Die lange Debatte und der langwierige Abstimmungsprozess über die Zukunft der Jugendzentren in den Zeiten des Sparzwangs nähert sich dem Ende. Auftragsgemäß legt die Stadtverwaltung am Mittwoch im Jugendhilfeausschuss nach der Abstimmung mit den Freien Trägern drei grundlegenden Dokumente vor (Quelle: Ratsinfomationssystem):

  • Beschlussvorlage: Förderkonzept für die Offene Kinder- und Jugendarbeit ab 2011
  • Dateianlage zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit
  • Kooperationsvereinbarung zwischen Stadt und Trägern der Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen

Anschließend werden die Konzepte noch am 9.12. im Haupt- und Finanzausschuss beraten und sollen schließlich am 14.12. im Rat verabschiedet werden. Einer Verabschiedung steht grundsätzlich wohl nichts mehr im Wege, auch wenn die SPD und die Linken ihren Wiederstand angekündigt haben.

Update: Wie die Reaktionen aussehen
-> SPD: Keine Kürzungen in der Offenen Jugendarbeit
-> Linke/BfBB: Keine Kürzungen bei Kinder und Jugend

Wie die Verwaltung zu ihren Vorschlägen gekommen ist

Doch bevor es soweit ist sollte man sich die Dokumente noch einmal genauer ankündigen. In den Grundzügen ist die Vereinbarung zwischen Stadtverwaltung und den Trägern zwar schon am 24. September veröffentlicht worden. Demnach wurde vereinbart:

  • Einsparvorgaben von 10 Prozent werden akzeptiert, allerdings nicht nach dem Rasenmäherprinzip umgesetzt, sondern “sinnvolle Umstrukturierungen” anstrebt
  • statt bislang 860.000 Euro erhalten die Kinder- und Jugendeinrichtungen in den nächsten Jahren durchschnittlich 710.000 Euro ein, daraus ergibt sich eine Einsparung von 150.000 Euro pro Jahr
  • laut Nothaushalt müssten jedes Jahr 10 Prozent der Vorjahresförderung gekürzt werden. Um Planungssicherheit zu erhalten wird stattdessen sofort ein tiefer Schnitt gemacht, die Förderung bleibt dafür in den Folgejahren stabil
  • die Kinder- und Jugendeinrichtungen sollen auch künftig für Kinder und Jungendliche von 10 bis 20 Jahren offen bleiben, die Ausgliederung der unter 14-Jährigen wird zurückgenommen
  • die meisten Jugendzentren bleiben bestehen, mit Ausnahme der Außenstellen in Herkenrath, am Bockenberg und im Hermann-Löns-Viertel
  • Die Freizeiteinrichtung Schildgen (FrESch) bleibt als Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche erhalten. Die 1,5 Stellen werden auf eine pädagogische Fachkraft reduzier
  • das Cafe Leichtsinn wird von den Katholischen Jugendwerken Rhein-Berg e.V. ehrenamtlich weitergeführt. Die Stadt Bergisch Gladbach leistet nur noch eine Pauschalförderung von 22.000 Euro im Jahr
  • das Jugendzentrum Q1 erhält eine halbe Stelle mehr.
  • das CROSS (ehemals K.O.T. Gronau) behält zwei Stellen; gibt halbe Stelle Hermann-Löns-Viertel auf
  • die Kreativitätsschule und Krea-Jugendclub in Refrath behalten ihr Personal. Für Schwerpunktarbeit werden die Mittel um 5.000 Euro auf 11.000 Euro aufgestockt
  • das UFO – das Jugendkulturhaus der AWO bleibt bei gleicher personeller Ausstattung erhalten; die Außenstelle im ZAK am Bockenberg entfällt
  • Übersicht: welche Jugendzentren bleiben, welche nicht

Doch über die bekannten Informationen hinaus finden sich in den Papieren einige interessante Details.

Entscheidungskriterien für die Standortwahl

Zitat: “die Angebote (sollen) von möglichst vielen Kindern und Jugendlichen erreicht werden können und damit auch weiterhin grundsätzlich ein Angebot für alle Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 21 Jahren darstellen. Daneben wurden auch die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen in belasteten Lebenslagen mit in die Überlegungen
einbezogen. Zur Entscheidung, welche Einrichtungen und Angebote weiter erhalten werden sollen, welche modifiziert werden können und welche entfallen müssen, wurden herangezogen:

  • sozialdemografische Daten,
  • die Lage der Einrichtungen im Stadtgebiet,
  • der bauliche Zustand
  • und das Raumangebot.”

Ein Viertel aller Jugendlichen unter 15 lebt in armen Familien

Bei der Erhebung der sozialen Daten ergab sich folgendes (erschreckendes) Ergebnis: 26  Prozent aller jungen Menschen unter 15 Jahren in Bergisch Gladbach leben in sogenannten Bedarfsgemeinschaften – sprich: Familien, die entweder auf Hart IV angewiesen sind oder aufgrund extrem niedriger Arbeitseinkommen unter die Aufstockerregelung fallen. Damit wird klar, das die Kinder und Jugendlichen unter den Armen deutlich überrepräsentiert sind: denn der Anteil der unter 15-Jährigen an der Gesamtbevölkerung beträgt nur 14,1 Prozent.

Welche Stadtteile besonders hohen Bedarf haben

Um zu berechnen, in welchen Stadtteilen ein besonders hoher Bedarf für eine gute Jugendarbeit wurden komplizierte Berechnungen angestellt, in denen neben der sozialen Lage zum Beispiel auch der Ausländeranteil einging. Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig. Die Messlatte für erhöhten Bedarf wird bei 99 Punkten festgelegt, doch viele Stadtteile liegen weit darüber:

  • Stadtmitte (248 Punkte)
  • Hand (208 Punkte)
  • Gronau (144 Punkte)
  • Paffrath1 (120 Punkte)
  • Heidkamp (110 Punkte)
  • Refrath (108 Punkte)
  • Hebborn (102 Punkte)

Einzele Wohnquartiere liegen noch weiter über dem Durchschnitt, wie eine Gegenrechnung ergibt:

  • Bockenberg (7 x über städtischem Durchschnitt)
  • Gronau (7 x über städtischem Durchschnitt)
  • Paffrath (6 x über städtischem Durchschnitt)
  • Hand (6 x über städtischem Durchschnitt)
  • Stadtmitte (5 x über städtischem Durchschnitt)

Unabhängig von diesen soziodemographischen Fakten gab es aber eine räumliche Vorgabe:

“Um eine möglichst gute Verteilung der Einrichtungen über das gesamte Stadtgebiet hinweg zu erreichen, sollten Einrichtungen in den drei städtischen Zentren Stadtmitte, Bensberg und Refrath erhalten werden. Alle diese Einrichtungen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut bis gut zu erreichen (…)”

Nachdem dann auch noch der bauliche Zustand der Einrichtungen und ihr aktuelles Raumangebot einbezogen wurden kommt das Förderkonzept zu folgendem Personalschlüssel:

  • FrESch 1,0 Stellen
  • Cafe Leichtsinn ehrenamtlich geführt
  • Q1 2,0 Stellen
  • CROSS 2,0 Stellen
  • Ufo 2,0 Stellen
  • Kreativitätsschule / Krea-Jugendclub 2,78 Stellen

Womit die Schließung der Außenstellen aufgefangen wird

Damit bleibt es dabei, dass nur die Außenstellen Bockenberg, Herkenrath und Herman-Löns-Viertel wegfallen. Allerdings nicht ersatzlos, denn statt dessen sind folgende Maßnahmen geplant:

  • “In Herkenrath soll in Abstimmung mit den beiden Schulen vor Ort ein Programm im Rahmen der ganztägigen Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungmaßnahmen entwickelt werden. Damit könnten wichtige Angebote des Cafe Leichtsinn aus den letzten Jahren fortgeführt werden.
  • Im Hermann-Löns-Viertel wird das bewährte Stadtteilmanagement weitergeführt. Die von der GL Service gGmbH angemietete Wohnung wird für Stadtteilangebote, insbesondere für pädagogische Maßnahmen wie Soziale Gruppenarbeit und Elternkompetenztraining genutzt. Es wird angestrebt, dass eine sozialpädagogische Fachkraft ihr Büro dort einrichtet, um die Zugangsschwelle zu Beratung und Hilfe weiter zu senken.
  • Für das Wohnquartier Bockenberg werden die Angebote umgestaltet. Offene Kinder- und Jugendarbeit wird weiterhin durch das UFO angeboten – allerdings nur noch im Gebäude an der Kölner Straße Die weitergehenden Bedarfe sind durch neue Angebote aufzugreifen (die hier nachrichtlich dargestellt werden):
    Die positiven Erfahrungen mit dem Stadtteilmanagement in Gronau/Hand sollen übertragen werden. Entsprechende Personalentscheidungen werden derzeit verwaltungsintern vorbereitet.
    Das Ganztagsangebot von Bildung, Betreuung und Erziehung in Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe wird für die Schüler/innen bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres ausgeweitet. Entsprechende Konzepte werden (s. DS 0520/2010) für die Standorte mit weiterführenden Schulen entwickelt und sollen an den Standorten mit Haupt- und Gesamtschule bereits zum Schuljahr 2011/12 umgesetzt werden.
    Der Verein für Jugend- und Sozialarbeit, die GL Service gGmbH und die Verwaltung des Jugendamtes verhandeln derzeit, wie in Kooperation Gruppen- und Einzelfall bezogene Hilfen im Wohnquartier angeboten werden können. Hierzu sollen die Räumlichkeiten im ZAK angemietet und eine sozialpädagogische Fachkraft (Vollzeit) ihr Büro dort beziehen.”

Weitere Informationen

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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2 Kommentare

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  1. War ja nicht anders zu erwarten: Begrüßen, dass sich die Träger zusammengesetzt und ein Konzept mit Politik und Verwaltung abgestimmt haben, dann aber aus rein opportunistischen Gründen (Opposition!!) ablehnen!
    Wann kappiert die SPD endlich, dass wir sparen müssen?

  2. Die SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bergisch Gladbach hat mit einer Pressemitteilung reagiert. WIR DOKUMENTIEREN DIE REAKTION DER SPD IM WORTLAUT:

    Keine Kürzungen in der offenen Jugendarbeit

    “Wir haben dem Bürgermeister immer wieder verdeutlicht, dass die SPD nur über Kürzungen im sozialen Bereich reden wird, wenn alle Grausamkeiten auf dem Tisch liegen und in der Gesamtschau gewichtet werden können. Die Versuche des Bürgermeisters in einer Salamitaktik im Jugendhilfebereich massiv zu sparen, werden wir bekämpfen“, so Klaus Waldschmidt, Fraktionsvorsitzender der SPD.

    „Wir begrüßen ausdrücklich die konzeptionelle Diskussion im interfraktionellen Arbeitskreis, lehnen Kürzungen aber grundsätzlich ab. Die Vorschläge der Verwaltung, sowohl die Primarstufe, als auch die Sekundarstufe 1 in die Betrachtung der offenen Jugendarbeit einzubeziehen, bedeutet den richtigen Weg einzuschlagen“, so die jugendpolitische Sprecherin, Brigitte Schöttler-Fuchs. „Für den Bereich Bockenberg und Hermann-Löns-Viertel sind neben den neu zu installierenden Hilfen für Erziehung, dringend auch Kapazitäten für ein Stadtteilmanagement in den Stellenplan der Stadt aufzunehmen.“

    Ein weiteres Problem sieht die SPD Fraktion in der Festlegung auf fünfjährige Verträge mit den Trägern. „Es ist ein positives Ergebnis der Verhandlungen, dass sich die Träger untereinander vernetzt haben. Fachlich ist langfristige Planung geboten, aber in Zeiten zunehmender Gewalt gegen Kinder und steigender Suchtgefahren, kann es aber nicht angehen, dass der Bereich der offenen Jugendarbeit bei der nächsten Einsparungsrunde komplett ausgespart wird und Einschnitte dann im Bereich der Beratung und Betreuung zu erfolgen haben, “ so schließt Brigitte Schöttler-Fuchs.

    Die Pressemitteilun erreichte uns per Mail, unterzeichnet durch Michael Zalfen.