Seit 2020 steigt die Zahl tatverdächtiger Kinder unter 14 Jahren rasant an. Kriminalhauptkommissar Stefan Lurz hat ein paar Ideen, woran das liegen könnte. Vor allem aber weiß er, wie man dem entgegenwirken kann: Seit 2022 betreut er im Rheinisch-Bergischen Kreis die Initiative „Kurve kriegen“. Sie unterstützt besonders gefährdete Kinder individuell dabei, aus der Kriminalität auszusteigen. Denn, so Lurz: „Man wird nicht kriminell geboren.“

„Marvin geht man besser aus dem Weg. Marvin ist 11 Jahre alt und eher schmächtig, aber alle in seinem Stadtteil kennen ihn. Man geht ihm aus dem Weg, wenn man keinen Ärger will. Denn Marvin ist aggressiv und gewalttätig, wenn ihm etwas nicht passt, dann reicht es schon, wenn einer dumm guckt.“

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Marvins Geschichte kann man auf der Webseite von „Kurve kriegen“ lesen, einer kriminalpräventiven Initiative für Nordrhein-Westfalen. Kinder wie Marvin gibt es überall, und sie machen der Polizei zunehmend Sorgen. Auch im Rheinisch-Bergischen Kreis.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik von 2023 zeigt: Während die Jugendkriminalität in Rhein-Berg seit 2019 fast unverändert ist, steigt die Zahl tatverdächtiger Kinder unter 14 Jahren rasant. 2020 waren es 107, drei Jahre später schon 232 Kinder zwischen acht und 13 Jahren, die Straftaten begingen.

Die Ursachen

Woran das liegt, versucht die Polizei derzeit herauszufinden. Kriminalhauptkommissar Stefan Lurz hat zumindest schon einmal eine These: „Es gibt nicht den einen, einzelnen Grund.“

Vielmehr sei es vermutlich eine Kombination aus unterschiedlichen Faktoren. Lurz nennt etwa künstliche Intelligenz und Deep Fakes, die die Verbreitung falscher Theorien fördern. Gleichzeitig seien Kinder durch das Internet heute besser informiert und wüssten, dass sie unter 14 Jahren nicht strafrechtlich zu belangen sind.

Die Kinder fühlen sich in der Peer Group anerkannt und machen weiter.

Was wiederum von älteren Jugendlichen auch ausgenutzt würde, die jüngere in ihre Gruppen aufnähmen und zu Straftaten anstifteten. „Die Kinder fühlen sich in der Peer Group anerkannt und machen weiter“, sagt Lurz.

Als weiteren Faktor vermutet der Kommissar die Pandemie, „mit ihren vielen falschen Maßnahmen, wie dass die Kinder nicht in die Schulen durften und pädagogisch nicht begleitet wurden“.

Künftige Intensivstraftäter:innen

Was auch immer die Ursachen sind: Die Tatsache, dass die Kinder unter 14 Jahre alt und damit nicht strafmündig sind, stellt die Polizei vor Herausforderungen. Die einzige Handlungsoption lautet: Prävention.

Insbesondere bei solchen Kindern, die nicht einfach nur mal „Mist bauen“, so Lurz, sondern die auf dem besten Weg sind, Intensivstraftäter:innen zu werden. (Ja, hier wird gegendert, denn das betrifft entgegen aller Klischees auch Mädchen.)

Dafür müssen mehrere Indikatoren zusammenkommen. Erstens muss das Kind eine Straftat begangen haben, die angezeigt wurde. Zweitens muss es Gewaltpotenzial zeigen, also zum Beispiel ein Messer mit in die Schule genommen und seine Mitschüler:innen bedroht haben.

Und drittens müssen persönliche Risikofaktoren vorliegen, in der Familie, im Wohnumfeld, in der Schule, in der Peer Group.

Kurve kriegen

Stefan Lurz. Foto: privat

Für Kinder, auf die all das zutrifft, gibt es seit 2011 die NRW-Initiative „Kurve kriegen“ – seit Juli 2022 auch in Rhein-Berg. Stefan Lurz betreut das Projekt zusammen mit Kriminalkommissar Tizio Fata und den beiden pädagogischen Fachkräften Madita Schut und Timo König von der Diakonie Michaelshoven.

Das Leitmotiv der Initiative ist: Frühe Hilfe statt späte Härte. Je früher die Kinder in das Programm kommen, desto besser. Der Eintritt ist zwischen acht und 15 Jahren möglich.

In Rhein-Berg sind aktuell 14 Kinder dabei. Sie sind zwischen neun und 15 Jahre alt, das Durchschnittsalter beträgt 12,4 Jahre. Darunter sind zwei Mädchen, die Hälfte der Gruppe hat einen Migrationshintergrund.

Man wird nicht kriminell geboren.Stefan lurz

Genaue Details zu ihren Geschichten darf Stefan Lurz nicht nennen. Was er erzählen kann, ist dass es oft Trennungskinder seien. Kinder, die Probleme in der Familie und in der Schule hätten. Kinder, die zu Schulverweigerern würden und, ohne Intervention, in Folge keinen Abschluss, keine Ausbildung und keinen Job hätten.

Armut spiele häufig eine Rolle, falsche Freunde, Erziehungsberechtigte, die damit überfordert seien, das Kind in einer vernünftigen Freizeitgestaltung und auch bei schulischen Belangen zu unterstützen. Und natürlich Gewalt in der Familie. „Man wird nicht kriminell geboren“, fasst Lurz zusammen.

Genau deshalb ist es auch grundsätzlich möglich, dass Kinder mit der richtigen Unterstützung die „Kurve kriegen“ – daher der Name der Initiative.

Opfer schützen

Das Ziel ist zum einen, die Kinder selbst aus der Kriminalität zu holen. Zum anderen aber auch, potentielle Opfer zu schützen.

Die Kinder, die für „Kurve kriegen“ in Frage kommen, machen sechs bis zehn Prozent der Tatverdächtigen ihrer Altersgruppe aus. Wenn ihr Weg nicht mithilfe von Prävention unterbrochen wird, laufen sie Gefahr, zu Intensivtäter:innen zu werden, die, so die Statistik, bis zu ihrem 25. Geburtstag bis zu 100 Opfer auf dem Gewissen haben.

„Wir sprechen vor allem von Gewalt- und Eigentumskriminalität, Straßenkriminalität. Oft sind es Abziehdelikte unter anderen Kindern und Jugendlichen oder Ladendiebstähle“, erklärt Stefan Lurz.

Der erste Schritt

Was passiert nun, wenn die Polizei ein „kriminalitätsgefährdendes“ Kind ausmacht?

Als erstes geht Stefan Lurz oder sein Kollege Tizio Fata zur Familie, schildert den Erziehungsberechtigten die Sorge um das Kind und bietet ihnen an, es bei „Kurve kriegen“ aufzunehmen.

Die Teilnahme ist kostenlos – und freiwillig, sowohl die Eltern als auch das Kind müssen zustimmen. „Sonst bringt es nichts“, sagt Lurz.

Viele sind überrascht, dass die Polizei ihnen Hilfe anbietet.

In Familien mit Migrationshintergrund setzt die Polizei Spach- und Integrationsmittler:innen ein, die nicht nur in die Muttersprache übersetzen, sondern auch erklären, Angst nehmen – „viele sind überrascht, dass die Polizei ihnen Hilfe anbietet“.

Im Großen und Ganzen stoßen Lurz und sein Kollege meistens auf Offenheit. Manche bitten darum, erst einmal über das Angebot nachzudenken. Manche sagen erst einmal nein, um dann einige Monate später doch die Polizei zu kontaktieren.

Absagen haben sie auch schon bekommen, aber vor allem von Jugendlichen.

Sind alle mit der Teilnahme an der Initiative einverstanden, gehen als nächstes die zwei pädagogischen Fachkräfte in die Familien. Und dann kann es losgehen.

Das individuelle Konzept

Madita Schut und Timo König arbeiten nicht alleine mit den 14 Teilnehmer:innen. Die Initiative hat hier in Rhein-Berg ein großes Netzwerk aufgebaut, mit den Schulen, den Jugendämtern, der Suchtberatung, aber auch Drittanbietern, zum Beispiel für tiergesteuerte Pädagogik, Erlebnispädagogik, Anti-Aggressionstraining, Sport.

Über einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten entwickeln Schut und König ein pädagogisches Konzept mit pädagogischen Zielen für jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin – „je nachdem, was individuell für dieses Kind notwendig ist, um seine individuellen Risikofaktoren abzubauen“, erklärt Lurz.

Mindestens einmal pro Woche sind die Kinder in einem dieser für sie persönlich zusammengeschneiderten Angebote, oft häufiger.

Auch die Familien werden involviert. Lurz erzählt von einem Kind, das noch nie eine Radtour mit seinem Vater gemacht hatte und sich das wünschte. Dabei wurden sie von Schut und König unterstützt.

Auf der Webseite der NRW-Initiative hat Timo König beschrieben, wie Erlebnispädagogik einem Teilnehmer im Rheinisch-Bergischen Kreis geholfen hat.

Erlebnispädagogik im Naturfreundehaus Hardt

Kooperationspartner ist hier Benjamin Stapf vom Naturfreundehaus Hardt, der Erlebnispädagogik mitten im Wald anbietet.

Einen der Teilnehmer hatten sie Anfang 2023 dazu animiert sich das einmal anzuschauen. Am Ende des Jahres traf König ihn zusammen mit Benjamin Stapf vor Ort. König schreibt:

„Damals hatte er große Probleme mit der Anwesenheit fremder Menschen, er versteckte sich damals oft hinter seiner hochgezogenen Kapuze, sprach nicht viel und lächelte kaum bis nie. Das erste was uns heute auffällt sind seine Haare, die hängen zwar immer noch ein wenig ins Gesicht, aber er trägt keine Kapuze, die Haarspitzen sind von Halloween noch etwas rot gefärbt und – welch freudige Überraschung – er nimmt Blickkontakt auf als er uns begrüßt, bevor er weiter schnitzt.

Wir wollen von ihm wissen, ob er das Gefühl hat, dass sich bei Ihm etwas verändert hat und was er auf die Frage antworten würde, was er hier mache und ob er das weiterempfehlen würde. ‚Ja‘ sagt er, er merke, dass er viel ruhiger geworden sei, sich nicht mehr sofort auf ‚jeden Scheiß‘ einlasse und manchmal sogar vorher darüber nachdenke ob das grade eine gute Idee sei.

Wenn er seinem alten Ich einen Tipp geben könnte wäre es, sich unbedingt auf diese Maßnahme einzulassen und das würde er auch denen raten, die Ihn fragen. Wir haken nach, was er denn genau sagen würde und er antwortet: ‚Ja, dass das hilft halt. Bei allem, beim normal werden. Nicht ausrasten, auf Streitereien nicht eingehen, so das normale Leben halt.‘“

Stefan Lurz erzählt, dass der junge Mann inzwischen zwei Tage die Woche freiwillig ins Naturfreundehaus gehe und dort helfe, andere Kinder zu betreuen. Dass er vorhabe, Schreiner zu werden. „Das ist toll zu sehen, wenn wir es schaffen, dass jemand seine Stärken und Interessen entdeckt, etwas, das ihn begeistert.“

Weitere Straftaten

Natürlich würden die Kinder nicht sofort aufhören Straftaten zu begehen. Das sei ok, würde aber jedes Mal unmittelbar mit den pädagogischen Fachkräften besprochen und hinterfragt.

Wenn die Fachkräfte das Gefühl hätten, dass jemand nicht mitmacht, weiterhin Straftaten begeht wie zuvor oder sogar mehr, würde abgewogen, ob Prävention für das Kind oder den Jugendlichen noch der richtige Weg ist.

Ist er oder sie dafür nicht mehr empfänglich, hilft nur noch Repression. Dann ist das Ziel, Straftaten zu verfolgen und die Täter:innen zu verurteilen und so aus dem Verkehr zu ziehen. Nicht zuletzt, um die bis zu 100 Opfer bis zum 25. Geburtstag zu verhindern.

Die ersten Absolvent:innen

Wenige Kinder würden das Programm auch von sich aus abbrechen, im RBK ist das allerdings noch nicht vorgekommen.

NRW-weit verlassen 98 Prozent der Teilnehmenden die Initiative nach zwei bis zweieinhalb Jahren als „Absolvent:innen“. Im RBK rechnet Lurz dieses Jahr mit den ersten, denn hier ist „Kurve kriegen“ ja erst 2022 gestartet.

Er ist von der Initiative überzeugt – denn jedes Kind, das dadurch nicht in die Kriminalität abrutscht, ist ein Erfolg.

Info: Stefan Lurz und seine Kolleg:innen sind weiterhin dabei, das Netzwerk für „Kurve kriegen“ auszubauen und freuen sich über Unterstützung aller Art, sei es durch Sponsoring, Praktikumsplätze oder anderes. Kontakt gerne per E-Mail an kurvekriegen.bergischgladbach@polizei.nrw.de.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Die Formulierung „2020 waren es 107, drei Jahre später schon 232 Kinder zwischen acht und 13 Jahren, die Straftaten begingen” ist irreführend, um nicht zu sagen falsch. Der Kriminalstatistik lassen sich lediglich die Zahlen der mutmaßlichen Straftaten entnehmen (ob und welche Straftaten genau es waren, beurteilen Gerichte und nicht die Polizei). Die Statistik macht keine Aussage darüber, wie viele verschiedene tatverdächtige Kinder dahinter stecken. Diese Anzahl müsste man als Außenstehender aber kennen, um wirklich beurteilen zu können, ob es „schlimmer“ mit der Kinder und Jugendkriminalität geworden ist. Es ist klar, dass bei den hier geschilderten Kindern mehr als eine Straftat pro Nase angefallen sein muss. Weiterhin muss beachtet werden, dass kindliche Straftäter aus RBK Straftaten außerhalb von RBK und außerhalb von RBK wohnhafte kindliche Straftäter Straftaten innerhalb von RBK begehen können.