18 Menschen starben in dem dreitägigen Kampf, sie wurden links vor der Kirche bestattet

Rollende Panzer, heulende Granaten, knatternde Maschinengewehre: Heimatforscher Peter Kombüchen beschreibt die dreitägigen Kämpfe um Schildgen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs so spannend wie einen Krimi. Unser Bonus-Märzartikel zur Serie „Schildgen wie es war“.

Es war der 13. April 1945. Die Amerikaner hatten schon über einen Monat zuvor Köln erreicht. In Schildgen rechnete man mit einem baldigen Ende des Krieges, schreibt Heimatforscher Peter Kombüchen in einem sehr ausführlichen Bericht über die letzten Kämpfe in Schildgen.

Da erschien ein erster Panzerspähwagen in Katterbach zwischen Sträßchen Siefen und Torringen. Nur wenige Stunden später tauchte ein Zug der Hitlerjugend von Schlebusch her auf. Die Anwohner an der Altenberger-Dom-Straße versuchten sie zum Rückzug zu bewegen, doch vergeblich.

Bald folgten Panzerjäger, SS-Soldaten und Volkssturmleute und positionierten sich entlang der Hauptstraße. Eine Artillerietruppe bezog Stellung auf dem Uppersberg zwischen Rothbroich und Osenau.

Preußische Kartenaufnahme von 1843/44

„Noch hatte keiner den Ernst der Lage erkannt“, schreibt Kombüchen, „da mit einem Widerstand hier nicht gerechnet worden war. Das Wetter war überaus sonnig und schön; so gingen noch viele Leute auf die Straße und ihren Besorgungen nach.“

Carl Giesen saß auf einer Bank im Vorgarten, als die ersten Panzergranaten in Schildgen einschlugen. Auf dem Weg ins Haus verletzte ihn ein Sprengstück schwer. Nach wenigen Minuten starb der katholische Pastor als eines der ersten Opfer der letzten drei Kriegstage im Ort.

Er blieb nicht das letzte. Ein deutscher Soldat schoss „Frau Fischer“ ins Herz, als sie ein weißes Tuch herauslegen wollte; Christine Kimmel wurde mit einem weißen Tuch in der Hand von einem deutschen Panzerjäger in den Rücken geschossen.

Je weiter die Amerikaner vorrückten, desto heftiger wurde der Widerstand. Kombüchen beschreibt seine Wahrnehmung der Kämpfe aus dem Luftschutzkeller:

„Unter das Rollen der Panzer und das Heulen der Granaten mischte sich das Geknatter der Maschinengewehre, der Maschinenpistolen und der eigenartige, noch nie gehörte Ton der Panzerfaust.“

Nicht nur amerikanische Panzer gingen in Flammen auf, auch viele Schildgener Häuser. Erst mit der einbrechenden Dunkelheit hörten die Kämpfe auf. Einer Schildgener Ärztin, Frau Dr. Seeger, verband an diesem Abend überall mehr oder weniger schwer Verletzte.

„Die Verwundeten wurden abtransportiert, ihr Klagen und Stöhnen klang mir noch lange in der Nacht in den Ohren. Das Leid um den Tod so vieler unschuldiger Opfer in der Nachbarschaft, vor allem der Tod des unvergeßlichen Pastors, dessen edle Freundschaft besessen zu haben, ich mir zur Ehre anrechne, ließen mich lange nicht zur Ruhe kommen.“

Tag 2: Flüchtlingszug nach Heidgen

Gegen sechs Uhr morgens schlugen wieder Granaten ein: „Wir mußten wieder zurück in den Keller, während das gegenseitige Bombardement sich wieder über unsern Häuptern abspielte.“

Nach mehr als einer Stunde hörte Kombüchen draußen Geschrei. Die Familie wurde aufgefordert, herauszukommen. Mehr als 20 Amerikaner waren in seinem Hof, sie führten die Kombüchens und viele weitere Familien von der Front rückwärts hinter die Kirche, durch das offene Feld „In der Ählenmaar“ über Sträßchen Siefen, Kempener Straße und Katterbach nach Heidgen.

„Es war ein trauriger Zug. Hinter uns das brennende Schildgen, es brannte jetzt auch noch der (…) Gartensaal der Gastwirtschaft Schankweiler, die ehemalige ‚Notkirche‘. Mit hochgehobenen Händen, in denen die weißen Tücher flatterten, ging es im Laufschritt zurück, zwischen den zu beiden Seiten des Weges haltenden Soldaten hindurch, die zur Eile antrieben.“

Gegen 10 Uhr morgens kam der 180 bis 200 Menschen umfassende Flüchtlingszug in der Gaststätte Ferdinand Grieß in Heidgen an. Viele trugen Verbände. Das wenige Essen, das es gab, wurde an die Kinder verteilt. Die Familie Grieß gab Kaffee an alle aus. Nachmittag und Abend vergingen, die Kämpfe in Schildgen hielten an. In der Nacht versuchten die meisten mit dem Kopf auf den Tischen der Gaststätte etwas Ruhe zu finden.

Tag 3: Rauchende Brandstätten, abgedeckte Dächer

Am Morgen des dritten Tag, ein Sonntag, wurde der amerikanische Beschuss wieder stärker und verlagerte sich nach Nittum und Hoppersheide. Nachdem die deutsche Artilleriestellung auf dem Uppersberg „zum Schweigen gebracht worden war“, wie Kombüchen schreibt, zogen die Panzer weiter nach Odenthal.

„Von Bergisch Gladbach her waren die Amerikaner durch das Strunderbachtal über Spitze nach Bechen gekommen und dann über die Scherfbachtalstraße wieder nach Odenthal. Außer in Spitze war nirgendwo ein bewaffneter Widerstand erfolgt.“

Gegen Mittag des 15. April war der Spuk in Schildgen vorbei. Die Familien kehrten in ihre Häuser zurück. Bei der Heimkehr bot sich ihnen ein Bild des Schreckens:

„Rauchende Brandstätten, abgedeckte Dächer, zerschossene Fassaden und gesprungene Fenster, klaffende Öffnungen in den Hausgiebeln. In den Gärten zerschossene, umgeknickte und abgesägte Obstbäume, Schützenlöcher in den frischbesäten Gemüsebeeten, umgefahrene Einfriedungen und Hecken.“

Drinnen sah es nicht besser aus. Soldaten und Fremdarbeiter hatten in den leeren Häusern Schutz gesucht und großes Chaos hinterlassen. Viele Menschen vermissten Wertgegenstände, Bargeld, Schmuck, Feldstecher, Fotoapparate, Kleidung. Auch Geschäfte waren ausgeraubt worden.

Kombüchen verdächtigt einzelne Soldaten, aber vor allem Fremdarbeiter – und nicht zuletzt „einzelne unlautere Elemente aus der zurückgebliebenen Bevölkerung“.

Auch die Kirche war stark getroffen worden. Kombüchen: „Wie sah unser liebes trautes Kirchlein, für das die Gemeinde so viele Opfer gebracht hatte, aus?“

Die Tage danach: Bestattung vor der Kirche

Der amerikanische Militärbefehlshaber trug den SchildgenerInnen auf, die Gefallenen bis Dienstag zu beerdigen. Der Weg zum Friedhof in Odenthal war versperrt, da vier Dhünnbrücken gesprengt worden waren, so blieb nur die Bestattung in Schildgen.

Kombüchen übernahm selbst die Verantwortung und organisierte freiwillige Helfer, die am Montag von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags eine Massengrube für die 18 Opfer aushoben. Carl Giesens Mutter hatte gewünscht, dass ihr Sohn vor der Kirche begraben würde.

„Es wäre bestimmt nicht im Sinne von Pfarrer Giesen gewesen, wenn er abgesondert von den anderen, die ein gleiches Schicksal getroffen hatte, an einer bevorzugten Stelle beerdigt worden wäre. Deshalb wurde sein Grab angelegt inmitten der Mitgefallenen.“

Achim Rieks vor der Gedenktafel, die bis heute am Eingang der Herz Jesu Kirche an die Gefallenen erinnert

Nach der ergreifenden Zeremonie, zu der die Pfarrer von Bergisch Gladbach, Paffrath und Odenthal gekommen waren, feierte die Gemeinde in ihrer von Schutt gereinigten Kirche die heilige Messe.

Am darauffolgenden Tag hatten die SchildgenerInnen auch für die Beerdigung der deutschen Soldaten zu sorgen. Ein ganzer Suchtrupp zog los, da die Gefallenen noch immer im Ort verteilt lagen. Sie kehrten mit 18 Leichen zurück.

„Aus der Bevölkerung war gefordert worden, für die Arbeit der Einbettung aktive Nationalsozialisten anzufordern. Diese Anforderung war im ganzen Bezirk bereits erfolgt, und eine große Zahl von ihnen war erschienen.“

Die Soldaten, „Hitlerjungen und Volkssturmmänner“, wurden an der gegenüberliegenden Seite der Kirche beigesetzt. Ein großer Teil von ihnen stammte aus dem benachbarten Rhein-Wupper-Kreis. Die meisten waren schon vier Jahre nach den Kämpfen – dem Zeitpunkt, an dem Peter Kombüchen seine Erinnerungen niederschrieb – von ihren Angehörigen in die Heimat überführt worden.

Den Schildgenern indes blieb viel zu tun. Die beschädigten Wohnungen mussten wiederhergestellt, die Straßen, das Wassernetz und die Stromanlagen freigemacht werden. Dabei herrschte wohl große Solidarität, schreibt Kombüchen abschließend: „Wie eine verschworene Schicksalsgemeinschaft hielt alles zusammen, einer half dem anderen, einer trug des anderen Last.“

Quellenhinweise:

Peter Kombüchen: „Die Kämpfe um Schildgen“ – aus „Sammlung von Zeitzeugenberichten für das Pfarrarchiv der Pfarrgemeinde Herz Jesu in Schildgen“ (handschriftliches Original im Gemeindearchiv in Odenthal)

Weitere Beiträge aus der Serie:

Von zähen Katholiken und der Vereinigung Schildgens

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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2 Kommentare

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  1. Vielen Dank für diesen hervorragenden Beitrag. Erschütternd. Ich habe ja nicht gewusst, dass das Gebäude, das ich von meinem Fenster aus sehen kann, einmal das „liebe traute Kirchlein“ war!