Der Bürgerverein Gierather-Schlodderdich hat sich im Rahmen eines Bürgerdialogs ausführlich über Ursachen und Folgen des Starkregens im Juli für den eigenen Stadtteil informieren lassen. Und er leitet daraus sehr konkrete Vorschläge ab. Wir dokumentieren das Protokoll des Bürgerdialogs.

Die beiden Vorsitzenden des Bürgervereines Gierather-Schlodderdich Christian Rehwald und Eddie Cürten stellen sich vor und begrüßen die Vertreter der Verwaltung und alle anwesenden Bürger. In Folge stellen sich die Vertreter der Stadt vor und erläutern ihre jeweiligen Verantwortlungsbereiche.

Harald Flügge (Erster Beigeordneter der Stadt Bergisch Gladbach) gibt mit Hilfe von Bildern einen Überblick über den Schadensverlauf aus Sicht der Stadt. Herr Metzen (Mitarbeiter des Abwasserwerks) führt weiter aus das es sich um ein langgezogenes Regenereignis mit mäßiger Intensität gehandelt hat. Es wurden insgesamt ca. 100mm Niederschlag über etwa 10 Stunden gemessen.

Herr Metzen erläuterte, dass diese Menge dem 1,6 fachen des durchschnittlichen Juli Niederschlages entsprach, die Böden bereits vor diesem Ereignis gesättigt waren und es sich um eine ungewöhnlich stabile länderübergreifende Großwetterlage gehandelt hat. Statistisch würde man diesen Starkregen als ein Ereignis einstufen, welches nur alle 1000 bis 4000 Jahre auftritt.

Fragen der Bürger

Die Vertreter der Stadt erläutern, je nach Thema, abwechselnd und gestützt durch eine Präsentation ihre Antworten auf die vorab übermittelten Fragen der Bürger. Bereits in dieser Phase kam es zu etlichen Rückfragen und kurzen Diskussionen, die erst im nächsten Abschnitt konsolidiert wiedergegeben werden. Hier eine Übersicht der Fragen und Antworten:

F1: Die betroffenen Bürger schilderten den Hergang wie eine Flutwelle, also kein langsam ansteigender Pegel. Wie ist es dazu gekommen?

A1: Bis zur Notentlastung des Rückhaltebeckens sind keine Flutschäden entstanden. Sobald der Wasserspiegel im Hochwasser Rückhalte Becken (HRB) einen definierten Höchststand erreicht greift ein automatischer Mechanismus, der das zufließende Wasser komplett in die Strunde durchleitet. Diese Notöffnung hat zu einer initialen Flutwelle und in Folge einem kontinuierlich erhöhten Ablass in die Strunde geführt, bis das HRB wieder die Rückhaltefunktion übernehmen konnte.

F2: Schleuse am Rückhaltebecken Rodemich: Hier gibt es unterschiedliche Schilderungen, vom Stromausfall und damit fehlender Funktion bis hin zu falscher Einstellung gibt es viele Versionen. Was war wirklich los? War die Schleuse stets maximal geöffnet und wenn nein warum nicht?

A2: Die Anlage hat wie geplant und genehmigt funktioniert. Konkret bedeutete dies Regeleinleitung von maximal 2m³/s, dann im Laufe des Starkregens Erhöhung auf die durch den Durchlass Gierather Straße definierte Maximalkapazität von 15m³/s bis hin zur Notöffnung mit einer noch nicht kommunizierten Ablassmenge in die Strunde. Die Anlage kann auch manuell gefahren werden, es handelt sich um durch einen Schwimmer gesteuerte Mechanik.

F3: Wie genau hat sich das Wasser ausgebreitet?

A3: Im Wesentlichen analog zu den berechneten Überflutungsgebieten. Genauere Angaben wurden nicht gemacht.

F4: hier interessiert insbesondere der Bereich vor dem Überlauf des Randkanals am Dännekamp. Hier scheint das Wasser einige hundert Meter vor dem Überlauf aus dem Bett getreten zu sein. Es wurden kurz nach der Flut Vermesser gesichtet, die das Areal vermessen haben? Aus welchem Grund haben sie das gemacht und was war das Ergebnis?

A4: Von der Verwaltung waren keinerlei Vermessungsarbeiten beauftragt.

F5: Kurz nach der Flut wurden am späten Abend (gen 22:30 Uhr) Kanaldeckel austauscht. Was hat es damit auf sich? Welchen Zusammenhang mit dem Hochwasser gibt es?

A5: Die Erneuerung der Kanaldeckel auf dem Schlodderdicher Weg wurden bereits vor dem Starkregen beauftragt und steht in keinerlei Zusammenhang mit diesem Ereignis.

F6: Rettung / Entlastung der Innenstadt: Es kursiert das Gerücht, dass zur Rettung der Innenstadt das Wasser wo möglich zu schnell abgelassen wurde, mit dem Ergebnis der Flutwelle und der Überschwemmung im Viertel.

A6: Die Verwaltung hat sich an das sogenannte Verschlechterungsverbot (reformatio in peius) gehalten, d.h. in diesem konkreten Fall, dass keine Maßnahmen ergriffen werden, die an anderer Stelle die Folgen des Starkregens erhöht hätten. Dem Schutz der Innenstadt wurde also kein Vorrang eingeräumt

F7: Wo genau verläuft der Randkanal und wo sind die Zuläufe? Welche Veränderungen / Erweiterungen / Anschlüsse sind zukünftig geplant?

A7: Die diversen auch kleineren Einleitungen (Abschläge) in den rechtsrheinischen Randkanal (RRK) wurden anhand von Karten erläutert. Geplant ist ein weiterer Abschlag direkt aus dem HRB in den RRK. Der Baubeginn ist frühestens 2026. Die Kapazität wird nach einer sogenannten „100-jährigen Abfuhr“, die sich im Wesentlichen aus einem großflächigen ca. 60minütigem Starkregenereignis errechnet.

Hieraus ergibt sich ein Wert von 9m³/s. Zusammen mit einem Zuschlag für den Klimawandel von 6m³/s wird dieser neue Abschlag für 15m³/s ausgelegt. Der RRK ist bei dem Starkregenereignis bereits an Kapazitätsgrenzen gestoßen. Ein neuer Abschlag mit einer höheren Kapazität als 15m³/s ist daher nicht genehmigungsfähig. Eine ausgeglichene Nutzung der vorhandenen RRK Kapazität im rechtsrheinischen Raum ist sicherzustellen. Nach Einschätzung durch Herrn Metzen wird allerdings auch dieser neue Abschlag Flutschäden durch einen solchen Starkregens nicht vollständig vermeiden können.

F8: Die Kanalisation war am Abend der Flut völlig überlastet, teilweise schossen Fontänen aus den Gullideckeln. Der Abwasserkanal war dagegen weitgehend leer. Ist das so gewollt? Warum nutzt man nicht beide Systeme bei extremen Wetterereignissen?

A8: Das Abwassersystem ist im Vergleich zum Regenwassersystem mit deutlich geringeren Querschnitten aufgebaut. Eine Nutzung dieser geringen Kapazität hätte die Situation daher nicht spürbar entspannt. Viel schwerwiegender wiegt aber die Tatsache, dass eine solche Maßnahme unmittelbar zu Kapazitätsproblemen und gravierenden Folgen im Klärwerk Refrath geführt hätte. Bei dem Starkregenereignis ist es weiterhin auch bereits zu Rückstauungen bei Klärwerkablass des geklärten Wassers in den RRK gekommen.

F9: Der Bürgerverein hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach verschiedene Stellen an der Strunde und anderen Bächen als unzureichend angemerkt und um Besserung gebeten. Nahezu alle diese Stellen haben nun zu der Hochwassersituation im Viertel beigetragen. Dazu gehört z.B. die Brücke an der Gierather Str. (bei Praxis Dr. Niklas), die Öffnung für den Durchfluss ist relativ klein, so dass sie sich im Falle des Falls leicht zusetzen kann, diverse Rechen in den Bächen im Wald werden viel zu selten gereinigt. Zum Zeitpunkt der Flut waren sie fast alle dicht. Die Entwässerungsgräben werden zu selten in Stand gehalten. Einige sind stark versandet, teilweise wachsen Bäume in den Gräben.

A9: Die Pflege dieser Kanäle ist aufwendig und der Zustand muss ständig überwacht werden. Nach dem Starkregenereignis wurden bereits diverse Maßnahmen durchgeführt und weitere sind geplant. Die Verwaltung hat zugesagt hier in Zukunft schneller zu reagieren – eine Rufbereitschaft ist eingerichtet. Zu dem konkreten Punkt „Strunde Durchlass Gierather Straße“ wurde angeführt, dass eine Kapazitätserhöhung nur möglich wäre, wenn Flächen der angrenzenden privaten Grundstücke an die Stadt abgetreten würden.

F10: Warum wird der Wald nicht verstärkt als Retentionsgebiet verwendet?

A10: Es gibt im gesamten Stadtgebiet kaum Retentionsflächen und der Strundeverband würde jede Option nutzen. Häufig scheitern solche Vorhaben auch an der mangelnden Bereitschaft Flächen an die Stadt abzutreten.

Vorschläge und Erwartungen der Bürger

Die folgenden Aspekte wurden teils sehr kontrovers diskutiert.

Hochwasserschutz – ist nicht nur eine Verantwortung der öffentlichen Verwaltung, sondern jeder Bürger hat die rechtlich verankerte Pflicht gerade in Risikogebieten entsprechende Vorsorge zu treffen. Etliche Bürger haben Flutschotts, die jedoch wegen fehlender Vorwarnung und der Geschwindigkeit der Flutwelle nicht zum Einsatz kamen.

Private Grundstücke – Es mangelt häufig an verfügbaren Flächen für die Umsetzung von Hochwasserschutzmaßnahmen. Viele Vorhaben können daher nicht realisiert werden.

Gefahrenwarnung – Das Thema wurde kontrovers diskutiert, vor allem das Risiko zu häufig und unspezifisch zu warnen. Herr Köhler brachte die Option auf den sich verändernden Wasserstand des HRB als Frühwarnsystem zu nutzen.

Senke am Dännekamp – Diese Senke in der Höhe der Firma Lorenz wurde mehrfach als Hauptursache für die Überflutungen im Bereich Schlodderdicher Weg und Gierather Wiese genannt. Es wurden Vorschläge wie Spundwände vorgetragen.

Blockierte Kanäle, Reschen und Überläufe – Es wurden diverse Vorschläge für automatisierte Überwachungen gemacht. Der Abwasserverband kontrolliert die kritischen Bereiche wie z.B. den Strunde Überlauf zum RRK regelmäßig.

Schlussfolgerungen des Bürgervereines

Aus der Präsentation der Verwaltung sowie der offenen Diskussion hat der Bürgerverein folgende Erkenntnisse abgeleitet.

Die Notöffnung des HRB ist die wesentliche Ursache für die Flutschäden. Eine Frühwarnung mindestens eine Stunde vor Notöffnung könnte helfen Schäden zu reduzieren.

Der geplante Abschlag vom HRB zum RRK ist für die „100-jährige Abfuhr“ (9 m³/s) plus Klimawandelzuschlag (6 m³/s) ausgelegt und wird bei einem Ereignis analog „Juli 14“ Flutschäden reduzieren jedoch nicht vermeiden.

Der sich dynamisch entwickelnde Klimawandel wird die Risiken für zeitlich ausgedehnte regionale Starkregenereignisse erhöhen. In direkter Konsequenz sind alle Optionen für Retentionsflächen zu bewerten und zu sichern.

Der RRK hatte bei dem Ereignis „Juli 14“ bereits Kapazitätsprobleme. Eine Kapazitätserhöhung des Randkanals wäre nur mit einem signifikanten finanziellen Aufwand im 3-stelligen Millionenbereich umsetzbar. Die Nutzung von lokalen Retentionsflächen ist eine sinnvolle Ergänzung zur Hochwasserableitung und bietet zusätzlich einen Mehrwert für die größtenteils bereits zu trockenen Böden.

Vorschläge des Bürgervereines

Der Bürgerverein hat basierend auf allen vorliegenden Informationen folgende Vorschläge ausgearbeitet:

Strunde Kapazität – Erhöhung der maximalen Ablaufkapazität zwischen HRB und Überlauf in den RRK auf 25 bis 30 m³/s um die HRB Notöffnung bei einem vergleichbaren Starkregenereignis möglichst lange hinauszuzögern bzw. ganz zu vermeiden. Eine Vermeidung ist abhängig von Dauer und Intensität des Starkregen Ereignis. Der Vorschlag beinhaltet folgende Komponenten:

  • Ufernahe Eindeichung zwischen HRB und Gierather Straße 
  • Erweiterung des Durchlasses unter der Gierather Straße. Eine Abtretung privater Grundstücke wäre hier erforderlich und ist bereits von einem Bürger zugesagt
  • Naturschutz konforme Eindeichung der Strunde ab Unterführung Gierather Str. bis hin zum Abschlag in den RRK mit maximaler Ausnutzung der verfügbaren Retentionsflächen im NSG Kradepohlsmühle.
  • Hinter der Unterführung Schlodderdicher Weg Nutzung der Schlodderdeichswiese als Retentionsfläche mit Überlauf in den Thielenbrucher Wald. Ziel wäre eine Reduzierung des Strunde Ablaufs auf eine unschädliche Kapazität für flussabwärts liegende Gebiete.

Frühwarnsystem – Installation einer Ultraschall Sensorik für die Früherkennung einer Notöffnung über Änderungen des Wasserstandes, konkret über die Ermittlung von Geschwindigkeit und Beschleunigung der Veränderung. Nutzung der „Cell Broadcast“ Technologie, um gefahrenspezifische Warnmeldungen an alle registrierten Geräte von zu definierenden Funkzellen zu übermitteln.

Meldesystem – Einführung eines vereinfachten Meldeverfahrens z.B. für blockierte Überläufe. Hier wird eine einfache browserbasierte Meldelösung (Formular) vorgeschlagen, die entweder direkt oder für bestimmte kritische Infrastrukturen auch über Standort spezifische Datamatrix Codes (Formular wird teilweise automatisch gefüllt) aufgerufen werden kann.

Nächste Schritte

Erwartung an die Verwaltung:

  • Benennung eines Ansprechpartners für den Hochwasserschutz
  • Informationen zum tatsächlichen Einlaufvolumen am HRB über die Zeit des Starkregenereignisses
  • Prüfung der Vorschläge

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