Sabine Holzdeppe aus Hebborn und Rosi aus Vingst sind sehr verschieden. Eins haben sie gemeinsam: Sie machen ihr Ding. Holzdeppe glaubt, das hat Rosi von ihr. Von Rosi aber hat sie den Spruch dazu übernommen: „Sei du selbst, die anderen gibt’s alle schon.“

Rosi ist Holzdeppes Erfindung. Ihre Figur als Büttenrednerin – das Vingströschen. Aber längst hat Rosi ein Eigenleben entwickelt. Ein Doppelporträt.

[responsivevoice_button voice=”Deutsch Female” buttontext=”BITTE VORLESEN”]

Rosi hatte ich schon auf Fotos gesehen. Als ich zum Interview nach Hebborn komme, öffnet eine Frau die Tür, die mir nicht ansatzweise bekannt vorkommt. Sabine Holzdeppe hat kurze, dunkelblonde Haare, helle Strähnchen, Seitenscheitel, etwas Gel.

Die 41-Jährige trägt ein leuchtend türkisfarbenes Shirt, darüber eine schwarze Weste. Nur die pinken Fingernägel verraten, dass sie in diesen jecken Tagen eigentlich mehr Rosi als Sabine ist.

Halb Sabine, halb Rosi

Im Wohnzimmer finde ich die Farbe ihres Shirts wieder – an der Wand. Holzdeppe lacht, als ich sie darauf anspreche. Ja, tatsächlich, sie mag Blautöne, Meeresfarben. Mit Pink hat sie sich erst durch Rosi angefreundet

„Man wird auch privat ein bisschen Vingströschen“, sagt sie und kichert. Sogar bei ihrer Hochzeit war Rosi dabei, als zärtliche Anspielung: Ihr Brautstrauß bestand aus Pfingstrosen.

Tatsächlich liegen zwischen Sabine und Rosi nur 30 Minuten, eine dicke Schicht Make-up und ein auftoupiertes Haarteil.

Aber wie ist Rosi überhaupt entstanden?

Holzdeppe holt aus. Und zeigt gleich, was sie als Rednerin draufhat. In der Grundschule in Köln-Stammheim, wo sie aufgewachsen ist, habe sie Funkemariechen werden wollen. Leider konnte sie kein Rad schlagen. Und das war Aufnahmebedingung.

Weil sie schon immer durch ihr Quatschen aufgefallen ist, schrieb ihr die Mutter eine Rede, und Holzdeppe stieg zum ersten Mal in die Bütt. Erst als gestiefelter Kater, später als das Stammheimer Sabinchen.

„Ich habe schnell gemerkt: Das ist viel cooler. Ich bin nur eine. Die Funkemariechen sind sechs, und die sehen alle gleich aus.“ Sie lacht und klingt dabei so, wie wohl damals das kleine Sabinchen gelacht hat.

Nach der frühen Karriere als Büttenrednerin, die sie von der Grundschule in diverse Pfarrsäle oder Altenheime führte, kam die Pubertät. Kein Bock mehr auf die Bütt.

Holzdeppe wurde Bankkauffrau. Ein sicherer Job, ernstes Erwachsenenleben. Aber irgendwas fehlte.

Sie wurde 30, bis ihr klar wurde, was das war.

2008 las sie in der Zeitung, dass Dieter Steudter, bekannt geworden mit den „3 Colonias”, einen Nachwuchs-Showact für die „Adventszick op Kölsch“ suchte. Holzdeppe schnallte sich ein Paar Engelsflügel um, schrieb ihre erste eigene Rede und bewarb sich als „Kriss-nix-Kindche“ (Kriegst-nichts-Kindchen).

Dieter Steudter sagte (und hier senkt Holzdeppe die Stimme und fällt in ein gemütliches Kölsch): „Wir nehmen dich. Genau genommen haben wir auch nur deine Bewerbung bekommen.”

„Wenn ich die Rede heute durchlese, denke ich, oh je, die waren ganz schön optimistisch“, sagt Holzdeppe und lacht.

Noch immer bezeichnet sie das Redenschreiben als den härtesten Teil ihrer Arbeit.

Dieter Steudter erkannte aber Holzdeppes Talent und brachte sie dazu, sich für eine Büttenredner-Ausbildung bei der Akademie des Festkomitees Kölner Karneval zu bewerben.

2009 erschien sie mit zwei ausgearbeiteten Konzepten zum Vorstellungsgespräch: Lucy vom Büdchen und die kölsche Vorort-Tussi.

Aus dem Vorstellungsgespräch wurde eine dreijährige Ausbildung, aus der Vorort-Tussi das Vingströschen. Obwohl ihr Wohnort da schon Hebborn war.

Als Sabine Holzdeppe Rosi vorstellt, fällt sie wieder in den kölschen Singsang: Die Rosi kütt us Vingst, us d’r Papageiesiedlung. Sie hät ene Fründ, dä heisch Achmed un ene Möpp, et Schakira, met s-c-h.

Dann erklärt sie auf Hochdeutsch: Dass der Freund Türke ist, hat sie sich überlegt, um ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit zu setzen. Aber seit der Krise in der Türkei müsse sich Rosi plötzlich politisch äußern.

„Das verpacke ich dann so: In der Türkei herrscht ja 365 Tage Sunnesching. Wenn et da einmal ränt, lässt der Erdogan gleich alle Wetterfrösche verhaften.“

Ansonsten sei Rosi „nicht die hellste Kerze auf der Torte“, sagt Holzdeppe schmunzelnd. Aber sie habe eine Bauernschläue. Rosi schlage sich immer durch. Sie denkt, sie sei schön, mit ihrem dicken Make-up, den auftoupierten Haaren, der glitzernden „Achmed“-Kette und der pinken Trainingsjacke.

„Das wäre glaube ich auch eine, die ginge ins Dschungelcamp, wenn man sie ließe“, sagt Holzdeppe. Ein bisschen tadelnd, ein bisschen belustig, aber mit ganz viel Zärtlichkeit. Als spreche sie über eine alte Freundin, mit der sie nicht mehr so viel teilt, die aber immer noch einen Platz in ihrem Herzen hat.

Zwischen Sabine und Rosi liegen ein auftoupiertes Haarteil …

… und eine dicke Schicht Make-up.

Wie ist denn so ihr Verhältnis zu Rosi?

Holzdeppe grinst und sagt: „Ähm, Liebe.“ Und dann lacht sie ganz laut.

„Ich finde sie cool, weil sie macht, was sie will. Sie drückt alle an ihr großes Herz, sie zieht sich selbst durch den Kakao und nie die anderen. Im Gegenteil, sie macht anderen Menschen Mut, ihre Träume zu leben, einfach zu machen, was sie wollen.“

Alleine schon mit ihrer Optik. „Rosi strapaziert die Toleranzgrenzen doch sehr“, sagt Holzdeppe. Oder wenn sie am Ende der Rede zu dem Lied „Schüttel deinen Speck“ tanzt. „Die Leute rechnen nicht damit, dass die dicke Frau am Ende tanzt.“

Die Mission dahinter, wie hinter der ganzen Figur: Es ist egal, wie du aussiehst, was du anhast, wo du herkommst. Sei du selbst und mach was du willst. „Gerade für Mädchen ist das wichtig“, sagt Holzdeppe. „Da wird das Vingströschen zum Superheldinnen-Kostüm.“

Das ist es, was Holzdeppe an ihrem Job als Büttenrednerin liebt: Menschen eine Freude zu machen. Sie beschreibt das wie einen Bumerang. „Ich gebe meine ganze Energie ins Publikum, und wenn es gut läuft, potenziert sie sich und kommt 100-fach verstärkt zu mir zurück. Das ist dann wie ein Starkstrom-Anschluss: Wusch!“

Die ersten Male auf der Bühne war sie so voller Adrenalin, dass sie nach Hause kam und sich fühlte wie eine Königin – Holzdeppe richtet sich auf und breitet die Arme aus. „Und dann kam mein Mann und sagte: Bring mal den Müll runter.“ Sie lacht ihre kindliche Lache.

Wegen ihres Mannes ist sie 2009 nach Hebborn gezogen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten – „die haben hier die Autobahn-Auffahrt vergessen!“ – schätzt sie die Ruhe und das Grün, wenn sie nach Hause kommt, geht gerne im Umland wandern.

Nicht nur der Job als Büttenrednerin ist trubelig. Mittlerweise arbeitet sie halbtags im Sozialamt in Köln-Kalk, bei den Resozialisierungs-Diensten. Sie selbst kümmert sich zwar nur um die Finanzen, aber sie bekommt natürlich viel von den Kunden mit. „Das hat mir gezeigt, wie gut es mir eigentlich geht“, sagt Holzdeppe.

Die Kombination aus sicherer Halbtagsstelle und jeckem Nebenjob findet sie perfekt. Nicht nur, weil das Geld aus den Auftritten nicht reichen würde. Sie mag ihre Arbeit. „Eins geht ohne das andere nicht“, sagt sie.

So ist es eben. Sabine Holzdeppe braucht das Vingströschen, und das Vingströschen braucht Sabine Holzdeppe.

[responsivevoice voice=”Deutsch Female” buttontext=” “]

Mehr vom Vingströschen: Website, Facebook

Weitere Beiträge aus dieser Serie:

Menschen in GL: Der Unermüdliche

Menschen in GL: Der scheinbar Unscheinbare

Menschen in GL: Die Präsente

Menschen in GL: Der Empfindsame

Menschen in GL: Die Kraftvolle

[/responsivevoice]

Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.