Ob die Schulen beim regulären Präsenzunterricht bleiben, ist ungewiss. Das Infektionsgeschehen zeigt sich gerade in jüngeren Bevölkerungsgruppen dynamisch. Entsprechend werden einmal mehr Alternativen diskutiert: Schichtbetrieb, Distanzunterricht, alternative Bustaktungen. Doch wie realistisch ist das?

Die Zahlen sind eindeutig: Die Altersgruppe der 10- bis 19 jährigen macht 10 Prozent der Bevölkerung im RBK aus. Zugleich gehen mitunter 20 Prozent der Neuinfektionen auf das Konto dieser Gruppe (siehe Grafik).

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Quelle: Hilger Müller bei Facebook, Post vom 31. Oktober 2020

Offenbar treiben auch die Schüler das Infektionsgeschehen voran. Gleichwohl lässt das Land die Klassen offen, setzt auf Masken und Lüften. Ist dies realistisch?

Schichtbetrieb und volle Busse

Um versetzte Zeiten beim Unterrichtsbeginn zu ermöglichen, könnten Busse mit versetzter Taktung fahren, lautet ein Vorschlag. So würde man überfüllte Busse und Gedränge in den Schulen vermeiden. „Im Grundsatz ist die Überlegung gut”, erklärt Felix Bertenrath von der Otto-Hahn-Realschule.

Wenn jedoch Schulen – wie die OHR, das OHG und das AMG – untereinander im Betrieb kooperieren, gäbe es beim Schichtbetrieb automatisch Reibungspunkte durch die Mehrfachnutzung von Räumlichkeiten. Zudem müsste der Stundenplan umgeschrieben werden. „Ist es nicht einfacher mehrere Busse einzusetzen und so volle Busse zu umgehen”, fragt Bertenrath.

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Diese Ansicht teilt auch Kollegin Nocile Schuffert, Schulleiterin am BKS in Heidkamp. „Wir haben schon angemerkt, dass Busse fehlen, dennoch berichten uns die Schüler:innen, dass es nur einen Bus gibt und dieser viel zu voll ist. Bei uns kommen täglich 2.000 Schüler:innen mit dem Bus an und die versprochenen Zusatzbusse fehlen”, schildert die Pädagogin.

Distanzunterricht

Das Thema Lernen aus der Ferne wurde schon im ersten Lockdown intensiv diskutiert. Auch hier liegt der Teufel nach wie vor im Detail, wenn z.B. der Fernunterricht erkrankter Lehrer in der Schule stattfinden würde: „Lehrer:innen in Quarantäne können ihre Schüler natürlich per Internet im Klassenraum unterrichten. Doch wir benötigen dann immer noch eine Aufsicht vor Ort”, so Bertenrath, der zudem auf mangelhaftes WLAN verweist.

Auch die Hardware-Versorgung sei noch ungelöst. „Warum kann ich mir als Schulleiter und Landesbeamter keinen Dienst-PC besorgen, sondern muss auf die Bereitstellung durch den Dienstherren warten” fragt er, und wartet immer noch auf sein Gerät.

Eine der beiden Berufsschulen in Heidkamp: Das kaufmännische Berufskolleg. Hier kommen täglich 2.000 Schüler:innen mit dem Bus an – eine Infektionsquelle

Im Berufskolleg sieht es etwas besser aus: „Einige Berufsschuleklassen z.B. die Industriekaufleute könnten m.E. von zu Hause aus oder aus dem Unternehmen heraus im Distanzunterricht unterrichtet werden”, meint Nicole Schuffert. „Die Azubis verfügten über die technische Ausstattung durch die Unternehmen, weswegen ein Distanzunterricht leicht möglich wäre”, zeigt Schuffert flexible Lösungsmöglichkeiten über die Ausbildungsbetriebe auf.

Reorganisation des Schulbetriebs

Bei Schüler:innen aus sozial schwachen Familien, z.B. aus dem Berufsfeld Einzelhandel, scheide dieses Modell jedoch aus. „Lediglich ein Smartphone in Händen der Schüler:innen reicht nicht aus, um in Distanz zu unterrichten”. Berufsschulklassen ohne IT-Ausstattung könne man stattdessen in Lerngruppen mit A- und B-Wochen aufteilen. In einem rollierenden System aus Präsenz- und Homeschooling-Wochen könne der Stoff vermittelt werden.

„Im Frühjahr haben wir festgestellt, dass wir mit einer kleinen Lerngruppe in einer Schulwoche inhaltlich genauso weit kommen wie mit einer großen Lerngruppe in zwei Wochen” macht Schuffert deutlich. Zudem könne auf diesem Weg das Infektionsgeschehen gebremst und die Quarantäne vermieden werden. 

Kommunale Lösungen problematisch

Es gibt also Lösungen. Und wenn das Infektionsgeschehen zu hoch ist, können Kommunen individuell reagieren, sagt das Land, hält sich aber nicht an die Aussage. Erst am Dienstag dieser Woche wurde der Stadt Solingen der Einsteig in den Wechselunterricht verboten.

Die Stadt wollte damit das Infektionsgeschehen bei einem Inzidenzwert von 283 Fällen pro Woche entzerren, was der Empfehlung des RKI entspricht. NRW-Gesundheits- und Schulministerium traten jedoch wegen rechtlicher Bedenken auf die Bremse und haben das Vorhaben kassiert.

Zu recht, findet Felix Berkenrath: „Es ist problematisch wenn jede Kommune unterschiedliche Lösungen fährt. Die Frage ist doch immer, ob die Situation in den Kommunen wirklich gravierend anders als in anderen Kommunen ist.” Er plädiert für einheitliche Lösungen.

Nicole Schuffert hat eine solche parat: „Es gibt Lüftungsanlagen für Klassenräume, die 200 Euro kosten. Warum nutzen wir solche Möglichkeiten nicht?”

Aufmacherbild von Duernsteiner auf Pixabay

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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10 Kommentare

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  1. @Mehmet Schreiner
    Sie leben wohl in einer Traumwelt.
    In der Realität gibt es Klimawandel, sinkende Löhne mit einem schwindenen Mittelstand und eine Spaltung der Gesellschaft.

  2. Man kann nicht oft genug auf die Ergebnisse von Kähler et al. und Curtius et al. Hinweisen. Lüften reicht leider nicht, aber Raumluftreiniger entfernen die Aerosole zuverlässig. Die Frage von Frau Schuffert “Warum nutzen wir solche Möglichkeiten nicht” muss immer wieder gestellt werden. Die Nicht-Nutzung dieser Möglichkeiten muss als fahrlässig bezeichnet werden. Die geringen Kosten (geschätzt 1,5 Milliarden Euro für sämtliche Klassenräume in Deutschland) sind zu relativieren. Zum einen fallen sie im Vergleich zu anderen Hilfspaketen nicht ins Gewicht. Zum anderen dürfen sie in Anbetracht der ernsten Bedrohung unserer Gesellschaft durch ein tödliches Virus nicht als Gegenargument für die Anschaffung von Raumluftreinigern zählen.

  3. @ Bernd de Lamboy: wenn die Schulen 14 Tage schließen, treffen sich die Schüler 14 Tage lang ohne Maske privat oder ggf. mit Maske im Einzelhandel zum Shoppen etc.
    Siehe Lockdown 1.0!

  4. @Bernd+de+Lamboy: Wieso sollte man sich durch Lüften erkälten? Das der Deutsche immer noch die Mär vom bösen “Durchzug und Lüften” glaubt.

  5. @Lisa Deuter,

    diese wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Hinterlassenschaften der älteren Generationen haben Ihnen erst dieses aktuell beschwerdefreie Leben ermöglicht.
    Klar, der Jugend mag ein wenig rebellisches Gehabe gegönnt sein, aber solche Sprüche sind wirklich der Gipfel.

  6. Ich verstehe nicht, warum man nicht auf die erfahrenen Lehrer/Schulleiter hört und deren Vorschläge ernst nimmt oder umsetzt – vielleicht auch erstmal versuchsweise.
    Wenn z. B. durch Teilung der Klassen mit Präsenzunterricht im wöchentlichen Wechsel mit digitalem Unterricht mit Aufgabenstellungen abgewechselt wird – das bringt auch nur noch die Hälfte der Schüler auf den Schulhof und ist sicher eine bessere Lösung als eine Schließung der Schulen. Wobei die Schließung von Klassen/Schulen enorme Konsequezen im privaten Bereich hat – in vielen Familien sind beide Eltern berufstätig und können nicht im homeoffice arbeiten. Dadurch gibt es enorme Probleme mit der Kinderbetreuung. Eine Verschiebung der Anfangs-/Schulschlusszeiten von einzelnen Schulen – auch schon vorgeschlagen – um z. B. eine Stunde – würde eine Entlastung der Busse bringen – usw.
    Es wurden einige Alternativen vorgeschlagen, aber leider nicht “erhört”.

  7. ehrlich gesagt? Diese Generation wird genug damit zu tun haben die Hinterlassenschaften der älteren Generationen aufzuräumen. Wirtschaftlich, Ökologisch und Gesellschaftlich.
    Menschen aus der Risikogruppe sollten auf sich achten, aber junge Menschen sollte man auch ein Stück weg leben lassen…. das ganze schimpfen und Schuldabladen geht mir auf die Nerven.

  8. Das Thema wird sich bald von alleine erledigen, wenn die meisten Schüler durch das Lüften erkältet sind und nicht mehr in die Schule kommen.
    Warum werden die Schulen nicht 14 Tage komplett geschlossen, dann kann sich auch niemand mehr anstecken. Als Ausgleich können die Sommerferien reduziert werden.

  9. Ein sehr lesenswertes Interview mit Frau Dziak-Mahler, die für die LehrerInnenausbildung an der Universität zu Köln verantwortlich zeichnet, findet sich im Kölner Stadt-Anzeiger vom 05.11.2020:

    Kölner Bildungsexpertin im Interview „Der Schulstoff muss unbedingt reduziert werden“

    Die Kölner Bildungsexpertin Myrle Dziak-Mahler kritisiert, dass Schulministerin Gebauer angesichts stark steigender Infektionszahlen an Schulen weiter beschwörend auf Präsenzunterricht und Lüften setzt statt Alternativkonzepte zu entwickeln.

    Es wird an den Schulen nach der Pandemie keine Rückkehr zur alten Normalität von vor Corona geben.

    Sie fordert von allen Lehrern digitales Umdenken und erläutert, warum der ganze Lehrplan auf den Prüfstand gehört.

    https://www.ksta.de/koeln/koelner-bildungsexpertin-im-interview–der-schulstoff-muss-unbedingt-reduziert-werden–37576400

  10. Morgen.. So lange die Schüler außerhalb der Schule keinerlei Regeln einhalten.. Solange wird die Schule ein Hotspot bleiben. Sehe ich jeden Tag..