Erfrischend neue Positionen waren am Dienstag in der Kandidatenrunde des Kölner Stadtanzeigers zu hören. Mit einem Autobahnzubringer über den Bahndamm rechnet – außer der SPD-Kandidatin Helene Hammelrath – niemand mehr. Auch Hammelrath kann sich den Zubringer nur mit einer Tunnellösung vorstellen, gegebenenfalls gar als Mautstraße.

Holger Müller, der für die CDU antritt, sagte:

„Ich werde in meinem politischen Leben den Autobahnzubringer auf der Bahndammtrasse nicht mehr erleben. Es soll mir mal einer erzählen, dass die Landesregierung von 500 Millionen insgesamt 60 Millionen für den Bahndamm in die Hand nimmt. Wenn man ganz ehrlich ist: So wünschenswert das ist, ich sehe die Lösung im Bahndamm so nicht. Ein Projekt, das über 30 Jahre nicht geklappt hat, das klappt dann auch jetzt nicht.“

Annette Glamann (FDP) ergänzte:

„Was oft vergessen wird ist, dass viele Grundstücke der Anwohner an den Bahndamm angrenzen. Die müssten enteignet werden, das gäbe eine Klagewelle ohne Ende.“

Weil aber auch die von Glamann wieder ins Spiel gebrachte Anschluss ans Merheimer Kreuz durch die Schluchter Heide – quer durch Natur- und Wasserschutzgebiete – kaum umsetzbar sein dürfte, wurde eins klar: Das Problem der stauenden Autos auf Bensberger-, Dolman- und Mülheimer Straße ist nicht mit neuen Straßen zu lösen.

Aufgeschlossen zeigten sich die Kandidaten gegenüber neuen Ideen: „Ich glaube, wir brauchen dringend neue Überlegungen zum Thema Verkehr,“ sagte beispielsweise Holger Müller. Kreativität ist also gefragt, wenn die Stadtverwaltung nun ergänzend zum Stadtentwicklungskonzept ISEK 2030 einen Verkehrsentwicklungsplan erarbeitet.

Mit verbessertem Angebot und günstigeren Preisen könnten Bus und Bahn eine interessante Alternative zum Auto werden, war der Tenor der Runde. Helene Hammelrath kritisierte die miserable Fahrgastinformation am Bergisch Gladbacher Bahnhof und die schlechte Verknüpfung der S-Bahn S11 am Bahnhof Köln Mülheim mit Regionalzügen Richtung Solingen.

So hält der Regionalexpress RE 7 von Rheine nach Krefeld nicht in Mülheim: „Wenn man zum Umsteigen bis zum Hauptbahnhof fahren muss, ist das auch nicht die Lösung.“ Der Umweg über Köln frisst viel Zeit, abends und am Wochenende eine halbe Stunde. Holger Müller stellt den zweigleisigen Ausbau der S-Bahn zwischen Köln Dellbrück und Bergisch Gladbach in Aussicht. Er geht davon aus, dass die Planungen 2013, spätestens 2014 beginnen und wir „in den nächsten sieben bis acht Jahren“ das zweite Gleis bekommen werden.

Bendikt van Aaken (Piraten) favorisiert einen „fahrscheinlosen Nahverkehr“. Was mit dem Semesterticket unter Studenten längst üblich ist, ein obligatorisches Ticket für alle durch Umlage auf alle, sollte auch auf kommunaler Ebene eingeführt werden. Beispiel ist die belgische Stadt Hasselt, in der Bürger und Besucher seit 15 Jahren die Busse kostenlos nutzen können, was aus einen verschlafenen Nest die Einkaufs- und Modestadt der Region machte. Tübingen will dem jetzt nacheifern.

Auch Holger Müller (CDU) kann dieser Idee etwas abgewinnen: „Ich bin immer aufgeschlossen gegenüber neuen Dingen. Wir werden das prüfen, von Hasselt habe ich ja erst mit dem Auftauchen der Piraten erfahren.“

In vielen Dingen nähern sich offenbar die Positionen von CDU, SPD und FDP an jene an, die von den Grünen – vertreten durch den Kandidaten Robert Schallehn – und Linken – vertreten durch die Kandidatin Jessica Seifert – schon länger vertreten werden.

Auch zu den Themen Fahrrad und Nahmobilität äußerten sich fast alle der sechs Wahlkämpfer. Sie wurden in dieser Woche dazu u.a. vom ADFC Köln und Umgebung befragt. Der Fahrradclub vertritt auch die Mitglieder im Rheinisch-Bergischen Kreis. Trotz Wahlkampfendspurt gingen zahlreiche Antworten ein.

Alle, die geantwortet haben, befürworten eine Mitgliedschaft des Rheinisch-Bergischen Kreises in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Städte, Gemeinden und Kreise in NRW (www.fahrradfreundlich.nrw.de). Die alte Landesregierung hat das Ziel formuliert, dass die Zahl der Mitglieder in der AGFS bis 2020 auf 100 wächst und nach Ansicht der Kandidaten sollte der Kreis auf jeden Fall dabei sein, zumal viele Nachbarn (Köln, Leverkusen, Rhein-Erft Kreis) längst Mitglied sind.

Große Chancen sehen die Kandidaten auch beim Thema Elektrofahrrad. Jessica Seifert von der Linken formuliert es so: „Ich denke, da im bergischen Land nun einmal die Berge gerne von der Benutzung des Rades abschrecken oder gerade für ältere Menschen das Radfahren hier auch sehr beschwerlich ist, können hier Elektroräder ein Anreiz sein, doch auf zwei Rädern selber unterwegs zu sein und damit unabhängig mobil zu bleiben.“

Wichtig erscheint vielen auch eine bessere Verknüpfung von Fahrrad, Bus und Bahn. Dazu gehört für die meisten eine Radstation am Bergisch Gladbacher S-Bahnhof, aber auch die kostenlose Fahrradmitnahme in den Zügen, wie sie beispielsweise in den Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein oder in Rheinland-Pfalz üblich ist.

Hier eine Zusammenfassung der einzelnen Beiträge, die meisten Antworten lassen sich auf den Internetseiten des ADFC Köln nachlesen.

Jessica Seifert, Linke

Die Kandidatin der Linken begrüßt den im Februar vorgelegten “Aktionsplan der Landesregierung zur Förderung der Nahmobilität” und hält das Konzept “Nahmobilität 2.0” für schlüssig. Bisher seien im Nahverkehr die Fußgänger nicht wirklich einbezogen worden und schon gar nicht jene, die mit Rollatoren, Elektro-Rollis, Segways oder Rollerblades unterwegs sind. Das A und O ist für Seifert die sichere Nutzung aller Verkehrsmittel im Straßenverkehr. Und da führe kein Weg an einem Ausbau und einer Verbesserung von speziellen Wegen vorbei. Ziel müsse es immer sein, den Autoverkehr zu reduzieren.

Bei der Förderung des Radverkehrs empfiehlt Seifert einen Blick nach Holland, dort seien die Grünzeiten an Ampeln fair verteilt und es gäbe beispielsweise spezielle Grünphasen für Radfahrer. Unterstützen würde Seifert ein Pilotprojekt Radschnellweg zwischen Bensberg, Bergisch Gladbach und Köln. „Klasse“ sei das Forschungsprojekt INMOD (Intermodaler öffentlicher Nahverkehr im ländlichen Raum auf Basis von Elektromobilitätskomponenten) der Hochschule Wismar, das auf eine geschickte Verknüpfung von E-Rad und Schnellbussen setzt. Gut sei, dass so tatsächlich getestet werden könne, ob die Menschen neue Angebote auch annehmen.

 Annette Glamann, FDP

Wenn der Hund mit muss, geht Annette Glamann eher zu Fuß. Sonst ist sie beruflich wie privat auch mit dem Fahrrad unterwegs. Gerne will sie auch an der Fahrrad-Sternfahrt am 17. Juni teilnehmen. Glamann stellt fest, dass die vorhandenen Radwege oft nicht genutzt werden, was zum Teil am desolaten Zustand der Radwege liege. Dies sei ein Thema im Kreistag. Gewiss sei der Anteil der Radfahrer zu steigern. Dass jeder vierte Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, sei in Bergisch Gladbach-Refrath aber eher zu erwarten als in Lindlar-Hohkeppel. Allerdings stelle das E-Bike eine neue Mobilitätsoption auf dem Land dar.

Ähnlich werden von Glamann Radschnellwege beurteilt, doch möchte sie zunächst das Ergebnis der Machbarkeitsstudie zum Radschnellweg Ruhr studieren: „Wir warten gespannt.“ Über die Projekte der Regionale 2010 sei der Südkreis hinreichend in das Netz der bergischen Panoramaradwege („Balkantrasse“) eingebunden. Eine Radstation am Bergisch Gladbacher S-Bahnhof sei mit rund 500.000 Euro viel zu teuer. Die FDP habe vorgeschlagen, einen Rad-Parkplatz für rund 60.000 Euro zu bauen. Das Thema Nahmobilität (Stichwort “Aktionsplan der Landesregierung zur Förderung der Nahmobilität”) sei auch für die FDP wichtig. Grundsätzlich sei wichtig, dass man den motorisierten Individualverkehr und die öffentlichen Verkehrsmittel als gleichwertig ansehe und geschickt verknüpfe.

Helene Hammelrath, SPD

Die 62-jährige fährt privat gerne Fahrrad, am liebsten durch die Wälder des Bergischen Landes. Bei der Fahrrad-Sternfahrt am 17. Juni will sie gerne dabei sein. Wichtig ist ihr, dass das Thema „barrierefrei“ auch im Verkehr umgesetzt wird. Alle – auch die Radfahrer – müssten sicher am Straßenverkehr teilnehmen können – ohne lange Umwege fahren zu müssen. Auch für den Weg zur Arbeit biete sich das Fahrrad an, besonders wenn es mit öffentlichen Verkehrsmitteln verknüpft werde. Dazu gehören gute Fahrradparkmöglichkeiten.

Hammelrath unterstützt deshalb eine Radstation in Bergisch Gladbach. „Radfahren ist günstig und ökologisch sinnvoll, zudem fördert es die eigene Gesundheit,“ meint Hammelrath und möchte die Menschen animieren, Rad zu fahren. Aber „auch in Zukunft wird für viele das Auto unverzichtbar sein,“ ergänzt sie.

Benedikt van Aaken, Piratenpartei

Der Pirat nutzt für kurze Wege das Fahrrad, auch er ist bei der Sternfahrt am 17. Juni „sehr gerne“ dabei. Bei einer bürgernahen Infrastruktur insbesondere für Fußgänger und Radfahrer sieht er noch deutlichen Handlungsbedarf. Unterstützen möchte er eine Radstation („soweit finanzierbar“) und Radschnellwege. Aus Sicherheitsgründen sollten Radfahrer häufiger direkt auf der Straße fahren. Wichtig sei, dass man auch für die vermehrte Nutzung des Fahrrades werbe, das sei aber gekoppelt an einen Ausbau der Infrastruktur, damit das Fahrradfahren attraktiver wird. Damit könne man nicht nur Verkehrsprobleme angehen, sondern auch was für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen tun.

Den Piraten ist wichtig, dass sich in Sachen Verkehr der der Fokus nicht allein auf das Auto eingeengt, sondern auf alle Verkehrsmittel erweitert wird. Den Aktionsplan Nahmobilität hält er für unterstützungswürdig. Im Rahmen eines sinnvollen Netzkonzeptes sowie einer realen Kosten-Nutzen-Analyse kann sich van Aaken vorstellen, über die Bahndammtrasse die Straßenbahnlinien 1 und die S 11, ggf. auch die Linien 3 und 18 (Thielenbruch) zu verknüpfen und wieder mehr Güterverkehr über die Schiene abzuwickeln.

Holger Müller, CDU

Der CDU-Kandidat bittet um Verständnis, dass er – pausenlos unterwegs und terminlich verplant – sich zu den detaillierten Fragen bezüglich Radverkehrspolitik, Nahmobilität und Öffentlichem Verkehr nicht kurzfristig äußern kann. Er möchte sie hinreichend beantworten. Für die notwendige Recherche fehlt ihm leider die Zeit.

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