Willibert Krüger (2.v.r.) mit Ulrich Soénius (IHK), Paul Bauwens-Adenauer (IHK), Fred Busen (Polytron), Marlene Weiner (Norwe) und einem weiteren Teilnehmer (v.r.)

Willibert Krüger ist kein Mann, der sich bevormunden lässt. Unmittelbar zu Beginn der Pressekonferenz bemerkt er, dass er seine Brille vergessen hat. Alle Leihbrillen seiner Nachbarn lehnt er ab, ebenso Angebote, die Brille zu holen. Also stapft Krüger selbst zurück zum Auto, kehrt mit drei Brillen in der Hand zurück. Jetzt kann es losgehen.

Ort des Geschehens ist der ausladende Krüger-Komplex an der Senefelder Straße an der Zinkhütte. Ein Gewerbegebiet, in dem aussterbende Industriekomplexe neben solchen liegen, denen der Platz für die Expansion nicht reicht.

Und genau das ist das Thema der “Senefelder Erklärung”, für deren feierliche Unterzeichnung Krüger und seine Mitstreiter mehr als 100 Unternehmer aus der Kölner Region nach Bergisch Gladbach geholt haben. Für Krüger ist klar:

Die Industrie muss wieder den Platz einnehmen, den sie früher einmal gehabt hat. Wir wollen den Verbrauchern klar machen, dass die Industrie kein Schädling ist, der Dreck macht – sondern notwendig.”

Gerade in RheinBerg, so der Lebensmittelproduzent, gebe es für die Industrie viel zu viel Gegenwind, von überaus starken Bürgerinitiativen, “die einfach alles torpedieren”. Als Beispiele nennt er den weitgehend gescheiterten Ausbau des Gewerbegebietes Lustheide oder die unendliche Geschichte über eine Autobahnanbindung über die alte Bahntrasse.

Ganz so drastisch wollen es die anderen Initiatoren der Senefelder Erklärung und der so genannten Industrieakzeptanz-Offensive “InDustrie – Gemeinsam.Zukunft.Leben” nicht formulieren. Aber sie sind alles Industrielle, die sich um die Zukunft Sorgen machen. Nicht um die eigene oder die ihrer Betriebe – sondern um den Bestand der Industrie in der Region insgesamt (und eine Aktion aus Nordwestfalen gerne aufgegriffen).

Fred Arnulf Busen ist Geschäftsführer der Polytron Kunststofftechnik, die rund 100 Mitarbeiter in Bergisch Gladbach beschäftigt, und der offizielle Sprecher der neuen Initiative. Und er formuliert es positiv:

Wir wollen den Bürgern zeigen, was wir in unseren Betrieben machen, die Türen öffnen und so demonstrieren, wie wichtig es ist, Industrie in der Nachbarschaft zu haben.”

Doch auch er beklagt, dass Industriebetriebe immer häufiger Akzeptanzprobleme hätten, ihre Bedürfnisse nach einer guten Verkehrsinfrastruktur nicht verstanden würden. Daher nennt Busen neben den Gewerbegebieten Lustheide und Voislöhe auch die Probleme mit den Nachtflügen in Köln/Bonn und den Ausbau des Godorfer Containerhafens.

Dass die Industrie Arbeitsplätze schaffe und sichere, sähen die meisten – “doch bitte nicht in meiner Nachbarschaft”, zitiert Busen die Kritiker. Dabei könnte man doch stolz sein auf die “innovativen und soliden Betriebe der Region, die Arbeitsplätze schaffen und eine stabile Basis für unseren Wohlstand.”

Lokalpolitiker entscheiden für Wohngebiete – gegen Industrie

Die Kritik der Industriellen richtet sich nicht nur an die Bürger, sondern mindestens genauso gegen die Lokalpolitiker. Diese hätten offenbar vergessen, dass in Städten wie Bergisch Gladbach die Industrie zuerst da gewesen sei, bevor die Wohngebiete drumherum gewachsen seien, erinnert Ulrich Soénius von der IHK Köln, die die Initiative kräftig unterstützt.

Doch nun entscheide die Politik immer häufiger zugunsten der Wohngebiete und gegen die Industrie. Dabei müsse doch gerade die Lokalpolitik erkennen, dass die Industrie mit der Gewerbesteuer “wesentlich zum Reichtum der Kommune” beiträgt, sagt Soénius.

Allerdings, sowohl Busen als auch Krämer räumen auf Nachfrage ein, dass sie selbst nie Probleme bei der Expansion ihrer Unternehmen hatten. Krämer erinnert sich mit Lust, wie er sein Unternehmen vor 42 Jahren im Anbau des Großhandels seiner Eltern gegründet hatte – und im ersten Jahr selbst “mit den Händen im Öl” alle Maschinen repariert habe.

Alle sieben Minuten ein LKW, 100 am Tag

Inzwischen beschäftigt Krüger allein in Bergisch Gladbach 1200 Mitarbeiter. Alle sieben Minuten verlässt ein LKW mit Schokolade, Instanttee, Kaffee oder Babynahrung das Gelände, rund 100 am Tag. Der Umsatz des Gesamtunternehmens liege bei 1,8 Millarden Euro – und die Baugrube für eine neue gewaltige Kaffeerösterei für die Kooperation mit dem US-Konzern Starbucks ist bereits ausgeboben. Rund 300 neue Arbeitsplätze sollen hier entstehen.

Diese Expansion sei möglich gewesen, selbst in einem ehemaligen Naturschutzgebiet, weil er immer auf die Leute zugegangen sei, erläutert Krüger. Er sei in die Kirche marschiert, habe mit allen Fraktionen gesprochen – und erreicht, was er wollte. Denn “die Leute sind doch alle vernünftig, wenn man offen mit ihnen diskutiert.”

Ohne Plastikproduktion kein Plastik

Damit das auch in Zukunft so bleibt, will die Industrieakzeptanz-Initiative Krügers Rezepte übernehmen – und mit den Menschen, vor allem aber auch mit den Jugendlichen reden. Viele rümpften zwar die Nase, wenn sie in die Nähe einer Kunststoffproduktion kommen, berichtet Marlene Weiner, die das Familienunternehmen Norwe in Bergneustadt führt. Aber wenn man ihnen klar mache, wieviele Gegenstände aus Plastik sie an diesem Tag schon in der Hand gehabt hatten, würde ihnen klar, wofür man Industrie brauche.

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Gerade auch in Deutschland, erinnern die IHK-Vertreter. Deutschlands starke Industriebasis habe ja dafür gesorgt, dass die Rezession in den vergangenen Jahren hierzulande weitaus weniger Wirkung zeigte, als zum Beispiel in Großbritannien. 4600 Industriebetriebe gibt es in im Kammerbezirk Köln, sie stellten 17 Prozent aller Beschäftigten und machten 2012 zusammen 57,6 Milliarden Umsatz. Das war gut eine Milliarde weniger als im Vorjahr – aber 13 Milliarden mehr als noch vor drei Jahren.

Kölner Industrie wächst überdurchschnittlich, die Beschäftigung nicht

Die Umsatzentwicklung der Industrie in der Kölner Region liegt deutlich über dem NRW-Durchschnitt, allerdings hinkt sie ausgerechnet bei der Beschäftigungsentwicklung hinter dem Land und deutlich hinter dem Bundesdurchschnitt hinterher. Was heißt, dass die Industrie der Region wächst, ohne im gleichen Maße neue Arbeitskräfte einzustellen.

Daumen hoch!

Dabei zeigt der neue Industrie-Atlas der IHK, wo die Industrie besonders stark ist. In Köln selbst stellt sie nur zwölf Prozent der Beschäftigten, im Rhein-Erft-Kreis 15 Prozent – aber im Rheinisch-Bergischen Kreis satte 23 Prozent und im Oberbergischen sogar 36 Prozent.

Grund genug für die Industriellen, sich in der “Senefelder Erklärung” auf Zusammenarbeit und eine konzertierte Charmeoffensive zu verpflichten. Bereitwillig folgen sie dem Fotografen und recken die gestreckten Daumen in die Kamera. Nur einer hält die Arme beharrlich gesenkt. Herumkommandieren lässt sich Willibert Krüger nicht.

Weitere Informationen:

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Jeden Morgen wenn ich aus dem Fenster schaue, schaue ich auf Krüger in 50 Meter Luftlinie. ” Mich stört Krüger nicht im Geringsten”, da ich es für wichtig halte, wenn Arbeitsplätze erhalten bleiben. Auch finde ich, das Industriebetriebe nicht einfach verbannt werden können und dürfen.

    Die Argumente der Eigentümer kann ich auch verstehen, dennoch muss man sagen, das erworbenes Eigentum an bebaubaren Flächen immer ein Risiko war und ist. ( Soviel zur Lustheide und Voislöhe)

    Das wir einer Wissensgesellschaft entgegen gehen, mag sein!. Aber es wäre naiv zu glauben, das alle Menschen dazu geeignet sind Schreibtischberufe ausüben zu können oder gar zu wollen.

    GL war einst eine reiche Stadt durch Industrie und ich würde mir wünschen, das die Kaufkraft der Bürger wieder stärker wird, durch mehr Arbeitsplätze und ich glaube, das es genug Menschen gibt, die gerne diese Berufe ergreifen.

    Industrie besteht außerdem nicht nur aus Produktion, sondern auch aus zahlreichen kaufmännischen Berufen.
    Abschließend möchte ich erwähnen, das wir nicht einerseits über Auslandsproduktionen, wie z.B. die Bekleidungsindustrie meckern dürfen, wenn wir anderseits keine Industrie mehr dulden wollen.

    Und für unsere Folgegenerationen wünsche ich mir einen starken Standort Deutschland
    ( auch Industrie), damit diese eine Zukunft haben.
    Ich hoffe, das es Kompromisse und Einsichten geben wird!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  2. Tja, diese lästigen Bürgerinitiativen …

    Sicher ist Lustheide dank der Autobahnanbindung ein idealer Standort für Industrie. Aber wieso hat man dann vor Jahren dort ein Wohngebiet angesiedelt und die Häuser mit “Wohnen direkt am Wald” oder “Wohnen im Grünen” beworben und verkauft? Seltsam, dass die Menschen, die sich damals dort unter dieser Prämisse Eigentum erworben haben, sich gegen die Abholzung des Waldes und eine Erweiterung des Industriegebietes wehren. So kann man mit Menschen nicht umgehen. “Wohnen direkt an Industriegebiet und Autobahn” ist noch dazu ein schlechter Slogan für den Weiterverkauf eines Hauses.

    Zum Glück sind wir auf dem Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Ein Megatrend, der sich auch durch schwache Argumente wie “die Industrie war zuerst da” nicht mehr umkehren lässt. Herr Krüger lässt sich nicht herumkommandieren, der Bürger auch nicht. Die Zeiten der Industrieromantik sind passé.