Diese Mauer teilt Hebron. Hier Palästinenser, dort Siedler.

Manche aus der Gruppe schenken sich nochmal Orangensaft nach, auch das ein oder andere Brot wird nochmal schnell mit Gurken, Tomaten und Za’ater belegt, dem traditionellen palästinensischen Thymian-Gewürz, das man zum Frühstück isst. Der Tag beginnt früh für uns und er wird lang werden: Wir fahren in den Süden der West Bank in die urpalästinensische Stadt Hebron, auf Arabisch „al-Khaliil“, was in Anspielung auf die Grabstätte Abrahams „Stadt des Freundes“ bedeutet.

Hebron: Palästinas härtestes Pflaster

Hebron ist nicht zu vergleichen mit Beit Jala. Die südpalästinensische Stadt hat offiziell 200.000, inoffiziell jedoch bis zu 300.000 palästinensische Einwohner, dazu etwa 8.000 israelische Siedler in der Siedlung Kiryat Arba’. Etwa 800 Siedler haben sich in der Hebroner Altstadt niedergelassen: Sie gelten als die radikalsten Siedler, sind streng konservativ und nationalreligiös und werden von gut 1.500 israelischen Soldaten bewacht. Am Shabbat wird die Zahl der Wachsoldaten verdoppelt. Das Stadtgebiet ist im Hebron-Abkommen von 1997 in die Zonen H1 (palästinensisch kontrolliert) und H2 (israelisch kontrolliert) eingeteilt.

Jüdische Siedlung auf der Shuhada-Street

Zutritt nur für Siedler: Die Shuhada Street

Auf der Shuhada-Straße in der Altstadt leben die israelischen Siedler hauptsächlich; palästinensischen Einwohnern ist der Zutritt zur zentralen Hauptstraße untersagt. Es gibt viele Checkpoints und Kontrollen, Warten ist im Gegensatz zur Bewegungsfreiheit ein inflationär vorhandener Faktor.

Überdachte Straße zum Schutz vor Wurfgeschossen aus Siedler-Wohnungen

Zusätzlich befinden sich in den Suuq-Straßen über den Köpfen und Läden der palästinensischen Händler zum Teil illegale israelische Siedler, die die palästinensischen Bewohner enteigneten und vertrieben. Zum Schutz vor Wurfgeschossen aus den Wohnungen wurden über den Ladenstraßen Metallgitter und Netze installiert.

Wir sind unterwegs mit Mu’tasem Hashlamoun, 25 Jahre alt, gebürtiger Hebroner und Aktivist bei der palästinensischen Nicht-Regierungs- bzw. Zivilorganisation „Youth Against Settlments“ („Jugend Gegen Siedlungen“).

Er wird uns durch die Hebroner Altstadt führen, in der etwa 800 religiöse Hardcore-Siedler leben: Mit ihnen hat es selbst die israelische Regierung schwer, auch wenn dort gleichgesinnte Denker mitreden. Die israelischen Siedlungen in der Altstadt verstoßen nicht bloß gegen jede Moral, sondern verletzen auch internationales Recht und Resolutionen der UN.

Auf der Shuhada Street, der zentralen Hauptstraße in der Altstadt, ist der Zutritt für Palästinenser untersagt, die Geschäfte dort sind geschlossen, die Straße gleicht einer verlassenen Filmkulisse, die Hebroner nennen sie nicht umsonst „Ghost Town“.

Checkpoint an der Abrahamsmoschee

Abrahamsmoschee: zugänglich für Juden und Muslime, eigentlich

Als wir jedoch die Abrahamsmoschee besuchen wollen, aufgrund der Wichtigkeit für Juden und Muslime zu gleichen Teilen Moschee und Synagoge – auch als Höhle Machpela bekannt – , müssen wir durch einen Checkpoint, an dem Mu’tasem plötzlich aufgehalten wird.

Der Offizier lässt ihn nicht passieren, er wird zurückgeschickt: „Das ist mir in meinem Leben erst ein Mal passiert“, erzählt Mu’tasem. „Jetzt ist es das zweite Mal. Es tut mir leid, ihr müsst alleine durch. Wir treffen uns an einer anderen Stelle wieder.“

Erst wollten wir aus Solidarität ebenfalls nicht hindurch, die Abrahams Moschee sollte man jedoch auch bei einem Besuch in Hebron gesehen haben. Der wachhabende Offizier ist sehr arrogant und lässt uns widerwillig passieren. Er hat gesehen, dass wir mit einem Palästinenser unterwegs sind.

Junger Israelischer Soldat bewacht den Zugang zur Siedler-Straße

„Du kennst die Regeln“: In Hebron herrscht de facto Apartheid

Später sehen wir Mu’tasem auf der Shuhada Street wieder, jedoch außerhalb der illegalen israelischen Siedlung. Er dürfe als Palästinenser maximal bis zum Checkpoint der Soldaten gehen, erklärt er uns, danach ende für ihn die Straße.

Wir gehen mit ihm ein Stück die Straße hoch zum nächsten Checkpoint an die Zufahrt zur Siedlung, quasi von der anderen Seite. Ein junger israelicher Soldat tritt an ihn heran, fragt woher er kommt, auf Englisch; offenbar macht Mu’tasem einen internationalen Eindruck auf ihn.

Aus Hebron komme er, verrät Mu’tasem auf Arabisch, der Soldat setzt einen strengen Blick auf, fixiert ihn; „You know the rules“ – Du kennst die Regeln. Mu’tasem nickt beschämt. Der Soldat deutet mit seiner M16 auf den Boden vor ihm: „Bis dorthin und nicht weiter“, instruiert er unseren palästinensischen Freund in abfälligem Ton.

Wir erhalten von Mu’tasem weitere Informationen zum Status der Siedlung, seiner Arbeit bei „Youth Against Settlements“ und der Behandlung der ansässigen Bevölkerung durch die Armee. „Erst letzte Woche wurde hier ein Palästinenser durch die Soldaten getötet“, er deutet auf die Stelle vor uns. Die Soldaten sind selbst kaum älter als 20 Jahre.

Zwischendurch kommen Siedler die Straße runter, die Soldaten treten näher an uns heran, nehmen die Waffen hoch, die Siedler passieren und werfen uns abfällige Blicke zu. Wir fühlen uns nicht gerade wohl. Aber das ist die Situation in Hebron, und genau um diese zu erleben und zu verstehen sind wir hierher gekommen.

Festungsanlage zum Schutz der illegalen Siedler

Traumberuf Botschafter

Nach der Stadtführung gibt es Freizeit. Die Gruppe verstreut sich in der Stadt, einige gehen shoppen, einige bummeln durch die Gassen und schauen, wo es sie hintreibt.

Ich gehe mit Mu’tasem in den Bekleidungsladen seines Cousins. Wir trinken Kaffee und unterhalten uns. Nächstes Jahr werde er nach Deutschland kommen, verrät er mir, er wolle in Dortmund studieren; International Relations. „Ich will eines Tages Botschafter meines Landes werden.“ Ich hoffe für Mu’tasem, dass sein Traum in Erfüllung geht. Wir tauschen Nummern aus und versprechen, in Kontakt zu bleiben.

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