Vom Liebesglück seiner Eltern im 2. Weltkrieg erzählt der Theatermacher Heinz-D. Haun ist seinem neuen Bühnenstück „Die Innenseite des Glücks“. Zu Beginn findet deren Beziehung vor allem auf dem Papier statt: Das szenische Hörspiel lässt mit Auszügen aus Briefen und Postkarten die Sehnsucht des Paares lebendig werden. Und deren Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft – trotz zehnjähriger Trennung.

„Ohne den Krieg hätten sich meine Eltern nicht kennengelernt. Ohne den Krieg gäbe es meinen Bruder und mich nicht.“ Nüchtern fasst Heinz-D. Haun zusammen, wofür der Schrecken der Jahre 1939 bis 1945 für ihn und seine Familie auch steht.

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Trotz Millionen von Toten, trotz Greueltaten, Chaos und Neuordnung in Europa – im Krieg bleibt die Sehnsucht, bleibt die Suche nach der großen Liebe. Und die Hoffnung auf ein rasches Ende, die Sehnsucht nach dem Neuanfang.

Heinz-D. Haun, Theatermacher und Dramaturg, Foto: Holger Crump

Warum die Liebe seiner Eltern Helene und Pius Haun trotz zehnjähriger, kriegsbedingter Trennung eine Chance hat und letztlich ein Leben lang hält – davon erzählt Heinz-D. Haun in seinem szenischen Hörspiel „Die Innenseite des Glücks“. Zu sehen am 26. und 27. November im THEAS.

Geschichte der Familie Haun

Pius Haun stammt aus der Gegend von Würzburg. Er ist zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit der 35. Infanterie-Division im Rheinland stationiert, unter anderem in Leverkusen Rheindorf.

Am 4. November 1939 lernt er Helene, die in Leverkusen auf einem Hof aufwächst, auf einem Ball im heute noch bestehenden Saal Norhausen kennen. 1941 heiratet das Paar. Krieg und Gefangenschaft trennen die beiden für knapp zehn Jahre, das Paar trifft sich in dieser Zeit maximal für sechs Monate.

„Am 2. August 1949 fallen sie sich dann wieder für den Rest ihres Lebens in die Arme“, sagt der Dramaturg. Vater Pius stirbt 1995, seine Mutter Helene 2003.

Das Todeslager

Über Jahre hinweg hat Theatermacher Haun an dem Stück gearbeitet. Briefe und Tagebücher seiner Eltern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Gefangenschaft gelesen. Den Weg seines Vaters an der Ostfront skizziert.

Haun fährt nach Belarus und recherchiert, wo einst sein Vater diente. Und findet heraus, dass dieser während des Todeslagers von Osaritschi vor Ort im Kriegsgebiet war, „wenn auch nur als Sanitätssoldat.“

Die Einheit von Hauns Vater, die 35. Infanterie-Division, ist maßgeblich an dem Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht gegen „arbeitsunfähige Zivilisten“ im Kriegsgebiet beteiligt. Mindestens 9.000 Menschen fallen den Verbrechen zum Opfer.

Foto: Holger Crump

Innenseite des Glücks

Diesen historischen Fakten stellt Haun im Hörspiel die zarten Bande seiner Eltern gegenüber. Geknüpft über Postkarten, Briefe von der Front, über schnelle Nachrichten auf einem zum Papier umfunktionierten Stück Birkenrinde.

Nachrichten und Botschaften, die ihren Weg trotz Kriegswirren erstaunlicherweise von der Front ins Heimatland finden.

Was sich im Inneren der beiden abspielt, das fasst Vater Pius einmal selbst zusammen. In einem romantischen Gedanken, den er auf einem Schmierzettel notiert.

„Nie wieder wird es wie heute sein.
Nur wenn Du ganz in den Augenblick hineingehst,
dann erlebst Du

die Innenseite des Glücks.“

Pius Haun, Datum unbekannt
Handschriftliche Notiz von Pius Haun, Foto: Heinz-D. Haun

Geschichte von Krieg und Liebe

Das Hörspiel ist nicht nur die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Krieges. Es ist zugleich eine Geschichte über den Wahnwitz des Krieges, wo Leben und Tod Hand in Hand gehen.

Wo Gut und Böse plötzlich ein Gesicht bekommen. Und das Leben sich dennoch seinen Weg bahnt. Allen Widerständen zum Trotz, egal auf welcher Seite der Front.

„Die Geschichte meiner Eltern steht für viele andere“, sagt Haun. Und sie ist damit auch ungemein aktuell.

Die Sehnsucht nach der „Innenseite des Glücks“ hält auch heute noch Menschen am Leben. Jetzt, wo erneut ein Krieg in Europa wütet und Familien auseinanderreißt.

Die Musik: Das szenische Hörspiel wird begleitet durch den Cellisten Holger Faust-Peters. Er untermalt das Bühnenstück live, mit Improvisationen sowie Fragmenten aus Kompositionen von Friedrich Gulda, Gabriel Fauré, Joseph Haydn und Paul Hindemith. Hinzu kommen Singstücke, unter anderem mit Texten und Musik von Heinz-D. Haun, sowie musikalische Einspielungen.

Ein Stapel Papier

„Die Briefe lagen hinter einer Klappe im Wohnzimmerschrank, neben den Dias“, berichtet Heinz-D. Haun über die Quellen, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Ein Stapel vergilbtes Papier, der nach der Haushaltsauflösung des Elternhauses zehn Jahre unbeachtet in der Ecke liegt.

„Das waren die Liebesbriefe meiner Eltern. Die haben sie für sich geschrieben haben, nicht für mich. Teils schrieb mein Vater zwei Briefe pro Tag.“ Haun ist zunächst skeptisch, ob er sie überhaupt anschauen soll.

Irgendwann liest er sie doch. Entdeckt eine Art von „Schreibtherapie“, die in den Texten steckt: „Triefende Sehnsucht nach dem bescheidenen Heim, nach der Familiengründung. Diese Vorstellung zieht sich in den Briefen über zehn Jahre. Das hat meine Eltern aufrecht gehalten!“

Vor fünf Jahren keimt dann die Idee auf, die Inhalte für das Theater zu inszenieren. Zunächst in Form einer Lesung, woraus letztlich ein Hörspiel wird.

Natürlich habe er zu Beginn Bedenken gehabt, seine Eltern „vorzuführen“. Aber: „Diese Geschichte steht beispielhaft für andere Paare, die ähnliches erlebt haben. In ihrer Menschlichkeit, in ihrer Liebe und Hingabe füreinander. Und sie zeigt das Erleben des Krieges in dieser Zeit insgesamt auf.“

Die Innenseite des Glücks
Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen
Szenisches Hörspiel von Heinz-D. Haun
26. November (20.00 Uhr)
27. November (18.00 Uhr) im THEAS
Lesung, Erzählung, Gesang: Heinz-D. Haun
Musik: Holger Faust-Peters (Cello, Percussion)
Sprecher: Raimund Finke, Stefan Kuntze, Gerd J. Pohl
Assistenz: Klaus Erich Haun, Kristoffer Hinrichs
Technik: Jakob Franssen
Regie: Raimund Finke
Karten 18 Euro/ 12 Euro
Reservierung unter 02202-92 76 50 15 oder theater@theas.de

Liebeserklärung an die Eltern

„Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen“ zitiert Haun aus einem Text des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner. Und macht klar: Dem Krieg folgt trotz aller Absurditäten und Greueltaten der Frieden, dem Tod folgt das Leben. Das zu wissen und auszuhalten, das ist ebenfalls eine Facette des Hörspiels.

Einfach war die Entwicklung des Bühnenstückes sicher nicht für Haun. „Meine Eltern sind mir persönlich auf eine ganz neue Weise nahe gekommen“, es sei viel Emotionalität dabei gewesen.

„Letztlich ist das Stück eine nachträgliche Liebeserklärung an meine Eltern“, sagt der Dramaturg. Der Aufführung begegne er mit Respekt: Da werde nicht mal eben ein Theaterstück abgespult.

Foto: Holger Crump

Auf Wiedersehen!

Im kommenden Jahr könnte es durchaus weitere Aufführungen des Hörspiels geben. Und Haun hat weitergehende Pläne. „Ich habe die Idee, aus dem Drehbuch einen Roman zu verfassen.“ Mittels „intuitiver Archäologie“, so beschreibt er sein Vorgehen, wolle er das Material fiktiv weiterentwickeln und ausarbeiten.

Heinz-D. Haun, Sohn von Helene und Pius Haun, beschließt das Gespräch über seine Arbeit mit einer Postkarte. Ein Rosenmotiv ziert die Vorderseite.

Die Karte habe sein Vater rund eine Woche vor der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft an seine Frau Helene gesandt.

Aus der Hoffnung ist jetzt fast Gewissheit geworden:

„Meine Liebste, endlich ist es soweit, und trotzdem geht es mir nicht schnell genug.
Ich freue mich unendlich nach so langer Trennung Dich wieder zu sehen.
Denke dass ich bis Sonntag bei Dir bin. Ein Telegramm habe ich auch abgeschickt.
Auf Wiedersehen! Grüße alle herzlich!

Es grüßt und küsst Dich, Dein Pius.

Postkarte von Pius Haun an seine Frau Helene aus dem Jahr 1949


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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Dazu dieses Gedicht von
    Schalom Ben-Chorin :
    Das Zeichen

    Freunde, dass der Mandelzweig
    Wieder blüht und treibt,
    Ist das nicht ein Fingerzeig,
    Dass die Liebe bleibt?

    Dass das Leben weiter ging,
    Soviel Blut auch schreit,
    Achtet dieses nicht gering,
    In der trübsten Zeit.

    Tausende zerstampft der Krieg,
    Eine Welt vergeht.
    Doch des Lebens Blütensieg
    Leicht im Winde weht.

    Freunde, dass der Mandelzweig
    Sich in Blüten wiegt,
    Bleibe uns ein Fingerzeig,
    Wie das Leben siegt.