Petra Weymans. Foto: Holger Crump

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Gerade einmal 1,5 Stellen umfasst das Städtische Kulturbüro. Und hat – mit vielen Kooperationspartnern und weiteren Mitarbeitern der Stadt – den Kultursommer 2021 auf die Beine gestellt. Die Leiterin Petra Weymans blickt zurück auf das Festival und zeigt, wie man mit Pragmatismus statt Klagen eine lebendige Kulturszene in der Stadtgesellschaft prägen kann.

„Ich habe einfach mal gemacht.“ Ein bescheidenes Fazit, dass Petra Weymans im Rückblick auf den Kultursommer in der Stadt zieht. Über sechs Wochen lang gab es auf Plätzen, kleinen und großen Bühnen, in Gärten oder der Fußgängerzone viel Musik, Literatur, Theater, Tanz, Performance oder Führungen.

Nach Monaten des Lockdowns erfuhr die Stadt dank des Kultursommers wieder deutlich mehr kulturelles Leben. Und Petra Weymans, die Leiterin des Kulturbüros der Stadt, hat es initiiert. „Gründonnerstag habe ich die Information bekommen, dass der Bund Mittel für Open Air Festivals ausschreibt,“ blickt sie zurück. Und dann ging es ab.

52 Events in kürzester Zeit

„Ich habe einfach mal gemacht“, Petra Weymans, die Leiterin des Kulturbüros der Stadt, im Interview im Wintergarten der Villa Zanders, Foto: Holger Crump
„Ich habe einfach mal gemacht“, Petra Weymans, die Leiterin des Kulturbüros der Stadt, im Interview im Wintergarten der Villa Zanders, Foto: Holger Crump

Die Abstimmung mit dem zuständigen Fachbereichsleiter der Stadt, Dettlef Rockenberg, der angesichts des knappen Timings nur fragte: „Schaffen Sie das?“

Die Abstimmung mit der Kreiskulturreferentin Charlotte Loesch. Der Kreis musste die Mittel beim Bund beantragen und band gleich weitere Kommunen in das Projekt mit ein.

Nicht zu vergessen die Abstimmung mit den Kulturschaffenden der Stadt. „Samstags hatten wir zu einer Videokonferenz eingeladen, bis Mitte der darauffolgenden Woche gingen knapp 70 Ideen und Vorschläge für den Kultursommer in der Stadt bei uns ein“, schildert Weymans.

Am Ende waren es 52 Events an 29 Orten, mit 225 Künstler:innen und 17 Kooperationspartner. Sie hauchten dem Kulturleben – vorübergehend – wieder etwas Leben ein. 

Zur Person: Petra Weymans
Seit wann leiten Sie das städtische Kulturbüro? Seit November 2008
Was haben Sie davor gemacht? Ich war acht Jahre im Jugendamt der Stadt.
Was sind Ihre Lieblings-Kulturorte? Das Bergische Museum in Bensberg, der Bergische Löwe.
Kultur in der Freizeit, wo zieht es Sie hin? Ins Museum oder ins Konzert, aber weniger klassische Musik. 
Ihr Hobby? Fahrrad fahren.
Wann sind Sie offline? In der Sauna, und natürlich wenn ich schlafe.

Das Budget betrug 105.000 Euro, aufgeteilt auf 84.000 Euro auf Förderung durch den Bund sowie 21.000 Euro auf Mittel der Stadt. „Die Summe bestand aus nicht abgerufenen Fördermitteln der Aktion ‚Bergisch Gladbach hilft der Kultur’“ Die habe man umwidmen können. Ohne Eigenmittel wäre der Kultursommer nicht vom Bund gefördert worden, so Weymans. 

Rund 3.500 Zuschauer:innen habe man auf diese Weise erreicht, das entsprach zwischen 30 bis 200 Besucher:innen pro Event. Laufkundschaft, die zwischendurch stehengeblieben sei, nicht eingerechnet. 

Der Kultursommer hat auch die kulturelle Teilhabe auf eine neue Ebene gehoben, Foto: Holger Crump

Jedes Event ein Highlight

„Die Zahl der Zuhörer hing natürlich auch von der Location ab. Nicht jeder Veranstaltungsort war für große Besucherzahlen gleichermaßen geeignet“, berichtet die Leiterin des Kulturbüros. 

Events, die ihr besonders ans Herz gewachsen seien, die gebe es nicht. Für sie war jede Veranstaltung ein Highlight. „Wir haben alle eine Chance gegeben, vom Senioren-Chor angefangen bis hin zur Dozenten-Band der Max Bruch Musikschule.“ Da sei für jeden etwas dabei gewesen. 

Petra Weymans ist es wichtig, dass so die Vielfalt der Kultur in der Stadt abgebildet wurde. Das X-te Konzert einer Kölsch-Rock-Band, die ohnehin ein hohes Maß an Präsenz haben, war nicht in ihrem Sinne. Ihr Schwerpunkt sind vielmehr die vielen freien Initiativen, die das Kulturleben der Stadt prägen und für eine lebendige Szene in der Stadtgesellschaft sorgen.

Neben Highlights, wie dem Kultursommer, arbeitet sie daran beständig. Zum Beispiel mit dem sehr umfangreichen Kulturticker, der jeden Monat erscheint und alles auflistet, was in und für die Kultur in Bergisch Gladbach wichtig ist.

Stärkung der kulturellen Teilhabe

„Viele Zuschauer haben sich im Anschluss bedankt“, erzählt Weymans im Rückblick auf den Kultursommer. Da die Veranstaltungen ohne Eintritt besucht werden konnten habe dies nicht zuletzt auch die kulturelle Teilhabe von Menschen ermöglicht, für die ein Konzert-Ticket eher zu den Luxus-Ausgaben gehört. „Die Künstler haben sich damit auch mit Menschen austauschen können, denen sie normalerweise bei ihren Performances oder Aktionen selten begegnen.“

Das ist in der Tat ein wichtiger Benefit des Kultursommers: Kultur erleben, barrierefrei in organisatorischer aber auch wirtschaftlicher und damit gesellschaftlicher und inhaltlicher Hinsicht. Das mag im nachhinein betrachtet vielleicht sogar einer der zentralen Pluspunkte der Veranstaltungsreihe gewesen sein.

Gerd J. Pohl mit der Faust-Puppe
Ein Event im Rahmen des Kultursommers: Gerd J. Pohls „Faust“, Foto: Holger Crump

Keine Neuauflage

Was bleibt vom Kultursommer? Hat er zu einem nachhaltigen Effekt geführt? „Sinn und Zweck der Veranstaltungsreihe war es, einen Impuls in der Kulturszene zu setzen“, macht Weymans deutlich. Vereinzelt hätten die Aufführungen zu weiteren Buchungen bei den Künstler:innen geführt. Ein Bürger habe gar eine vierstellige Summe für den Kultursommer gespendet.

Aber: „Ich glaube nicht dass die Mittel für solch ein Event nochmals aufgelegt werden. Aus dem eigenen Haushalt wäre es in dieser Form ebenfalls nicht zu stemmen.“ Eine Neuauflage in 2022 ist also eher unwahrscheinlich.

Team statt One-Man-Show

Petra Weymans ist dennoch zufrieden: „Wir konnten in kurzer Zeit viele kleine Veranstaltungen realisieren, an vielen verschiedenen Orten, mit kurzen Wegen für die Zuschauer:innen. All dies in kurzer Vorbereitungszeit, unter Berücksichtigung der Corona-Lage.“ Das habe gepasst. 

Sie betont ausdrücklich, dass es eine Teamleistung gewesen sei. Von der oft zitierten Einmann-Konzertagentur will sie nichts wissen. „Die ganze Stadt war eine Veranstaltungsagentur. Von den Azubis, den Kolleg:innen im Ordnungsamt bis zum Team von Stadtgrün.“

Und auch bei den Locations vor Ort habe sie viel Entgegenkommen und Hilfe erfahren: „Wir trafen überall auf eine tolle Bereitschaft, dem Gemeinschaftsprojekt Kultursommer unter die Arme zu greifen.“

Guter Kultur-Mix

Für Weymans gibt es eine lebendige Kulturszene in der Stadt, mit einem guten Mix aus städtischen Einrichtungen und einer freien Kulturszene. „Die städtischen Einrichtungen sind die Orte, von denen aus die Vernetzung mit der freien Kulturszene stattfindet“, beschreibt sie die Lage. 

Der Mix passe für sie, in allen Bereichen treffe man auf exzellente Ausnahmekünstler, deren Schaffen nicht zuletzt auch überregional gewürdigt werde. Weymans nennt Veronika Moos als Beispiel, die 2019 mit dem Staatspreis für Kunsthandwerk NRW geehrt wurde.

Ob die Metropolen in der Nähe nun eine Konkurrenz oder Ergänzung des hiesigen Kulturlebens seien, spielt für sie keine große Rolle. Vergleiche zu ziehen erübrige sich ohnehin. Vielmehr müsse Bergisch Gladbach seinen eigenen Weg finden, um sich in kultureller Hinsicht zu definieren und weiterzuentwickeln. 

Barock im Innenhof von Böhms Bensberger Rathaus, ein weiteres Konzert-Highlight des Kultursommers. Foto: Thomas Merkenich

Pragmatismus statt Klagen

Wobei dies angesichts leerer Kassen nicht einfach sei, gibt sie zu. Vorstöße für einen Kultur-Entwicklungsplan habe es mal in den 2008er Jahren gegeben, machten mangels wirtschaftlicher Beinfreiheit derzeit aber keinen Sinn. Die Etats für die Projektförderung und institutionelle Kulturförderung seien zwar geringfügig angehoben worden. Große Sprünge sind damit aber nicht machbar.

Petra Weymans ist gleichwohl weit davon entfernt, die Situation zu beklagen. Sie ist durch und durch eine uneitle Pragmatikerin, nutzt vorhandene Potentiale, treibt Netzwerke voran, reibt sich nicht an Widerständen auf sondern orientiert sich am Machbaren. Der Kultursommer mag dafür als Paradebeispiel stehen. 

Oder die Zukunft der Papiergeschichtlichen Sammlung der Stiftung Zanders. Sie wird das Kulturhaus Zanders nach dessen Verkauf verlassen müssen. Ein Umzug in das alte Zanders-Verwaltungsgebäude ist leider geplatzt, „die Luftfeuchtigkeit vor Ort ließ keine Lagerung und Archivierung von bewahrenswerten Papieren zu“, erklärt sie. 

Mit dem neuen Eigentümer des Kulturhauses, dem Evangelischen Krankenhaus, sei man nahezu einig, konnte zumindest eine mittelfristige Lösung erreichen und die Räume erst einmal weiter nutzen – ein strapaziöser Umzug der Sammlung ohne neues Sammlungshaus scheint damit zunächst einmal vom Tisch. 

„Kultur findet Stadt“

Dies sei aber keine langfristige Perspektive, sie hoffe immer noch auf eine Lösung auf dem Zandersgelände. Das sagt die pragmatische Leiterin des Kulturbüros, und verabschiedet sich um an der Eröffnung des Filmfestivals teilzunehmen.

„Theater findet Stadt“ lautete die Überschrift zu einer Veranstaltung während des Kultursommers. „Kultur findet Stadt!“ ist eine schöne Überschrift für das, was Petra Weymans im Kulturbüro auf die Beine stellt.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. 1,5 Stellen für die kulturellen Erfordernisse einer 100 000-Einwohner-Stadt, wow!! Wirklich bewundernswert, wieviel Wirkmacht trotzdem daraus erfolgen kann ….
    Auch von meiner Seite ein riesiges Dankeschön an Petra Weymans für ihren nimmermüden Einsatz und (wieder einmal) großes Lob an den Verfasser des erhellenden und ausgesprochen emphatischen Artikels.

  2. Das Engagement von Frau Weymans kann nicht hoch genug gewürdigt werden! Ein ganz herzliches Dankeschön!