Fotos: Annette Voigt

Schule im Garten wird in der Garten-AG der GGS Gronau praktiziert und begeistert die Kinder fürs Gärtnern. Gemeinsam mit dem Abenteuerspielplatz Gronau bietet die Schule das Projekt für sogenannte Seiteneinsteiger an. In ihrer grünen Oase hinter der Kirche St. Marien wird beim Gemüse- und Obstanbau spielerisch Deutsch gelernt.

Die Gartengruppe der GGS Gronau besteht aus sogenannten Seiteneinsteigerinnen. Das sind Jungen und Mädchen der Jahrgangsstufen 1 bis 4, die kaum Deutsch sprechen und schreiben können. Sie stammen u. a. aus Albanien, Ukraine, Syrien, Türkei, Bulgarien, Armenien.

Um sich während der gemeinsamen Gartenarbeit verständigen zu können, sprechen sie jedoch ausschließlich Deutsch. „Die Kinder lernen so viel mehr, als wenn sie still im Klassenzimmer sitzen würden. Sie freuen sich jeden Donnerstag auf unseren Ausflug zum Abenteuerspielplatuz“, sagt die Lehrerin Alexandra Kessler. Sie begleitet das Gartenprojekt und unterrichtet Deutsch als Zweitsprache unterrichtet.   

Spielerisch im Garten Deutsch lernen

Das Lesen und Schreiben beziehen sich direkt auf die Gartenarbeit. Laminierte Worttafeln mit verschiedenem Gemüse und – Obstsorten ordnen die Kinder den Bildtafeln zu. Sie können Obst und Gemüse begrifflich unterscheiden und wissen genau, welche Sorten bei ihnen wachsen. Sie kennen Verben wie beispielsweise gießen, säen, harken oder einpflanzen, weil sie diese in der Gartenpraxis selbst anwenden.

Bei meinem Besuch ist es sehr heiß und gießen steht auf dem Unterrichtsplan. „Mit der Gießkanne bekommen meine Pflanzen zu trinken“, erklärt mir Rostyk und wässert eifrig seine Setzlinge in den kleinen Anzuchttöpfen. Diese Töpfe stehen in Holzpaletten und sind von den Kindern liebevoll beschriftet.

Die Kinder kennen die Pflanzen in ihrem Garten namentlich. „Das sind Möhren, aber die sind jetzt noch ziemlich winzig“, klären mich die kleinen Gärtner auf. „Was haben wir mit der Melone gemacht?“, fragt Angelika Schäfer, die Leiterin des Abenteuerspielplatzes (ASP).

Yeva versucht zu erklären. „Wir haben die Melone gegessen und die Kerne in die Erde getan“. Stolz zeigen alle auf die zarten Triebe, das Ergebnis ihres grünen Experiments. Ayan deutet zufrieden auf das kleine Quadrat im Anzuchtkasten, in das er seine Kerne setzte.

„Die Schüler:innen lernen handlungsorientiert und so entsteht eine starke Verbindung zwischen Wort, Handlung und Erfahrung“, erklärt Aleandra Kessler. Ab und zu locken die Klettergerüste, sodass die Lehrerin daran erinnern muss, dass jetzt keine Pause, sondern Schulunterricht ist.

Doch meistens sind die Schüler:innen höchst konzentriert bei der Sache. Yeva mag den Garten, weil dieser so schön bunt ist. Alberto, Ramazan und Sofiia essen gerne das, was sie gepflanzt haben, besonders Erdbeeren. Sascha freut sich über seine Bohnen, die schon ziemlich hoch sind. Bei Eris und Adam reift alles besonders schnell heran. Rostyk beobachtet gerne die Pflanzen und freut sich jede Woche aufs Neue, wie groß die Erdbeeren geworden sind. Alle Kinder sind gerne draußen und lieben Pflanzen.  

Treffpunkt für kleine und große Gartenfreunde

Das Gelände bietet Großen und Kleinen vielfältige Möglichkeiten zum Gärtnern. „Der Spielplatz ist ein Mitmachplatz“, meint Schäfer. „Im Garten wird der zentrale Gedanke des ASP, nämlich das Sich-selbst-Kümmern, gelebt. Eltern wirken dabei nach Kräften mit“.

Eine Elterngruppe der AWO-KiTa Damaschke Straße gärtnert hier ebenfalls. Eine zweite Gruppe der GGS besucht immer mittwochs den Spielplatz zum Gärtnern. In dieser klassenübergreifenden Gruppe wechseln die Kinder nach vier Wochen, während die Donnerstagsgruppe bis auf die Schulferien ganzjährig agiert und ausschließlich von Kindern besucht wird, die in Bergisch Gladbach eine neue Heimat fanden. Die Schüler:innen beider Garten-AGs gestalten das Gartengelände gemeinsam und tauschen sich aus.                                              

„Integration gestaltet sich bei der Gartenarbeit ganz praktisch, alle packen mit an, probieren aus, haben Spaß und Erfolgserlebnisse. Dabei sind Herkunft und Sprachkenntnisse nicht wichtig“, meinen Kessler und Schäfer. Über den Garten kommen alle ASP-Besucher: innen, miteinander ins Gespräch.

Viele Kinder aus der Garten-AG besuchen mit ihren Eltern den Garten in ihrer Freizeit. Sommer- und Grillfeste sind immer beliebte Anlässe zu einem Gartenbesuch. 

2025 besuchten 19.000 Kinder und Erwachsene den grünen Spielplatz. Dieser spendet im Vergleich zu anderen Spielplätzen mit seinen alten Bäumen und den dichten Kronen viel Schatten und ist daher sehr beliebt. „Es ist unsere grüne Oase, die den Stadtteil Gronau belebt und es ist gut, dass der ASP nach seiner Schließung 2007 einige Jahre später wiedereröffnet wurde“, meint Schäfer.

Früher befand sich auf dem ASP-Gelände bereits ein Garten mit einem Teich. Der Teich wurde aus Sicherheitsgründen beseitigt und der Garten verwilderte. Den alten Garten gibt es noch heute. Er befindet sich aber im Schatten, sodass hier kaum etwas wächst und angebaut wird.

2025 entstand ein neuer Garten, von einem Holzzaun umgeben, mit einer Kräuterspirale und Pflanzen in Mörtelbottichen. „Die GGS besuchte letztes Jahr den Abenteuerspielplatz und war begeistert. Da wir in unserer Schule kaum Platz für unseren praktischen Gartenunterricht haben, liegt es nahe, unsere hauptsächliche Gartenarbeit nach hier zu verlegen“, erklärt Kessler.

Inzwischen bearbeiten aber auch Schüler: innen auf dem Schulgelände zwei Hochbeete und gestalten eine Blühwiese für Insekten, schmetterlings- und bienenfreundlich. „Die Kinder haben großen Spaß, in jeder Pause zu beobachten, was sich täglich verändert“, meint Kessler.

Miteinander gärtnern verbindet

„Unser Garten macht unsere Stadt grüner“, steht am Eingang zum ASP auf bunten Schildern, die die Kinder bemalt und beschriftet haben. Es ist ihr Gartenreich, das sie jede Woche hegen und pflegen. Sogar beim Unkraut jäten, bei den Gärtnern eher missbilligend in Kauf genommen, haben die Kinder Spaß.

Die Jungen und Mädchen freuen sich über mein Interesse an ihrem Garten und sind sehr aufgeregt. Viele tippen mir gleichzeitig auf die Schulter, um mir zu zeigen, was sie gesät und gepflanzt haben.

Kein Flecken Grün wird ausgespart. Zwei mittelgroße Snackgurken sind heute reif und reihum werden mundgerechte Gurkenstücke zum Verzehr verteilt. Viel ist es nicht, doch die Kinder teilen bereitwillig. Hauptsache, es gibt etwas selbst Angepflanztes zum Kosten. Die meisten mögen am liebsten Erdbeeren, die überall im Garten üppig gedeihen, sogar in ausrangierten Autoreifen.                                                                                            

Öffnungszeiten Abenteuerspielplatz
Dienstag bis Freitag, 14 – 18 Uhr
Kontakt 0173 6326031 per WhatsApp
oder Angelika.schaefer@kja-lro.de

Besonders stolz sind die Kinder auf ihre Obstallee, ein langgestrecktes Beet mit Mulch beschichtet, damit Schnecken hier keine Chance haben. Äpfel, Pflaumen, Kirschen und Birnen, davon gibt es reichlich. Die kleinen Gärtner beschriften jede einzelne Obstsorte, damit andere wissen, welche Sorten in dieser Rabatte reifen. Ein kleines Arboretum. 

Die Kinder riechen, fühlen, schmecken und beobachten Pflanzen wie Tiere. Entsteht aus einem Samen eine Pflanze, werten die Kinder dies als Erfolg ihrer Arbeit. Es macht sie stolz. Da wächst etwas durch ihr aktives Mitwirken.

Zufrieden zeigt mir Eris eine Sonnenblume, die er aus einem winzigen Samen züchtete. Ramazan bittet mich strahlend die Himbeeren zu kosten. Mmh lecker und zuckersüß. „Nein die nicht, die ist noch grün und unreif,“ belehrt Sofiia.

Letztes Jahr säten die Kinder in einem LKW-Reifen eine Wildwiese. Mittlerweile sind die Blumen so hoch, dass sich die Kinder dahinter mühelos verstecken können. Jeder Zitronenfalter, der vorbeifliegt, wird bejubelt. „Da sind Fische in der Regentonne“. „Fische?“ Es sind Mücken. Das Wort Mücke oder Insekt war den Kindern bis zu diesem Moment unbekannt. 

Das Ritual morgens, die Erzählrunde zu Beginn des Unterrichts, fördert das Miteinander. Jedes Kind erkundigt sich beim Nachbarn zur Rechten nach dessen Befinden. „Wir sind heute gut gelaunt, denn die Sonne scheint und wir sind im Garten“ erklären die meisten. Und auch gesungen und gelacht wird viel. Rojin, der „Bufdi“, wird vonKessler, Schäfer und der Platzwart Klaus immer einbezogen.

Das ganze Jahr ist im Garten etwas los. Angelika Schäfer und Alexandra Kesslers Ideen reichen für die vier Jahreszeiten aus. Im Herbst machen alle gemeinsam den Garten winterfest, fegen Laub, fertigen daraus ein Igel-Haus und aus Sand und Erde geschichtet ein Regenwurmhotel. Sie stellen auch Vogelfutter her und rösten im Winter Stockbrot am Feuer.

Sie trocknen die Kräuter aus der Kräuterspirale wie Petersilie, Thymian und Schnittlauch und bereiten daraus Quark, Kräutersalz oder Tee zu. Tee aus Minze schmeckt besonders gut. Aus Tannenzapfen basteln sie mit bunten Pompons Weihnachtsbaumschmuck.

„Die Kinder sind bei Wind und Wetter draußen, es sind Naturkinder. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“, meinen die drei Begleiterinnen. 

Menschen, die ihre Heimat verlassen und in einer fremden Kultur leben, benötigen Halt und Vertrautes. Die Zuwanderer-Kinder, auf die viel Neues einstürmt, finden beides hier im Garten. Er ist Heimat und Rückzugsort und fest in ihrem Alltag verankert. Ihr Gartenparadies bedeutet diesen Kindern sehr viel. 

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