Der Spiegel nimmt die ganze Seitenwand ein. Die obere Hälfte. Venezianische Spiegel waren früher berühmt. Warum eigentlich? Gaben sie die Wirklichkeit besonders genau wieder? Aber wäre das den gepuderten Rokokodamen recht gewesen? Dieser hier liefert auf jeden Fall ein gestochen scharfes Bild. Ob einem das gefiel oder nicht.

Serafiniak sieht das riesige Gesicht mit den zierlichen Lippen und die zwei Trainingsjacken übereinander. Ein roter Reißverschluss. Der Blick, der in eine Ferne geht, die er nicht begreift. Daneben die graue Kappe mit den Zügen, die von Alkohol und Nikotin gezeichnet sind. Ein erstaunlich lieber Mund. Solche Leute sieht man in der Stadt häufiger, seitdem das große Einkaufszentrum eröffnet wurde.

Hinter den beiden Frauen ragt eine große Gestalt mit Schiebermütze in einer bräunlich-schwarzen Winterjacke auf. Sie sieht älter als alle anderen aus, nicht erholt, eher angestrengt, leicht erregbar. Wenn den nicht einmal der Schlag trifft! Einzelne rote Flecken im Gesicht. Das gefällt Serafiniak nicht.

Plötzlich weiß er schlagartig: Das ist er selbst. Wie immer zuerst ein Schock, obwohl es ihm schon mehrmals passiert ist. Aber ein gnädiges Vergessen lässt den Schreck immer wieder in den Hintergrund treten. Bis er ihn aufs Neue trifft. Dann versucht er sich zu beschwichtigen, indem er sich mit den anderen vergleicht. Fast alle sind jünger. Das kann ihn ein wenig beruhigen. Und der Ausschlag, der sein Gesicht einige Jahre verunstaltet hat, ist auch verschwunden. Na, also!

Die Tür des Aufzugs öffnet sich nun, die beiden vom Leben gezeichneten Frauen vor ihm  verlassen den Spiegel und den Raum davor, und neue Leute strömen herein, drücken auf die Tasten neben der Tür, mit denen sich ein Designer besondere Mühe gegeben hat, und suchen sich einen Platz in der Kabine.

„He, isch bin ersto!“

Serafiniak hört den Akzent der Unterschicht, deren Existenz von vielen  geleugnet wird. Warum auch immer. Deshalb hat man andere Wörter erfunden, denkt er: Unterprivilegierte, Hartz-4-Empfänger, Prekariat.

Ein Kinderwagen wird von einem kahlgeschorenen Mann mit Karacho in den Aufzug geschoben. Er kriegt gerade noch die Kurve. Ein zweiter, dunkelhaariger Mann in einer dünnen schwarzen Trainingshose mit weißen Streifen an der Seite folgt, ebenfalls mit einem Kinderwagen. Beide Kinder jauchzen vor Freude.

Serafiniak hört die Dialoge aus unterschiedlichen Richtungen, die sich vermischen. Wie von einer Bühne ohne Regisseur.

„Wir sind doch hier nicht auf der Rennbahn.“

„Können Sie mal ein bisschen Platz machen?“

„Wo ist denn jetzt der Parkplatz?“

„Es gibt mehrere Parkplätze.“

„Ich suche die Kundentoilette.“

„Hier ist sie doch angezeigt.“

„Das kann man kaum sehen.“

„Ist doch toll. Mal die Männer mit dem Kinderwagen.“

„Jetzt fährt der wieder rauf. Dann kommen wir ja nie an.“

„Ich finde es hier ganz gemütlich.“

„Ich kann mir Besseres vorstellen.“

„Mir fehlt hier ein Kellner.“

Wohin fährt dieser Aufzug eigentlich? denkt Serafiniak. Fährt er überhaupt, oder sind das alles nur Scheinbewegungen? Oder ein Traum.

Die große Tür öffnet sich, entlässt eine Frau mit einem halbwüchsigen Kind, lässt einen gebückten alten Mann mit Stock und eine weißhaarige Frau mit einer riesigen Tasche ein.

„Jetzt fehlt nur noch, dass er steckenbleibt. Mit dieser Menschenmenge.“

„Na und! Stell dir vor, du wärst dann ganz alleine!“

„Die Etagenschilder sind doch bescheuert. Als wären die Parkplätze neben den Etagen.“

„Wie neben den Etagen?“

„Na, die Schilder sind doch links neben den Etagenschildern.“

„Und sollten sie lieber rechts sein?“

„Blödsinn!“

Serafiniak erblickt im Spiegel ein lächelndes ovales Gesicht. Es gehört zu einer dunkelhaarigen Frau. Sie schaut hinter seiner rechten Schulter hervor. Ihre Augen begegnen sich im Spiegel. Ihre Ohren hören die gleichen Dialoge. Sie sitzen im gleichen Theater. Vielmehr sie stehen. Oder fahren. Oder schweben.

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„Menschen in der Fußgängerzone“ 
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Ein geheimes Einvernehmen malt sich in beiden Gesichtern. Es ist die Flüchtigkeit und der geheime Sinn des Fahrstuhls. Seine kaum wahrnehmbaren Bewegungen. Dieser Fahrstuhl ist nicht nur ein Fahrstuhl. Deutlich erkennt Serafiniak das in ihren Zügen. Nur deshalb kamen sie in diesem Aufzug zusammen. Für eine kurze Zeit. Und für immer. Serafiniak denkt an die Geschichte des Mönchs von Kloster Heisterbach. Der nur kurze Zeit weg war. Und doch so lange. Er besiegelt ihr Lächeln mit seinem.

„Pass auf! Gleisch geht’s weito! Isch bin Mischall Schumacho.“

„Quatsch. Der machtet doch nisch meo.“

„Häh?“

„Sebastian Vettel, äh.“

„Ach ja!“

Nach einem dezenten Glockenton, der nach Fritten und Currywurst riecht, öffnet sich in perfekter und samtener Bewegung die eloxierte Tür, die Fahrgäste steigen aus und atmen tief die Luft ein, die hier draußen auch nicht viel anders, nicht viel frischer ist. Die beiden jungen Männer schieben ihre Kinderwagen zuerst noch vorsichtig, dann leicht in die Hocke gehend, um das Rennen wiederaufzunehmen. Bevor sie so richtig loslegen können, werden sie von zwei jungen Frauen in schwarzen Steppmänteln und großen Plastikbeuteln aufgehalten.

„Mensch, Ivo, schau dir doch mal den Kleinen an! Der kriegt ja gar keine Luft mehr! Halt mal!“

Sie drückt dem Mann mit dem weißen Streifen an der Hose ihren Plastikbeutel vor den Bauch, beugt sich über den Kinderwagen und richtet ihrem Söhnchen sorgfältig das schwarze Mützchen, gibt ihm einen Kuss ins Gesicht.

Ihre Freundin tut es ihr nach, schaut zu den beiden Männern und stöhnt verächtlich:

„Männer!“

Die beiden jungen Männer lehnen an der Glaswand des Friseurladens und zünden sich eine Zigarette an. Das Rennen ist vorbei. Bevor es richtig angefangen hat.

Als Serafiniak und die Schwarzhaarige nebeneinander den Aufzug verlassen, verfolgen sie noch kurz die Szene mit den jungen Männern. Sie werfen sich noch einen Blick zu. Ein letztes kurzes Lächeln. Dann geht jeder seines Weges. Außer an die schwarzen Haare kann sich Serafiniak an nichts erinnern. Doch: An das Lächeln.

Wird fortgesetzt

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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