Christian Buchen. Foto: Manfred Esser

Eine Krise besteht in der Herausforderung, neue Herangehensweisen zu finden, weil man mit gewohnten nicht mehr vorankommt. Damit liegt in einer Krise auch immer eine Chance zur Weiterentwicklung. „Nach Corona wird nichts mehr so sein, wie es vorher war.“ Das hört man im Moment überall. Doch was kann das für uns in Bergisch Gladbach heißen?

Noch stecken wir mittendrin. Mittendrin im Ausnahmezustand und in der Bewältigung der Corona-Krise. Wir gewöhnen uns an Plexiglasscheiben und Gesichtsmasken. Gleichzeitig tasten wir uns mit ersten Lockerungen vorsichtig voran.

Wir fahren dabei auf Sicht. Immer bereit, doch wieder auf die Bremse zu treten, wenn die Infektionszahlen steigen. Währenddessen diskutieren wir weiter über die angemessene Geschwindigkeit und ob wir an der nächsten Kreuzung lieber links oder rechts abbiegen sollen. Wie lange wir so fahren müssen und wo die Reise endet, wissen wir leider nicht. 

Hinweis der Redaktion: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Christian Buchen. Er ist stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion und Kandidat für die Bürgermeisterwahl im September. Wir werden in der nächsten Zeit eine Reihe von Gastbeiträgen veröffentlichen, in denen die Autoren der Frage nachgehen, wie die Stadtgesellschaft mit den neuen Herausforderungen umgehen soll.

Zukunftsforscher (ich finde das ist eine beeindruckende Berufsbezeichnung) versuchen zu skizzieren, wie die Nach-Corona-Zeit aussieht. Und auch wenn das niemand wirklich voraussehen kann, so wird klar, dass eine neue Form von „Normalität“ entstehen wird – auch bei uns vor Ort in Bergisch Gladbach.

Zukunft heißt auch Hoffnung

Und jetzt wird es entscheidend: Ein jeder von uns kann sich in die ausschließliche Betrachtung von Krisenszenarien und dem Negativen zurückziehen – oder aber auch positiv nach vorne schauen und Perspektiven erkennen und aufzeigen. Zukunft heißt auch Hoffnung.

Natürlich wünsche ich mir wie alle anderen vieles aus der Vor-Corona-Zeit zurück. Mir fehlen persönliche Treffen mit Familienmitgliedern und Freundinnen und Freunden, die Umarmungen zur Begrüßung oder zum Abschied. Mir fehlen persönliche Gespräche von Angesicht zu Angesicht, gemeinsame Feiern oder das Bummeln durch die Innenstadt.

Ich mache mir Sorgen um diejenigen Menschen, deren Existenzen auf dem Spiel stehen, und wünsche mir, dass es auch für sie bald wieder weitergeht. Und ja, auch mich nerven Hamsterkäufer, Egoisten und andere negative Erscheinungen in diesen Tagen, über die ich mich richtig aufregen könnte.

Das neue Normal

Doch gibt es einige positive Erfahrungen der vergangenen Wochen, von denen ich mir wünsche, dass sie Teil unseres „neuen Normals“ werden:

Da gibt es ein neues Wir-Gefühl in der Nachbarschaft. Und Nachbarschaft ist dabei nicht nur auf die eigene Straße begrenzt. Die Jüngeren gehen für die Älteren einkaufen, gemeinsam achten wir auf die Menschen, die zur Risikogruppe gehören, nähen für andere Gesichtsmasken und passen aufeinander auf.

Wir empfinden Dankbarkeit und Respekt für die Menschen, die im Moment den ganzen Laden an vielen Stellen am Laufen halten – in den Supermärkten, im Gesundheitssystem, in der Pflege und so vielen „systemrelevanten“ Stellen mehr. Wir müssen überlegen, wie wir diesen Zusammenhalt, diesen Umgang miteinander und diese Solidarität dauerhaft erhalten.

Da ist für viele der erzwungene Stopp des sich immer schneller drehenden Hamsterrads. Die Erkenntnis, dass ein ewiges „Höher, Schneller, Weiter“ nicht das Wichtigste im Leben ist. Wir müssen überlegen, was wirklich wichtig ist. Auch ich bin nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends unterwegs.

Im Moment lese ich nach längerer Zeit mal wieder ein Buch. Ich wünsche mir, dass es auch nach Corona für jeden von uns immer wieder Zeiten zum Innehalten und Entschleunigen gibt und dass sich unsere Kalender nicht wieder bis zum Anschlag füllen.

Die Zwangsumstellung auf das Homeoffice hat für viele überraschend gut geklappt. Das kann gerne Teil des Arbeitslebens werden – ohne persönliche Treffen im Büro auszuschließen. So wünsche ich mir, dass es in der Breite eine neue Flexibilität des Arbeitens geben wird. Mal im Büro, mal im Homeoffice. Allein der dadurch reduzierte Pendel- und Berufsverkehr wird es uns allen danken.

Wir wollen lebendige Innenstädte haben

Wir schätzen den lokalen Handel und unsere Gastronomie seit Ausbruch der Krise wieder mehr. Statt alles bei Online-Riesen zu bestellen, kontaktieren wir im Moment Einzelhändler vor Ort, die mit Abhol- und Lieferdiensten ihren Service ausgeweitet haben. Wir holen uns das Essen nach Hause, das wir sonst im Restaurant verspeist hätten. Auch das ist Zusammenhalt. Mein eigenes Einkaufsverhalten hat sich in den letzten Wochen in dieser Form geändert.

Zur Wahrheit gehört jedoch leider auch, dass sehr wahrscheinlich nicht alle Betriebe ihre Türen wieder aufmachen werden. Nicht jeder wird das alles finanziell überstehen. Doch hoffe ich, dass die Bereitschaft der Menschen, die lokale Wirtschaft zu unterstützen, langfristig bleiben wird.

Und dass die Händler ihre Abhol- und Lieferdienste beibehalten und auch den Schritt ins Internet wagen, um es mir als Kunden zu ermöglichen, online und dennoch lokal zu bestellen. Auch in Zukunft wollen wir lebendige Innenstädte in Bergisch Gladbach haben.

Mut zur Veränderung

Da ist Mut zu Innovation und Veränderung bei den Menschen wie auch bei den Unternehmen. In meinem Heimatstadtteil Herkenrath hat sich ein Familienunternehmen vom Anlagenbauer zum Produktionsbetrieb entwickelt und die erste deutsche Produktionsstraße für Schutzkittel in Betrieb genommen. Und das alles in nur 10 Tagen. Wahnsinn! Seitdem werden täglich 30.000 Schutzkittel produziert – 100% Made-in-Germany.

Diese positive Energie und diese Aufbruchsstimmung wünsche ich mir auch in Zukunft, um gemeinsam Probleme anzupacken und zu lösen!

Chancen der Digitalisierung ergreifen

Videokonferenzen und moderne Technologien haben von heute auf morgen Einzug in verschiedene Lebensbereiche von uns gehalten. Nicht nur ins Berufliche, sondern auch ins Private, um Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden zu halten. Und es entpuppt sich als praktikabel und produktiv. Es macht sogar Spaß, auch wenn es natürlich kein vollwertiger Ersatz für ein persönliches Treffen sein kann.

Natürlich werden Kinder und(!) Eltern froh sein, wenn die Kitas und Schulen wieder offen sind. Wenn man sich mit Oma und Opa oder Freundinnen und Freunden wieder treffen kann. Doch werden wir in den Familien auch viel über Internet-Teaching und das Nutzen moderner Medien gelernt haben. Wir stellen jetzt schon fest, wie die Krise der Digitalisierung einen großen Schub gegeben hat.

Und ich wünsche mir, dass in Zukunft auch andere Anliegen zwischendurch von zu Hause aus geregelt werden können: Banktermine, Vereinsgremientreffen oder Behördenangelegenheiten zum Beispiel. Es ist wichtig, in eine moderne digitale Ausstattung der Schulen zu investieren! Wir müssen auch in Bergisch Gladbach die Chancen der Digitalisierung ergreifen, ohne Menschen dabei abzuhängen. 

Die Heimat neu entdecken

Unsere Heimat wird im Moment neu entdeckt. Und zwar von uns, denjenigen, die hier leben. Bei Wanderungen durch die Wälder und die Natur wird uns wieder bewusst, wie schön wie es hier bei uns im Bergischen haben. Wir merken, dass uns die besondere Stadt-Land-Mischung Bergisch Gladbachs Lebensqualität gibt.

Mir begegnen mehr und mehr Menschen, die beim Spazierengehen freundlicher als früher grüßen. Ich wünsche mir, dass dieser neue Blick auf die Möglichkeiten unsere Heimatstadt bleibt. Dass wir auch in Zukunft die schönen Ecken Bergisch Gladbachs zu schätzen wissen und mehr zur Entspannung nutzen.

„Never waste a good crisis“

… oder zu Deutsch „Verschwenden Sie niemals eine gute Krise“ hat Sir Winston Churchill einst gesagt. Und er hat Recht: Auch wenn die Corona-Krise uns in den kommenden Monaten noch einige Entbehrungen abverlangen wird und einige von uns das Jahr 2020 kopfschüttelnd abhaken werden, so sollten wir uns dennoch gemeinsam überlegen, was wir aus dieser Zeit an Positivem mitnehmen wollen.

Für mich wären die oben genannten Punkte ein guter Anfang.

Christian Buchen

40 Jahre alt, lebt seit seinem 7. Lebensjahr in Bergisch Gladbach. Er ist in Herkenrath aufgewachsen, seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Stadt aktiv und seit 11 Jahren Mitglied des Rates. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Infrastruktur und Verkehr und seit vier...

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1 Kommentar

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  1. Werde das ganze noch einmal ein wenig ergänzen. Viele Menschen kennen durch unsere schnelle Zeit keine Familie mehr, kein Zusammenhalt, die Zeit miteinander fehlte, wie schrieb Herr Buchem schneller immer schneller bis zum Stop. Menschen entdecken wieder das# ich#, die Ruhe,die Familie selbst Zeit für Kinder in Familien ist wieder da,. Es war die Chance wieder Dinge zu entdecken die eigentlich schon in Vergessenheit geraten waren.
    Nehmt alle aus der Krise mit was wieder gefunden wurde und versuchen Sie die kleinen vergessen Dinge in das Leben wieder zu bringen. Herr Buchem schrieb auch ich lese nun mal wieder ein Buch. Nehmen Sie alle das positive mit bleiben Sie gesund und denken Sie daran :Gemeinsam sind wir stark gemeinsam sind wir der pol dieser Stadt, denn wir alle können etwas bewegen, denn nur wer nichts tut und nur die negativen Dinge sieht wird nichts erreichen. Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft schauen