Mechtild Münzer und Saim Basyigit vom aktuellen Integrationsrat Juli 2020

Mit Mechtild Münzer und Saim Basyigit gehen demnächst zwei zentrale Vertreter des Integrationsrates von Bord. Wir haben nachgefragt: Was sind die Gründe für ihr Ausscheiden, was hat der Integrationsrat erreicht, wie läuft die Integration in der Stadt? Und ist ein/e Bürgermeisterkandidat:in mit Migrationshintergrund eine realistische Option?

Noch sind Mechtild Münzer und Saim Basyigit Vorstandsmitglieder des Integrationsrates in Bergisch Gladbach. Saim Basyigit als erster Vorsitzender, aktiv seit zwei Legislaturperioden. Mechtild Münzer als stellvertretende Vorsitzende, sie arbeitet bereits seit 20 Jahren im Integrationsrat.

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Doch am 13. September stehen die Wahlen für das Gremium an. Kandidieren werden die beiden dann nicht mehr. „Man kann im Integrationsrat etwas bewegen, aber aus familiären Gründen lege ich erst einmal eine Pause ein“, meint Basyigit im Gespräch mit dem Bürgerportal.

Mechtild Münzer ergänzt: „Nach 20 Jahren im Stadtrat und im Integrationsrat trete ich einen Schritt zurück, bleibe aber Stellvertreterin für einen Kandidaten. Und natürlich setze ich die Flüchtlingsarbeit fort.“

Zahlreiche Projekte unterstützt

In Teilen steht damit ein Führungswechsel im Integrationsrat an. Welche Bilanz ziehen die beiden erfahrenen Mitglieder?

Die Zusammenarbeit sei von Toleranz und Teamgeist geprägt worden, „ohne parteitaktisches Geplänkel“, erklärt Basyigit. Nach Anlaufschwierigkeiten wurde die Arbeit effizient, “es kam Struktur hinein”, so der Vorsitzende. Man habe viel erreichen können, lautet das einstimmige Fazit. Die beiden zählen auf:

  • Realisation von MiKibU – Migrantenkinder bekommen Unterstützung: Hier wird Grundschulkindern mit Förderbedarf geholfen, u.a. beim Erlernen der deutschen Sprache
  • Unterstützung von AnBe – Anlauf- und Beratungsstelle für alleinreisende und alleinerziehende Flüchtlingsfrauen z.B. in Alltagsfragen
  • Deutschkurse für Frauen mit Kinderbetreuung
  • Unterstützung (auch finanziell) und Mitarbeit in den Sozialen Netzwerken der Stadtteile
  • Unterstützung des Ex-Azubi-Treffs
  • Kontinuierliche Mitarbeit beim Weltkindertag im Wohnpark Bensberg
  • Betreuung der Veranstaltungsreihe „Integration im Dialog“. Vorträge u.a. zu Themen wie „Männerbild im Islam“ oder „Islam und Demokratie“

Wichtiges Projekt war zudem die Zusammenarbeit mit der Verwaltung bei der Erstellung des neuen Integrationskonzeptes 2020-2025 mit den zentralen Themen der Integration. Eine Blaupause für die Arbeit des neues Integrationsrates und der Stadt in den kommenden Jahren.

„Damit sind wir ein gutes Stück vorangekommen“, bilanziert Münzer. „Die Verwaltung sollte jedoch noch weiter für Migranten geöffnet werden“ schränkt Basyigit ein. Das würde das interkulturelle Verständnis weiter fördern.

Integration in Bergisch Gladbach

Es habe in früheren Jahren in Bergisch Gladbach nicht zuletzt durch günstige Mieten durchaus eine Art Ghettobildung in verschiedenen Stadtteilen gegeben, schildert Mechtild Münzer. „Durch soziale Netzwerkarbeit haben wir dies jedoch aufgebrochen“, schildert Basyigit und führt Deutschkurse für Frauen mit Möglichkeit zur Kinderbetreuung als Beispiel an.

Schon gewusst? Laut §27 der Gemeindeordnung von NRW müssen Gemeinden, die mindestens 5.000 ausländische Einwohner mit Hauptwohnsitz verzeichnen, einen Integrationsrat bilden. Er bildet die politische Vertretung der Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen und ist zugleich auch das Expertengremien für das Thema Integration in der Gemeinde. Weitere Infos

Bei der Frage nach Rassismus in Bergisch Gladbach zögern beide. „Unterschwellig vielleicht ja“, so Münzer. Sie erlebe es schon dass Menschen in ihrem Umfeld Probleme damit hätten, dass der Anteil von Migranten in der Stadt zunehme. Aber könne man dies Rassismus nennen?

Basyigit wird konkreter und berichtet von Gewalt gegen Sachen sowie hetzerische Aufkleberaktionen gegen Migranten. „Ein Mensch mit internationaler Geschichte nimmt dies durchaus als Rassismus wahr. Es fühlt sich an, als dürften wir nicht dazugehören. Dabei haben wir bzw. die Generation vor uns Deutschland mit aufgebaut. Daher würde ich mich schon gerne als Teil Deutschlands sehen und fühlen.“

Ein eindringlicher Appell eines Mannes, der hier seine Wurzeln hat und sehr sensibel die Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit wahrnimmt und einordnet.

Ein Integrationsrat – der richtige Weg?

Generell habe es einen Wandel in der Integration gegeben. Wo man früher mit Festen und gemeinsamen Essen versuchte, etwas „Gast“freundschaft gegenüber den „Gast“arbeitern zu zeigen, setze die Integration heute auf die Potentiale der Migranten und sieht diese als Bereicherung für die Gesellschaft an, erklärt Mechtild Münzer.

Auf die Frage, ob der Integrationsrat dann der richtige Weg zur Förderung der Integration sei, antwortet Saim Basyigit eindeutig mit „Ja“. Er könne als Einstieg in die Politik dienen, der Rat sei ein Brückenbauer.

Mechtild Münzer relativiert: „Der Integrationsrat schafft es nicht alleine. Er ist zwar frei in der Wahl der Themen, die er bearbeitet, aber letztlich geht es um das Machen. Dies umfasst 80 Prozent der Arbeit.“

Positiv wertet sie die Anwesenheit von sieben gewählten Ratsmitgliedern im Integrationsrat. Hierüber würden Ideen und Einschätzungen zur Integration in den Rat getragen. Das helfe weiter.

Am 13. September sind rund 17.000 Menschen in Bergisch Gladbach zur Wahl des neuen Integrationsrates aufgerufen. Hintergründe zur Wahl finden Sie hier sowie in unserer ausführlichen Berichterstattung.

Zentrale Themen der Zukunft

„Die Themen Senioren und vor allem Bildung sind nicht zuletzt aufgrund der knappen Personalsituation in der Vergangenheit zu kurz gekommen. Wenn man eine Empfehlung für den neuen Integrationsrat aussprechen darf, dann sollte hier ein Schwerpunkt der kommenden Legislatur liegen“, regt Mechtild Münzer an.

Zum Hintergrund: Vier der 14 gewählten Mitglieder des Integrationsrates fehlten dauerhaft und „belegten“ ihren Sitz, der ohne Amtsverzicht nicht neu besetzt werden kann. Das senkte die Schlagkraft der vergangenen Amtsperiode erheblich.

Mechtild Münzer (rechts) und Saim Basyigit vom aktuellen Integrationsrat im Gespräch mit dem Bürgerportal

Bedarf sieht sie zudem in der Erläuterung unseres Schulsystems, denn Bildung sei der Schlüssel zu allem. Zudem gebe es zu wenig OGS-Plätze. Aber dies sei Ländersache, die Umsetzung entsprechender Maßnahmen daher schwierig, so die erfahrene Kommunalpolitikerin.

Wie wird der Übergang zum neuen Rat gestaltet? „Wir sind da und stehen mit Rat und Tat zur Seite“, macht Basyigit klar. Münzer ergänzt: „Eventuell wird es eine Klausurtagung oder ähnliches geben, um eine Übergabe zu ermöglichen. Hierzu befinden wir uns noch in der Abstimmung.“

Migrant:in als Bürgermeister:in?

Die Frage, ob die Zeit vielleicht schon reif für eine/n Bürgermeisterkandidat:in mit Migrationshintergrund sei, finden beide spannend.

„Für die Zukunft ein schöner Gedanke“ meint Mechtild Münzer. Saim Basyigit erklärt: „Wenn er oder sie kompetent ist, dann könnte ein Migrationskandidat dies in jedem Falle schaffen!“

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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