Viele Lehrer, einige Schüler und Vertreter der Stadt haben sich einen Abend lang mit den gewaltigen Problemen der Inklusion in der Praxis auseinander gesetzt. Der Befund ist klar, Lösungen bekannt, Geld eigentlich vorhanden – nur das Land blockiert. Das wollen sich die Lehrer nicht länger gefallen lassen. 

Kurz vor der Sommerpause hatte Angelika Wollny, die Direktorin der IGP, im Stadtrat die Zustände in ihrer Schule in klaren Worten geschildert– und damit ein Fass aufgemacht. Wie sehr es in diesem Fass brodelt, wird an diesem Abend rasch deutlich.

Die Lehrergewerkschaft GEW hatte in den Ratssaal Bensberg eingeladen, die Resonanz der Betroffenen aus Bergisch Gladbach und Köln auf die Initiative von SPD-Ratsherr und GEW-Vorstand Mirko Komenda war  groß.

Seit sieben Jahren herrscht formal Inklusion an den Schulen, mit einem Erlass im Oktober 2018 hatte die Bezirksregierung Köln alle sieben weiterführenden Schulen in Bergisch Gladbach zu „Schulen gemeinsamen Lernens” erklärt, nur die Gymnasien blieben außen vor.

Doch an der Ausstattung mit Räumen oder Personal hat sich so gut wie nichts geändert. Die Lehrer sind völlig überlastet, die Leidtragenden sind die Kinder, so das vorherrschende Urteil. Wer dafür die Verantwortung trägt, wird rasch klar.

Wohin mit dem Schwarzen Peter?

Zunächst stellen sich Co-Dezernent Bernd Martmann und Fachbereichsleiter Dettlef Rockenberg, in Bergisch Gladbach für die Schulen zuständig, den Fragen. Sie bestätigen die schlimmen Verhältnisse, zeigen sich aber machtlos.

Mehrfach habe die Stadtspitze bei der Bezirksregierung darauf hingewiesen, dass Räume und Personal fehlen, das habe die Behörde ignoriert.

Die Bezirksregierung stellt fest, dass in sieben Schulen ausreichen Räume und Förderpädagogen vorhanden sind, nur –  das stimmt nicht”. Bernd Martmann

Jede einzelne der sieben „Schulen gemeinsamen Lernens” in Bergisch Gladbach habe deutlich Defizite, nicht nur die IGP.

Dabei, das macht eine Mitarbeiterin der Schulverwaltung klar, habe in Bergisch Gladbach bislang jedes Inklusionskind einen Platz bekommen. Da die Standards fehlten müsse man aber für jedes Kind eine eigene Lösung erarbeiten.

Das ist alles dramatisch, seit Jahren. Und nichts passiert, was man als Lehrer oder Eltern spüren könnte.” Lehrer im Publikum

Geld für eine bessere Ausstattung oder gar einen Umbau der Schulen, habe die Stadt in den vergangenen sieben Jahr vom Land nicht bekommen. Zwar baue die Stadt mit den Otto-Hahn-Schulen zum ersten Mal seit 40 Jahren einen Schulkomplex komplett um, dabei habe man auch die Inklusion im Blick gehabt, erläutert Martmann. Nur mit der Rückkehr zu G9 würden diese zusätzlichen Räume schon wieder blockiert.

Für die Stadt sei klar: Das Land müsse Standards für die Inklusion aufstellen – und dann auch das Geld überweisen, das entsprechende Um- und Neubauten möglich macht: „Wir können nur  das Geld verbauen, was uns das Land für seine Bestellungen gibt”, sagt Martmann.

Angela Bankert, Dettlef Rockenberg, Dirk Prinz, Bernd Martmann, Nikolaus Kleine

Erst Standards, dann Geld

Die Verantwortlichen, da sind sich auch die Lehrer, Gewerkschafts- und Personalratsvertreter einig, sitzen in Köln bei der Bezirksregierung und vor allem in Düsseldorf bei der Landesregierung.

Standards, und zwar verbindliche Standards müssten endlich aufgestellt werden. Was die Landesregierung aber nicht mache, weil dann ja klar sei, dass Geld fließen muss, erklärt Angela Bankert, Geschäftsführerin der GEW Köln.

Zwar hat Schulministerin Yvonne Gebauer die Formel 25/3/1,5 ausgegeben: Pro Klasse höchstens 25 Kinder, davon drei mit erhöhtem Förderbedarf und 1,5 Lehrer / Sonderpädagogen. Aber auch das sei nur eine „Orientierung”, keine Vorgabe oder gar Standard.

Eigentlich, so rechnet Komenda vor, sei für die Bewältigung der Inklusionsaufgaben eine zusätzliche volle Stelle erforderlich, und nicht die halbe – die es oft auch nur in der Theorie gibt.

Es ist ein Punkt erreicht, wo es nicht mehr weiter geht. Ich habe Kollegen, die sind schon eine Woche nach den Ferien völlig fertig.” Mirko Komenda

Denn Geld ist eigentlich gar nicht das Problem. 1,25 Milliarden Euro habe das Schulministerium 2017 und 2018 an den Finanzminister zurückgegeben. Sie waren eigentlich für Sonderpädagogen und Lehrer vorgesehen gewesen – doch konnten die Stellen nicht besetzt werden, berichtet Dirk Prinz, Hauptpersonalrat für Gesamtschulen in NRW und seit Jahrzehnten Lehrer in Bonn-Beuel.

Auf dem Markt gibt es keine Sonderpädagogen, die Fortbildung läuft schlecht und für die Ausbildung neuer Fachkräfte gibt es viel zu wenig Studienplätze.

Verschiebebahnhof

Damit ist klar, dass die Räume das kleinere und das Personal das deutlich größere Problem ist. Und für das es kurzfristig allenfalls Scheinlösungen gibt.

Das zeigt auch das Vorgehen der Bezirksregierung: Nach dem öffentlichen Alarmsignal der IGP ordnete die Behörde zwei Tage vor Ferienbeginn plötzlich drei halbe Kräfte von der Gesamtschule Holweide nach Paffrath ab. Womit sie in Holweide fehlen.

Man kann doch nicht einfach an der kurzen Decke ziehen, bis neue Löcher aufreißen!” Angelika Bankert

Insgesamt 1100 Stellen für Sonderpädagogen, das berichtete der Gesamtbetriebsratschef Prinz, sind im Moment in NRW nicht besetzt. Betroffen davon sei so gut wie jede Schule: an der IGP seien 3,6 Stellen nicht besetzt, an der Nelson-Mandela-Gesamtschule 3,5, in Holweide 3,5, in Kalk 2,1.

Unfassbar. Das kann doch nicht sein. Diese Worte fallen immer wieder.

„Inklusion ist großartig”

Die Bezirksschülervertretung RheinBerg stellt sich klar auf die Seite der Lehrer – und der Inklusion. In einem deutlichen Statement betonen Aurelius Gatzweiler und Felix Naal, dass sie sehen, dass engagierte Lehrer auch ohne die Inklusion schon zu viel zu tun hätten. Die wenigen Sonderpädagogen würden hin und her geschoben, mit Inklusion habe das nichts mehr zu tun.

Der Vorschlag der Bezirksregierung, Differenzierungsunterricht zur Not auch auf den Flur zu verlegen, könne doch wohl nicht ernst gewesen sein. Offenbar leider doch. Daher machten sie sich große Sorgen um ihre Mitschüler, sagen Gatzweiler und Naal. Aber niemand dürfe ausgeschlossen werden.

Inklusion ist großartig und wichtig! Die Schulen brauchen mehr Inklusion, mit mehr Zeit, mehr Geld und einem Konzept”. Felix Naal

Auch Gymnasien müssen ran

Aber wie? Kurzfristig, für die nächsten drei bis vier Jahre, so der Konsens, gibt es wenig Abhilfe.

Mit zwei  Ausnahme: Auch die  Gymnasien müssten Schüler mit erhöhtem Förderbedarf aufnehmen. Die aktuelle Situation, dieses Urteil fiel häufiger, gleich mehr eine Selektion denn einer Inklusion.

Zudem könne das Ministerium die Schulen gemeinsamen Lernens bei der Zuweisung von Lehrern bevorzugen.

Mittel- und langfristig müsse sehr viel mehr Geld in das System fließen, für Räume, Ausstattung, Ausbildung und dann auch Personal.

Sternmarsch auf Düsseldorf?

Damit das geschehe, müsse politischer Druck aufgebaut werden. Wie wäre es denn, fragt Moderator Nikolaus Kleine, wenn einer der nächsten Freitage mal genutzt werden für einen Sternmarsch von Schülern, Lehrern und Eltern nach Düsseldorf?

Genau das hat die GEW vor. Nicht an einem Freitag, sondern an einem Samstag, am 9. November. Dann ist eine große Demonstration unter dem Motto „Bildungsnotstand – jetzt reicht’s” geplant.

Unabhängig davon könne jeder, ob Lehrer oder Eltern, die lokalen Landtagsabgeordneten ansprechen, in die Schulen einladen und sie für eine andere Politik verantwortlich machen.

„Allein machen sie Euch ein”

Was können die Lehrer selbst bis dahin eigentlich tun, wird aus dem Publikum gefragt. Zum Beispiel, sich weigern, einen völlig ungeeigneten Raum zu betreten? Kann man die Missstände öffentlich anprangern?

Die GEW-Vertreter mahnen zur Vorsicht. Das könne als Arbeitsverweigerung ausgelegt werden. Und wer alleine Kritik übe, werde einbestellt und mit mündlichen Abmahnungen konfrontiert. Wie Angelika Wolny, die sich im Konflikt mit der Bezirksregierung inzwischen von einem Anwalt beraten lässt.

Dennoch, so der Rat, sollten sich die Lehrer nicht alles gefallen lassen. Missstände können Lehrer und Direktoren öffentlich machen, aber nicht alleine, sondern im Kollektiv.

Gleiches gelte für sogenannte Überlastungsanzeigen: Wer das isoliert mache, müsse mit Repressionen rechnen. Aber wenn man diese Anzeigen sammele und dann zehn, zwanzig gebündet einreiche, werde der Bezirksregierung vielleicht klar werden, dass sie ein Problem hat.

Die GEW RheinBerg hat außerdem eine Unterschriftensammlung angeschoben, mit konkreten Forderungen: mehr Räume, mehr Personal und den Einsatz des LVR-Einzelmaßnahmen-Etats für die Verbesserung der Raumsituation durch die Kommunen.

Ganz offenbar herrscht unter den Lehrer Angst vor Nachteilen durch den Arbeitgeber Bezirksregierung.

Alleine machen sie Dich ein, aber gemeinsam mit Eltern und Schülern sieht das anders aus – Schule muss sich solidarisch verhalten.” Dirk Prinz

Bereichernd und beglückend

Während der Debatte, und ganz deutlich noch einmal zum Schluss, machen die Lehrervertreter klar, dass sie nicht gegen Inklusion opponieren, sondern für eine bessere Inklusion kämpfen. Die aktuellen Probleme und Kritiken dürften sich auf keine Fall gegen den Inklusionsgedanken richten.

„Inklusion kann funktionieren, das geht”, sagt Prinz, der das als Klassenlehrer an einer Lehrerschule über Jahrzehnte hinweg erlebt habe: „Und wenn sie funktioniert, dann ist sie bereichernd und beglückend für alle Beteiligten.”

Weitere Beiträge zum Thema:

Inklusion aus der Sicht einer betroffenen Familie

Inklusion ohne Räume und Personal – Schulen im Chaos

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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