Monika Hiller. Fotos: Thomas Merkenich

Eine Jugendliche, die im Rollstuhl sitzt, hat in der Regel die gleichen Wünsche wie ihre Gleichaltrigen. Ihre Chancen, dass diese Wünsche erfüllt werden, ist jedoch deutlich geringer. Dabei könnte eine Änderung des Bewusstseins bei den Mitmenschen schon sehr viel ändern.

Lisa faltete das Blatt Papier, welches sie beschriftet hatte und steckte es in den bunt bemalten Umschlag. Eigentlich war sie mit ihren 16 Jahren schon viel zu alt für einen Wunschzettel und eigentlich glaubte sie auch nicht mehr an den Weihnachtsmann, aber sie wollte sich dieses Stück Kindheit einfach bewahren, sich etwas wünschen zu dürfen und vor allem, daran zu glauben, dass es eines Tages durch etwas oder jemanden erfüllt wird, was oder wer nicht von dieser Welt war. Vielleicht wurde es ja gerade deshalb eines Tages wahr.

Lisas Mutter hatte beim Umkleiden geholfen, Lisa brauchte nur noch mit dem Rollstuhl an die Bettkante zu fahren, ins Bett kam sie alleine. Heute löschte sie sehr früh das Licht, sie hatte keine rechte Lust noch zu lesen. Alsbald schlief sie ein. Schon morgen war Heiligabend.

Zur Autorin: Monika Hiller ist kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist als Inklusionsbeauftragte der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach für Inklusion und Abbau von Barrieren zuständig. Diese Serie soll für das Thema „Barrieren“ sensibilisieren.

Vieles von Lisas Wunschzettel blieb bislang unerfüllt. Sie wünschte sich vor allem, wie ein ganz normales 16-jähriges Mädchen die Schule zu besuchen, am Wochenende mit Ihren Freundinnen auszugehen, einfach Spaß zu haben. In der Disco abtanzen, ein kleiner Flirt mit dem netten Jungen aus der Parallelklasse, einmal hohe Schuhe zu tragen oder einen Bummel durch die Einkaufsstraße der Stadt zu unternehmen und dabei alle möglichen Klamotten auszuprobieren.

Einfach ganz normal zu sein. Mit allen Sorgen und Nöten, die man mit 16 Jahren eben hat. In Wirklichkeit war Lisa zwar 16 Jahre alt, aber besonders, anders.

Ihr Rollstuhl waren ihre Beine. Und die Umwelt hinderte sie an so vielem. Die Schule, die sie gerne besucht hätte, hatte keinen Aufzug. Tanzen in der Disco oder bummeln in der Einkaufsstraße, in der für sie jedes Geschäft zugänglich war, fiel leider oft ob der Stufen im Eingangsbereich aus. Und ob sich jemals ein Junge für sie interessieren würde, konnte sie sich kaum vorstellen. Es fiel ihr schwer, sich damit abzufinden.

In Lisas Träumen gab es eine Welt, in der ihr Rollstuhl keine Rolle spielte. Er ersetzte lediglich ihre Beine, sie konnte aber an allem teilhaben. Es gab keine baulichen Barrieren. Niemand hatte Vorbehalte, niemand schaute irritiert, wenn sie kam. Sie hatte Freundinnen, mit denen sie auch gemeinsam zur Schule ging. Und der Junge aus der Parallelklasse fand Gefallen an ihr.

Ein Engel sprach zu ihr: Lisa sei nicht Lisa, so flüsterte er ihr zu, wenn sie nicht die Kraft und den Mut hätte, vieles zu ändern.

Den Menschen bewusst zu machen, was es eigentlich heißt, eine Behinderung zu haben. Dass es vor allem heißt, dass es nur ganz wenig bedarf, damit alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, miteinander in einer Welt leben können.

Dass es keiner Parallelwelt bedarf, in der nur die Menschen mit Behinderung leben können und sollen. Vielmehr sollten in der einen gemeinsamen Welt all diese Barrieren abgebaut werden.

Lisa erwachte aus ihren Träumen und erinnerte sich an die Worte, die der Engel zu ihr gesprochen hate und fasste einen Entschluss. Ja, sie hatte den Mut und die Kraft, vieles zu ändern. Bei den Menschen das Bewusstsein zu schaffen, sie zu sensibilisieren. Und sie wollte es schaffen! Auch stellvertretend für diejenigen, die diese Kraft nicht haben. Und sie wird Mitstreiter finden. Gemeinsam können sie etwas bewegen! Da ist sie sich ganz sicher!

Und ihr fielen wieder die Worte von Reinhold Niebuhr ein. Sie zerriss Ihren Wunschzettel und schrieb stattdessen nieder:

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge, wie den Rollstuhl hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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