Beate Schlich, Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales, am Stammtisch des Bürgerportals

Bergisch Gladbach muss sich für längere Zeit auf viele Flüchtlinge einstellen, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Allein im Oktober sind 49 weitere Menschen in der Stadt eingetroffen, 372 Flüchtlinge hat die Stadt derzeit untergebracht. Über diesen Fakt wurde beim politischen Stammtisch des Bürgerportals am Dienstag auch gar nicht mehr diskutiert – sondern über die Konsequenzen.

Wie sind die Flüchtlinge untergebracht, was passiert nach dem Bezug des Lübbe-Gebäudes mit gut 100 Menschen und vor allem: was können die Bürger sinnvoll leisten?

Beate Schlich ist als Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales für das Thema in der Stadtverwaltung verantwortlich und gab einen Überblick zur aktuellen Lage. Bislang werden die Flüchtlinge in Bergisch Gladbach dezentral untergebracht, allerdings gibt es auch jetzt schon ein Heim, in dem in zwei nebeneinander liegenden Gebäuden insgesamt 80 Menschen wohnen.

Auf wie viel Quadratmeter Wohnfläche ein Flüchtling denn gesetzlich Anspruch habe, lautete eine der viele Fragen der rund 30 Teilnehmer. Tatsächlich, so Schlich, gebe es dafür keine eindeutige Regelung; man lege daher Angaben aus anderen Bereichen zu Grund, wonach acht Quadratmeter pro Person anzustreben sind. Sie räumte ein, dass es inzwischen in einigen Unterkünften in Bergisch Gladbach vorkomme, dass ein 14 Quadratmeter großes Zimmer mit zwei Personen belegt werden müsse.

Für eilige Leser: Weiter unten finden Sie eine Liste der Dinge,
die benötigt werden – und viele Ansprechpartner.

„Die sehr guten Standards wie noch vor einem Jahr können wir nicht mehr bieten“, sagt die Fachbereichsleiterin. Seit einem Jahr stiegen die Flüchtlingszahlen rasant an. Zwar seien seither Wohnungen und Hotelräume angemietet worden, aber dennoch fehle es an Unterkünften.

In dem neu angekauften Lübbe-Gebäude in Heidkamp sollen den Flüchtlingen im Schnitt neun Quadratmeter zur Verfügung stehen – plus Sozialräume und drei Küchen auf jedem der drei Stockwerke.

Aus Kürten hatten drei Flüchtlinge den Weg zum Stammtisch gefunden

Von Verhältnissen wie in Kürten ist man in Bergisch Gladbach weit entfernt. Dort seien sie zu zweit in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer untergebracht und weitgehend allein gelassen, berichteten drei Flüchtlinge, die den Weg zum Stammtisch in Bergisch Gladbach gefunden hatten.

Aber auch in Bergisch Gladbach ist die Stadtverwaltung bei der Betreuung der Flüchtlinge schwer belastet, der Personalbestand stammt eben noch aus den eher ruhigen Zeiten. Insgesamt vier Sozialarbeiter, zwei Sachbearbeiter und sechs Hausmeister sind derzeit in dem Bereich beschäftigt, zusätzliche befristete Stellen für Sozialpädagogen und Hausmeister sind gerade ausgeschrieben worden.

Im Lübbe -Gebäude würde Schlich gerne eine 24-Stunden-Dienst einrichten, damit wenigstens ein Hausmeister rund um die Uhr ansprechbar ist. Doch auch hier ist noch nicht klar, wie das geleistet und vor allem angesichts der knappen Haushaltsmittel finanziert werden soll. Bergisch Gladbach selbst, da waren sich die Stadtratsmitglieder einig, kann kaum noch mehr leisten. Das Land müsse dafür sehr viel mehr Geld zur Verfügung stellen. Alle Fraktionen waren am Stammtisch vertreten, mit Ausnahme der Bürgerpartei von Frank Samirae.

Peter Tschorny (Die Linke) hinterfragt den Betreuungsschlüssel

Vor allem von Vertretern der Linken kamen kritische Fragen, ob das Personal für die Betreuung der Flüchtlinge ausreiche, Zumal die Erfahrungen zeige, dass darunter einige Menschen intensive Hilfe benötigen, einige traumatisiert sind. Damit, so Schlich, sei die Stadt tatsächlich überfordert. Für eine Eins-zu-eins-Betreuung im Einzelfall gebe es weder genug noch dafür ausgebildete Kräfte. Wo notwendig, würden diese Flüchtlinge daher ins dafür qualifizierte Flüchtlingszentrum in Köln gebracht.

Welche Art von Hilfe von der Bevölkerung geleistet werden kann, wurde rasch klar. Reine Sach- und Kleiderspenden sind derzeit nicht gefragt, konkrete Hilfe bei der Betreuung dagegen sehr. Zum Beispiel in Form von Familienpatenschaften, von Schulpatenschaften für einzelne Kinder,  von Dolmetscherdiensten, von Freizeit- und Beschäftigungsangeboten. [Tweet “Beate Schlich: „Das ist der Hammer, da ist Bergisch Gladbach richtig Klasse” #gl1 #flüchtlinge”]

Um diese Hilfsangebote, die aus der Bevölkerung sehr zahlreich kommen, zu erfassen und zu koordinieren, hat die Stadtverwaltung eine Hotline eingerichtet. Dort sitzt Friederike Hennig am Telefon, die alle Angebote sehr detailliert aufnimmt, erste Auskünfte erteilt und die Bürger an die zuständigen Einrichtungen weiterleitet.

Kontakt: Telefon 02202 14 2868, Mail: F.Hennig@stadt-gl.de
Weitere Kontaktadressen finden Sie unten

Szymon Bartoszewicz vom Netzwerk Stadtmitte verweist auf den AK Flüchtlingshilfe

Denn auch das ist klar: es gibt in Bergisch Gladbach in der Verwaltung, bei den Wohlfahrtsverbänden und in der Bürgerschaft längst zahlreiche Instanzen, die sich mit den Flüchtlingen befassen. So gibt es einen Arbeitskreis Flüchtlingshilfe, in dem sich professionelle Helfer austauschen, ein womöglich zu reaktivierender AK Asyl, die Freiwilligenbörse und viele mehr.

Klaus Kahle hatte die Gruppe „Neue Heimat BGL“ initiiert

Ganz neue hat sich über Facebook eine Gruppe unter dem Titel „Neue Heimat Bergisch Gladbach“ formiert, die in Kooperation mit der Aktion „Schuhe für Bulgarien“ ganz informell Hilfe leisten möchte. Zum Beispiel könnte die Gruppe eine Kleiderkammer im Lübbe Haus nicht nur ausstatten, sondern auch in eigener Regie betreiben.

Das Thema Flüchtlinge in den sozialen Medien:
„Neue Heimat Bergisch Gladbach“, geschlossene Facebook-Gruppe
Debatte zum Thema in der offenen Facebookgruppe „Politik in BGL“

Heftig debattiert wurde beim Stammtisch die Idee, einen Schritt weiter zu gehen und einen Verein gezielt für die Flüchtlingshilfe zu gründen. Die Linken im Stadtrat hatten diesen Vorschlag aufgebracht und Lutz Urbach gebeten, dafür die Schirmherrschaft zu übernehmen.

Ein solcher Verein könnte zum Beispiel Sponsoren anwerben, ein Konto für Geldspenden einrichten und dafür Quittungen ausstellen. Geld würde natürlich helfen, sei es bei der Ausstattung der Flüchtlingskinder mit Schulsachen oder der Einrichtung eines Spielplatzes am Lübbe-Gebäude, oder …

Teilnehmer am Stammtisch ohne Tisch

Allerdings gab es auch starke Vorbehalte gegen eine Vereinsgründung am Stammtisch. Nicht zuletzt aufgrund leidiger Erfahrungen bei den formalen Auflagen bei einer Gründung nach dem deutschen Vereinsrecht.

Ob ein solcher Verein der Stadtverwaltung helfen würde, konnte Fachbereichsleiterin Schlich nicht beantworten. Einerseits könne das durchaus sinnvoll sein, andererseits aber auch zu Doppelstrukturen führen und die Kräfte in der Verwaltung zusätzlich mit Koordinierungsaufgaben belasten. [Tweet “„Je eher und je tiefer wir die Flüchtlinge in #gl1 integrieren, desto besser für alle“”]

Bülent Iyilik, Integrationsrat

Zum Schluss der Veranstaltung warb ein Teilnehmer dafür, die Entscheidung für das Lübbe-Gebäude als Chance wahrzunehmen: damit sei mit einem Schlag deutlich geworden, welcher Herausforderung sich die Stadt insgesamt stellen muss. Wenn Bürger und Verwaltung sich dieser Herausforderung gemeinsam stellten, könne daraus ein Projekt werden, dass den Flüchtlingen gerecht wird und auf das Bergisch Gladbach stolz sein kann.

Denn soviel ist klar, darauf wies Bülent Iyilik, Vorsitzender des Integrationsrates hin: Die Flüchtlinge sind eher auf lange als auf kurze Sicht Bestandteil der Stadt. Und je eher und je tiefer sie integriert werden, desto besser für alle.

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Kontaktadressen

Kleidungsspenden und Spielzeug

Träger von sozialen Einrichtungen haben Kleiderkammern und nehmen Spenden entgegen.

  • Deutscher Kinderschutzbund:  02202 – 3 99 24
  • Deutsche Rote Kreuz:                 02202 – 9 36 41 0
  • Gronauer Fenster:                       02202 – 4 45 12
  • Kleiderstube:                                02204 – 5 87 70
  • Kleiderschrank:                           02202 – 3 80 37

Spenden von Möbeln und Haushaltsgegenständen

  • Skarabäus Novo e.V.:                02202 – 70 86 08
  • Sozialkaufhaus Emmaus:         0152 – 28 54 03 06

Lebensmittel

  • Die Tafel e.V.:                        02202 – 95 72 20 40

Wohnraum

Flüchtlinge dürfen in Privatwohnungen untergebracht werden. Daher wird Wohnraum gesucht.
Ansprechpartnerin bei der Stadt Bergisch Gladbach: Friederike Hennig, 02202 – 14 2848, F.Hennig@stadt-gl.de

Räume für Sprachkurse

Ansprechpartnerin bei der Stadt Bergisch Gladbach: Friederike Hennig, 02202 – 14 2848, F.Hennig@stadt-gl.de

Dozenten für Sprachkurse (ehrenamtlich oder entgeltlich)

Ansprechpartnerin bei der Stadt Bergisch Gladbach: Friederike Hennig, 02202 – 14 2848, F.Hennig@stadt-gl.de

Kinderangebote (Sprachkurse, Spielen, etc.)

Wer bei der Arbeit mit Kindern helfen möchte, wendet sich an Friederike Hennig: 02202 – 14 2848, F.Hennig@stadt-gl.de sowie an den Netzwerk-Koordinator der Stadt Bergisch Gladbach: Uwe Tillmann, 02202 – 14 – 2321, U.Tillmann@stadt-gl.de

Arbeitskreis Flüchtlinge

Ansprechpartner für konkrete Hilfsangebote ist auch der Arbeitskreis Flüchtlinge:  Szymon Bartoszewicz: 02202 – 9 31 01 36
Ansprechpartner bei der Stadt Bergisch Gladbach ist Jens Dettmann: Tel.: 02202 – 14 – 2345, U.Dettmann@stadt-gl.de
Der Arbeitskreis trifft sich vierteljährlich, beim nächsten Treff Anfang November stehen aktuelle Themen zur Flüchtlingsarbeit auf der Tagesordnung, unter anderem die Einbindung von ehrenamtlichen Angeboten.

Freiwilligenbörse Rhein-Berg

Website, Telefon: 02202 1882717

Hilfe bei der Betreuung von Flüchtlingsfamilien (Patenschaft)
Ansprechpartnerin bei der Stadt Bergisch Gladbach: Friederike Hennig, 02202 – 14 2848, F.Hennig@stadt-gl.de

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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6 Kommentare

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  1. „Flüchtlinge als Chance für die Stadt begreifen“
    Klingt gut!

    Da sich die Flüchtlingszahlen in den letzten 3 Jahren verdreifacht haben sollte die Stadt demzufolge Prolemfrei sein und nicht kurz vor der Insolvenz stehen.

    Schade um die Herkunftsländer. Im Umkehrschluss werden sie ihrer Chance beraubt auch so gut da zu stehen wie Bergisch-Gladbach.

  2. @Dirk Steinbüchel Was meinen Sie konkret? Die städtischen Mailadressen? Die haben wir so von der Pressestelle übernommen, sollten eigentlich stimmen.

  3. Richtig klasse Bericht! Sehr gut!
    Kurzer Hinweis: Ich glaube bei den Emailadressen ist zu einem kleinen Durcheinander bezüglich der Buchstaben der Vornamen gekommen!?

  4. Ich stimme HG. Ullmann voll und ganz zu, was den Beitrag angeht. Besonders der vorletzte Absatz ist besonder wichtig. Bloß keine politische Spielchen auf den Rücken dieser Menschen. Wenn wir das in Berg. Gladbach schaffen, dann kann man zum erstenmal stolz auf diese Stadt sein. Nie war der Satz von Erich Kästner wichtiger als heute.

  5. Obiger Beitrag und gestrige Veranstaltung sehr informativ und der Sache dienlich!
    Drei Dinge haben sich klar gezeigt bzw. zeigen sich:
    1. Auch auf GL kommt eine Mammutaufgabe zu, die sich nicht ohne Weiteres und schon gar nicht mit universellen Generalansprüchen bewältigen lässt;
    2. Frau Schlich und ihre Leute machen unter den gegebenen Umständen einen verdammt guten Job;
    3. Es gibt in GL ein vielfältiges Netz aus professioneller Erfahrung, bürgerschaftlichem Engagement und praktisch bewährtem Einsatz . Siehe auch Adressen-/Kontaktliste am Ende des BüPo-Beitrages.
    Daraus ergibt sich 4. die Folgerung / Forderung einer effektiven Koordination der teils schon aktiven, teils auf Einbindung wartenden, teils noch zu reaktivierenden Ressourcen in GL.
    Und dies ist weniger, um nicht zu sagen gar nicht eine politisch demonstrative, sondern eine praktisch-organisatorische Aufgabe, die sich an Realitäten und realistischen Möglichkeiten orientieren sollte.
    Vor allem interessant zur Ergänzung der städtischen Arbeit scheinen mir hier (in beliebiger Folge) das Soziale Netzwerk Stadtmitte / der AK Flüchtlinge, die FB-Gruppe Neue Heimat BGL sowie die Freiwilligenbörse Rhein-Berg.
    HG Ullmann