Lizy Delaricha, weit weg vom Stress in Israel.

Lizy Delaricha, seit knapp einem Jahr Bürgermeisterin von Ganey Tikva und Ruthy Vortrefflich, ihre für die Städtepartnerschaft verantwortliche Mitarbeiterin und Dolmetscherin, waren extra für das Stadt- und Kulturfest nach Bergisch Gladbach gereist. Schon am Flughafen in Frankfurt wurden sie von Pfarrer Achim Dehmel als Vertreter des Arbeitskreises Ganey Tikva freundschaftlich in Empfang genommen.

Das offizielle städtische Besuchsprogramm startete freitags vormittags mit einem Ausflug durch Bensberg, ebenfalls von Achim Dehmel begleitet. Um 16 Uhr hatte Bürgermeister Lutz Urbach die Gäste aus Israel, die gleichfalls eingeladene Delegation aus der litauischen Partnerstadt Marijampole und rund 30 Basketball-Spieler/innen in die Villa Zanders zum Empfang gebeten.

Im Rollstuhl Grenzen überwinden

Die Basketballer kamen aus Israel und Palästina. Es handelt sich um ein gemischtes Team, das regelmäßig gemeinsam Spiele austrägt. Mehr dazu im Beitrag „Erst recht: Palästinenser und Israelis spielen gemeinsam“.

Bürgermeister Lutz Urbach griff kurz beim Rollstuhl-Basketball selbst ein

Nach dem offiziellen Programm wurde es für Lizy Delaricha und Ruthy Vortrefflich privat und gemütlich. Sie waren in kleiner Runde bei Pfarrer Achim Dehmel zu Gast und wurden von Ehefrau Barbara Dehmel mit einem wunderbaren Menü überrascht – eben Städtepartnerschaft außerhalb des Protokolls.

Privater Austausch und offizieller Empfang

Lizy Delaricha

In Englisch, Deutsch und Hebräisch wurde über Ganey Tikva und die familiären Hintergründe geplaudert, auch die Politik kam nicht zu kurz, und es wurde in der Bibel „geschmökert“ und nebenbei geklärt, ob Salomon nun der zweite oder der vierte Sohn von Bathseba und David war (die deutschen Google-Ergebnisse und die israelischen stimmten nicht ganz überein…).

Beeindruckt zeigten sich Lizy Delaricha und Ruthy Vortrefflich, als die Runde darüber sprach, wie Kanzlerin Angela Merkel jüngst erneut zur Staatsräson erklärte, dass Deutschland zu Israel stehen werde.

Am Samstag stand ein Spaziergang auf dem Stadtfest an. Die Infostände standen im Fokus und am Stand des Beit-Jala-Vereins kam es zu einer herzlichen Begrüßung.

Vor dem Rathaus trafen die israelischen Gäste auf eine Hochzeitsgesellschaft in Dirndl und Lederhosen. Die Hochzeitskutsche war eine alte BMW Isetta, die der Bürgermeisterin aus Ganey Tikva besonders gut gefiel. Schnell entspann sich ein Gespräch mir dem Besitzer, der Israel bald besuchen will… und Lizy Delaricha durfte für’s Foto Probe sitzen.

Nach dem Bummel durch die Innenstadt ging’s wieder ganz privat zum Lunch bei Freunden des Arbeitskreises. Und dabei wurde noch einmal anhand gefertigter Fotobücher die erste Bürgerreise vom Oktober vergangenen Jahres nachbereitet. Denn dieser Besuch war seinerzeit völlig an Lizy Delaricha vorbei gelaufen. Sie stand damals im Wahlkampf und hatte gerade eine heiße Wahlnacht hinter sich. Erst jetzt wurde ihr klar, was dieser Besuch bedeutete: großes Interesse an ihrer Stadt.

Eine von fünf Bürgermeisterinnen Israels

Die Kommunalwahl hatte auch nach dem Sieg ihren Tribut verlangt: Lizy Delaricha ist landesweit eine von fünf weiblichen Bürgermeisterinnen, und die ersten Monate nach der Wahl waren für sie purer Stress. So empfand sie auch die jetzige Reise nach Bergisch Gladbach als Erholungsurlaub, bei dem sie bei einem Abstecher in die Kölner Flora so richtig „relaxen“ konnte.

Hunderte von Fotos wurden geschossen, die in kleinen Häppchen direkt via WhatsApp nach Israel geschickt wurden. Zurück kamen liebevolle Sprachnachrichten von Lizys Tochter Juval. Sie ist ihre jüngste Tochter, eine zierliche junge und hübsche Frau.

Juval befindet sich immer noch im Gaza-Einsatz. Sie hatte gerade 10 Tage frei und überlegt, ob sie mit nach Deutschland reisen wollte. Leider hat sie sich dagegen entschieden. Lizy Delaricha zeigte Fotos von Juval und drei Freunden – alle in Uniform, alle in Gaza. Die drei Freunde wurden getötet und Juval hat diese Erfahrung durch Besuche bei den drei betroffenen Familien zu verarbeiten versucht.

Ruthy Vortrefflich

Weit weg vom täglichen Sirenenalarm

Auch für Ruthy Vortrefflich war diese Reise eine echte Erholung, da sie sehr unter dem ständigen Sirenenalarm gelitten hat. Ruthy fürchtet sich auch jetzt noch vor Sirenen und lauten Geräuschen. So wurden sie beim anschließenden Spaziergang durch die Kölner City von einem jungen Mann überrascht, der unglaublich laut pfiff. Ruthy wurde stocksteif und kreidebleich. Der letzte Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen…

Und man ahnt, dass es nicht der letzte Krieg war. Lizy Delaricha erklärte uns, die Hamas sei nicht besiegt und es werde keinen dauerhaften Frieden geben. Die Forderungen der Hamas nach einem Seehafen und einem Flughafen erfüllen die Israelis mit großer Angst, weil sie davon ausgehen, dass dadurch nur noch mehr Waffen geschmuggelt würden. Also werde der Staat Israel niemals den See- und Flughäfen zustimmen. Mit Terroristen kann man nicht verhandeln. Eine bedrückende und ausweglose Situation.

Am Abend trafen sich die beiden Delegationen aus Marijampole und Ganey Tika mit dem stellvertretenden Bürgermeister Josef Willnecker zum Essen. Eine schöne Gelegenheit, um sich zu begegnen und kennen zu lernen.

Selbst am Drachenfels mit einem Auge in Israel

Das Privatprogramm am Sonntag wurde spontan geändert, um Lizy und Ruthy noch mehr Urlaubsgefühle zu vermitteln. Per Zahnradbahn ging es auf den Drachenfelsen. Dieser Ausflug war ein Volltreffer, beide waren von der Landschaft sehr beeindruckt.

Lizy Delaricha nutzte hier immer wieder die Gelegenheit, auf dienstliche Nachrichten aus der Heimat zu reagieren, denn in Israel hatte ja die neue Woche schon angefangen. Eine Bürgermeisterin ist fast immer im Dienst. Sie liebäugelte damit, in Deutschland zu bleiben und den Drachenfelsen zu ihrem Arbeitsplatz machen.

Erholung auf dem Drachenfels vom Alltag mit Sirenenalarm

Auch Ruthy Vortrefflich war angetan: „Hier sind die Menschen so gelassen, sie haben keine Angst, sie müssen sich nicht um die Zukunft sorgen.“ Dass Deutschland Putins Politik in der Ukraine Sorgen bereitet, konnten die beiden kaum verstehen, schließlich wolle Putin Deutschland ja nicht beseitigen – so wie die palästinensischen Terrorgruppen der Hamas Israel von der Landkarte tilgen möchten.

Der nächste Plan: Austausch von Verwaltungsmitarbeitern

Ruthy Vortrefflich sammelte am Drachenfelsen fleißig Prospekte – für die „workers“! – Welche „workers“? Sie erklärte, es würde einen Austausch von Verwaltungsmitarbeitern zwischen den Partnerstädten vorbereitet. Tolle Idee! Und die „workers“ sollten ja nicht nur arbeiten, sondern auch etwas Schönes anschauen. Den Drachenfelsen zum Beispiel… nächstes Jahr!

Ja, es gibt Pläne für die Zukunft: Zum einen diesen Austausch von Verwaltungsmitarbeitern, und ganz konkret den nächsten Schüleraustausch. Leider musste die Reise der deutschen Schüler/innen des Otto-Hahn-Gymnasiums in diesem September gestrichen – nein: aufgeschoben – werden, denn die Reise erschien den meisten Eltern doch zu unsicher, so kurz nach dem Krieg und bei Friedensverhandlungen, deren Aussicht auf Erfolg nicht einzuschätzen ist.

Schüler aus Ganey Tikva besuchen das OHG

Im Februar 2015 aber kommt eine Gruppe israelischer Schüler aus Ganey Tikva nach Bergisch Gladbach, das hat das verantwortliche Lehrerteam – Katharina Drees, Boris Couchoud und Schulleiter Wolfgang Knoch – bei einer intensiven Arbeitsstunde am Nachmittag beschlossen.

Diese Arbeitsstunde war eingebettet in ein Treffen in der Kirche zum Heilsbrunnen am Sonntagnachmittag. Bei Kaffee und Kuchen haben Lizy und Ruthy einigen interessierten Gästen über ihre Stadt erzählt, über die Pläne für die Zukunft, damit die Stadt weiter wachsen kann. Derweil untermalten im Hintergrund per Beamer einige Bilder aus der Heimat den Bericht.

Gesprächsrunde mit Achim Dehmel im Heilsbrunnen

Lizy hatte auch eine Rede vorbereitet und erklärt, es sei ihr eine Ehre, hier in Bergisch Gladbach Freunde zu finden. Viele Fragen wurden gestellt, zu den Integrationsproblemen, zum Zusammenleben von jüdisch-israelisch und arabisch-israelischen Bürgern, zu den wirtschaftlichen Verhältnissen (Israelis leben meist auf „Pump“), zum Wert der Bildung …

Die Organistin des Heilsbrunnens, Hae-Kyung Choi, bestätigte Lizy, dass sie eine starke Frau sei und viel Verantwortung trage. Sie fragte, was das Motto von Lizy für ihre Arbeit sei. „Alles mit Liebe tun“ – so fasste Lizy ihre Einstellung zum Umgang mit ihren Mitmenschen in Politik und Gesellschaft zusammen.

Hoffnung auf eine Dreiecks-Partnerschaft mit Beit Jala lebt

Zuvor hatte Lizy im privaten Rahmen bekräftigt, dass sie sehr daran interessiert sei, Kontakt zu den Menschen in Beit Jala aufzubauen. Sie könne nicht nach Beit Jala fahren, der Bürgermeister von Beit Jala, Dr. Salman, könne nicht einfach zu ihr kommen, aber vielleicht gäbe es doch irgendwann eine Gelegenheit zu einem Zusammentreffen. Den ersten Schritt in diese Richtung machen die Basketballer aus Beit Jala und Tel Aviv. Lizy hat sie nach Ganey Tikva in das große Sportzentrum eingeladen. Kleine Schritte zu einem fernen Ziel.

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Diese Begegnung der Basketballer mit Ganey Tikva gehört auch in das Paket der Projekte für die Zukunft. Ein weiterer Aspekt ist die Kunst: Lizy und Ruthy stellen eine Skulptur aus Ganey Tikva in Aussicht, die im Außengelände der ev. Kirche zum Heilsbrunnens aufgestellt werden soll.

Hae-Kyung Choi spielte an diesem Nachmittag im Heilsbrunnen zwei jüdische Lieder, die sie neu bearbeitet hat – schließlich ist sie gelernte Komponistin. Lizy Delaricha hatte, während Frau Choi die Bearbeitung von „Jerusalem aus Gold“ spielte, den Raum gefilmt und die Musik aufgenommen. Später im Auto auf dem Weg zum Hotel hörte sie sich die Aufnahme noch einmal an. Alle sangen gemeinsam “Jerusalem aus Gold“ und spürten eine gewisse Sehnsucht. Lizy Delaricha war glücklich über so viel Wertschätzung.

Ja, das ist wohl der stärkste Eindruck, den beide mit nach Hause nehmen: Sie wissen, das Israel kritisiert wird; sie wissen um den Antisemitismus, der wegen der Politik Israels in Europa, aber auch an anderen Orten der Welt neu hochkommt (er war auch schon vorher da); sie wissen, dass nur wenige Menschen ihre Situation verstehen, erkennen und anerkennen; aber: niemand außerhalb Israels „geht in ihren Schuhen“.

So wurde die Bergisch Gladbacher Delegation in Ganey Tikva begrüßt

Und an diesem Wochenende haben beide sehr viel Freundlichkeit und Zuspruch erfahren, von einzelnen Menschen, die ihnen Interesse und Wärme entgegen gebracht haben – ohne Vorurteile. Das hat sie sehr beeindruckt und glücklich gemacht. Und davon werden sie in Ganey Tikva erzählen.

Für die Zukunft unserer Städtepartnerschaft sind an diesem Wochenende wichtige Weichen gestellt worden. Bleibt zu hoffen, dass in Bergisch Gladbach bei weiteren Begegnungen auch andere ihre Häuser für die Israelis öffnen und Gastfreundschaft üben. Nur so wird unsere Partnerschaft lebendig.

Kontakt: Bei Interesse bitte melden, telefonisch unter 02202 43876 oder per Mail: susanne2061@gmail.com

Bleibt und den Menschen in Ganey Tikva (und Israel) zu wünschen, dass Friede mit den Palästinensern möglich wird, dass sich die Palästinenser gegen den Terror in ihren Reihen wehren wollen und dass Israelis Siedlungen und Mauern nicht mehr aus Sicherheitsgründen bauen wollen … Klingt utopisch, wäre aber sehr, sehr schön.

Susanne Schlösser

engagiert sich im Arbeitskreis Ganey Tikva, der die Kontakte mit der Partnerstadt in Israel fördert.

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