Monika Hiller ist Inklusionsbeauftragte der Stadt Bergisch Gladbach. Fotos: Thomas Merkenich

Unser Kolumnistin war unterwegs: „Mediterrane Schätze ab Mallorca“. Anreise in diesem Fall natürlich mit dem Flugzeug. Doch bis auch ihr Elektroscooter im Bauch des Flugzeugs verschwinden durfte, waren einige Hindernisse zu überwinden. Auch der Rückflug verlief überraschend – und sagt einiges darüber aus, wieviel Nachholbedarf Deutschland in Sachen Teilhabe immer noch hat.

Heute war es soweit, es sollte auf große Reise gehen. „Mediterrane Schätze ab Mallorca“ ließ Aufregendes vermuten. Um ein Uhr morgens war das Taxi bestellt. Wir starteten pünktlich. Unser Flieger ging um 5:10 Uhr, Zeit genug. Um diese Zeit sollte am Flughafen nicht all zuviel los sein, mitten in der Nacht. 

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Das Ende der Schlange für den Check-In befand sich vor der Eingangstüre! 

Ok! Wir stellen uns an, nutzt ja nix. Wellenförmig schlängeln sich die Passagiere durch die Halle. Ein System? Fairness? Fehlanzeige.

Zur Autorin: Monika Hiller ist kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist als Inklusionsbeauftragte der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach für Inklusion und Abbau von Barrieren zuständig. Diese Serie soll für das Thema „Barrieren“ sensibilisieren.

Während sich die einen an die Regeln halten und sich in der Reihenfolge anstellen, in der sie gekommen sind, sehen andere es gar nicht ein, solange zu warten. Sie grätschen von der Seite in die Schlange. Dies wird heftig kommentiert und kritisiert, prallt aber an den Vordrängeln ab.

Am Ende finden alle Ihren Weg. Wir sind am Schalter angekommen. Es ist 2:30 Uhr.

Watt? Bin ich Elektriker?

Die junge Frau am Schalter stutzt, als sie meinen Elektroscooter sieht! Kein Standardfall. Sie braucht Hilfe vom Kollegen. Aber auch gemeinsam kommen sie nicht weiter. Darf der Scooter an Bord?

Ich zeige mich recht sicher und zuversichtlich, dass das kein Problem darstellt, hatte ich doch eine schriftliche Bestätigung von der Fluggesellschaft erhalten. Wir hatten ja Gott sei Dank im Vorhinein alles abgeklärt. Es war 3 Uhr, als die Vorgesetzte der Beiden eintraf und von mir wissen wollte, wieviel Watt denn mein Scooter hat.

Watt? Woher könnte ich das wissen? Bin ich Elektriker? Das Datenblatt, welches ich schon vorab der Fluggesellschaft vorgelegt hatte und aufgrund dessen sie die Genehmigung zur Mitnahme erteilt hatte, enthielt nichts über Wattzahlen. Nur „Ah“, also Amperestunden.

Die Dame mit dem intensiven Zigarettengeruch mit Parfum gemischt erklärte mir, dass alles über 300 Watt nicht gestattet sei, mit an Bord zu nehmen. Um 3:30 Uhr lade ich mir das Handbuch zu meinem Scooter aus dem Internet herunter. Vielleicht finde ich da etwas zu Wattzahlen. Fehlanzeige!  

Um 3:45 Uhr erklärt mir die Dame, dass ich jetzt etwas dazu finde müsse, ansonsten bliebe ich oder zumindest mein Scooter in Köln. Fast sprachlos versuche ich zu verstehen, warum man eine Bestätigung zur Mitnahme von der Fluggesellschaft erhält, die aber nicht dazu verhilft diesen tatsächlich mitzunehmen.

Ich frage, warum das so sei. Das hätte selbstverständlich nichts damit zu tun. Sie würde schließlich entscheiden, ob die Bestimmungen eingehalten werden. Deswegen kümmert man sich also im Vorfeld. Wir diskutieren.

Die Dame ist weg, wir stehen allein am Check In. Ratlos. Unsere Freunde müssen los, sonst verpassen sie den Flieger. Was mit uns ist, ist unklar. Wir verabschieden uns, in der Hoffnung, sich im Flieger zu sehen. Spätestens auf Mallorca, sollten wir umbuchen müssen. 

Unter Vorbehalt

Um 4 Uhr kommt die Dame wieder. Ich versuche die Zusammenhänge zwischen Watt, Volt und Ampere zu verstehen. Gelingt nicht. Bin eben kein Elektriker. Die Stimmung ist angeheizt. Die Dame kann sich endlich damit anfreunden, eine Entscheidung zu treffen. 4:15 Uhr teilt sie uns mit, dass wir unter Vorbehalt eingescheckt werden, die Batterien sollen wir als Handgepäck mit in den Flieger nehmen.

Unser Gepäck bekommt eine gelbe Banderole „Stand-By“. Der Rest geht zum Sperrgepäckaufgabe. Ich habe Sorgen um meinen Scooter. Kommt er heil an? 

Der Kapitän wird selber entscheiden, ob wir mitfliegen dürfen. Um 4:30 Uhr warten wir auf das Abholen durch das Rote Kreuz. Der Mitarbeiter kommt. Wir müssen noch die Sicherheitskontrolle. Es dauert. Bei der Sicherheitskontrolle hieß es sofort: „Die Batterien sind im Handgepäck nicht erlaubt“.

Wir diskutieren erneut. Ein Mitarbeiter erkannte meine Bestätigung der Fluggesellschaft tatsächlich an. Geht also doch! Wir kommen durch. Um 5 Uhr sitzen wir im Hubwagen, der mich barrierefrei in den Flieger bringen soll. Wir stehen mit dem Wagen unterhalb der Türe. Die Hydraulik versagt. Der Hubwagen hat aber endlich ein Einsehen.

Es ist 5:10 Uhr und wir betreten den Flieger. Der Kapitän gibt in kurzen Worten sein Einverständnis, die Batterien aber sollen in den Frachtraum. Nein, ich bleibe ruhig. Alles wird gut. Ist mir allmählich auch egal. Wir starten. Es kann nur besser werden  

Die Rückreise 

Hier gibt es eigentlich nichts zu berichten, lediglich nur das: keine Probleme! Es war in dem Land, welches nicht Deutschland war, eine Selbstverständlichkeit, mit dem Scooter im Flieger zu reisen. Ich konnte ihn bis zum Einstieg nutzen, erst auf dem Rollfeld wurde er in den Frachtraum verladen.

Nix mit Aufgabe als Sperrgepäck, kein Schleppen der Akkus durch das halbe Flughafengebäude. Nix mit Umsteigen auf einen manuell betriebenen Rollstuhl, der unmöglich von mir selber hätte je gesteuert werden können.  

Klare und einheitliche Regelungen

Ich habe gehört, anderen ist es genauso ergangen wie mir, andere hatten da mehr „Glück“.  Aber es darf nicht vom Glück abhängen oder davon, an welchen Mitarbeiter man gerät. Es muss ganz klare einheitliche Regelungen geben. 

Auch in Deutschland muss es für alle handelnden Personen klar sein, um was es hier geht. Es geht darum, Menschen mit Behinderung möglichst teilhaben zu lassen. Und Hilfsmittel, wie mein Scooter, tragen zu dieser Teilhabe bei. Es eröffnet mir Möglichkeiten, Wege selbstständig, überall, aber in diesem Fall im Urlaubsort zurückzulegen.

Hätte ich, wie zeitweise beim Check-In gefordert, den Scooter zurücklassen müssen und in der Kürze der Zeit einen manuellen Rollstuhl für die Dauer des Urlaubes leihen müssen, wäre der Urlaub für mich kein Urlaub mehr gewesen. Die totale Abhängigkeit!   

Auch ist ein Hilfsmittel kein Sperrgepäck, viel zu groß die Gefahr, dass es beschädigt und damit unbrauchbar wird. Eine Katastrophe!  Bei mir ist Gott sei Dank „nur“ der Schaumstoff am Griff beschädigt worden und die Anzeige des Ladezustandes des Akkus ist defekt. 😮 Ich konnte aber fahren! 😊👍

Deutschland! Vielleicht musst du hier noch viel lernen, über Umgang mit Menschen mit Behinderung und über die Rolle der Hilfsmittel für gerade diesen Personenkreis. Das gilt auch für andere Bereiche, die ich jetzt nicht weiter ausführe!

Hilfsmittel sind so wichtig, sie ermöglichen eine Teilhabe an der Gesellschaft, fehlen sie, macht dieser Umstand die Menschen mit Behinderung einsam und/oder abhängig.   

Deutschland, frag doch mal deine Nachbarländer, die das zwar nicht ausnahmslos, aber doch irgendwie besser drauf haben.  

Ende gut, alles gut, der Urlaub war schön!

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Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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3 Kommentare

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  1. Die Schilderung der Erlebnisse von Frau Hiller finde ich interessant und sie regen, wie von ihr gewünscht, zum Nachdenken an. Allerdings finde ich bedauerlich, dass die positiven Veränderungen für Menschen mit Handikap nicht so in der Öffentlichkeit präsentiert werden.

    Ich meine hierbei z.B. die Möglichkeit relativ bequem vom Bahnsteig in die Straßenbahn zu rollen, die abgesenkten Bürgersteige an Fußgängerüberwegen, die Rampen in Bussen des ÖPNV.

    All das hat es vor 4 Jahrzehnten noch gar nicht gegeben. Da wurden Rollstuhlnutzer z.B. bei Bundesbahn-Fernreisen im Gepäckwagen mitgenommen und im ÖPNV abgewiesen.

    Also Frau Hiller: Wenn (wie in Ihrer unten abgebildeten Antwort erwähnt) Ihre Stellungnahme bei Baumaßnahmen für Menschen mit Behinderung Erfolg hatte dürfen Sie auch das gerne berichten!

  2. Die Beiträge von Frau Hiller werfen bei mir regelmäßig Fragen auf: In welcher Rolle schreibt sie hier? Da ihre Beiträge nahezu ausnahmslos private Begegnungen thematisieren, gehe ich von einer privaten Autorenschaft aus.
    Als städtische Inklusionsbeauftragte tritt sie indes – nach meiner Wahrnehmung – kaum in Erscheinung: So finde ich beispielsweise im Rahmen der Berichterstattung über beabsichtigte Baumaßnahmen keine Stellungnahme von Frau Hiller (anders als bei ihrer Vorgängerin im Amt). Haben sich die Aufgaben von Inklusionsbeauftragten verschoben? Worin mögen sie nun bestehen?

    1. Sehr geehrte Frau van Keulen,
      Sie haben recht, die Berichte sind eher privater Natur. Sie sollen in erster Linie, auf Basis meiner eigenen Erlebnisse, zum Nachdenken anregen. Dabei ist es m.E. unerheblich, in welcher Funktion. Nur darum geht es mir hier. Was die Stellungnahmen zu Baumaßnahmen im Rahmen meiner Aufgaben angeht, so erfolgen diese regelmäßig, sind aber meist nicht Bestandteil einer Berichterstattung, sondern finden für den zu erzielenden Konsens im Innenverhältnis statt. Bei offenen Fragen stehe ich sehr gerne in einem persönlichen Gespräch für einen Austausch über meine Tätigkeiten zur Verfügung.
      Herzliche Grüße