Rohbau der ersten katholischen Kirche von Schildgen, Foto von 1928

Sie sind (nicht) katholisch? Prima! In der 3. Folge der Serie „Schildgen wie es war“ geht es um die Gründung der Katholischen Gemeinde, aber es geht noch um viel mehr. Zum Beispiel um die Zähigkeit der SchildgenerInnen, die gleich mehrere Male alles Geld für den Kirchbau verloren. Und um die erste Vereinigung des Schildgens, wie wir es heute kennen. Zudem gibt es einen Bonus-Artikel zu den dreitägigen Kämpfen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs.

Als sich Engelbert Sommerberg im Jahr 1991 bereit erklärte, ein Archiv für die Pfarrgemeinde Herz Jesu in Schildgen zu erstellen, war ihm nicht klar, worauf er sich da eingelassen hatte. Der 92-Jährige lacht. „Ich hatte so etwas noch nie gemacht und wusste nicht, wie viel Arbeit das bedeutet.“

Achim Rieks vom Himmel un Ääd und ich sitzen bei Sommerberg im Esszimmer. Da ist mehr Platz als im Wohnzimmer, sagte er, als er uns an seiner Haustür empfing. Auf dem Tisch liegen schon einige Bücher und Unterlagen.

Sommerberg lebt bis heute in dem Haus, das er 1953 gebaut hatte. Ursprünglich aus der Kürtener Gegend, ging der junge Mann bei der Kreisverwaltung in Bergisch Gladbach in die Lehre. Als er später, dann schon als Sachbearbeiter, mit seiner Frau nach Schildgen zog, begab er sich umgehend in die dortige Herz Jesu Kirche.

„Ich war praktizierender katholischer Christ und bin es heute noch“, sagt Sommerberg mit fester Stimme. Er schmunzelt und fügt hinzu: „Da bin ich nie von abgewichen, ich bin ein Sturkopf.“

Stur bleibt er übrigens auch bei der Frage, ob wir ihn für den Artikel fotografieren dürfen, weswegen Sommerberg hier im Text, aber nicht im Bild vorkommt.

Von der verstaubten Ecke zum Pfarrarchiv

Seine Sturheit dürfte ihm bei den Archivarbeiten von Vorteil gewesen sein. Ebenso seine 17-jährige Tätigkeit im Kirchenvorstand, davon 14 als stellvertretender Vorsitzender, und 40 Jahre Erfahrung als Kommunalbeamter.

„Als ich anfing, mit dem Archiv zu arbeiten, war das eine verstaubte Ecke mit ein paar Büchern“, erzählt er. 1330 Dokumente gab es da, das älteste stammt aus dem Jahr 1908: „Statut des Kirchbauvereins für den Schulbezirk Nittum vom 30.08.1908, handschriftlich in alter deutscher Schreibschrift nebst schreibmaschinenschriftlicher Abschrift.“

So steht es im Findbuch zum Archivbestand der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu in Bergisch Gladbach-Schildgen 1908 -2000. 259 Din A4-Seiten. Das Inhaltsverzeichnis zu Sommerbergs Werk, an dem er neun Jahre lang arbeitete – 2000 ehrenamtliche Stunden.

Nicht die älteste, aber eine der wichtigsten Archivalien ist die Grundsteinurkunde der ersten Kirche in Schildgen.  Hier heißt es: „Die Pfarrkirche zum hl. Pankratius in Odenthal, erbaut im 12. Jahrhundert, konnte nicht mehr genügend Raum bieten, weil die Zahl der Gläubigen besonders in der Gegend von Schildgen täglich anwuchs“.

Der heutige Pfarrarchivar Georg Zens mit der Grundsteinurkunde

Zur Einordnung: Schildgen war damals nur ein Teil dessen, was wir heute als Schildgen kennen. Es erstreckte sich grob zwischen den Ortschaften Nittum, Rothbroich, Fahn und Katterbach, die heute zum Teil nur in den Straßennamen überlebt haben. Alles bis etwa zur Kreuzung Altenberger-Dom-Straße/Kempener Straße gehörte zu Odenthal, der Rest war Teil der Stadt Bergisch Gladbach.

Bauen wir eine Kirche!

Ab Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl in Schildgen stetig an. Die KatholikInnen gingen regelmäßig zum Gottesdienst nach Odenthal, doch die Kirche wurde immer voller, und die SchildgenerInnen empfanden die Wege als immer beschwerlicher.

So entstand um 1900 die Idee, unter der Mutterpfarre Odenthal eine eigene Rektoratskirche zu bauen. Doch wer sollte dafür bezahlen? Der Schildgener Schlossermeister Wilhelm Müller schlug vor, einen Verein zu gründen und selbst Geld zu sammeln.

1908 war es dann soweit. In der Gaststätte Billstein (heute Haus Pohle) in Rothbroich – einem wahren Schildgener Gründerzentrum, 1907 war es bereits Gründungslokal der Schützenbruderschaft– gründete sich der Kirchbauverein und produzierte, ohne es zu ahnen, die erste Archivalie des katholischen Pfarrarchivs:

Der Verein setzte Sammler für jede Ortschaft ein, die fortan Monat für Monat eifrig Geld bei der Bevölkerung einholten. Bis 1914 hatten die BürgerInnen bereits 4.536 Mark zusammengebracht.

Ein Rückschlag nach dem anderen

Doch der 1. Weltkrieg brachte dem Kirchbauverein unersetzliche Verluste. In den letzten beiden Kriegsjahren ruhte die Sammeltätigkeit ganz. Noch in dieser Zeit, nämlich im März 1917, wurde Ferdinand Schäfer Pfarrer in Odenthal, und er unterstützte die Pläne des Vereins nachdrücklich.

Schäfer war es auch, der nach dem Ende des Weltkriegs die Einrichtung einer Notkirche anregte. Genehmigungen vonseiten der Erzbischöflichen Behörde waren bald erteilt, der Saal von Billstein sollte für Gottesdienste genutzt werden.

In seiner Chronik der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu Schildgen schreibt der spätere Schildgener Pastor Carl Giesen: „Reichliche Spenden flossen bereits für die Inneneinrichtung der Notkirche. Da wurde der Plan durch die Belegung des Saales mit englischer Besatzung vereitelt.“

Die Schildgener ließen sich nicht entmutigen. Bis Ende 1921 hatten sie schon wieder 9.386 Mark gesammelt. Dann kam das Jahr 1923. Die Hyperinflation. „Die Goldmark ging einfach auf 0“, sagt Engelbert Sommerberg. Der Kirchbauverein verlor innerhalb eines Tages alles.

Doch – selbst das konnte die BürgerInnen nicht von ihrem Plan abbringen. Gleich nach der Stabilisierung durch die Rentenmark Ende 1923 und wenige Monate später die Reichsmark machten sie sich wieder ans Sammeln.

Giesen erläutert: „Weltkrieg und Inflation hatten trotz  der großen Verluste  keineswegs entmutigt,  sondern im  Gegenteil zu noch eifrigerer und intensiver  Arbeit angetrieben.“ In der Umgebung verfolgte man die Bestrebungen der Nachbarn mit Interesse und bewunderte sowohl deren Opferfreudigkeit als auch das „zähe Festhalten trotz aller Rückschläge an dem einmal gefaßten Plan“.

Aus zwei mach eins: Schildgen

Ihre Zähigkeit machte sich bezahlt. Nach einigem weiteren Hin und Her feierten die Schildgener KatholikInnen 1927 ihren ersten Gottesdienst in der Notkirche im Gartensälchen der Wirtschaft Schankweiler (heute Olivenhof), der viele Jahre später den Kämpfen um Schildgen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer fallen sollte.

Der Teilerfolg beflügelte die Menschen. Ihr Traum einer eigenen Kirche rückte immer näher, und so floss das Geld immer reichlicher.

Am 10. April 1927 schloss sich der Katterbacher Bezirk dem Kirchbauverein an und sammelte mit. Auch hier wollte man nicht länger zum Gottesdienst nach Paffrath pilgern müssen.

Damit griff die Katholische Kirchengemeinde der späteren politischen Entwicklung vor: Sie vereinigte kurzerhand die Ortschaften entlang der Grenze Odenthal / Bergisch Gladbach zur Gemeinde „Schildgen“.

So sieht die Herz Jesu Kirche heute aus – der weiße Längsbau war die erste Kirche von 1928, heute ist es der Pfarrsaal. Bild: Foto Huber 

Im Sommer 1928 kamen die nächsten Überraschungen:  Reichsgraf Ferdinand Wolff-Metternich zur Gracht aus Odenthal, genauer gesagt von Burg Strauweiler, schenkte den eifrigen KatholikInnen das Grundstück „Am Galgenberg“ für den Bau ihrer Kirche. Die Carbonit A.G. in Schlebusch spendete die 24 mal 13 Meter große Eisenkonstruktion einer ehemaligen Werkstatthalle als Grundgerüst für den Neubau.

Die benachbarte Carbonitfabrik war den Schildgenern wohlbekannt: Während des Ersten Weltkriegs hatten viele hier ihren Reichsarbeitsdienst geleistet.

Nach den zähen ersten Jahren überschlugen sich also plötzlich die Ereignisse, und so kam es bereits am 28.10.1928 zur Grundsteinlegung für die erste Kirche Schildgens. 1929 folgte die Weihe.

Carl Giesen schildert ein interessantes Detail, das heute leider verloren ist:

„Die Kirche ziert an der  Sakristeitüre ein Sanktusglöckchen, das von Schlossermeister Wilhelm Müller (der die Gründung eines Kirchbauvereins angeregt hatte, Anm. d. Red.) in Schildgen hergestellt  in sinnvoller Weise an die alten Zeiten erinnert. Es  stellt einen Galgen dar, unter dem das Richtschwert, Richtbeil und ein Scheiterhaufen zu sehen sind. Über dem Ganzen erheben sich die drei Kreuze von Golgatha. Das Wappen der Grafen von Metternich, der Herren von Strauweiler und früheren Eigentümer des Galgenberges, bildet nach unten hin den Abschluß.“

Giesen löste 1937 den ersten Pfarrer der Schildgener Rektoratskirche, Hubert Kochs, ab und seine Recherchen und Aufzeichnungen wurden bald eine der wichtigsten Grundlagen für das heutige Pfarrarchiv – und, wie Sie bereits festgestellt haben dürften, dieser Serie.

Er schrieb seine Chronik nach eigenen Angaben im Kriegswinter 1944. Nur wenige Monate später wurde er selbst Opfer des erbitterten letzten Kampfes in Schildgen…

Eine spannende Schilderung der dreitägigen Kämpfe um Schildgen finden Sie in unserem Bonus-Artikel!

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für 2019 den gleichnamigen Nostalgiekalender herausgegeben hat. Der Kalender zeigt eine Auswahl aus den über 100 Fotos, die Schildgener BürgerInnen dafür eingereicht haben. Wir erzählen jeden Monat die spannendsten Geschichten hinter den Bildern.

Quellenhinweise:

Carl Giesen (Rektoratspfarrer Herz Jesu von 1937-1945): „Chronik der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu Schildgen“

Engelbert Sommerberg: „Katholische Kirchengemeinde Herz Jesu – Chronik (1908 bis 1985)“

Engelbert Sommerberg: „Findbuch zum Archivbestand der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu in Bergisch Gladbach-Schildgen 1908 -2000“

Weitere Beiträge aus der Serie:

Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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