Wolfgang Neisser, Watergate Automobil, Digital Art, 2020, Auflage 1 bis 7

In Herkenrath hat sich eine spannende Tür in der regionalen Kunstszene geöffnet: Die Galerie Partout zeigt unter der Überschrift „Kontrapost“ Arbeiten von Bettina Mauel und Wolfgang Neisser, in den Kabinetträumen und in der großen Werkhalle. Trotz Corona.

Die Ausstellung ist enorm facettenreich. Mit Mauel und Neisser sind zwei zeitgenössische Künstler:innen vertreten, die „unterschiedliche Positionen im Galerieprogramm besetzen”, verdeutlicht Galeristin Ursula Clemens-Schierbaum.

Während Bettina Mauel mit klassischer, leuchtend-intensiver Ölmalerei präsent ist, zeigt Wolfgang Neisser digitale „Collposings”. Damit wagt die Galerie eine Standortbestimmung zeitgenössischer analoger sowie digitaler Kunst, mit zu bildgewaltigen Exponaten.

Digitale Rundreisen

„Wolfgang Neisser entführt den Betrachter in die europäische Stadtgeschichte, durchaus sozialkritisch, mit Collposings, die teils mehr als 200 verschiedene Bildelemente übereinander lagern”, erklärt Clemens-Schierbaum. Dabei untersucht Neisser die Möglichkeiten der Collage und treibt diese Gattung voran.

Es entstehen Bilder von faszinierender Tiefe, die durch Hintergrundbeleuchtung an weiterer Dynamik gewinnen. Die komplexen Stadtführungen der etwas anderen Art nehmen den Betrachter mit nach Köln, Paris, Ravenna oder Barcelona:

Neue Bildsprache

Inhaltlich bringt Neisser verschiedene Ebenen der Zeitgeschichte der Städte zusammen. Dies führt beispielsweise im Werk „Paris Après” zu einer eindringlichen Kompositionen von hoher Emotionalität: Verweise zu den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo sowie zu Schlachten aus dem Zweiten Weltkrieg bieten Raum für Reflexionen, thematisieren die Relevanz von Geschichte für das Hier und Jetzt.

„Neisser lebt mehrere Wochen in den Städten, setzt sich mit Kultur und Geschichte vor Ort auseinander, bevor er seine Fotografien zu Collposings zusammenführt”, erklärt Clemens-Schierbaum das Vorgehen des in Köln lebenden Künstlers. Seine Ausbildung als Grafikdesigner spiegelt sich in den Arbeiten wider. Warum nicht, wenn so eine neue, spannende Bildsprache entsteht, die enormen Sog entfaltet.

Wolfgang Neisser, Paris Après, 2015

Zu den Werken ist eine kleine aber feine Schriftenreihe entstanden, die den Betrachter in die Collposings einführt. Das hilft bei der Dechiffrierung. Man kann die Werke aber auch ohne Leitfaden wirken lassen.

Neissers Werke sind in einer Auflage von je sieben Exemplaren geplant. Die Drucke können z.B. gerahmt mit Hintergrundbeleuchtung oder auf Acryl realisiert werden.

Künstlergespräche
Bettina Mauel: 3.12.2020, 14./28.01.2021, 26.02.2021
Wolfgang Neisser: 10./17.12.2020, 18./26.02.2021
Infos unter www.partout-kunstgeschichte.de

Augenblick der Regung

Bettina Mauel studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter und Gotthard Graubner. Sie ist bereits mit der dritten Ausstellung bei Partout vertreten. „Der Körper malt”, erklärt sie in einem Begleittext zur Ausstellung. Dies kann inhaltlich als auch bezüglich des Entstehungsprozesses verstanden werden.

Die gezeigten Werke zeugen jedenfalls von einem beherzten Vorgehen. Der kraftvoll-dynamische Pinselduktus vermittelt: Alles ist in Bewegung. Licht und Natur, selten ist der Augenblick der Regung so ästhetisch und expressiv festgehalten worden wie bei Mauel:

Die Malerin entdeckte das Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch schon frühzeitig als Quelle der Inspiration. Der gezeigte Zyklus „flying robes” zeugt von der künstlerischen Auseinandersetzung mit einer der weltbesten Kompanien überhaupt.

„Die Tänzer:innen erkannten sich in den Arbeiten wieder, auch wenn Bettina Mauel keine Elemente eines Portraits verwendet”, berichtet die Galeristen. Körpersprache, Bewegung, Emotion – Mauel lässt Individualität und Bewegung zu farbgewaltigen Bildern zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktheit zusammenfließen.

Kluge Hängung der Exponate

Dabei profitiert die Ausstellung von einer klugen Hängung (vgl. Bild) – die Exponate sind teils im Raum platziert, scheinen selbst im Tanz begriffen zu sein. Das Portrait der Choreografin Pina Bausch beobachtet das Treiben vom Rande.

Bettina Mauel bringt ein enormes Gespür für Farben mit, Schwarz eingeschlossen. Nicht zuletzt durch das Stilmittel des Clair-obscur, der im Barock entwickelten Hell-Dunkel-Malerei, entfaltet sie kraftvolle Momente. „Alles ist in Bewegung” bringt es ein Begleittext auf den Punkt.

Galerieprogramm: Wer mag, erhält in der Werkhalle einen Eindruck über weitere von der Galerie vertretene Künstler:innen. Hier bietet sich durchaus Überraschendes: Figurinen des Tadeusz-Meisterschülers Michael Broermann. Sehr sensible, meisterliche Arbeiten aus Paraffin und Farbe des Japaners Masaki Hagino – eine Entdeckung! Bekanntes und Neues von Rolf Jahn. Bronzeskulpturen von Else und Petra Giesberg.

Weitere Infos unter www.partout-kunstgeschichte.de

Besuch unter Hygieneauflagen

„Wir hatten für 2020 insgesamt vier Ausstellungen geplant, Pandemie-bedingt sind daraus zwei geworden”, erklärt Ursula Clemens-Schierbaum. Notgedrungen habe man die beiden geplanten Ausstellungen mit Bettina Mauel und Wolfgang Neisser zusammengelegt und präsentiert die Künstler:innen kurzerhand gemeinsam.

Warum dürfen Galerien öffnen, Museen bleiben indes geschlossen? Galerien mit kommerzieller Ausrichtung würden dem Einzelhandel zugeordnet, heißt es beim Bundesverband Galerien und Kunsthandel.

Unter Beachtung der Auflagen wie AHA-Regeln und Besucherzahl pro Fläche dürfe die Galerie mithin öffnen, so Clemens-Schierbaum. Damit bietet sich für Besucher:innen aktuell die Chance, Kultur trotz Corona zu genießen. Und zumindest für Künstler:innen die Möglichkeit, während der Pandemie auf dem Kunstmarkt präsent zu sein.

Galerie Partout
Bettina Mauel & Wolfgang Neisser – Kontrapost
Ölmalerei und Collposings
Dauer: Noch bis zum 26. Februar 2021
Öffnungszeiten: di, do, fr von 16 bis 19 Uhr, sa von 11 bis 13 Uhr
Adresse: Straßen 85, 51429 Bergisch Gladbach
Besuch: Eingeschränkte Besucherzahl – Anmeldung erbeten unter kontakt@partout-kunstgeschichte.de

Bettina Mauel, Look how we dance, 2017

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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