Der 1. Teil unserer Serie zeigt  den Weg Schildgens aus dem „Nebel der Geschichte“. Ganz entscheidend dabei: die Reuterstraße, heute Leverkusener und Voiswinkeler Straße, die es schon seit Urzeiten gibt. Foto: Birgitta Rieks

Hätten Sie gewusst, dass die ersten Menschen in der Steinzeit nach Schildgen kamen? Dass der Ortsteil bis 1975 halb zu Gladbach, halb zu Odenthal gehörte? Und dass im Mittelalter Verbrecher auf dem „Galgenberg“ gehängt wurden? In unserer neuen Serie erzählen wir die Geschichten hinter dem Nostalgie-Kalender „Schildgen wie es war“ – und einiges mehr.

Dichte Wälder überziehen die Landschaft, durchfressen von tiefen Sumpftälern. Ein Fluss bahnt sich in unzähligen Armen seinen Weg durch die Ebene. Alles, was Menschen hier vorfinden, bietet ihnen Kampf: Wasser, Wald, wilde Tiere.

Wir befinden uns mitten in Schildgen, lange vor unserer Zeit. Archäologische Funde zeigen, dass die Gegend, die wir heute als Stadtteil von Bergisch Gladbach kennen, schon vor Tausenden von Jahren besiedelt wurde. Forscher fanden hier eine Feuersteinspitze der älteren Steinzeit, Urnen, Werkzeuge aus Stein und Bronze.

Die Erinnerungen an die Frühgeschichte sind noch heute im Alltag der Schildgener präsent, ohne dass die meisten etwas davon wissen. Dabei man braucht nur einmal die Straßen- und Ortsteilnamen zu betrachten und an die Eingangsszene zu denken: Hoppersheider Busch, Katterbach, Seelsheide, Rothbroich (von Althochdeutsch „bruoh“ = Moorboden, Sumpf), um nur wenige Beispiele zu nennen.

Neue Serie: „Schildgen wie es war“

Sie sehen: Heimatgeschichte, das sind nicht nur trockene Daten und Fakten, sondern auch (und vielmehr) Bilder und Geschichten, wie wir sie nur zu gerne in Romanen lesen oder in Filmen sehen. Und diese Geschichten sind wirklich passiert – genau da, wo wir heute leben, einkaufen oder zum Gitarrenunterricht gehen.

In einer neuen Serie wollen wir einige dieser Geschichten erzählen. Die Reihe erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für das Jahr 2019 den Nostalgiekalender „Schildgen wie es war“ herausgegeben hat.

Das Titelblatt des Kalenders zeigt die Altenberger-Dom-Straße (auf Höhe der heutigen Löwenapotheke) 1902. Damals hieß sie noch Odenthalerstraße, war aber schon genau 50 Jahre alt. Foto: Iris Anand

Viele Menschen waren dem Aufruf nach Bildern und Geschichten gefolgt, hatten in ihren Alben und Schubladen gestöbert und über 100 tolle Fotos zur Verfügung gestellt. Der schnell ausverkaufte Kalender im DIN-A3-Querformat zeigt mit 52 Bildern einen großen Querschnitt aus diesem Material: teils (noch) bekannte, aber auch heute schon fast vergessene Schildgener Szenen.

„Hinter all diesen Aufnahmen stehen unzählige spannende Anekdoten oder ganze Lebensgeschichten“, sagt Achim Rieks vom H&Ä-Team; „zum Beispiel die eines jungen Juden, der im Zweiten Weltkrieg in der Gaststätte „Zur Post“ (heute Irish Pub) und im Keller des benachbarten Germania-Saals versteckt wurde, später in die USA auswanderte und ein berühmter Fotograf und Freund von Robert F. Kennedy und anderen Familienmitgliedern wurde.“

Wir schauen in die Archive, lassen verblasste Erinnerungen aufleben und sprechen mit Zeitzeugen wie dem einst jüngsten Kino-Vorführer von Köln. Zum Auftakt der Serie betrachten wir das Kalender-Titelblatt und die Januar-Bilder mit ihren historischen Straßen-Ansichten – und zeigen in einem Rundumschlag den Weg Schildgens aus dem Nebel der Geschichte auf.

Fotos: Birgitta Rieks / Hans Jakob König / Christel Polito

Eine Begräbnisstätte auf der Sanddüne

Blicken wir also noch einmal zurück. Da, wo jetzt die Voiswinkeler und Leverkusener Straße verlaufen, gab es wohl schon in prähistorischer Zeit einen Weg, der damals exakt an den Sumpfgebieten vorbeilief.

Im Kreuzungsbereich mit der heutigen Altenberger-Dom-Straße lag auch die höchste von zahlreichen Sanddünen in der Gegend. Der später „Galgenberg“ genannte Hügel diente um 1000 vor Christus wohl als Begräbnisstätte.

„Hier wurden die Toten aus den umliegenden Siedlungen auf mächtigen Scheiterhaufen, deren Flammen das Dunkel der Urwälder magisch erleuchtet haben mögen, verbrannt“, liest Georg Zens aus der Pfarrchronik der Schildgener Herz Jesu Gemeinde vor, die Rektoratspfarrer Carl Giesen (siehe Quellenhinweise) 1942 geschrieben hat. Als Gemeinde-Archivar ist Zens zuständig für das Pfarrarchiv, wo einige der ausführlichsten Ortsteil-Chroniken und viele historische Fotos liegen.

„In den heftigen Kämpfen um Schildgen am 13. April 1945 gehörte Pfarrer Carl Giesen als einer der ersten zu den 18 Gefallenen, die vor der Kirche bestattet wurden“, erzählt Zens. „Heute ist ja auch in Schildgen eine Straße nach ihm benannt.“

Der Galgenberg wurde ab Mitte des 19. Jahrhundert abgetragen, um Material für den Straßen- und Häuserbau zu gewinnen, der Ort dürfte aber in ganz Bergisch Gladbach bekannt sein: Hier wurde 1928 die erste katholische Kirche in Schildgen als „Außenstelle“ von Odenthal gebaut (der heutige Pfarrsaal).

1960 entstand daneben die Herz-Jesu-Kirche, das wohl ortsprägendste Bauwerk, errichtet nach Plänen des Architekten Gottfried Böhm.

Doch bis dahin durchliefen der Galgenberg und seine Umgebung noch einige weitere spannende Stationen.

Kelten, Germanen und dann die „Pfaffen“

Um 500 vor Christus verdrängten die Germanen die Kelten, die sich hier niedergelassen hatten. Den nächsten großen Besiedelungsschub gab es erst mehr als 1000 Jahre später, in der sogenannten Rodungszeit.

Das ganze Waldgebiet rund um Schildgen war Königsgut. Weil der König der Kirche wohlgesonnen war, erhielten der Bischof von Köln und die großen Kölner Stifte Teile davon – sogenannte Gemarkungen, ein Ausdruck, der uns noch heute geläufig ist.

Die Wälder wurden gerodet, die Stifte errichteten Höfe mit dazugehörigen Kirchen. Auf das Kölner Domkapitel geht die „Pfaffenrodung“ zurück – die Ähnlichkeit mit „Paffrath“ ist kein Zufall. Die dortige Pfarrkirche soll schon um 800 nach Christus entstanden sein, urkundlich erwähnt  wird sie aber erst 1160.

Mittelalter: Knotenpunkt des Handels

Mit der Entwicklung Kölns zur Handelsmetropole des Rheinlands wurde Schildgen im Mittelalter zu einem Knotenpunkt des Warenverkehrs zwischen Deutz und Westfalen, später auch Bremen. Die Leverkusener und Voiswinkeler Straße, die damals noch Reuterstraße hießen, waren Zubringer zu den heutigen Bundesstraßen 51 und 506 (Alte Wipperfürther Straße), zwei wichtigen Wegen in den Nordosten.

Damals rüttelten also von Pferden gezogene, einachsige Karren durch Schildgen. Die Karren hatten zwei Räder, jedes mit einem Durchmesser von 1,80 Meter. Planen schützten die Waren gegen Wind und Wetter.

Aus unserer Region gingen nicht nur Tiere in Richtung Norden, sondern auch Töpfe aus Paffrath und Katterbach, Kalk aus Bergisch Gladbach und Klutstein, Brenn- und Bauholz, Kupfer, Silber, Blei und Eisen. Die Produktionsstätten waren weithin bekannt. Ins Bergische eingeführt wurden Wein, Zucker, Tee, Gewürze und Stockfisch.

Auf dem „Galgenberg“ hingen die Verbrecher

Im Jahr 1634 errichte Odenthal auf dem Galgenberg eine Richtstätte. Schildgen gehörte damals bis zur Kempener Straße zu Odenthal. Der südliche Bereich war Teil von Paffrath und damit Bergisch Gladbach.

Das Landgericht Odenthal-Strauweiler ließ auf dem Galgenberg „Hexen“ verbrennen und Verbrecher bestrafen. Einer der gefährlichsten Raubmörder der Gegend, Johann Wilhelm Müller, genannt „Heidewellem“, soll hier 1747 vom „Leben zum Tode befördert worden“ sein, so Giesen.

Die Verurteilten wurden öffentlichkeitswirksam aufgehängt oder mit zerschlagenen Gliedern am Rad festgebunden. So konnten Durchreisende gleich sehen, was mit Gesetzesuntreuen geschah. Im Mittelalter war das ein gängiges Mittel, um vor Straftaten abzuschrecken.

Aus dieser Zeit stammt eine Karte des „Herzogtums Berg“, gezeichnet von Erich Philipp Ploennies:

Ausschnitt aus „Das Amt Porz – Topographia Ducatus Montani (1715), Abzeichnung und Beschreibung des Hertzogthumbs Berg von E. PH. Ploennies“. Als einzige Straße ist die uralte Reuterstraße (heute Leverkusener / Voiswinkeler Straße)  zu sehen. Zu Ploennies’ Zeit diente sie dem Bergischen Adel als Reiter- und Kurierweg zwischen den mittelalterlichen Burgen und späteren Residenzschlössern Düsseldorf-Benrath und Bensberg. Quelle 

Zu sehen sind hier, entlang der alten Reuterstraße, die Höfe „Hopperscheid“, „Schüllersbrug“ (Schüllenbusch), „Plackenbrug“, „Hülsen“, „Catterbag“, „Siefen“, „Hufen“ und „Torreck“ (Torringen).

Nicht eingezeichnet sind Höfe wie Nittum, Unterscheid, Fahn, Rothbroich, Hoverhof, Scharrenberg oder Kalmünten, die laut Kirchenbüchern aus Odenthal und Paffrath zu der Zeit ebenfalls existierten.

19. Jhd: vom Acker in die Sprengstofffabrik

Nach dem deutsch-französischen Krieg Anfang der 1870er-Jahre erlebte die Gegend einen weiteren Aufschwung. Die Menschen gingen immer mehr von der Ackerarbeit zur Industriearbeit über, erst im Bereich der Handweberei, dann in Sprengstofffabriken in Schlebusch. Die gutgehende Industrie im Umkreis sorgte für zahlreiche Zuzüge im Schildgener Bezirk – günstig gelegen zwischen Bergisch Gladbach, Köln und Leverkusen.

Den Ortsteil, wie wir ihn heute kennen, gibt es allerdings erst seit wenigen Jahrzehnten: Mit der kommunalen Gebietsreform wurden das damalige Schildgen, Nittum und Kalmünten 1975 von Odenthal nach Bergisch Gladbach umgemeindet.

Die Stadtgrenze war bis dahin nahe der Kreuzung Altenberger-Dom- / Kempener Straße verlaufen, jenseits davon begann Unterpaffrath mit Katterbach, Torringen und Seelsheide. Erst 1986 wurde eine Mauer, die die Trennung markierte, abgerissen.

Hinweis der Redaktion: Diese Serie setzen wir in Kooperation mit Achim Rieks und dem Himmel un Ääd das ganze Jahr hinweg fort: Jeden Monat gibt es ein neues Kalenderblatt und viele Geschichten aus der Geschichte Schildgens.

Quellenhinweise:

Carl Giesen (Rektoratspfarrer Herz Jesu von 1937-1945): „Chronik der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu Schildgen“

Gisela und Herbert Brühl: „Schildgen und der mittelalterliche Fernhandel“, Dorfplatz , Ausgabe 15 (Okt. 2011)

Dr. Johanna Mattissen: „Schildgen-Katterbach vor 300 Jahren“, Dorfplatz , Ausgabe 23 (Okt. 2015)

Peter Kombüchen: „Nittum bei Schildgen im Wechsel der Zeiten“

Weitere Folgen der Serie:

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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1 Kommentar

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  1. Ganz tolle Idee, diese Serie. Bitte irgendwann als Buch bringen. Oder als PDF eBook oder so.