Gegen die Online-Konkurrenz stehen die Einzelhändler oft allein dar. Nicht so in Gladbach: Die Eigentümer der Geschäftshäuser schließen die Reihen und unterstützen den Handel mit einer halben Million Euro. Damit soll die Fußgängerzone attraktiver gemacht werden. 

Der Stadtrat entscheidet am heutigen Dienstag über eine sogenannte „gesetzliche Standortgemeinschaft” (ISG). Damit werden alle Eigentümer im Bereich der Fußgängerzone verpflichtet, über fünf Jahre hinweg 1,5 Prozent des Gründstücks-Einheitswertes in einen gemeinsamen Topf zu zahlen – insgesamt 545.000 Euro. 

Aber nicht von oben verordnet, sondern auf Antrag des ISG Hauptstraße e.V., dem rund 40 Eigentümer angehören. Und das, nachdem sie mit den weiteren rund 80 Eigentümern gesprochen haben. Das war offenbar nicht immer einfach, aber „97,5 Prozent aller Eigentümer haben zugestimmt – das ist eine sensationelle Zahl”, sagte Peter Müller, Vorsitzendern des ISG e.V., bei der Vorstellung der Pläne.

Vertreter der ISG (Eigentümer), IG (Händler) und Stadtverwaltung: Harald Flügge, Udo Kellmann, Alexander von Petersenn, Peter Müller, Martin Westermann, Bettina Wisniewski, Thomas Grieff

In Norddeutschland und vor allem im reichen Hamburg sind gesetzliche ISG weit verbreitet, in NRW allerdings die große Ausnahme. Weil hier viele Eigentümer den eigenen Anteil verweigern und lieber als Trittbrettfahrer von den Anstrengungen einiger weniger profitieren. Bergisch Gladbach ist eine Ausnahme: hier gab es bereits von 2012 bis 2016 eine ISG, die jetzt neu aufgelegt wird.

Selbst die Filialisten, wie H&M, P&C und die Mieter in der RheinBerg Galerie, die einen Anteil von rund 70 Prozent aller Geschäfte in der Gladbacher Innenstadt ausmachen, haben für die ISG votiert. Auch das ist eine große Ausnahme; hier hätte u.U. schon ein einziger größerer Filialist ausgereicht, das ganze Projekt zu kippen.

Das Geld soll in enger Abstimmung mit der Interessensgemeinschaft (IG) der Einzelhänder in die drei Bereiche Beleuchtung, Werbung und Kundenbindung fließen.

Am sichtbarsten wird eine weitere Investition in die bereits bestehende Weihnachtsbeleuchtung (vor allem für das Laurentiusviertel und die Grüne Ladenstraße), Beleuchtungsanlagen für die Eingänge der Fußgängerzone (ähnlich der Hängeleuchten am Forum, aber moderner) und die Inszenierung einzelner markanter Fassaden, öffentlicher Gebäude (Rathaus, Villa Zanders), Bäume oder Kreuzungen durch Lichtinstallationen. 

Ein weitere großer Teil der Gelder gehen in Marketing-Maßnahmen. So sollen ein „Claim”, ein zentraler Werbespruch entwickelt, gemeinsame Aktionen gestärkt und ein Auftritt in Online-Medien und in Sozialen Medien in Gang gebracht werden. Beim „Claim” wird wahrscheinlich der Begriff „Heimat” eine große Rolle spielen, das Zugehörigkeitsgefühlt und der Stolz auf die eigene Stadt sollen gestärkt werden. 

Das Rumpfkonzept wurde (wie bei der ersten ISG) vom Kölner Regionalplanungsbüro Jansen erstellt, muss aber noch ausgearbeitet werde. 

Die ISG umfasst die gesamte Fußgängerzone, vom Driescher Kreisel bis zum Forumpark, die Grüne Ladenstraße, die Stationsstraße und die RheinBerg Passage. Die Abgrenzung des Gebietes sei, vor allem mit Blick auf das Laurentiusviertel „sehr ernsthaft diskutiert worden”, sagt der städtische Wirtschaftsförderer Martin Westermann. Man habe aber an der alten Abgrenzung der ersten ISG festgehalten, weil alles andere einen sehr großen formalen Aufwand erfordert hätte. 

Die Einzelhändler setzen große Erwartungen an die neue ISG, erläuterte IG-Vorsitzender Alexander von Petersenn. Grundsätzlich habe die Fußgängerzone in den vergangenen Jahren, mit dem neuen Pflaster und der „neuen Übersichtlichkeit” einen deutlichen Aufschwung erfahren, die Zahl der Einkäufer sei kräftig gestiegen. Dieser Boom habe sich in den vergangenen Jahren jedoch abgeschwächt – aufgrund der wachsenden Popularität des Online-Handels und aufgrund der Verkehrsbehinderungen im Zuge der Strunde-hoch-4-Baustellen. 

„Diese Hochwasserschutzmaßnahmen haben wir ja nicht freiwillig gemacht, aber sie haben den Einzelhandel ganz eindeutig gebeutet”, räumt Wirtschaftsförderer Westermann ein. 

Dass sich das Konzept der neuen Fußgängerzone (die nicht von der ganzen Bürgerschaft geliebt wird) bewährt hat, zeige auch die Standorttreue der Filialisten, sagte Müller. So hätten die Buchhandlung Thalia und die Optikerkette Fielmann bereits klar gemacht ihre Verträge zu verlängern; das gelte offenbar auch für die meisten Mieter der RheinBerg-Galerie, wo die ersten 10-Jahresverträge demnächst ausliefen.

Kritik, die Eigentümer würden mit überhöhten Mieten selbst zum Leerstand in der Fußgängerzone beitragen, wies Müller zurück. Zum einen werde die Neugestaltung der RheinBerg-Passage auch die Grüne Ladenstraße wieder attraktiver machen und den Leerstand zu beseitigen helfen.

Zum anderen seien die Mieten angesichts steigender Grundstücks- und Baupreis angemessen. Das zeige sich auch daran, dass diese Mieten gezahlt werden; zudem gebe es einen ständigen Strom von Anfragen von Mietinteressenten.

Ein Problem sei jedoch, dass sich das Interesse auf den Bereich zwischen RheinBerg Galerie und Marktplatz konzentrieren, darüber hinaus wolle so gut wie niemand hinaus. Ein Trend, der sich mit dem Bau des neuen Stadthauses am S-Bahnhof verstärken und dem Laurentiusviertel noch mehr Probleme bringen könne. 

Der Stadtrat wird die Satzung über die Festlegung des ISG-Gebiets, die Höhe der Abgabe und einen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit dem ISG Hauptstraße e.V. heute abstimmen; nach einem positiven Votum im Haupt- und Finanzausschuss besteht daran aber kein Zweifel. 

Die Grünen hatten zuletzt noch beantragt, als weiteres Ziel neben der Vermarktung auch den Klimaschutz „durch eine signifikante Begrünung” der Fußgängerzone in den Vertrag aufzunehmen. Das hat die Verwaltung rechtlich geprüft und kommt zu dem Schluss, dass eine nachträgliche und einseitige Veränderung des mit den Grundstückseigentümern vereinbarten Vertragsentwurfs nicht mehr möglich ist.

Dokumentation: Alle Unterlagen zur ISG im Original

Das Konzept des Büros Jansen findet sich etwas versteckt im letzten Dokument.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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