Bergisch Gladbach hat viel Umland. Aber wenig Platz für Gewerbegebiete. Foto: BergischSchön

55 Hektar Grün sollen für Gewerbegebiete geopfert werden, warnen Bürgerinitiativen. 70 Hektar braucht Bergisch Gladbach, fordern Wirtschaftsvertreter. Doch dabei handelt es sich um eine Gespensterdebatte: diese Flächen hat die Stadt gar nicht. Sagt ein Lokalpolitiker, der es wissen muss.

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„Ein großes Gewerbegebiet rund um Voislöhe ist gänzlich ausgeschlossen, da kann es allenfalls noch um einzelne Bereiche in Richtung Birkerhof gehen”, stellt Lennart Höring nüchtern im Gespräch mit dem Bürgerportal fest. Und räumt damit eine der größten Befürchtungen der Bürgerinitiative Moitzfeld-Herkenrath ab.

Höring ist nicht irgendein Lokalpolitiker, sondern Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Stadtrat und Vorsitzender des Stadtentwicklungs- und Planungsausschusses. Damit steht er im Entscheidungszentrum, wenn es um die Aufstellung des neuen Flächennutzungsplans (FNP) geht, der Bergisch Gladbachs planerische Zukunft für die nächsten 30 Jahre festlegen wird.

Lennart Höring

Hintergrund: Flächennutzungsplan
Der FNP oder F-Plan ist ein strategisches Planungsinstrument und damit nur eine Vorstufe von Bebauungsplänen (B-Plan), die konkrete Baurechte schaffen. Er greift nicht in die Rechte der Bürger ein, die daher auch nicht gegen den FNP klagen können. Er muss ausreichend Spielräume für künftige Entwicklungen lassen, daher legt er Bauflächen nur allgemein fest, alle Details bleiben dem B-Plan vorbehalten.

Der gültige FNP der Stadt Bergisch Gladbach ist 38 Jahre alt, seine planerischen Grundlagen reichen mehr als 40 Jahre zurück. Im Laufe der Jahre wurde er 180 mal geändert. Damit ist er ein Stückwerk, das den aktuellen Erfordernissen bei Wohnen, Gewerbe und Mobilität längst nicht mehr gerecht wird – und schon gar nicht dem Bedarf der Zukunft.

Physisch ist der FNP tatsächlich ein Plan, eine Karte im Maßstab 1:5000 (Innenstadt) bis 1:15.000 (restliche Gebiete) mit geringer Darstellungstiefe, die keine einzelnen Parzellen abbildet. Grundlage ist die Baublockkarte mit Gebäuden, jedoch ohne Grundstücksgrenzen. Die Karte wird durch ausführliche Erläuterungen und Begründungen ergänzt.

Auch den Befürchtungen der Bewohner des Bensberger Südens, Teile der Grünflächen am Rande des Königsforstes würden zugebaut, tritt Höring entgegen. Eine Gewerbeansiedlung auf dem Waldstück an der Broicher Straße (siehe Karte, Nr. 10) sei von der CDU nie geplant gewesen. Nachgedacht werde von Verwaltungsseite wohl aber über das weitaus kleinere Gebiet zwischen der A 4 und der Brüderstraße (Karte, Nr. 11).

Die Erfüllung von Forderungen von wirtschaftsnahen Verbänden wie der „Initiative Leben und Arbeit”, am besten 70 Hektar Fläche für künftige Gewerbegebiete auszuzeichnen, hält Höring daher für ausgeschlossen. Auch die Zielmarke von 55 Hektar, die im Gewerbeflächenkonzept genannt werden, sei wahrscheinlich unrealistisch.

Auf dieser Karte haben die Planer potenzielle Flächen für Gewerbeflächen eingetragen – und die grundsätzlichen Beschränkungen. Ein Klick vergrößert die Ansicht

Viel ist nicht möglich – und auch da wird es Widerstand geben

„Am Ende wird leider nicht viel übrig bleiben, weil vielen Einschränkungen dafür sorgen, dass die Flächen einfach nicht da sind. Wir können kein Gewerbe in FFH- oder Naturschutzgebieten und in Bereichen für den Schutz der Natur ausweisen”, sagt der CDU-Politiker.

Großflächige Waldgebiete seien ebenfalls tabu. Daher bleibe am Ende nicht mehr viel übrig, was geeignet ist: „Und das, was möglich wäre, entfacht vielfach den Widerstand von Anwohnern.”

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Angesichts der topographischen Verhältnisse in Bergisch Gladbach müsse man sehr viel kleinteiliger suchen – und froh sein, wenn man für neue Gewerbeflächen insgesamt 20 bis 30 Hektar finden können. Großflächige Flächen für die Neuansiedlung von Gewerbe werde Bergisch Gladbach auch in Zukunft nicht anbieten können, stellt Höring fest. Aber man müsse wenigstens dafür sorgen, dass die bestehenden Unternehmen genügend Platz für Erweiterungen bekommen.

„Wir würden gerne mehr Gewerbeflächen ausweisen”, sagt Höring, „aber wir haben sie nicht, unsere Lage ist einfach eine andere als zum Beispiel die von Langenfeld oder Monheim, das zuletzt mit niedrigen Steuern und großen Flächen in der Presse war.

Auf der Rangliste der grünen Großstädte hat Bergisch Gladbach einen Spitzenplatz. Grafik: MoPo

Was aus alten Industrieflächen wird – zum Beispiel an der Gohrsmühle

Die Reaktivierung von bestehenden Gewerbeflächen stehe täglich auf der Agenda, sei aber nicht die vorrangige Aufgabe des Verfahrens zum Flächennutzungsplan. Jedes Grundstück sei anders und bedürfe einer Einzelfallprüfung.

Und genau wie bei den neuen Flächen stehen bei den alten meistens vielfältige Gründe einer Reaktivierung entgegen. „Oftmals hat der Eigentümer einfach andere langfristige Planungen”, erläuter Höring. So würden viele Flächen zum Beispiel als Reserveflächen für bestehende Betriebe vorgehalten.

Auch das Thema Zanders ist vielschichtig, stellt Höring klar. Im Fall des riesigen Geländes an der Gohrsmühle müsse sich erst einmal der neue Eigentümer im Klaren darüber werden, welche Flächen er wofür nutzen möchte. Erst dann können man  über eine andere Nutzung nachdenken. Und auch das werde „ein umfangreiches und komplexes Änderungsverfahren”.

Höring redet Klartext
Auf seiner CDU-Seite legt sich Lennart Höring in einigen auch in der CDU umstrittenen Themen eindeutig fest:

Ich setze mich dafür ein, dass der Wald an der Broicher Straße Wald bleibt und nicht bebaut wird!

Ich war, bin und werde immer gegen eine Straße auf dem alten Bahndamm sein. Aus guten Gründen: Der Schutz von Natur, unserem Stadt­klima sowie den Anliegern ist mir wichtig.

Eine Stadt kann auch von der Einkommensteuer leben

Unter dem Strich seien die Aussichten für neue Gewerbeflächen in Bergisch Gladbach nicht rosig. Das müsse für die Stadt aus rein finanzieller Sicht aber kein Drama sein, auch vom Anteil an der Einkommenssteuer könne sie gut leben, sagt der CDU-Lokalpolitiker. Der Bedarf an neuen Wohnbauflächen sei ohnehin höher als beim Gewerbe. Und habe in den meisten Fällen auch weniger Konfliktpotential.

Die Suchräume (blau) der Planer, in denen Wohngebiete theoretisch möglich sind. Ein Klick vergrößert die Karte

Allerdings ist der Prozess zur Aufstellung des Flächennutzungsplans noch lange nicht am Ende, er steht vielmehr ganz am Anfang. Für die Bürger wird es noch sehr viele Möglichkeiten zur Beteiligung geben, betont Höring.

Im August werde die Verwaltung im Ausschuss einen Vorentwurf präsentieren, der eine Karte mit Steckbriefen zu allen potenziellen Gewerbeflächen enthält.

Umfangreiche Bürgerbeteiligung ab September

Der Startschuss zur politischen Arbeit am F-Plan falle am 30. August in einer gemeinsamen Sondersitzung des Stadtentwicklungs- und Planungsausschusses, des Flächennutzungsplanauschusses und des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz und Verkehr; direkt danach beginne die frühzeitige Bürgerbeteiligung.

Am 17. September gibt es eine große öffentliche Tagesveranstaltung in der IGP, bei dem in einzelnen Workshops und Gesprächsrunden alle Details vorgestellt werden.

Es folgen diverse weitere Runden (siehe Dokumentation unten), aus denen der endgültige Entwurf erarbeitetd es Flächennutzungsplans erarbeitet wird und im Sommer/Herbst 2017 erneut in die Offenlage geht. Ein Jahr später, im Sommer/Herbst 2018 soll dann der Beschluss im Stadtrat gefasst werden.

Dokumentation: Planungsbausteine und die Präsentation der Verwaltung in der Sitzung des FNP-Ausschusses im März 2016.

Was für den FNP sonst noch eine Rolle spielt:
Integriertes Stadtentwicklungskonzept Isek 2030
Gewerbekonzept
Brachflächengutachten
Freiraumkonzept
Wohnbaulandkonzept
Mobilitätskonzept

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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