Foto: Thomas Merkenich

Der SPD-Kandidat für den Bundestag präsentiert sich im Bürgerclub als leidenschaftlicher Kämpfer für bessere Bildungschancen – unabhängig vom Einkommen der Eltern. Im Gespräch mit den Leser:innen spricht Hinrich Schipper über Heimat und seine politischen Ziele. Er tritt gut gelaunt und selbstkritisch auf, gesteht auch Wissenslücken. Sie können das Gespräch auch im Video anschauen.

Hinrich Schipper versucht erst gar nicht, seine Herkunft zu verschleiern. Im Gegenteil. Er macht sie zu seinem Markenzeichen, nutzt sie als Eisbrecher, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Typischer Smalltalk beginnt oft mit Aussagen über das Wetter. Jeder kann etwas dazu sagen. Mit der Heimat verhält es sich ähnlich. Und so begrüßt Hinrich „Hinni“ Schipper die Menschen mit einem „Moin“ und beginnt Gespräche mit Sätzen wie „Sie wissen, ich bin Ostfriese“.

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Mit einem lauten „Moin“ betritt Schipper die Redaktion des Bürgerportals. „Ich bin ein paar Minuten früher da, das macht hoffentlich nichts“, fügt er hinzu. Es ist 18.55 Uhr – und bis zum Beginn des Bürgerclubs, in dem der SPD-Kandidat für das Direktmandat als Bundestagsabgeordneter zu Gast ist, dauert es noch 35 Minuten. 

Schipper sucht die Nähe und das Gespräch

Die ersten Gäste der Veranstaltung begrüßt der 53-Jährige gut gelaunt mit Handschlag, um dann am Stehtisch mit ihnen zu plaudern. Mehr und mehr Menschen scharen sich um ihn. Kurz bevor der Bürgerclub beginnt, geht er zu denen, die bereits sitzen, schüttelt ihnen die Hand. 

Schnell wird klar: Schipper ist einer, der die Nähe und das Gespräch sucht, einer, der gut mit Menschen kann. Das mag auch an seinem Job liegen: Er ist Lehrer für Sonderpädagogik und leitet eine Förderschule in Waldbröl.

Zu Beginn der 90-minütigen Runde schildert Schipper im Gespräch mit Moderator Georg Watzlawek seinen beruflichen und politischen Werdegang und was den gebürtigen Ostfriesen ins Bergische gebracht hat. „Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und bin aus der Art geschlagen. Ich war der erste, der Abi gemacht hat und dann studieren wollte.“ Nach einem Studium in Köln nenne er das Bergische Land seit vielen Jahren seine Heimat. 

Wind und Wetter vermisse Schipper manchmal: „Ich finde es niedlich, wenn Leute hier sagen, es stürmt. Wo denn bitte, frage ich dann.“

Im Rheinland schätze er die Herzlichkeit der Menschen. „In Ostfriesland können Sie mit jemandem sechs Jahre an der Theke stehen und erfahren nicht mal seinen Namen. Als ich das erste Mal in Köln an einer Theke stand, ist das ein bisschen anders gelaufen“ Schipper lacht. Er scherzt gern, lacht viel. Seine Augen verengen sich dann zu schmalen Schlitzen.

Fotos: Thomas Merkenich

In Kürten ist Schipper seit vielen Jahren kommunalpolitisch engagiert. „Als Juso wollte ich die Welt verändern. Da war für mich klar: Mit 22 bist du im Bundestag und mit 30 bist du Bundeskanzler und machst alles besser“, erinnert er sich lachend. Im Laufe des Abends bringt er immer wieder solche Sprüche und Anekdoten, die erheitern, die er aber gekonnt einsetzt, um den Sprung ins Ernsthafte und die Realität zu vollführen.

So auch mit Blick auf seine kommunalpolitische Karriere. Schipper war unter anderem SPD-Fraktionsvorsitzender, habe dort aus seiner Sicht zu einer Gesprächskultur beigetragen. Politik bedeute für ihn auch „Arbeiten an mir selbst“ sowie die Konflikte, Gespräche und Zusammenarbeit mit anderen Menschen.

Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe

Auch wenn die Realität den Enthusiasmus des jungen Jusos ein Stück weit eingeholt hat: Er ist weiterhin zu spüren, etwa wenn Schipper über das Thema Bildung und Bildungsgerechtigkeit spricht. 

Er bezeichnet Inklusion als Verpflichtung, als gesellschaftliche Aufgabe, die auch nach der Schule weitergehen müsse. Er kämpft für Förderschulen im Kreis – sie ermöglichten jungen Menschen einen guten Schulabschluss, die sonst durch das Regelsystem fallen würden. 

Die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär gibt es Schipper zufolge nicht: Bildung und Einkommen der Eltern „hängen bei uns ganz eng zusammen“. Das müsse sich ändern. Ebenso die Ausstattung der Schulen, was Gebäude, Infrastruktur und Personal angeht. „Es gibt Schulen, da regnet es rein.“ Es müsse mehr passieren, als einen Eimer unter der undichten Stelle zu platzieren. 

Eigene Schwächen eingestehen

Die Idee der SPD sei in dem Zusammenhang ein Deutschlandfonds in einer Höhe von 100 Milliarden Euro, mit denen etwa Infrastrukturmaßnahmen finanziert werden könnten. „Ich bin kein Finanzpolitiker“, gibt Schipper zu. Zur Frage der Querfinanzierung könne er daher nichts sagen. „Ich kann Ihnen nur versprechen, ich werde mein Bestes geben“ für ein besseres Bildungssystem.

Schippers Kleidung ist unauffällig: Dunkelblaue Jeans, schwarzes Hemd, schwarzes Sakko. Die kleine rote SPD-Klammer am Revers ist der einzige Farbtupfer. Schippers Auftreten ist auffälliger. Er agiert laut und kumpelhaft, nimmt kein Blatt vor den Mund und scheut sich nicht, die politischen Gegner zu loben und eigene Schwächen zuzugeben. 

Der SPD-Kandidat gesteht, dass er aufgeregt ist, sagt selbstkritische Sätze wie „Sie haben mich auf eine Wissenslücke bei mir hingewiesen.“ Manchmal verzettelt er sich, springt von einem Thema zum nächsten.

Foto: Thomas Merkenich

In Sachen Klimaschutz findet Schipper lobende Worte für die Grünen, die es mit ihrer Gründung geschafft hätten, „das Thema über all die Jahre hinweg zu einem Querschnittsthema“ zu machen. „Die Natur wird nicht in Koalitionsverhandlungen mit uns treten, die diskutiert nicht mit uns“, sagt Schipper. 

Der Umgang mit dem Klima

Nicht nur beim Thema Klima argumentiert der dreifache Vater an diesem Abend mit seinen Kindern: „Ich möchte, dass meine Kinder und andere Kinder eine vernünftige Zukunft haben.“

Die Instrumente, Ideen und auch das Geld sind dem SPD-Politiker zufolge da, um dem Klimawandel zu begegnen. Häufig seien es „Bürokratievorschriften“, die die Umsetzung verhinderten oder bremsten. Dabei sei die Bereitschaft des Einzelnen, etwas für das Klima zu tun, groß, was sich etwa an den vielen Balkonkraftwerken zeige.  

Nicht alle, die sich einsetzen wollen, können das finanziell stemmen. „Ich persönlich habe ein E-Auto und eine große Solaranlage. Aber ich bin Schulleiter und kann mir das leisten.“ Es sind solche Sätze, die Schipper ungefiltert ausspricht, die man nicht häufig von Politikern hört. 

Die AfD ist eine Nazipartei

Überhaupt präsentiert er sich als Freund der klaren und verständlichen Worte. Politiker müssten mehr erklären, sagt er selbst. Und damit schließt sich wieder der Kreis zur Bildung zu seinem Beruf: „Sie haben hier einen Lehrer sitzen. Ich glaube, man kann sehr viel mit Bildung und mit Sprache erreichen, indem man Dinge erklärt.“ Die Parteien würden sich womöglich einen Gefallen tun, wenn sie ihre Parteiprogramme zuerst in einfacher Sprache veröffentlichen würden. 

Klare Worte findet Schipper auch beim Thema AfD: „Die AfD ist eine Nazipartei.“ Sie versuche, das Unsagbare zu Sagbarem zu machen, wie der Begriff „Remigration“ aktuell zeige. „Meine These ist, dass dieser Begriff auch in konservativen Kreisen salonfähig wird.“ 

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Im Umgang mit der AfD hofft der SPD-Kandidat auf einen starken demokratischen Schulterschluss mit allen demokratischen Parteien. Sollte Schipper in den Bundestag gewählt werden, werde er für ein Prüfungsverfahren für ein AfD-Verbot stimmen, verspricht er auf Nachfrage eines Bürgerclub-Besuchers. 

Unterstützung für die Ukraine

Zum Ukraine-Krieg hat Schipper eine klare Haltung: „Wenn wir zulassen, dass die Ukraine verliert, verlieren wir alle.“ Deutschland sei ein starkes und reiches Land und müsse in diesem Konflikt standhaft bleiben und militärische Stärke zeigen. In dem Punkt stehe er zu 100 Prozent hinter Bundeskanzler Olaf Scholz. „Als Abgeordneter würde ich mich hinter die Linie des Kanzlers stellen.“

Ob er das wird, zeigt sich bei der Bundestagswahl am 23. Februar. Und zu den Chancen seiner Partei sagt er an diesem Abend in typisch trockener Schipper-Manier: „Es besteht die Möglichkeit, dass wir nicht die absolute Mehrheit holen und in die Opposition gehen.“


Einladung: Vor Hinrich Schipper war Christian Lindner (FDP) Gast im BürgerClub. Am 5. Februar folgt Maik Außendorf (Grüne), die CDU-Kandidatin Caroline Bosbach ist am 29. Januar zur Gast.

Alle acht Direktkandidat:innen in Rhein-Berg stellen wir bei der Wahlarena am Freitag, 24. Januar, ab 18 Uhr in der RheinBerg Galerie vor.

Foto: Thomas Merkenich

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Stehen Förderung der Inklusion und Förderung der Förderschulen nicht im Widerspruch zueinander?

    1. Hallo Herr Andreas,
      meiner Ansicht nach nicht. Ich kann und will das aus meiner Berufspraxis auch gerne erläutern. Ich würde mich freuen, mit Ihnen persönlich in Kontakt zu treten!