Jürgen Sterzenbach und Roman Salyutov

Vor 55 Jahren haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen. Heute werden diese Beziehungen von vielen Menschen getragen, wie zum Beispiel vom Musiker Roman Salyutov. Im Interview berichtet er über seinen Weg zur Musik, seinen Arbeitsalltag, seine Pläne – und über sein Engagement für Israel.

Roman, wie ist es dazu gekommen, dass Du Musik und Musikwissenschaft studiert hast? Ist Dir die Liebe zur klassischen Musik in die Wiege gelegt worden?

Roman Salyutov: Klassische Musik war im Elternhaus in verschiedenen Formen immer präsent – Schallplatten, philharmonische Konzerte. Meine Heimatstadt Leningrad war damals – und bleibt es bis heute! – eine wichtige kulturelle Hochburg, sogar im weltweiten Maßstab.

Meine Eltern sind zwar keine Musiker, sondern Naturwissenschaftler, aber sie haben mein Interesse an der klassischen Musik, das ich mit 6 Jahren gezeigt habe, konsequent gepflegt und unterstützt. Meine Mama – selbst eine passionierte Amateurpianistin – war meine erste Klavierlehrerin, die mich auf mein Jungstudium an einer städtischen Musikschule bestens vorbereitet hat.  

Zur Musikwissenschaft bin ich später gekommen – als ich meine theoretischen Kenntnisse auf eine spezielle Art vertiefen wollte. Dies resultierte dann in meiner Promotion zum Dr. Phil. vor ca. 10 Jahren an der Universität Paderborn. 

Zum Hintergrund: Am 12. Mai 1965 haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen. Beziehungen, die längst nicht nur von Politikern, sondern von Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen getragen werden. Zwei Bergisch Gladbacher, die sich hier besonders engagieren, sind Dr. Roman Salyutov und Jürgen Sterzenbach. Beide sind Mitglieder in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V. (DIG). Für die Zeitschrift der DIG hat Sterzenbach Roman Salyutov befragt. Wir veröffentlichen das Gespräch vorab. 

Du bist sehr aktiv als Pianist, Dirigent, aber auch als Initiator und Organisator von Festivals und Veranstaltungen. Wie schaffst Du es, all dies zu vereinbaren?

Neben meiner Selbstvermarkung- und verwaltung als Künstler leite ich dazu noch zwei große und arbeitsintensive Vereine– das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach als Dirigent und „Musik- und KulturFestival GL e. V.“ als erster Vorsitzender, die jährlich mehrere nationale wie internationale Projekte umsetzen. Da ich von der Natur her zu schlanken Organisationsstrukturen tendiere, schaffe ich es recht gut, das alles parallel zu erledigen.

Ich habe Spaß daran, die ganze Organisation von der Programmplanung und den Finanzen bis hin zu Werbung und Pressearbeit in der Hand zu haben – und es ist effektiv. Ein Vorbild aus der Musikgeschichte dafür ist Gustav Mahler: Als Direktor der Wiener Staatsoper hat er den ganzen Opernbetrieb an sich gezogen, wodurch er entbehrliche Diskussionen und Kompetenzstreitigkeiten vermieden und eine enorme Qualitätssteigerung ermöglicht hat.

Wenn ich merke, dass sich ein gutes Projekt abzeichnet, ist es für mich wichtig, es in allen Details nach der künstlerischen Vision auszugestalten – damit das Gesamtkonzept stimmig ist. Dabei ist es hilfreich, alle Fäden in der Hand zu halten.

Wie sieht ein Tag im Leben eines freischaffenden Künstlers aus? 

Es gibt sehr viele und individuelle Varianten eines freischaffenden Lebens, und insofern kann ich natürlich nur von mir sprechen. Es sind unterschiedliche Tage – im normalen Arbeitsrhythmus oder im Konzertmodus. Ein Arbeitsalltag fängt bei mir spätestens um 7 Uhr morgens an. Bis 10 Uhr sowie in der Mittagspause 13 bis 15 Uhr wird die vielfältige organisatorische Arbeit ausgeübt – Telefonate, Mails usw.

Geübt am Klavier wird 7 Stunden täglich, um 19 Uhr bin ich dann durch und kann mir abends entweder etwas Freizeit nehmen, oder – wenn viel zu tun ist – mich wieder an den Schreibtisch begeben. Natürlich sieht es anders aus, wenn ich Proben, Treffen und Konzerte habe. Aber meine tägliche Arbeitszeit beläuft sich je nach Phase auf 10 bis 14 Stunden. 

Wie viele Konzerte gibt Du im Jahr?

Im Moment sind es ca. 50 bis 60. Natürlich kommt es bei der Quantität der Konzerte auch darauf an, wie viele verschiedene Programme ich pro Jahr spiele. Im Laufe der Jahre habe ich mir aufgrund meiner Vielfalt von Programmen ein Repertoire von über 500 Werken geschaffen.

Wer sind Deine Lieblingskomponisten?

Ich kann es nicht eindeutig sagen – es hängt in erheblichem Maße davon ab, wozu ich im Moment emotional eher neige. Persönlich besonders nah ist mir zum Beispiel Beethoven, Chopin, Liszt und Brahms spiele ich sehr häufig. Natürlich nehmen auch russische Komponisten wie Tschaikowsky und Rachmaninow in meinem Leben einen besonderen Platz ein. Was die sinfonische Musik betrifft, ist einer meiner größten Träume, alle Sinfonien von Schostakowitsch und des oben erwähnten Gustav Mahler zu dirigieren.

Hast Du einen besonderen Bezug zu jüdischen Komponisten?

Ich habe einen besonderen Bezug nicht speziell zu jüdischen Komponisten, sondern zu allen Komponisten, die sich in ihrem Schaffen mit der Vielfalt der jüdischen Kultur und Geschichte beschäftigen. Dies ist für mich nicht nur von rein musikalischem, sondern auch von musikwissenschaftlichem bzw. philosophischem Interesse.

Eine solche künstlerische Widerspiegelung des Judentums fördert nicht nur mehr Verständnis für die Geschichte des jüdischen Volkes, sondern trägt auch zur Völkerverständigung und dem gegenseitigen Respekt nicht unerheblich bei. 

Was verbindet Dich mit Israel?

Erstens ist es die historische Heimat aller Menschen jüdischer Herkunft – und wenn sie sich dessen bewusst sind, so spürt man eine besondere, ich würde sagen, geistige Verbindung mit diesem Land, auch wenn es nicht so häufig besuchen kann. Ich bin hier in Deutschland gut angekommen, es sind bereits über 15 Jahre vorbei, ich bin sehr aktiv tätig und kann mich beruflich sehr gut entwickeln. Aber zugleich freue ich mich sehr, dass ich jederzeit nach Israel gehen kann – und zwar nicht nur als Gast und Tourist, sondern für immer. Das ist ein sehr wichtiges Gefühl.  

Zweitens sind viele unserer Verwandten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel ausgewandert, in der Zeitspanne von den 70-er bis zu den 90-er Jahren – von absolut säkular bis streng orthodox. Und es ist sehr interessant zu sehen, wie sie alle sich in der israelischen Gesellschaft wiedergefunden haben. Außerdem habe ich viele Freunde – sowohl noch aus meiner Schulzeit wie auch immer wieder neue Leute.

Drittens ist das meine Tätigkeit als Gründer und Leiter des deutsch-israelischen Yachad Chamber Orchestra (YCO).  

Roman Salyutov, Lizy Delaricha, Bürgermeisterin von Ganey Tikva, Lutz Urbach, BM GL, vor Angehörigen des Yachad Chamber Orchestra

Aus der Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach / Ganey Tikva ist die Idee des Yachad Chamber Orchestra entstanden. Hattest Du schon vorher Kontakte zu israelischen Musikern? Wie haben sich die zwischen den deutschen und israelischen Musikern entwickelt?

Ich hatte schon vorher mehrere israelische Freunde aus der Musikbranche – durch meine privaten Netzwerke vor allem. Mit der Etablierung von YCO werden, einerseits, diese Kontakte intensiver, und, andererseits, kommen noch weitere dazu. Es ist ein sich permanent entwickelnder Prozess: Ich suche nach neuen Mitspielern, und es kommen auch Leute auf uns zu, die von uns erfahren haben.   

Welche zukünftigen Projekte mit dem Yachad Orchester sind derzeit geplant? Und welche anderen Veranstaltungen zu den Themen Antisemitismus oder Israel?

In diesem Jahr haben wir zwei tolle Projekte – im September und Oktober. Zuerst fliegen wir nach Israel, wo wir neben einem kurzen privaten konzertanten Abstecher in Bergisch Gladbachs Partnerstadt Ganey Tikva eine spannende Zusammenarbeit mit einem chassidischen Künstler in Jerusalem auf der Agenda haben.

Er ist ein Verwandter meiner Familie und unter anderen ein Spezialist für althebräische Musik aus den Tempel-Zeiten. Wir werden gemeinsame Workshops haben, die dann mit einem oder zwei Konzerten, darunter auch unter freiem Himmel, gekrönt werden. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis und dabei noch im Herzen des Jüdischen Staates. 

Danach werden wir – in einer anderen Besetzung – ein Projekt mit dem Los Angeles Museum oft he Holocaust und der University of Southern California angehen. Wir widmen uns der zum größten Teil in Vergessenheit geratenen Musik deutsch-jüdischer und polnisch-jüdischer Komponisten aus den 30er und 40er Jahren, die wir dann in Los Angeles zu Gehör bringen.

Es ist außerdem noch eine Ausstellung von Bildern aus dem Projekt „Zeichnen gegen das Vergessen“ des österreichischen Mahlers und Fotografen Manfred Bockelmann, mit dem ich befreundet bin, geplant – bei uns in Bergisch Gladbach im Rahmen der kommenden Deutsch-Österreichischen Kulturtage 2020. Diese Ausstellung wurde übrigens auf meine Initiative von unserer DIG Köln im Januar-Februar dieses Jahres im Kölner Rathaus gezeigt.

Zur Ausstellungseröffnung in Bergisch Gladbach kommen auch einige Holocaust-Überlebende, die ich persönlich kennenlernen durfte – aus Deutschland und dem Ausland. Mir ist dabei auch wichtig, dass Jugendliche involviert sein werden, sowohl für eine musikalische Umrahmung mir der Musik österreichisch-jüdischer Komponisten, als auch als Besucher der Veranstaltungen und Aufklärungsprojekten an Schulen.

Es gibt auch weitere, israelbezogene Projekte, die fast bis Ende 2021 reichen, aber es wäre noch etwas früh, sie vorzustellen. Alles befindet sich momentan in verschiedenen Planungsphasen. 

Warum bist Du in die DIG eingetreten? Wie engagierst Du Dich in der DIG? 

Die DIG ist eine wichtige Institution für die Deutsch-Israelischen Beziehungen, zu deren Tätigkeit ist nach Kräften beitragen wollte. So bin ich momentan im Vorstand der DIG Köln. Ich hatte bemerkt habe, dass die kulturelle Komponente nicht so stark wie andere Bereiche vertreten ist, und das ist genau das Gebiet, dessen Entwicklung ich meiner Perspektive und Expertise gut fördern kann.  

Welche Projekte planst Du als Nächstes?

Abgesehen von meinen eigenen Projekten als Konzertpianist stehen im Herbst dann, neben den erwähnten Reisen des Yachad Chamber Orchestra, auch die aufwendigen Deutsch-Österreichischen Kulturtage, mehrere Sinfoniekonzerte und eine Opernproduktion an.  

Stelle dir vor, Du hättest 3 Wünsche frei? Welche wären das …

… als Musiker?

Immer mehr Konzerte, Ideen und Begegnungen mit aktiven, interessierten Leuten, mit denen neue spannende Projekte geschmiedet werden können.  

… als Organisator?

Mehr Kulturförderung, besonders auf lokaler Ebene. Dies betrifft besonders die Politik, die Kultur immer noch als freiwillige Leistung einstuft, an der in erster Linie gespart wird. Solange die Politik nicht begreift, dass nicht nur die wirtschaftliche Wertschöpfung, sondern auch die soziokulturelle Entwicklung den Wohlstand der Gesellschaft maßgeblich mitbeding, werde ich mit solchen Missständen aktiv kämpfen müssen. 

… als Israelfreund?

Ein konsequentes und kompromissloses Vorgehen gegen jede Form des Juden- und Israelhasses. Gesprochen wird genug – diesen Wortkaskaden müssen endlich die die Situation real ändernden Taten folgen. Es ist beschämend, wenn Leute über die holocaustbezogene Erinnerungskultur sprechen und sich gleichzeitig weigern, antisemitischen Aktivitäten, die oft auch unter dem Deckmantel von „Israel-Kritik“ erfolgen, tatkräftig entgegenzusteuern und den Riegel vorzuschieben.

Dr. Roman Salyutov lebt als freiberuflicher Dirigent, Pianist und Kulturveranstalter seit 15 Jahren in Bergisch Gladbach. Der promovierte Musikwissenschaftler ist Leiter des Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach und des von ihm gegründeten Yachad Chamber Orchestra, einem Kammerorchester aus deutschen und israelischen Musikern, das international Konzerte gibt. 

Jürgen Sterzenbach ist Inhaber einer Kommunikationsagentur und ist mit der Redaktion und Gestaltung des DIG Magazins betraut. Er hat das Logo für das Yachad Chamber Orchestra (YCO) entwickelt und bei den Deutsch-Israelischen Kulturtagen Bergisch Gladbach 2018 mitgewirkt.

Das DIG Magazin kann kostenlos angefordert werden. 

Kontakt: Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V.
www.digev.de
info@digev.de

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Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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5 Kommentare

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  1. Ich schwinge hier nicht zum Deuter der Israelischen Gesellschaft und des Deutschen Judentums auf – ich erwähne lediglich eine Meinung, die übrigens von sehr vielen Leuten vertreten und von mir auch geteilt wird. Verdienste verneint hier keine, aber umstrittene Sachen werden dadurch nicht unumstritten.
    Empfehlenswert ist dabei eine tiefgehene Beschäftigung mit der gegenwärtigen Geschichte, und zwar aus verschiedenen Perspektiven.

  2. Roman Salyutov, für Ihr musikalisches Engagement in Bergisch Gladbach und darüber hinaus meine größte Anerkennung! Deutlich zu weit gehen Sie aber, wo Sie sich zum Deuter der israelischen Gesellschaft und gleich noch dazu des deutschen Judentums aufschwingen und bestimmen wollen, wer dazu gehört und wer nicht. Musiker Daniel Barenboim, der zu seinen vielen Auszeichnungen gerade erst 2019 den Konrad-Adenauer-Preis der Stadt Köln bekommen hat, ist da weiter. Und zu Michael Fürst empfehle ich dringend zum Beispiel die „Jüdische Allgemeine“: https://www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/ich-fuehle-mich-nicht-wie-70/

  3. Daniel Barenboim ist absolut kein Beispiel dafür – eine Figur, die in verschiedenen Schichten der Israelischen Gesellschaft äußert umstritten ist und mit seinen vielen Äußerungen und Taten sich alles andere als Reputation eines Israel-Freundes geschaffen hat. Genauso nur ein Deckmantel, wie übrigens Michael Fürst, der hier in Bergisch Gladbach vor ein paar Jahren negative Spuren hinterlassen hat – eine in der Welt des deutschen Judentums ziemlich negativ aufgeladene Figur. Wie es häufig so ist: Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sage dir, wer du bist.

  4. Auch einem andern Musiker liegt Israel am Herzen: Daniel Barenboim.
    Am gleichen Tag wie dieses Interview mit Roman Salyutow erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Barenboim
    „Nur Verstehen führt zur Freiheit – Fehlerhafte Ethik: Israels neue Regierung muss ihr Verhältnis zu den Palästinensern überdenken.“
    https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-05-12/58c5948fe022669729246ce72805ba25?GEPC=s5

    Da fügt es sich gut, dass heute Abend im Literafon eine berühmte Rede von Barenboim vorgelesen wird:
    Mittwoch, 13. 5. 2020, 18.00 Uhr
    Heinz-D. Haun liest zwei Reden an/ über Daniel Barenboim und eine Rede von ihm selbst
    Telnr. 0221-98882117 – PIN 144608#

    Nachdenkliches für unsere Stadt, die Städtepartnerschaften nach Ganey Tikva (Israel) und Beit Jala (Palästina) unterhält.

  5. Sehr schade, dass Bergisch Gladbach sich nicht an der Aktion beteiligt hat, zu der der Präsident der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, Herr Uwe Becker, alle Bürgermeister und Gemeinden aufgefordert hat: An diesem, so wichtigen Tag, dem 12. Mai, eine israelische Flagge vor den Rathäusern zu hissen wäre ein schönes Zeichen gewesen, welches die Wichtigkeit und Besonderheit der deutsch-israelischen Beziehungen verdeutlicht hätte.
    #IL55DE