Monika Hiller ist Inklusionsbeauftragte der Stadt Bergisch Gladbach. Fotos: Thomas Merkenich

Kurze Wege zu Wohnort, Arbeitsplatz oder beim Einkaufen stellen ausgewiesene Behindertenparkplätze für mobilitätseingeschränkte Autofahrer eine enorme Erleichterung dar. Die speziell gekennzeichneten Parkflächen sind den Menschen mit entsprechendem Parkausweis vorbehalten. In der Theorie, beobachtet unsere Kolumnistin Monika Hiller.

Gekennzeichnet werden Behinderteplätze durch die Zeichen 314 „Parken“ oder 315 „Parken auf Gehwegen“ mit dem Zusatzzeichen 1044-10 „Rollstuhlfahrersymbol“, oder auch durch eine Bodenmarkierung „Rollstuhlfahrersymbol“. Damit sind sie für Menschen frei zu halten, die einen entsprechenden Ausweis besitzen.

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Soweit die Theorie.

Ich sitze in einer Gastronomie am Fenster. Mein Blick fällt geradewegs auf zwei solcher Längsparkplätze am Straßenrand, speziell für Menschen mit Behinderung. Günstig und nahe platziert im einem Dreieck Rathaus, katholische Kirche und dem Marktplatz. 

Ein weißer Audi parkt auf einem der Parkplätze. Der Fahrer, selbstverständlich ohne Gehbehinderung steigt aus und wirft ein paar Briefe in den auf dem Marktplatz neben den Stellplätzen befindlichen Briefkasten. Auf den Rückweg zu seinem Auto trifft er einen Bekannten, die beiden reden eine Weile miteinander. Gut, es gibt ja noch einen zweiten Parkplatz, sollte ein Mensch mit Behinderung in diesem Moment einen solchen suchen. 

Doch, noch während die beiden sich unterhalten, hält ein dunkelblauer Golf auf den zweiten Parkplatz. In dem Fahrzeug befinden sich zwei Personen, auch sie reden noch miteinander, bevor der Beifahrer schließlich aussteigt, sich für das Mitnehmen bedankt und von dannen zieht. 

Zur Autorin: Monika Hiller ist kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist als Inklusionsbeauftragte der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach für Inklusion und Abbau von Barrieren zuständig. Diese Serie soll für das Thema „Barrieren“ sensibilisieren.

Der Golffahrer fädelt sich mit seinem Wagen wieder in den fließenden Verkehr ein. Der Audifahrer hat seinen Gesprächspartner wohl schon länger nicht mehr gesehen, sie reden immer noch.

Aber ist ja schließlich wieder der 2. Parkplatz frei. Frei für den dunkelblauen Mercedes, dessen Fahrer parkt, sicherheitshalber die Warnblinkanlage einschaltet und schnellen Schrittes mit ein paar Umschlägen Richtung Rathaus läuft. Klar, er gibt ja nur schnell was ab. 

In der Zwischenzeit ist der Audifahrer fertig, er verabschiedet sich von seinem Bekannten, steigt ein und fährt davon. 

Weil aber kurz danach der SUV so schlecht in die frei gewordene Parklücke kommt, stellt er sich neben diese. Er steht damit zwar nicht auf dem Parkplatz, sorgt er damit dafür, dass auch kein anderes Fahrzeug dort hingelangt. So kann die Fahrerin aber viel besser die Luftballons für die Hochzeitsfeierlichkeit im Rathaus ausladen, die sie natürlich noch wegbringen muss. 

Nach wenigen Minuten sind beide Parkplätze wieder frei. Für wen sollen sie nochmal vorgehalten werden? Menschen mit Behinderung? Ach ja! Stimmt ja! Wer einen solchen Parkplatz benötigt hat(te) jetzt Chancen! Genau zwei Minuten lang! Denn genau jetzt wird die Gastronomie mit Waren beliefert. Mit einem LKW. Natürlich benötigt er beide Parkplätze. 

Das Prozedere des Ausladens dauert etwa zehn Minuten, dann ist auch der LKW wieder weg und die Parkplätze frei. Auf dem Markplatz versammeln sich mehrere junge Männer. Ein dunkler BMW nähert sich Ihnen. Der Fahrer gehört offensichtlich zu den jungen Männern und parkt den BMW der Einfachheit halber mittig auf beiden Parkplätzen. 

„Hey! Kumpels! Was geht?“

Drei Kölsch später wende ich mich wieder zum Fenster. Die kleine Party auf dem Marktplatz ist in vollem Gange, der BMW steht immer noch da.

Das Schauspiel zieht sich so durch den Abend, ständig steht dort jemand, der Personen abliefert oder einlädt, ein Taxi, kurz telefoniert, auf den Stadtplan schaut  und so weiter und so weiter….

Jeder, der dort parkte, hat für sich gesehen nur kurz angehalten, aber in Summe sind diese Parkplätze für die Menschen, die so sehr auf kurze Wege angewiesen sind, aus dem fließenden Verkehr heraus in diesen Momenten nicht zugänglich. 

Zum Ende des Abends, als die Plätze dann doch mal längere Zeit frei waren, kam just in diesem Moment mein Abholer. Er und vor allem ich hatten Glück Er konnte mit meinem Ausweis parken. 

Natürlich hatte jemand beobachtet, dass mein Abholer keine Behinderung hatte, aber einen Ausweis in die Windschutzscheibe legte. Jedenfalls hatte der Beobachter es nicht versäumt einen Zettel mit unmissverständlichem Text über seinen Unmut unter den Scheibenwischer zu klemmen. 

Wir waren die einzigen, die an diesem Abend berechtigt dort standen. 

Ein Nachtrag

Diese Parkplätze sind oft zweckentfremdet worden, sie sind aber für Menschen mit Behinderung enorm wichtig, um ihren Alltag bewältigen zu können. Sie sind auf kurze Wege angewiesen. Es handelt sich eben um einen Nachteilsausgleich. Dieser Ausgleich wird durch die beschriebene Nutzung hinfällig und der Nachteil, den Menschen mit Behinderungen haben, bleibt damit bestehen. Sie werden an der Teilhabe in der Gesellschaft gehindert. Um diese Botschaft geht es hier. Diese Geschichte ist auch nur beispielhaft und Bezug auf die Örtlichkeit austauschbar.

Diese beiden Parkplätze zwischen Bock und Laurentiuskirche mussten nun dem neu eingerichteten Fahrradweg weichen. Stoff für weitere Geschichte, denn für Menschen mit Behinderung ist das Umsteigen auf das Fahrrad nicht ohne weiteres möglich.  

Alle Beiträge der Serie

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Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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3 Kommentare

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  1. Ich wohne in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes und empfinde es auch als Schande, die beiden Behindertenparkplätze einfach wegzunehmen. Die älteren Leuten fahren nun suchend weiter. Wissen nicht wo sie jetzt parken können. Neue Plätze sollen dann hinter die Kirche, irgendwo, hinkommen. Man könnte sie auch direkt vor dem Rathauseingang hinsetzen, aber diese Plätze braucht der Herr Bürgermeister wohl für wichtige Menschen. Und so schiebt man diese Parkplätze für Behinderte einfach mal weg.

  2. ich kann den gemachten Erfahrungen mit sehr gutem Gewissen zustimmen. Als Betroffener macht es mich immer wieder wütend, mit welcher Selbstverständlichkeit die viel zu wenigen Behindertenparkplätze blockiert werden. Oft in Refrath unterwegs gibt es dort vor einer Apotheke und einem Ärztehaus EINEN Behindertenparkplatz, der sehr oft durch Kunden der Apotheke belegt ist. Drei weitere Parkmöglichkeiten existieren in der Nähe; hier allerdings gibt es eine Filiale einer Sparkasse- die Plätze sind meistens belegt und die Kommentare entsprechend bissig bis unverschämt.
    Leider werden die ausgewiesenen Plätze immer weniger, was mich sehr traurig macht; es ist schwierig genug das tägliche Leben zu bewältigen und der Egoismus mancher Mitbürger ist kaum zu ertragen.

    1. Vor Jahren nannte sich GL einmal behindertenfreundlich.Und wie ist die Realität jetzt, Herr Bürgermeister?