Tischlermeister Björn Ruland warb mit zwei Azubis im Bus 227 für die duale Ausbildung

Der Ausbildungsmarkt ist in Bewegung: es melden sich mehr Bewerber, vor allem aber mehr Unternehmen – denn der Fachkräftenachwuchs ist längst ihr größtes Problem. Dabei kämpfen viele mit dem schlechten Image der dualen Ausbildung. 

Die Vertreter des Handwerks, der Industrie- und Handelskammer und der Arbeitsagentur trommeln mit vereinten Kräften, um junge Menschen und deren Eltern zu überzeugen: „Die duale Ausbildung ist nicht minderwertiger als ein Studium, sie bietet Karrierechancen und guten Verdienst”, bringt es Marcus Otto, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land, bei der Präsentation der Halbjahresbilanz zum Ausbildungsmarkt in der Region, auf den Punkt. 

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Unterstützt wird er von Nicole Jordy, der Geschäftsführerin operativ der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, und von Christoper Meier, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Köln. Gemeinsam argumentieren sie gegen Klischees, die verhindern, dass sich junge Menschen für eine duale Ausbildung interessieren. 

Nicole Jordy (Agentur für Arbeit), Marcus Otto (Kreishandwerkerschaft), Christopher Meier (IHK)

Zum Beispiel die Annahme, dass nur ein Studium einen guten Verdienst einbringt. Ein Grundschulehrer starte nach sechsjährigem Studium mit einem Einstiegsgehalt von etwa 2700 Euro brutto, rechnet Otto vor. Bei einem Dachdecker seien es nach drei Jahren Ausbildung rund 3000 Euro. 

Berichte, wonach Frisöre in der Ausbildung nur 300 Euro erhielten, seien falsch. Tatsächlich seien es im ersten Ausbildungsjahr bereits 510 Euro, im dritten 740 Euro – und als Einstiegsgehalt winken rund 1800 Euro. Ohne Trinkgeld. 

Abbrecherquote niedriger als im Studium

Die Abbrecherquote liege auch nicht bei 25 Prozent, wie zuletzt berichtet, sondern bei rund zehn Prozent. Hinzu käme zwar eine Wechselquote von 15 Prozent, hinter der sich eine Umorientierung im Beruf oder beim Unternehmen verbergen könne; beide Zahlen dürfe man aber nicht addieren. „90 Prozent beenden ihre Ausbildung”, betont der Geschäftsführer der Handwerkskammer. 

Genauso falsch, das betonen Otto und Meier unisono, seien Vorstellungen von simplen Tätigkeiten. Am Bau gehe es längst nicht mehr ums Steine-Schleppen, sondern um stark technisierte Aufgaben, etwa als Baggerführer. Im Sanitärgeschäft habe man es zwar mit „Gas, Wasser, Scheiße” zu tun – aber auch mit der Programmierung komplexer Anlagen. Wer sich dem stelle, dem winke ein Beruf, der „ein Leben lang glücklich” machen könne, vor Arbeitslosigkeit schütze, viele Fortbildungs- und Aufstiegschancen und eben auch gutes Geld biete, sagt Otto. 

Berufsvorstellung im Bus, SpeedDating im Stadion

Um diese Informationen an den Mann zu bringen gehen die Unternehmensvertreter inzwischen völlig neue Weg. Die Kreishandwerkerschaft stellte Berufe im Schulbus vor und führt eine WhatsApp-Beratung ein. Die IHK setzt auf ein AzubiSpeedDating (11.6., im RheinEnergie-Stadion) und eine gut gefüllte Lehrstellenbörse

Alleine in RheinBerg und Leverkusen, so Meier, seien im Bereich der IHK aktuell 460 freie Plätze für das im Sommer startenden Ausbildungsjahr frei – in vielen Berufen, von Bürokaufleuten und Fachinformatiker über Lagerlogistik, Mediengestalter, Restaurantfachleuten bis hin zu Einzelhandelskaufleuten. Ähnlich sieht es in der Ausbildungsplatzbörse der Handwerkskammer Köln aus. 

Jede freie Stelle ist eine Chance – und ein Problem

Jede freie Stelle sei eine Karrierechance, sagt Meier. Aber eben auch ein Problem: für 56 Prozent der Unternehmen im Bezirk der IHK Köln sei der Mangel an Fachkräftenachwuchs das Geschäftsrisiko Nummer 1, erläutert Meier: „Es wird zunehmend schwerer für Unternehmen, gute Bewerberinnen und Bewerber zu finden.” Nicht zuletzt, weil „sich immer mehr junge Leute von einem Studium mehr versprechen als von einer Ausbildung”.

Bislang ist es noch viel zu früh, eine vorläufige Bilanz des laufenden Bewerberjahrs zu ziehen, betonen die Fachleute – drei Viertel der Vermittlungen werden erfahrungsgemäß erst in den kommenden Monaten getätigt. Daher haben die aktuelle Zahlen nur eine bedingte Aussagekraft, deuten aber dennoch auf ein paar Trends hin. 

Alle Zahlen ziehen an

Nach Angaben von Nicole Jordy von der Arbeitsagentur ziehen gerade in RheinBerg die Zahlen stark an: die Unternehmen melden mehr Ausbildungsplätze (knapp vier Prozent mehr als zum Stichtag im Vorjahr), es gibt 20 Prozent mehr Bewerber. Aber auch die Zahlen der unbesetzten Stellen sowie der unversorgten Bewerber liegen derzeit über dem Vorjahr. Die Zahl der Schulabgänger habe den Abwärtstrend verlassen, ab 2019 wird auch hier wieder ein Zuwachs erwartet. 

Wie weit die Zahl der offenen Ausbildungsplätze und die Zahl der unversorgten Bewerber ausgeglichen werden können, bleibt vorerst offen. Zwar stimmen an der Oberfläche die Wünsche der Jugendlichen und der Bedarf der Unternehmen weitgehend überein, berichtet Jordy: Fünf der Top-10-Berufswünsche finden sich auch auf der Liste der Top-10 der gemeldeten Stellen. 

Und dennoch passe Angebot und Nachfrage oft nicht zusammen. Wer Einzelhandelskauffrau im Bereich Mode werden will, dem sei mit einer Ausbildungsstelle im Baumarkt nicht geholfen. Dem Unternehmen auch nicht.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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