So zeigt der Siegerentwurf die neue Schlossstraße: viel Platz für Menschen, links die schmale Fahrspur, unter den Baumen angedeutet einige Parkplätze. Foto: Screenshot Club L94

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In der Debatte um die Neugestaltung der Schlossstraße stehen sich zwei Gruppen fassungslos gegenüber:

Die Einzelhändler in Bensberg bringt der Gedanke, dass 100 der 160 Parkplätze entlang der Einkaufsstraße wegfallen, auf die Barrikaden.

Genau das konsterniert die Stadtverwaltung und die Lokalpolitik: hatte sie nicht fast zwei Jahre lang mit den Bürgern und auch den betroffenen Händlern beraten und sich schließlich auf eine „Straße der vielen Begegnungen” geeinigt? Bei der sei folgerichtig der Mensch der Maßstab aller Dingen, nicht das Auto. 

Soviel ist jetzt klar: Die Fraktionen im Stadtrat stehen fest hinter dem Vorgehen der Verwaltung. Bei der Sitzung des Stadtplanungsausschusses lobten SPD, CDU, FDP und Grüne den kürzlich gekürten Wettbewerbsentwurf für eine einheitlich gepflasterte, von Autos entlastete Schlossstraße in höchsten Tönen.

Die Nikolauskirche wird einbezogen, die Kreuzung als „Schlossplätzchen” neu gestaltet. Foto: Screenshot Club L94

Der SPD-Vorsitzende Andreas Ebert ist gerührt, dass der Entwurf mit der Nikolauskirche das „spirituelle Zentrum” Bensbergs einbeziehe und an Schloss und Rathaus heranführe. Fraktionschef Klaus Waldschmidt hatte schon zuvor betont, dass seine Partei nicht für den Status quo bei den Parkplätzen kämpfen werde.

CDU-Fraktionschef Michael Metten, der sich in einer Pressemitteilung kurz zuvor noch verhaltener äußerte, argumentiert jetzt glasklar: Die neue Schlossstraße werde nicht für die Vergangenheit oder Gegenwart gebaut, sondern für die nächsten 15 oder 20 Jahre – da werde das Auto eine ganz andere Rolle spielen. In Zukunft spiele die Aufenthaltsqualität eine viel größere Rolle als die Möglichkeit, mit dem Auto vor dem Geschäft zu parken. Natürlich werde man mit den Händlern reden – aber sie stünden auch selbst in der Verantwortung, ihre Grundstücke an der Steinstraße besser als Parkplätze zu nutzen. 

Für die FDP betont Angelika Graner, eine der Stärken des Entwurfs sei es, dass er ausdrücklich Möglichkeiten der Veränderung in der Zukunft offen lasse. Wie die CDU versprach sie, die Interessen des Einzelhandels zu berücksichtigen – aber am Ende müssten alle Interessen ausgeglichen werden. 

Roland Schundau von den Grünen zeigt sich über die Qualität des Entwurfs erstaunt. Für seine Fraktion stelle die Einbahnstraßenregelung ohnehin nur ein Übergangsstadium dar – früher oder später werde auch die Schlossstraße zur echten Fußgängerzone. 

Vor der künftigen Marktgalerie und auf der Treppenanlage ist viel Platz für die Menschen. Rechts wieder der nur durch Kerben abgetrennte Fahrweg. Foto: Screenshot Club L94

Auf der Straße herrscht eine andere Stimmung als im Ratssaal

Dass die Stimmung bei den Händlern, nur wenige Meter vom Ratssaal entfernt, derzeit eine völlig andere ist, ist in dieser Ausschusssitzung nicht zu spüren. Die Einzelhändler stehen hinter dem Ladentisch, einige verfolgen die Debatte dennoch über das Bürgerportal. Birgit Jongebloed von der Buchhandlung Funk schreibt auf Facebook:

„Ich verstehe nicht, wieso man den Wegfall von Parkplätzen überhaupt in Erwägung zieht. Wer soll sich denn da begegnen, wenn man nicht parken kann? Ein Begegnungsort leer stehender Geschäfte? Die Schloßstraße ist in erster Linie eine Einkaufsstraße, keine Naherholungszone.  Viele Existenzen (auch meine und die unserer Angestellten) hängen davon ab, dass man in Bensberg gern einkauft. (…)  Zunächst dachte ich „super, die Politik ist auf unserer Seite“. Jetzt fühle ich mich ziemlich im Stich gelassen. Ich verstehe das einfach nicht.”

Verwaltung erinnert an langen Leitbildprozess

Nach einigen heftigen Reaktionen und Krisengsprächen weiß auch die Stadtverwaltung, wie verhärtet die Positionen sind. Darum holt Planungschef Wolfgang Honecker noch einmal weit aus und erläutert detailliert, wie die Verwaltung zu den Kriterien gekommen ist, die dann Basis für den Gestaltungswettbewerb war, aus dem nun der Gestaltungsentwurf als Sieger hervorgegangen ist. 

Seit 2016 habe man mit einer sehr, sehr breiten Bürgerbeteiligung, Arbeitsgemeinschaften und Expertengesprächen im Rahmen des Integrierten Handlungskonzeptes Bensberg (InHK) diskutiert, auch mit den Händlern. Von Anfang an sei klar gewesen, dass vor allem das Thema Verkehr polarisiert.

Als klar wurde, dass kein Konsens zu erreichen ist wurde ein zusätzlicher Leitbildprozess gestartet, mit Vertretern der Händler und Eigentümer, der Verwaltung und mit externen Beratern. Auch dort wurde kontrovers diskutiert, aber jetzt mit einem einhelligen Ergebnis – der „Straße der vielen Begegnungen” und eben nicht der „vielen Parkplätze”. Maßstab aller Dinge sei der Mensch, nicht das Auto. 

Dieses Leitbild ist dann auch von den zuständigen Ausschüssen und vom Stadtrat mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden. Ebenso das InHK, das wiederum die Basis für die Förderanträge beim Land zur Finanzierung der Neugestaltung war. 

Wichtig ist Honecker jedoch, dass die Schlossstraße nur ein (wichtiger) Punkt im Gesamtkonzept des InHK ist. Das Gesamtpaket zur Stärkung der Bensberger Innenstadt enthalte viele andere Maßnahmen, darunter auch einige im Verkehrsbereich: von der Ertüchtigung der Schlossberggarage, über die Parkplätze am Alten Markt und den Stadthüpfer bis hin zum (privaten) Projekt eines Parkhauses an der Steinstraße. 

Wo jetzt der Aufgang zum Irish Pub und zum Museum ist soll eine neue Rathaus-Treppe die Schlossstraße abschließen. Foto: Screenshot Club L 94

Architekt ist zum Dialog bereit – bis zu einer Obergrenze

Anschließend erläuterte der Landschaftsarchitekt Frank Flor das Konzept, mit dem das Kölner  Büro „Club L94 “ den Wettbewerb gewonnen hatte, der den Schlossstraßen-Entwurf auf seiner Website breit präsentiert.

Flor verteidigte die Zahl von 65 Parkplätzen – zeigt sich aber für den Dialog offen. Es sei klar, dass der Entwurf jetzt erst konkretisiert werden könne und sich auch bei den Stellplätzen noch etwas ändern könne. Aber irgendwann sei eine Obergrenze erreicht.

Sein Vortrag wurde mit Applaus belohnt, von den Ratsmitgliedern und von den (spärlich besetzten) Zuschauerrängen.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Bensberg, das Schloss gekrönte!
    Ist Bensberg eigentlich der Parkplatz am Berg mit „drive in“ – Charakter oder schafft Bensberg endlich die Wende, die natürlichen Alleinstellungsmerkmale stadtgestalterisch verbunden mit einer modern gestalteten „Straße der vielfältigen Begegnungen“ mit hoher Aufenthaltsqualität zu erreichen?
    Den heutigen Zustand von Bensberg kann niemand ernsthaft und wirklich nicht mit „attraktiv, verlockend“ beschreiben, eher mit „vernachlässigt und runtergekommen“, mit einigen Lichtblicken, wenn man die Einkaufssituation sieht, das Ambiente, die Aufenthalts Qualität, damit auch die Zukunftsfähigkeit des Einkaufsstandortes. Selbst das Parken ist eine Zumutung. Der ungebrochene Trend zum online Handel hält auch zukünftig an, die Demographie zeigt ihre Wirkung mit den Babyboomern, schnellere Wechsel der Anbieter im lokalen Handel und Leerstände sind keine so schöne Aussicht.
    Der „Klang von Bensberg“ heute wirkt auf mich so nach Verteidigung, nach Defensive, nach Fortschrittsverlierer. Vielleicht auch „Eingemeindungsverlierer“? Es gibt hier eine Investitionszusage von fast 15 Mio € für die Schlossstrasse. Hier muss nichts verteidigt werden, am Leben gehalten werden, dafür gibt es viel zu viele Alleinstellungsmerkmale in Bensberg. Man muss sie nur erkennen, als solche akzeptieren, mit einbeziehen und bei allen Planungen konsequent für ihre Berücksichtigung eintreten und sich dem Veränderungsprozess stellen.
    Bensberg ist im Stadtgebiet eine Marke, hier gehört eine Weiterentwicklung hin, ein „upgrade“ für fast alles.
    Die „Marktgalerie“ ist seit Jahren die Entschuldigung schlechthin für alles. Für das, was nicht läuft, aber auch für das, was man vermeintlich nicht beginnen, nicht verändern kann, bevor nicht der Baubeginn, besser noch, dieses Problem oder die Aktion „Marktgalerie“ gelöst ist.
    Bekannt ist aber allen auch, dass dieses Objekt, wie viele andere Objekte an der Schlossstrasse auch, in privater Hand ist und das der Eigentümer ganz wesentlich darüber entscheidet, wann es hier welche Veränderungen gibt. Also ein Zustand wie im richtigen Leben, soweit, so ärgerlich.
    Nach dem nun mit viel Aufwand und Mut von Politik und Verwaltung und der Beteiligung vieler Bürger, der IBH und der ISG in einem mehrstufigen Verfahren ein integriertes Handlungskonzept erarbeitet wurde, ein Architektenwettbewerb stattgefunden hat, ein Sieger durch eine unabhängige Jury ermittelt wurde, da gibt es das „Parkplatzgeschrei“, Entschuldigung dafür, dass ich es so nenne, aber mir fällt gerade nichts anderes ein.
    Beide Themen, „Parkplatz“ und „Marktgalerie“ sind in Bensberg ein jahrelanger Begleiter, während der Einkaufsstandort weiter an Attraktivität verliert und sich Individualinteressen ihre Denkmäler setzen.
    Die Investition öffentlicher Mittel von fast 15 Mio € könnte in dieser Diskussion einen neuen Akzent setzen, der für alle Beteiligten Überdenkens wert sein sollte und vielleicht mehr Gelassenheit empfiehlt, aber auch neue Ideen freisetzt für eigenes Handeln. Aufbruch ist besser als Besitzstandswahrung oder Abbruch.

  2. Es ist bedauerlich, dass man sich noch nicht zu einer richtigen, verlängerten Fußgängerzone durchringen konnte – aber das kann ja dann im zweiten Schritt kommen, eine gute Grundlage dafür wird zumindest gelegt!
    Den Einzelhändlern sei gesagt, dass viele Bensberger*innen gerade von den vielen Autos und dem damit verbundenen Lärm und Gestank davon abgehalten werden, in der Schloßstraße ‚bummeln‘ zu gehen. Wo es keine Aufenthaltsqualität gibt, verweilt niemand gern – und kauft somit auch nicht ein.

    Schlecht ist hingegen, dass der Fahrradverkehr im bisherigen Entwurf so gar nicht berücksichtigt wurde. Alle bisher fahrrad- und rollstuhltauglichen Verbindungswege sollen systematisch durch Treppen ersetzt werden. Die Idee der ‚Barrierefreiheit‘ hat es offenbar noch nicht bis nach Bensberg geschafft…