Werner Stümper betreibt in Bensberg zwei Bekleidungsgeschäfte. Der erneute Lockdown hat ihn mitten im Weihnachtsgeschäft getroffen. Nun hat er sich der bundesweiten Aktion „Wir machen auf_merksam“ angeschlossen – um auf die akute Notlage der Einzelhändler hinweisen. Denn die angekündigte Überbrückungshilfen könnten für viele Händler zu spät eintreffen.

Im Moment fährt Werner Stümper zusammen mit seiner Frau ein Hybrid-Modell: Über Videos oder WhatsApp stellt er interessierten Kunden Bekleidungsstücke aus seinen beiden Boutiquen „Clubman” und „La Suite” vor. „Treue Kunden besuchen uns dann an der Tür und nehmen etwas mit”, freut er sich. Die Ware werde auch mal verschickt, oder er fahre eine Auswahl an Kleidungsstücken zu den Kunden.

Ein Besuch in den Bensberger Ladengeschäften ist wegen des Lockdowns verboten.

Lockdown gleicht Berufsverbot

Dennoch: „Der Lockdown ist für uns ein Schlag, den man nicht komplett auffangen kann. Mit Social Media machen wir auf uns aufmerksam, wir sind jeden Tag im Laden”, erklärt Stümper. Aber damit mache er vielleicht gerade einmal zehn Prozent des normalen Umsatzes.

Er ist Web-affin, und hat nun eine weitere Möglichkeit gefunden, um auf die Notlage hinzuweisen: Seit dem 11.1., 11.00 Uhr, läuft die Aktion „Wir machen auf_merksam”, der sich Stümpner angeschlossen hat.

Mit dem Slogan, der auf Plakaten im Schaufenster oder den Social Media-Plattformen der Teilnehmer zu sehen ist, wollen die Teilnehmer:innen auf die existenzbedrohende Situation der Einzelhänder aufmerksam machen. Das Wortspiel wirkt, bringt Passanten zum nachdenken und führt zu Gesprächen.

Dem Initiator der Aktion, selbst in der Modebranche aktiv, gehe es damit um nichts anderes als der Rettung des Kulturgutes „Innenstadt“. Der Lockdown gleiche einem Berufsverbot, heißt es auf der Webseite der Aktion. 1.500 Händler sollen sich deutschlandweit angeschlossen haben.

Lage Ende 2021 ungewiss

„Wir haben bislang keine Unterstützung erhalten, im Gegensatz zu den November- und Dezemberhilfen für den Gastronomiebereich”, sagt Stümer. Er fordert die Gleichstellung mit Restaurants und Hotels.

Denn der Kostendruck im Einzelhandel sei hoch: Die Winterware liege im Geschäft, könne wegen des Lockdowns nicht abverkauft werden, um damit wiederum den Einkauf der Frühjahrskollektion zu finanzieren.

„Das Geld hängt an den Kleiderbügeln”, so Stümpers Bilanz, er kann es aber nicht in die Kasse befördern. Problematisch sei, dass man in der Modewelt längere, halbjährliche Zyklen beim Wareneinkauf planen müsse. Das ist derzeit nicht machbar, keiner wisse was Ende 2021 los sei.

Natürlich bemühe er sich um die Senkung der Fixkosten, berichtet Stümper. Ein Vermieter sei selbst Händler und habe aktiv eine Lösung angeboten. Der andere Vermieter sei dagegen von Hilfen des Staates ausgegangen.

In der RheinBerg Galerie sind die meisten Geschäfte geschlossen. Foto: Thomas Merkenich

Bluten für die Großstädte

Hilfen seien aber nicht in Sicht, ebensowenig wie zinsgünstigen Kredite. „Wir bluten derzeit für die Großstädte”, ist Werner Stümper überzeugt. Dort gebe es große Ladenflächen, die Ansteckungsgefahr sei dort tendentiell eher größer. In den kleinen Geschäften im ländlichen Raum könne man die Hygiene-Regeln dagegen gut umsetzen. Mit den Ladenschließungen schere man nun aber alle über einen Kamm.

Den Vorwurf aus der Politik, dass die Händler nicht ausreichend selbst auf das Online-Geschäft setzen, lässt er nicht gelten. „Wir wollen doch Dienstleister sein, wollen unseren Kunden echte Beratung und ein Kauferlebnis bieten. Der Online-Vertrieb ist nicht unser Ansinnen”, macht Werner Stümper klar.

Die Menschen würden nach der Krise nicht komplett auf Online schwenken, sondern wieder auf das Kauferlebnis setzen, prognostiziert er. „Schließlich gehen die Kunden nach der Pandemie doch auch wieder ins Restaurant. Keiner wird nur noch ausschließlich beim Lieferservice ordern!”

Die Lage sei dramatisch. Wenn es noch acht bis zehn Wochen so weitergehe, werde es ein Massensterben kleiner Händler geben, malt Stümper ein düsteres Szenario.

Geschlossene Geschäfts in der Schlossstraße. Foto: Thomas Merkenich

Fast jeder vierte Händler rechnet mit Aus

Dabei ist mit der sogenannten Überbrückungshilfe III des Bundes Hilfe in Sicht. Eigentlich, schränkt der Handelsverband Deutschland, HDE, ein. Zwar solle die Überbrückungshilfe III auch für den Einzelhandel gelten. Gleichwohl seien durch Grenzwerte für die Beantragung so hohe Hürden aufgestellt, dass die geplanten elf Milliarden Euro eher zäh abfließen werden, befürchtet HDE-Sprecher Stefan Hertel.

Zudem kämen die Hilfen nicht rechtzeitig an. Daher, so Hertel, könne der Motivation und Verzweiflung derjenigen Händler, die auf sich „auf_merksam” machen, gut nachvollziehen.

Die Verzweiflung lässt sich an nackten Zahlen ablesen: Laut einer aktuellen Umfrage des HDE-Verbandes halten 80 Prozent der Einzelhändler die Hilfen für nicht ausreichend. 23 Prozent der Händler in Deutschland rechnen gar damit, dass sie ohne weitere staatliche Unterstützung im ersten Halbjahr aufgeben müssen.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Wer den Strukturwandel verpennt hat, schreit am lautesten. Die Corona Pandemie beschleunigt nur enorm eine Entwicklung die sonst vielleicht noch 5 Jahre gedauert hätte. Wer sich nicht gnadenlos der Digitalisierung unterordnet, wird die technische Evolution nicht überleben. Dazu kommt der demographische Faktor, der den physischen Handel langsam aussterben lässt. Da kann man jetzt aufschreien und dem Autor dieser Zeilen die Pest an den Hals wünschen, aber es reicht sich in anderen Kleinstädten umzuschauen, wo das Lädensterben schon weit voran geschritten ist. Irgendwann ist eben auch mal der Kölner Speckgürtel erreicht.

  2. Danke für diese Beiträge zur Lage des Einzelhandels in Bergisch Gladbach.
    Gerade in Corona-Zeiten geben Sie den Gastronomen / Boutique-Betreibern / Kultur-Schaffenden eine Stimme – und ein Gesicht. Sehr persönlich – informativ und aufrüttelnd – Bitte mehr von diesen Berichten!