Symbolbild: Unsplash

Wenn eine Frau in der Schwangerschaft ihr Baby verliert, hat sie einen Anspruch auf Rückbildungsgymnastik. Ein regulärer Kurs ist für sie allerdings kaum zumutbar. In Bensberg gibt es eines der wenigen Angebote für Frauen nach Fehlgeburt oder stiller Geburt. Hebamme Ria Lahme erzählt, wie der Kurs abläuft und was er für die Teilnehmerinnen bedeutet.

„Im Vordergrund steht die Bewegung“, sagt Hebamme Ria Lahme über den Rückbildungskurs, den sie im Vinzenz Pallotti Hospital (VPH) der GFO Kliniken Rhein-Berg, leitet. Das klingt erstmal wenig verwunderlich. Allerdings handelt es sich um einen besonderen Rückbildungskurs: Er richtet sich an Frauen, die ihre Babys verloren haben.

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Schon in den ersten Monaten einer Schwangerschaft verändert sich der Körper so, dass nach einer Fehlgeburt oder stillen Geburt eine Rückbildung stattfindet. Je weiter fortgeschritten die Schwangerschaft ist, desto klarer ist: Die Frauen brauchen eigentlich einen Rückbildungskurs, genauso wie alle anderen Frauen, die geboren haben.

Nur: Als verwaiste Mutter in einen regulären Kurs zu gehen, wo die anderen Frauen von ihren Babys erzählen und sich über ihr Leben als frisch gebackene Eltern austauschen, wäre nicht zumutbar.

Deshalb bietet die Elternschule des VPH seit inzwischen elf Jahren einen Rückbildungskurs speziell für Frauen an, die ihre Babys verloren haben. Genauso lange leitet Ria Lahme den Kurs.

Revolution der Geburtshilfe in Bensberg

Sie erzählt, wie Dr. Gerd Eldering ab 1980 die Geburtshilfe am VPH revolutionierte – von der programmierten, überwachten Geburtshilfe hin zur selbstbestimmten, individuellen Geburt. Von Bensberg aus verbreitete sich dieser Ansatz langsam in ganz Deutschland. Und dazu gehörte auch schon sehr früh der sensible Umgang mit stillen Geburten.

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Bettina Schleppe von der Schwangerschaftsberatung „esperanza“ begleitet Frauen und Paare, die ein Kind verloren haben. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, warum das Thema immer noch so tabuisiert ist, was die Sprachlosigkeit für Betroffene (wie mich) bedeutet und wie man es schafft, mit der Trauer umzugehen, die auch nach einem sehr frühen Verlust dazugehört.

Bereits seit Anfang der 1990er-Jahre gibt es an der Elternschule den monatlichen Gesprächskreis „Leere Wiege“. Zweimal im Jahr findet eine Gedenkfeier für alle verstorbenen Kinder statt, bei der frühe stille Geburten bestattet werden. Und seit 2013 gibt es die Rückbildungsgymnastik.

Es sind sechs Termine à eineinhalb Stunden. Am ersten Abend können alle, die wollen, ihre Geschichte erzählen. „Das ist ein anstrengender Abend“, sagt Ria Lahme. Danach tritt die Bewegung in den Vordergrund.

Wie der Kurs abläuft

Wenn es das Wetter zulässt, läuft die Gruppe zum Aufwärmen um die Klinik. Dabei können Gespräche stattfinden, müssen aber nicht. Früher habe sie das Sprechen mehr in den Kurs integriert, sagt Lahme, doch nicht alle Teilnehmerinnen hätten das gewollt.

Nach dem Warmlaufen geht es nach drinnen, dann sind Kraftübungen dran, für den Beckenboden und für den ganzen Körper. Am Ende gibt es Entspannungsübungen, manchmal gegenseitige Massagen.

Oft reden die Teilnehmerinnen anschließend noch miteinander, erzählt Lahme. Sie haben häufig ähnliche Themen, die sie beschäftigen, von der Trauer bis hin zur Wahl eines Bestatters. Andere Themen als Frauen, deren Kinder lebend zur Welt gekommen sind. Der Kurs bietet ihnen dafür einen „Safe Space“.

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Viele kommen miteinander in Kontakt, tauschen Nummern aus, treffen sich auch privat. „Die Gemeinschaft ist eine totale Stärke dieses Kurses“, sagt Ria Lahme. „Die Frauen spüren, dass sie nicht alleine sind, und stärken sich gegenseitig.“

Einmal habe eine ganze Gruppe geschlossen noch einen weiteren Rückbildungskurs bei ihr gebucht. Ein andermal hätten die Frauen darum gebeten, zur letzte Kursstunde ihre Partner mitbringen zu können. „Dann haben wir alle zusammen trainiert, das war für alle wohltuend“, sagt Lahme und lächelt.

Einige Paare hätten sich an dem Abend angefreundet und danach weiter privat getroffen. Manchmal sieht Ria Lahme die Frauen aus ihren Kursen wieder, wenn sie erneut schwanger sind und sich zur Geburt anmelden.

Nur wenige Angebote

Allerdings ist das Einzugsgebiet für die besondere Rückbildungsgymnastik sehr groß, denn es gibt nur wenige Angebote.

Das liegt zum einen daran, dass es schwierig zu finanzieren ist. Rückbildung ist ohnehin schlecht bezahlt von den Krankenkassen, in diesem speziellen Fall gibt es deutlich weniger Teilnehmerinnen – also noch weniger Geld. Das können sich viele Hebammen schlicht nicht leisten.

Trauer ist tabu, und speziell ein Kind zu verlieren ist gesellschaftlich ein Schocker

Zum anderen liegt es aber auch daran, dass das Thema tabuisiert ist. In Kreißsälen und Hebammenkreisen ist das Angebot am VPH bekannt. In Frauenarztpraxen weniger, in der Gesellschaft erst recht nicht.

„Trauer ist tabu, und speziell ein Kind zu verlieren ist gesellschaftlich ein Schocker“, sagt Ria Lahme.

Die Umgebung trete Menschen, die von stillen Geburten betroffen sind, oft sprachlos entgegen – was für Trauernde doppelt schlimm sei. Sie macht ein paar Vorschläge, was man sagen könnte: „Ich nehme deinen Schmerz wahr“, „Es tut mir leid“ oder „Ich bin da“.

In den letzten Jahren habe sich etwas getan, durch die Hospizbewegung und durch den Wandel der Bestattungskultur. Bleibt zu hoffen, dass es so weitergeht, damit Betroffene künftig ein bisschen weniger leiden müssen und Angebote wie die Rückbildungsgymnastik wahrnehmen können, weil sie ganz einfach allgemein bekannt sind.


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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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