, Anna: Maria Zanders – Das Leben einer bergischen Frau, 1929
  • Fifield, Christopher: Max Bruch – Biographie eines Komponisten, 1990 
  • Neuhauser, Hildegard: Musikpflege in Bergisch Gladbach im 19. Jh., 2004 
  • Eßer, Albert (Hg.): Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte, 2006 

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Siegfried R. Schenke ist Studienrat im Hochschuldienst für Deutsch als Fremdsprache i.R., Dozent für Musikseminare am Kath. Bildungswerk und Hobby-Pianist. Schon 2005 führte er Studenten der Kölner Musikhochschule auf den Spuren von Max Bruch durch Bergisch Gladbach. Uwe Hintz war beim Rheinisch-Bergischen...

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