Wir hatten unsere Leserinnen und Leser gefragt, welche Themen ihnen bei der Bundestagswahl 2025 besonders wichtig sind. Hier kommt das durchaus überraschende Ergebnis – und damit die lokale WahlAgenda für Bergisch Gladbach und den Rheinisch-Bergischen Kreis (Wahlkreis 99).
Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und die Belange der Kinder und Jugendlichen – das sind die drei Themenbereiche, die bei den Teilnehmenden der Umfrage des Bürgerportals die größte Bedeutung haben.
Wirtschaft- und Finanzpolitik, Migration, Verkehr und die Herausforderungen der Demokratie folgen im Mittelfeld. Die Frage von Krieg & Frieden spielt keine besondere Rolle. Und es gibt nur ein einziges Einzelthema, bei dem sich alle einig sind.
Zur Erinnerung: Die Redaktionen von sechs Lokalmedien in ganz Deutschland hatten unter dem Motto „Deine Stimme, Deine Themen“ zwei einfache Fragen gestellt:
- Worüber soll im Wahlkampf diskutiert werden?
- Welche Frage würdest du den Kandidatinnen und Kandidaten dazu stellen?
2193 Personen haben sich an dieser von Correctiv koordinierten Aktion beteiligt, alleine in Bergisch Gladbach waren es 433 Bürgerinnen und Bürger.
Wir haben alle Antworten ausgewertet, nach Themen gebündelt und auf diesem Weg eine lokale WahlAgenda formuliert. Damit stellen wir bei der Bundestagswahl 2025 das übliche, von den Parteien dominierte Verfahren, auf den Kopf: Die Wählerinnen und Wähler bestimmen, welche Fragen im Wahlkampf diskutiert werden sollen.
Das sind die Prioritäten in GL
Da sehr viele Personen mehrere Themen genannt hatten, sind 676 Nennungen zusammen gekommen. Der Klimawandel steht mit 147 Nennungen ganz oben, die Migration landet im Mittelfeld, die Sorgen um die Demokratie und außenpolitische Krisen am Ende der Rangliste der Prioritäten:
WahlAgenda Bergisch Gladbach 2025
1. Klimaschutz (147 Nennungen)
2. Sozialpolitik (104)
3. Bildung, Kinder und Jugendliche (91)
4. Wirtschafts- und Finanzpolitik (88)
5. Migration & Integration (73)
6. Verkehrspolitik im engeren Sinn (65)
7. Herausforderungen der Demokratie (62)
8. Außenpolitik (46)
Eine Agenda, die sich in der Rangfolge deutlich von der aktuellen politischen Debatte unterscheidet. Es lohnt sich jedoch, ins Detail zu gehen – denn hinter jedem Thema steht ein ganzer Komplex von Unterthemen. Verbunden mit sehr vielen Fragen:
In dieser Kategorie haben wir Themen und Fragen rund um die globale Erwärmung und die Klimaanpassung, Ökologie und Naturschutz sowie die damit direkt verbundenen Fragen der Energie- und Verkehrswende vereint.
Das Thema treibt vor allem diejenigen um, denen der Kampf gegen die Klimakrise nicht weit genug geht – aber auch einige, die sich um die Kosten, soziale Folgen oder die Auswirkungen auf die Wirtschaft sorgen.
Mehrfach taucht der Begriff „Suffizienz“ (Genügsamkeit) auf, wie hier: Was unternehmen Sie, um die gegenwärtige von Wachstum geprägte Wirtschaft in eine nachhaltige, von Suffizienz geprägte zu transformieren?
Das Heizungsgesetz wird viermal erwähnt: zweimal verbunden mit der Forderung, es durchzusetzen, zweimal mit dem Verlangen, es abzuschaffen.
Typische Fragen:
Konkrete Fragen beziehen sich auf das Klimageld, das Heizungsgesetz, die Klimagerechtigkeit, naturnahe Gärten, Starkregen, Kernkraft und ein Tempolimit.
Hier finden Sie unsere Beiträge zum Klimaschutz in Bergisch Gladbach.
Dieser Komplex steht mit 104 Nennungen weit oben. Hierzu gehören Beiträge zu den Themen soziale Gerechtigkeit (44 Nennungen), Wohnen (25), Rente (22), Gesundheit (10). Pflege (1) und Inklusion (1) wurden kaum erwähnt.
Ein Schwerpunkt liegt in der Frage, wie Deutschland gerechter wird (auch im Kontext zur Klimapolitik) und Armut abgebaut werden kann. Viele weitere Beiträge drehen sich um die Zukunft und die Stabilität von sozialen Sicherungssystemen wie Rente, Pflege und Gesundheit. Bezahlbarer Wohnraum und das Problem steigender Mietpreise sind zentrale Anliegen. Zudem werden Arbeitsplatzabbau und faire Löhne thematisiert.
Einige typische Fragen:
Einige spezielle Fragen:
Eine Beobachtung am Rand: Das Thema „Corona/Covid“ wurde insgesamt nur von zwei Personen genannt: Dabei ging es einmal um die Aufarbeitung und einmal um Prävention.
Zu diesem Komplex gehören zum einen Fragen der Bildung im engeren Sinne (54), aber auch der schlechte Zustand der Schulgebäude (21), die Defizite bei der Kinderbetreuung und Probleme der Kitas / OGS (23) sowie die Kinderrechte (4).
Einige der Fragen, die so oder ähnlich häufiger gestellt wurden:
Übrigens, die Belange der Senior:innen wurden nur dreimal erwähnt, dabei ging es vor allem um die Kürzungen bei den Begegnungsstätten in Bergisch Gladbach.
Auch hier handelt es sich um einen weit gefächerten Komplex – und hier findet sich das Thema, bei dem sich offenbar wirklich alle einig sind: Die Bürokratie (15 Nennungen) müsse abgebaut werden, doch wie soll das erreicht werden?
Häufig erwähnt werden Wachstumsimpulse für die Wirtschaft, die mangelhafte Infrastruktur (25), das Steuersystem (13), die Schuldenbremse (12) und die Digitalisierung (10); kaum genannt wird die Inflation (3).
Häufig genannte Fragen:
Spezielle Fragen:
Dieser Themenblock landet – entgegen der Bedeutung in der bundesweiten Debatte – mit 73 Nennungen erst auf Platz 5. Obwohl wir hierbei neben den Kernthemen wie Einwanderung, Abschiebungen und Integration auch die Themen Kriminalität, Islamismus und innere Sicherheit mitgezählt haben, soweit sie im Kontext der Migration genannt wurden.
Rund ein Viertel der Beiträge fordern eindeutig eine Begrenzung der Einwanderung und eine schärfere Rückführungspraxis; Positionen, die eine klar positive Haltung gegenüber der Einwanderung vertreten, sind etwas seltener vertreten. Die überwiegende Mehrheit der Fragen bezieht sich auf eine bessere Integration – gerade auch vor Ort in Bergisch Gladbach.
Exemplarische Fragen:
Alle Beiträge des Bürgerportals zum Thema Flüchtlinge / Integration
Der Verkehr ist ein Querschnittsthema, spielt sowohl bei der Klima- als auch bei der Wirtschaftspolitik eine große Rolle. Der Zustand der Straßen sowie das Verhältnis von Auto- zu Radverkehr werden aber auch als eigenständiges Thema relativ häufig genannt.
Mehrfach genannte Fragen:
Alle Beiträge des Bürgerportals zur (lokalen) Verkehrspolitik und zum Radverkehr.
Es werden diverse Herausforderungen für die Demokratie thematisiert: Der allgemeine Vertrauensverlust der Politik, ein fehlender Zusammenhalt in der Gesellschaft, das Erstarken rechtsextremer Parteien allgemein und der AfD im speziellen (30) sowie zunehmender Antisemitismus / Rassismus (8).
Häufig genannte Fragen:
Alle Beiträge des Bürgerportals zum Themenbereich Demokratie
Die Außenpolitik wird in den Antworten relativ selten angesprochen, am häufigsten geht es um die Perspektiven für die Ukraine (21) und um das Thema Frieden allgemein (15). Der Nahostkonflikt wird nur viermal erwähnt, die USA dreimal.
Häufig genannte Fragen:
1. Wie bekommen wir den Klimawandel in den Griff?
Mehr zum Klimaschutz in gl
2. Sozialpolitik: Wie wird Deutschland gerechter?
3. Bildung: Wie werden wir unseren Kindern und Jugendlichen gerecht?
4. Wie stabilisieren wir Wirtschaft, Unternehmen und Finanzen?
5. Wie wird die Migration gesteuert, wie gelingt die Integration?
6. Wie kommen wir zu einer guten Verkehrspolitik?
7. Wie wird die Demokratie verteidigt?
8. Krieg & Frieden: Was wird aus der Ukraine, Nahost, USA?
Die Statistik
Es haben 222 Männer und 206 Frauen teilgenommen, fünf Personen haben ihr Geschlecht als „divers“ angegeben.
Alle Altersstufen von 16 bis 99 Jahren sind vertreten; junge Menschen bis 25 sind mit 34 Teilnehmenden jedoch klar unterrepräsentiert. 66 Personen sind 26 bis 45 Jahre alt, 200 entfallen auf die Altersklasse 46 bis 65 und weitere 131 sind älter als 65 Jahre.
Zur Beteiligung an der Umfrage hatten wir über unsere eigenen Medien (Website, Newsletter, soziale Medien) aufgerufen. Wir haben aber auch rund 3000 Flyer in Wohngebieten verteilt, die wir in der Regel nicht so gut erreichen. Wir haben Migrantenvereine, Schulen und Jugendzentren als Multiplikatoren genutzt. Dennoch sind die Ergebnisse der Umfrage nicht repräsentativ – sondern geben die Haltung v.a. unserer Leserinnen und Leser wieder.
So geht es weiter

Zu jedem der acht Themenblöcke wählt die Redaktion eine Kernfrage aus. Diese Fragen legen wir dann den acht Direktkandidaten für den Rheinisch-Bergischen Kreis vor und bitten um konkrete Antworten.
Wir veröffentlichen die Antworten und fassen Sie dann noch einmal sehr knapp in einer Tabelle zusammen. Damit entsteht ein analoger Wahl-o-Mat, mit dem sich die Wählerinnen und Wähler rasch orientieren können, welche Kandidatin oder welcher Kandidat den eigenen Vorstellungen am nächsten kommt.
Die Fragen nehmen wir aber auch in unsere Gespräche und Diskussionen mit den Bewerber:innen für den Bundestag mit. Dazu gibt es einige Gelegenheiten:
Am Freitag, den 24. Januar, treten (fast) alle Kandidat:innen bei der WahlArena in der RheinBerg Galerie an und diskutieren über die wichtigsten Themen der WahlAgenda.

Im BürgerClub haben einzelne Kandidat:innen die Möglichkeit, sich in einem ausführlichen Gespräch mit unserer Leser:innen zu präsentieren und (weitere) Fragen zu beantworten. Geplant sind BürgerClubs mit Christian Lindner (FDP, 14.1.), Hinrich Schipper (SPD, 16.1.), Caroline Bosbach (CDU, 29.1.) und Maik Außendorf (Grüne, 5.2.). Hier können Sie sich anmelden (soweit noch Plätze verfügbar sind).

Zum Hintergrund der WahlAgenda
Grundlage für das Projekt ist das Konzept der „CitizenAgenda“, die in den USA entwickelt worden war. Das Bürgerportal hatte Grundzüge davon bereits bei der Bundestagswahl 2021 und bei der Landtagswahl 2022 eingesetzt. Bei der Neuauflage haben wir mit dem Lokaljournalisten-Netzwerk des Recherche- und Medienhauses Correctiv sowie den lokalen Medien VierNull in Düsseldorf, Rums in Münster, Wokreisel in Dahme-Spreewald, Kolumna in Lindau sowie dem Stader Tageblatt zusammengearbeitet.
Die Kolleg:innen haben ihre Beiträge hier veröffentlicht:
Wokreisel: Ihre Agenda zur Bundestagswahl
