Für viele Eltern ist ein zweites Kind eine schöne, aber ebenso verunsichernde Vorstellung. Familientherapeutin Nina Tackenberg rät, sich ehrlich damit auseinanderzusetzen, welche Veränderungen ein zweites Kind mitbringen kann, und sich darauf vorzubereiten – mit einer bewussten Bestandsaufnahme und einer realistischen Planung, wie das Leben zu viert aussehen könnte.

Zunächst mal das Positive: Vieles, was beim ersten Kind noch mühsam erlernt wurde, ist jetzt Routine. Grundsatzfragen sind geklärt, auch strukturell ist vieles bereits vorhanden – die Ausstattung, ein eingespielter Haushalt, Erfahrung im Umgang mit Unsicherheiten.

Nina Tackenberg. Foto: Daniel Schubert

Eltern wissen bereits, dass nicht jede Entscheidung existenziell ist. „Die Themen Schlaf, Ernährung oder Entwicklung verlieren etwas von ihrer dramatischen Überhöhung“, sagt Nina Tackenberg von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle.

Auf Seiten der Kinder entsteht etwas, das viele Eltern als bereichernd erleben: Geschwisterbeziehungen. Wenn Kinder beginnen, miteinander zu spielen, sich zu streiten oder zu verbünden, entsteht ein eigenes kleines Familiensystem. Eines, das nicht dauerhaft von den Eltern gesteuert werden muss und das genau dadurch entlastend wirken kann.

Die Herausforderungen

Allerdings: „Viele Zweiteltern glauben, sie wüssten, was auf sie zukommt“, sagt Tackenberg. „Aber jedes Kind ist ein völlig anderes Wesen.“ Eltern haben nun also plötzlich zwei kleine Persönlichkeiten zu begleiten, die ganz eigene Bedürfnisse haben – die sich nicht immer miteinander vereinbaren lassen.

Das erste Kind muss lernen, Aufmerksamkeit zu teilen. Ein Prozess, der oft mit Eifersucht und Rivalität einhergeht. Das sei normal und sogar wichtig für die Entwicklung. Für Eltern bedeutet es allerdings zusätzliche emotionale Arbeit.

Foto: Anne Janzen

„Mit mehr Kindern hat man definitiv weniger Zeit für sich und weniger Zeit als Paar“, sagt Tackenberg. Spontane Auszeiten sind schwerer zu organisieren, wenn statt einem zwei Kinder untergebracht werden müssen.

Die Entscheidung für ein zweites Kind sei daher immer auch eine Entscheidung für deutlich mehr familiäre Bindung – und weniger Flexibilität im eigenen Lebensmodell.

Hinweis: Die Fotos zu diesem Artikel stammen von der Familienfotografin Anne Janzen. Hier das Interview, dass wir vor einiger Zeit mit ihr führten.

Warum die Aufteilung wichtiger wird

Mit dem ersten Kind hätten viele Familien Zuständigkeiten noch asymmetrisch organisiert, sagt Tackenberg: eine Person stärker in der Care-Arbeit, die andere stärker in der Erwerbsarbeit.

Mit dem zweiten Kind gerät dieses Modell ins Wanken. Denn nicht nur die Aufgaben nehmen zu, sondern auch ihre Gleichzeitigkeit: Ein Kind hat Training, das andere ist krank, die Kita braucht Rückmeldung, parallel steht ein Arzttermin an. Allein schon das abendliche Zubettbringen wird zur Herausforderung, weil unterschiedlich alte Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Je mehr Kinder da sind, desto wichtiger wird also die Frage nach der Aufteilung der Verantwortung. Gleichzeitig zeigt die Realität, dass sich traditionelle Muster häufig fortsetzen. Wer beim ersten Kind mehr Verantwortung zu Hause übernommen hat – und das ist in den meisten Fällen immer noch die Mutter – bleibt beim zweiten oft in dieser Rolle.

Foto: Anne Janzen

Mental Load wird alleine untragbar

Damit einher geht das Thema, das in vielen Beziehungen zum großen Konfliktpunkt wird: die Mental Load. Tackenberg beschreibt aus ihrer Beratungspraxis, dass häufig die Mutter den Gesamtüberblick behält. Selbst dann, wenn Aufgaben formal verteilt sind.

„Dann heißt es: Ich mache das doch, wenn es auf der Liste steht. Aber jemand muss die Liste ja erst einmal schreiben“, sagt sie.


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Mit dem zweiten Kind werden diese Strukturen oft sichtbarer – und weniger haltbar. Tackenberg formuliert es deutlich: „Ab Kind zwei funktioniert das oft nicht mehr, ohne dass die Hauptverantwortliche in die Überforderung gerät.“

Denn Mental Load bedeute einen permanenten inneren Stresszustand, das Gefühl, ständig verantwortlich zu sein. Gerade deshalb sei die Entscheidung für das zweite Kind ein Moment, in dem Paare bewusst gegensteuern sollten.

Die Vorbereitung auf ein zweites Kind

Nina Tackenberg empfiehlt Paaren zunächst, ehrlich zu klären, was beide Partner wirklich wollen. Denn ein zweites Kind sei kein Projekt, bei dem man „halb mitmacht“. Es verändere die gesamte Familienstruktur und die Verantwortung beider Eltern.

Dann rät sie zu einer bewussten Bestandsaufnahme. Dabei gehe es darum, sich ehrlich zu fragen, ob das bestehende Modell tragfähig ist – auch unter verschärften Bedingungen.

  • Wie viel Stress ist im aktuellen Alltag bereits da? Und wie gehen wir damit um?

Wenn der Alltag schon mit einem Kind dauerhaft am Limit läuft, kann das System mit einem weiteren Kind schnell kippen, weil Zeit, Schlaf und Erholung knapper werden.

  • Welche Erwartungen haben wir an uns selbst?

Viele Eltern wollen alles „richtig“ machen. Mit zwei Kindern lässt sich dieser (ohnehin wenig hilfreiche) Anspruch kaum aufrechterhalten, denn vieles wird unplanbarer, chaotischer und weniger kontrollierbar.

Foto: Anne Janzen
  • Wie sieht unser Netzwerk aus?

Zwei Erwachsene können viele Aufgaben bewältigen, aber nicht alle gleichzeitig. Besonders im Winterhalbjahr, wenn Kinder häufiger krank sind und Betreuung ausfällt, wird das schnell sichtbar. Deshalb ist es entscheidend, sein Netzwerk vorab genau zu überprüfen:

  • Gibt es Familie oder Freunde, die zuverlässig unterstützen?
  • Können Großeltern oder andere Bezugspersonen auch zwei Kinder betreuen?
  • Gibt es berufliche Flexibilität oder notfalls bezahlte Entlastung?

Ein zweites Kind bedeutet nicht nur mehr Aufgaben, sondern auch mehr Abhängigkeit von funktionierenden Strukturen außerhalb der Kernfamilie.

  • Wie gut geht es uns eigentlich als Paar?

Ein Aspekt, der in der Vorbereitung oft zu kurz kommt, ist die Paarbeziehung selbst. Tackenberg betont, dass das Paar der Kern der Familie bleibt. Wenn die Partnerschaft dauerhaft auf die Elternbeziehung reduziert wird, entsteht ein Verlust, der sich häufig indirekt in Konflikten zeigt.

Unzufriedenheit auf der Paarebene verlagert sich dann auch in den Elternalltag: über Kritik, Reizbarkeit oder Streit über scheinbar kleine Dinge.

Foto: Anne Janzen
  • Wie zufrieden sind wir mit der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit?

Hier gilt es, nicht nur zu schauen, wer was tut, sondern auch, wer im Hintergrund organisiert, den Überblick behält und erinnert. Sprich, wer die Verantwortung trägt – Stichwort Mental Load. Denn mit mehr Kindern verstärken sich bereits bestehende Ungleichgewichte.

Hinzu kommt: Wenn ein Elternteil den Großteil der Fürsorge trägt, ist das Bedürfnis nach körperlicher Nähe oft mit den Kindern gestillt, und der Wunsch nach Intimität mit dem Partner kann kleiner werden.

Auch Erschöpfung und das Gefühl von Ungerechtigkeit können sich aufstauen. „Eine ungleiche Verteilung der Sorgearbeit kann zur Entfremdung des Paares führen“, fasst Tackenberg zusammen.

Vorab Aufgaben verteilen

Deshalb lohnt es sich, schon vorab über ganz konkrete Strukturen nachzudenken: Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie kann Verantwortung so verteilt werden, dass sich nicht alles bei einer Person bündelt? Manche Paare teilen Zuständigkeiten nach Kindern auf, andere nach Aufgabenbereichen. Entscheidend ist, dass die Verteilung klar ist und von beiden als fair empfunden wird.

Denn wenn diese Fragen ungeklärt bleiben, zeigen sich die Spannungen oft erst, wenn das zweite Kind längst da ist und der Alltag kaum noch Raum lässt, Grundsatzdiskussionen in Ruhe zu führen.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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