Viele Privatpersonen haben sich an der Aktion beteiligt.

Hilfsgüter werden in der Ukraine dringender denn je gebraucht. Sie zu mobilisieren ist relativ einfach, der Transport ist sehr viel schwieriger. Aber mit den richtigen Unterstützern kann auch das sehr schnell gelingen, wenn man die richtigen Unterstützer:innen hat. Von einem konkreten Fall berichtet Roman Salyutov, den eine Verwandtschaft mit der jüdischen Gemeinde in Kiew verbindet.

Bereits 22 Jahre lang ist Kiew der Hauptwohnsitz meiner Cousine Inna Elka – als kleines Mädchen mit ihrer Familie aus Leningrad nach Israel ausgewandert, heiratete sie später Jonathan Benyamin Markowitsch, Rabbiner und ehemaligen Piloten der israelischen Luftwaffe. Rav Markowitsch wurde später als Oberrabbiner in die ukrainische Hauptstadt berufen, und so zogen sie in die Ukraine.

Im Laufe dieser Jahre wandelte sich die politische Situation ständig, es kamen und gingen verschiedene Präsidenten, sodass die Markowitschs eine facettenreiche Entwicklung vor Ort erlebten. Durch ihre Anstrengungen wuchs die Kiewer Jüdische Gemeinde, vernetzte sich bestens und wurde bald ein wichtiger Teil der Gesellschaft.  

Nach dem Beginn der Kampfhandlungen Ende Februar engagierten sich Rav Markowitsch und seine Frau dafür, möglichst mehr Leute schnell in Sicherheit zu bringen – sie sammelten Spenden, organisierten Transfermöglichkeiten in sichere Grenzstaaten wie Polen oder Moldawien, wovon aus ihre Schützlinge dann entweder nach Westeuropa, oder nach Israel gebracht wurden. Ihr älterer Sohn Ariel, Jugendrabbiner von Kiew, pendelte zwischen den Ländern und half auf verschiedenen Etappen der Rettungswege. 

Dringender Aufruf

In der zweiten Hälfte März, als die Lage Kiews sehr bedrohlich war, wandte sich der Abgeordnete des Ukrainischen Parlaments Oleksander Sawtschenko an Rav Markowitsch, mit dringender Bitte um mögliche weitere Hilfe für die Bevölkerung. Dieses Schreiben leitete Ariel dann an mich weiter.

Die Zeit war sehr knapp, denn ich musste Anfang April nach Israel zu Pessach fliegen. Zusätzliche logistische Schwierigkeiten bereitete auch der Aspekt, dass so gut wie alle großen Hilfstransporte aus der Nähe bestenfalls nur bis an die ukrainische Grenze rollten, wovon aus noch Zubringer organisiert werden mussten. Über gute Freunde in der Synagogengemeinde Köln gelang es, ein paar Fahrer in Köln zu finden, die über Transporter mit ukrainischen Kennzeichen verfügten und über die dortigen relativ sicheren Routen gut informiert waren.  

Viele helfende Hände in Bergisch Gladbach

Nur fing die blitzschnelle Sammelaktion für Kiew an. Das Autohaus Gieraths stellte einen ihrer Transporter großzügigerweise zu Verfügung, mit dem ich die Sachspenden in Bergisch Gladbach und der Umgebung abholte.

Viele Privatpersonen fühlten sich angesprochen und spendeten gerne – sowohl diejenigen, die ich kenne, wie beispielsweise Mitglieder meines Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach, als auch bisher Unbekannte.

Einige Leute überwiesen dann auch Geld auf das entsprechende Spendenkonto. Außerdem startete der Lebensmittelmarkt REWE Wintgens in Bensberg einen Spendenaufruf für Kiew – Lebensmittel und Hygieneartikel. Auch die Kette e. V., der Kinderschutzbund, die evangelische Gemeinde Bensberg sowie die Kölner Firma CRNADAK GmbH steuerten viel bei.

Nach wenigen Tagen war das Auto restlos voll – ich brachte es nach Köln zum Verladen des Inhalts in den ukrainischen Transport, der dann unverzüglich in Richtung Kiew aufbracht und trotz dessen, dass die Route aufgrund der aktuellen Verminung zwischendurch gewechselt werden musste, Anfang April in der ukrainischen Hauptstadt ankam. 

Roman Salyutov mit Rabbiner Jonathan Markowitsch und seiner Frau Inna Elka in Tel Aviv.

Wiedersehen in Israel

Inzwischen waren die Markowitschs in Israel, wohin sie eine Gruppe der Kiewer Juden über Moldawien brachten. Wir alle trafen uns beim traditionellen Seder-Abend zu Pessach, an dem das Jüdische Volk seinen Auszug aus der ägyptischen Sklaverei und seine Erhebung zu einer freien Nation feiert.

Die Dankbarkeit der Leute kannte keine Grenzen, und Rav Markowitsch bedankte sich besonders für die Schnelligkeit, mit der unsere Hilfsgüter – immerhin fast zwei Tonnen innerhalb von einigen Tagen – organisiert werden konnten. 

Die Hilfe aus Bergisch Gladbach ist in Kiew angekommen.

An dieser Stelle möchte ich allen, die diese Unternehmung tatkräftig unterstützten, ganz herzlich danken. Und obwohl die heftigen militärischen Auseinandersetzungen die Ukraine noch eine Weile lang zu erschüttern scheinen, konnten unsere Bürgerinnen und Bürger aus Bergisch Gladbach und der Umgebung die Notlage mehrerer Menschen in Kiew genau zum kritischen Zeitpunkt etwas lindern und verbessern.

Wie es etwa im einem der bedeutendsten Werke des Judentums – dem Talmud – steht: Wer ein Menschenleben rettet, dem wird angerechnet, als würde er die ganze Welt retten“.

Roman Salyutov

ist Konzertpianist und Dirigent. Er leitet das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach und ist Vorsitzender des Festival GL e.V.

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2 Kommentare

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  1. Es freut mich sehr, dass dieser Transport so schnell und zuverlässig die Menschen erreicht hat, für die alles bestimmt war. Ich hoffe sehr, dass so allen ein wenig geholfen werden konnte.